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Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Unter Hegemännern

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Ach, wie schön ist die Buchmesse, wenn der Betrieb das tun kann, was er am besten kann: Betrieb sein. Zu dumm, dass es vor einem halben Jahr so ein Problem mit einem Bestseller gab, der den Betreib mit allen seinen Gliedern gar nicht gut aussehen liess. Doch frischauf, frischauf, nur guten Mutes, dann macht es die Jahreshauptversammlung der Hegemänner zu Frankfurt am Main vergessen!

Hurra, sie leben noch. Kein Agent, kein Verleger, keine Jungautorin, kein Jurymitglied, und vor allem kein Lobhudler aus den Medien mit eigener Verbindung zu einem Skandalverlag hat sich etwas angetan, noch nicht mal eine Selbstentbedauerung. Alle sind quietschlebendig und voller Vorfreude auf eine tolldreiste Woche. Alle werden ihr Bestes geben, damit die Stimmung nicht dem ersten Jahrestreffen des AKW-Betreiberverbandes nach der Tschernobylkatastrophe gleicht, die verstrahlten Rezensionsanzüge wurden in den Tiefen des Archivs vergraben, und um die Folgen der Causa Hegemann werden sie einen Betonsarg der guten Laune giessen. Verantwortliche wurden noch keine gefunden, die Schuld möchte auch keiner übernehmen, und weil man höflich ist, hält man sich auch zurück mit der Nennung von Namen: Niemals würde man dem Biller… oder der Radisch…

Es war ja eigentlich nichts, nur ein paar vorlaute Blogger, aber deshalb muss man doch nicht das Geschäftsmodell überdenken. Gut, viele haben etwas zum Hegemann-Sound erklärt und dabei nicht bemerkt, dass ein anderer Sänger das Lied intonierte, aber auch die Musik- und Kunstkritik hat solche Skandale überlebt. Kein Grund für falsche Bescheidenheit! Echte Deutungshoheit wird auch im Schmutz so einer Affaire keine Bedeutungstiefheit.

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Das Schöne an diesem Betrieb ist, dass er betriebsbedingt unkündbar ist. Es ist nicht Tschernobyl, sondern nur ein Betriebsunfall. Das nächste Mal passt man eben etwas besser auf: Das Lektorat googelt die besten Stellen des Buches einmal durch, die Journalisten machen drei Vergleiche mit Goethe und zwei mit Gottes Schöpfungskraft weniger, ausserdem hat man den Schweinkram jetzt durch, und die Prn0karriere einer 12-Jährigen wäre für diese Saison – Weihnachtsgeschäft – auch etwas viel. Aber sicher gibt es irgendwo eine anämische junge Dame mit Halbseelchen und Eltern aus dem Betrieb –  turnusgemäss wären jetzt übrigens wieder die Journalisten dran – die es mit Innerlichkeit in die roadgekillten Herzen der Szene schafft. Innerlichkeit ist gut, da muss man kein krasses Zeug aus dem Netz klauen, nur Bausteine von Zoe Jenny und den hinteren Plätzen der diesjährigen Bachmanndamen remixen. Man kann unter Hegemännern ja sagen, was man will, aber die Nummer mit dem Remix und der Debatte über das veraltete Urheberrecht, da hat man echt nochmal offensiv die Kurve gekriegt. Da sah der Betrieb sogar mal richtig fortschrittlich aus, jetzt weiter mit den Standards: Hat eigentlich wer dieses Buch von dieser Buchpreisträgerin gelesen? Nein? Na auch egal.

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Denn wichtig sind nur die Hegemänner. Ohne Hegemänner bewegt sich nichts, sie erfinden die Höhen und werfen in Tiefen, sie modellieren Ziergärten mit verkruppelten Buchbonsais und die Müllhalden der überschüssigen Bücher, die man zum Füllen des Programms brauchte. Sie hegen den Markt und pflegen sich selbst, es ist ihnen ein klein wenig peinlich, dass man sie einen Moment so deutlich erkennen konnte, dass sie ein wenig zu sehr ihrer Hegemämmlichkeit gehuldigt haben, aber dafür muss man sich doch nicht etwa entschuldigen. Man war nur kurz im Licht, als die Plagiatorenvorwürfe aufleuchteten, zufällig, dumm gelaufen, warum sagt einem denn keiner was: Das allerdings, nicht die Fälschung, aber den peinlichen Moment, den nimmt man diesem gescheiterten Bestsellerprodukt, nach dem man sich benennen kann, schon etwas übel. Es hätte alles so schön werden können, man hätte sich die kommenden Tage bejubeln können, unisono das Richtige entdeckt zu haben und das Wahre – das geht jetzt nicht mehr. Was die bei Fischer dieses Jahr wohl auftischen?

