Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Autoren verzweifelt gesucht

| 18 Lesermeinungen

Wo sind die Autoren? Nicht auf den Podien, nicht an den Ständen. Und nicht einmal auf den Parties. Stattdessen überall nur Mediengesichter.

Überall Irrungen und Wirrungen. Das Scansystem für die Fachbesucher-Gutscheine funktioniert nur, wenn es will, lange Schlangen bilden sich, Buchmessemitarbeiterinnen sind hilflos: „Ja, das funktioniert manchmal nicht.“ Ein Verlagsvertreter berichtet, er sei zweimal unverrichteter Dinge aus dem Parkhaus Rebstock wieder herausgewunken worden, bevor er bei der dritten Runde (Spur ganz links nehmen!) endlich zum Stehen kam. Andere haben es nicht einmal nach Frankfurt geschafft, Buchpreisträgerin Melinda Nadj Abonji zum Beispiel. Sie verbrachte den Vormittag auf der Autobahn zwischen Zürich und Frankfurt, weshalb Roger Willemsen an ihrer statt auf dem blauen Sofa saß und sich um Kopf und Kragen redete, um das Vakuum zu füllen, während der Moderator Zettel gereicht bekam, auf dem der aktuelle Stand in Sachen Buchpreisträgerinnenanwesenheit abzulesen war. Stirnrunzeln moderatorenseits, Willemsen redet weiter.

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Irgendwann kam sie dann doch noch auf die Messe und absolvierte einen schier übermenschlichen Interviewmarathon, allerdings nur in kleinsten Kreisen. Keine Podien, keine Sofas. Nadj Abonji ist die vermutlich unherumgereichteste Preisträgerin der Geschichte des Buchpreises. Überhaupt verfestigt sich am ersten Tag den Eindruck, die werte Autorenschaft werde gänzlich durch Roger Willemsen und Sascha Lobo repräsentiert, die dauernd irgendwo sitzen und reden und Vakua zu füllen sich bemühen. Mediengesichter, die Sprechblasen in Mikrophone und Kameras entlassen. Nicht einmal Alexa Hennig von Lange ist da, und die ist sonst immer da.

Was ist los mit dem Hype? Wo ist das allerneueste deutsche Literaturwunder? Ist der Wille, Prinzessinnen zu krönen, schon verflogen? Wo sind sie, die neuesten sensiblen Schreibkräfte mit unverbrauchten Gesichtern, an deren Rehaugen man sich noch nicht sattgesehen hat? Wo sind sie nur hin? Und kann Sascha Lobo diese Lücke wirklich füllen?

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Nein. Einfach: Nein.

Aber wer ganz genau hinschaut, der entdeckt sie dann doch, die Autoren. Ulrich Holbein zauselt auf Birkenstocks durch die Hallen, Harry Rowohlt rauscht vorbei, und irgendwo war auch Judith Zander. Und, fast gänzlich unbemerkt, die stille Gestalt mit der Sonnenbrille abseits des Getümmels, die lässig an einem Stützpfeiler lehnt und in einer Ausgabe der Literaturzeitschrift „Volltext“ blättert. So hell ist es doch gar nicht in Halle drei? fragt man sich. Eigentlich ist es hier sogar recht gedämpft im Vergleich zur Neonhölle eine Halle weiter. Wozu die dunkle Brille? Möchte der Herr etwa nicht erkannt werden? Vielleicht, denkt man sich, sollte er dann nicht unbedingt in einer Zeitschrift blättern, die sein Bild groß auf dem Titel trägt. Und darunter steht: „Sehnsuchtsgebiete einer Zangengeburt“.

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Am Abend trifft man sich bei Rowohlt. Erst ist es leer, dann füllt es sich schnell und dauert lang. Gute Häppchen, guter Wein. Auch hier die üblichen Gesichter: Martin Mosebach, Andreas Maier, Sascha Lobo. Alexa ist schon wieder nicht da. Ich beginne ernstlich, mir Sorgen zu machen. Im Übrigen verfestigt sich mein Eindruck, die einzige Person auf der Buchmesse zu sein, die Nadj Abonjis Roman gelesen hat. Wenn ich hier mal einen Appell loswerden darf: Bitte kauft dieses Buch und lest es. Es ist ein sehr schöner Roman. Und eigentlich müßte man Abonji über die Podien reichen, wie man die vorherigen Jahrgänge über die Podien gereicht hat, sie hätte es verdient.


18 Lesermeinungen

  1. Gottseidank gibt es hier die...
    Gottseidank gibt es hier die vollständige Fassung, Andrea. Ich war gestern ganz wuschig, als ich die Spalte in der Buchmesse-Zeitung las. Wer auch immer das eingekürzt hat: es war nicht gut. Durch die Streichung von „…allerdings nur in kleinsten Kreisen“ verkehrte sich die Aussage fast ins Gegenteil. Ich dachte, um es mit Arno Schmidt zu sagen, wassn das fürn =Blech?! Jetzt ist mir viel wohler. Übrigens war „Zettel’s Traum“ für mich das Messe-Highlight. Ich halluziniere derzeit Lottogewinne, Sparschweinschlachtungen und Banküberfälle. Aber das muß einfach sein. Großes Lob an Suhrkamp, daß sie den großen Wurf gewagt haben.