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Man wird trotzdem gebraucht, und wenn man es nicht mehr auf der einen Stelle tun kann, topft der Betrieb den Hegemann an eine andere Stelle um. Alle sind sie da und sagen Mhm und Aber gerne, sie nehmen die Einladungen und haben die Nummern, und sie wissen auch, was gut für Sie Leser ist: Nur das, was gut für den Betrieb und die Hegemänner ist.

Vielleicht denken manche, dass es gar keinen Betrieb gibt, sondern nur Hegemänner, die andere Hegemänner hegen? Wie gemein. Kein Respekt vor dem Kulturgut Buch, um das es geht. Steht ja auch drauf: Buchmesse. Nicht Hegemannmesse oder Freakshow. Wo denken Sie hin und warum glauben Sie, denken zu dürfen? Seien Sie dankbar, dass die Hegemänner  wissen, was für Ihren Bücherschrank gut ist.

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38 Lesermeinungen

  1. Die depremierendste...
    Die depremierendste Hegemänner Einsicht war die, als mir klar wurde, dass das einzige Buch von dem ich sicher weiß, dass es nicht durch Fremdeinwirkung entstanden ist, das ist, welches ich selbst schreibe.

  2. Habe spontan ins Regal...
    Habe spontan ins Regal geschaut, welche gelb-schwarzen TB aus Studienzeiten immer noch dastehen: 3 x Eric Ambler, 1 x Henry Slesar, 1 x Dürrenmatt. Chandler und Hammett hatt ich doch mal, sind aber nicht zu finden. Amblers „Waffenschmuggel“ nehm ich für`s Wochenende raus (Samstag Buchmesse, Sonntag Lektüre). Ob es mir noch so gefällt wie damals?

  3. Wozu Buchmesse? Ich les...
    Wozu Buchmesse? Ich les einfach immer die Bücher aus der Spiegel-Liste und im Bücherschrank in der guten Stube habe ich 15 aus jedem Band Kindler willkürlich ausgewählte und möglichst antiquarisch erworbene Titel stehen.

  4. das sieht ja sehr nach einer...
    das sieht ja sehr nach einer don alphonso inflationswelle in der faz-net-welt aus

  5. Ansichtig der Bilder kommt mir...
    Ansichtig der Bilder kommt mir der Gedanke, nach Jahren noch einmal „Happy Birthday, Türke!“ zu lesen, um zu schauen, ob’s mir auch heute noch gefällt.

  6. Die gelben DeTeBes haben auch...
    Die gelben DeTeBes haben auch mein Herz erfreut, insbesondere daß sich in den Regalen des Don gehobener Schund von Maurice Leblanc findet. Allerdings hat mein Glaube an die editorischen Qualitäten von Diogenes jüngst einen schweren Schlag erlitten. Ich bin gerade dabei, alle Romane von Eric Ambler wieder zu lesen, diesmal im Original. Und stutzte bei Epitaph for a Spy gewaltig: Es gab in diesem Roman großartige (politische) Passagen, die ich nicht vergessen haben konnte. Ich wühlte also in alten Kisten und zog die schwarz-gelbe Diogenes-Ausgabe heraus, verglich, und siehe da: Grauenhaft gekürzt. Die haben damals einfach eine alte Übersetzung neu herausgebracht, ohne sie mit dem Original zu vergleichen. Inzwischen gibt es, soweit ich weiß, eine Neuübersetzung – dennoch, von Diogenes hätte ich so etwas damals nicht erwartet.

  7. Es fing mit Dashiell Hammett...
    Es fing mit Dashiell Hammett an und hörte mit Jim Thompson noch lange nicht auf, auch wenn sie ihn später in weiß herausgaben.

  8. Solange ein deutscher Verlag...
    Solange ein deutscher Verlag fristgerecht und mit mehreren Auflagen ein solches Sachbuch herausbringt wie das Kürzliche, kann noch nicht alles verloren sein. Ich meine, man kann alles Mögliche darüber sagen oder denken, aber es war ein gesellschaftsverändernder Akt. Die Demokratie lebt also überall in Deutschland, nur nicht in unserem Politbüro.
    P.S. Chandler muss natürtlich sein, aber auch die Romane von Graham Greene würde ich gern mal wieder lesen.

  9. Über die DeTeBe-Klassiker...
    Über die DeTeBe-Klassiker müsste man wirklich auch mal was schreiben: Chandler muss einfach so und nur so gelesen werden.
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    Fräulein Hegemann? Ein Pars pro toto.

  10. Gut dem Dinge! Die...
    Gut dem Dinge! Die schwarzgelben DeTeBes, das war noch wahre Weltliteratur zum schmalen Preis! Wer ist übrigens Fräulein Hegemann?

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