  2. Wer knipst eigentlich das...
    Wer knipst eigentlich das Licht hier aus, wenn das Strohfeuer abgebrannt ist?

  3. Und was macht den Gockel Lobo...
    Und was macht den Gockel Lobo zeitgeschichtlich interessant? Das er irgendwo im Fernsehen rumfällt und noch nie einen gescheiten Satz geradeaus sagen konnte? Heiße Luft. Unendliche.
    Jede Gepräch mit Publikum an Frankfurter Wasserhäuschen ist geistreicher als dieser Typ. Und für Iro mit Schnauzbart bekam man früher in der Punk-Szene eine auf selbigen. Zurecht. Fall für die Geschmackspolizei.

  4. Meine Schwiegermutter ist seit...
    Meine Schwiegermutter ist seit 1998 tot. Sie hat bei uns in Familie gelebt bis zuletzt. Jeder Tag mit ihr war ein Gewinn und eine große Freude. Sie hatte ein Pflegebett mit Erhöhung und stets ein Lächeln für uns und alle.
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    Und der Türgriff zeigt morgen früh gegen Osten, nachmittags gen Westen und am Samstag wieder 13 h mit Unterbrechungen gen Osten und Süden. Europa ist Heimat.
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    @pardel
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    Ihre angegeben Buchmesse-Besuchsbegründungen sind die Richtigen und Allgemeinen.
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    Aberund Frau Diener ist nun auch mal was Besonderes: Sie hat alle 20 zurückliegenden Buchmessen besucht. „Einfach perfekt“ sozusagen. Evtl. will sie auch deshalb „jetzt und in Zukunft kein Loch reißen lassen“? Und „Das ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend neues Unheil gebiert …“, jaja:
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    „Wie ich aussehe ist eigentlich ganz egal“, bemerkte das Gift, „nur wie ich wirke, darauf kommt es an.“ Und ein weniges später verriet es sich an die Kugel.
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    Und „Enigmo Imperiade“ hat auch noch keiner als Nick. „Mare Tranquilitatis“ dagegen aber eher schon.
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    Und Literatur? Lesen?
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    „Die Wintersonne stand nur als armer Schein, milchig und matt hinter Wolkenschichten über der engen Stadt. Naß und zugig war’s in den giebeligen Gassen, und manchmal fiel eine Art von weichem Hagel, nicht Eis, nicht Schnee.
    Die Schule war aus. Über den gepflasterten Hof und heraus aus der Gatterpforte strömten die Scharen der Befreiten, teilten sich und enteilten nach rechts und links. Große Schüler hielten mit Würde ihr Bücherpäckchen hoch gegen die linke Schulter gedrückt, indem sie mit dem rechten Arm wider den Wind dem Mittagessen entgegen ruderten; kleines Volk setzte sich lustig in Trab, daß der Eisbrei umherspritzte und die Siebensachen der Wissenschaft in den Seehundsränzeln klapperten. …
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    Die Sache war die, daß Tonio Hans Hansen liebte und schon vieles um ihn gelitten hatte. Wer am meisten liebt, ist der Unterlegene und muß leiden, – diese schlichte und harte Lehre hatte seine vierzehnjährige Seele bereits vom Leben entgegengenommen; und er war so geartet, daß er solche Erfahrungen wohl vermerkte, sie gleichsam innerlich aufschrieb und gewissermaßen seine Freude daran hatte, ohne sich freilich für seine Person danach zu richten und praktischen Nutzen daraus zu ziehen. Auch war es so mit ihm bestellt, daß er solche Lehren weit wichtiger und interessanter achtete als die Kenntnisse, die man ihm in der Schule aufnötigte … “
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    Es bleibt wohl weiter die Forderung an alle, die schreiben, wollen, können, möchten, müssen: „Sieh klarer, sprich mutiger, einzigartiger, oder Du bist nichts.“
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    Oder noch anders: „Wo ich bin, ist Deutschland.“ Und wo alle anderen sind ggfls. nicht. Und wer wollte, konnte, könnte da widersprechen angesichts unserer Vergangenheit?
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    Oder noch anders: „Alle ziehen den Hut vor diesem ersten und einzigartigen Coming-Out, egal welcher Präferenz sie sind – erstmalig in der Deutschen Literatur, erstmalig also so in Deutschland – und gleich und sofort und direkt und allein durch die Hochhohe Bürgerlichkeit.
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    „Liebe kennnt kein Schmuddel“ möchte man sagen, „zum Glück nicht“.

  5. (so wie "bauleidender...
    (so wie „bauleidender Architekt“)
    Lesetipp: Krücken/Multhaupt: „Orkanfahrt“.
    Wirklich schön!

  6. Nein, an einem Samstag war ich...
    Nein, an einem Samstag war ich noch nie dort. Sie klingen, als ob ich mir das nicht antun sollte. Danke für den Hinweis.
    Und viel Erfolg bei Ihrer Suche! Auch wenn diese Suche mich an den Betrunkenen erinnert, der seine Schlüssel unter der Laterne sucht, weil es dort heller ist, obwohl er sie ganz woanders verloren zu haben glaubt. Berichten Sie bitte weiter darüber.

  7. Eine konsequente und mutige...
    Eine konsequente und mutige Entscheidung wäre, über die Bumefra einfach nicht zu berichten.

  8. Da zuckt noch was....
    Da zuckt noch was.

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