Home
Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Neue und alte Sinnlosigkeiten

| 34 Lesermeinungen

Es füllt sich. Das Buchpreisträgerbuch verkauft sich. Roger repliziert sich. Dinge, die man tun muß, um Schritt zu halten mit den zunehmenden Auswirkungen der Messe.

Es ist noch nicht einmal Wochenende, und schon verdichten sich die Massen spürbar. Das liegt einerseits an der größeren Besucherzahl, andererseits am zunehmenden Umfang des individuellen Besuchers. Tüten, Taschen, Prospektstapel und Trolleys sorgen für maximale Verbreiterung der Kollisionsfläche und vollständige Raumnutzung einer Rolltreppenbreite. Bis Samstag dürften so gut wie alle Negativräume belebt und beleibt sein. Das wiederum führt zu wachsender Aggression auf den Gängen, erste entnervte Gesichter, in den Ecken sitzen Frauen auf dem Boden, essen Vollkornbrot aus Tupperwaredosen und machen ein ganz leeres Gesicht dazu. Man möchte sie in den Arm nehmen und ihnen einen der Äpfel schenken, die es im Pressezentrum gibt. Am Stand der „Zeit“ gibt es immerhin einen Stuhl, und, den leeren Tassen nach zu urteilen, vielleicht auch Kaffee. Oder nur für Mitarbeiter des Hauses? frage ich. Und für solche, die besonders nett lächeln, sagt die Dame an der Bar. Ich lächele besonders nett. Die Dame lächelt nett zurück: „Kaffee kommt gleich“.

Bild zu: Neue und alte Sinnlosigkeiten

Und gleich kommt auch Sofi Oksanen, die eine noch interessantere Frisur hat als Sascha Lobo und sogar richtig schreiben kann. Schwarz-lila Zopfgebilde hängen ihr den Rücken hinunter, schwarzer Kajal, lila Lippenstift. My favourite colour! freut sie sich über das schwarz-lila Kleid der Moderatorin. Zusammen geben beide ein schwarz-lila Duo ab. Auch am Stand gegenüber freut man sich, bei Jung und Jung nämlich. Die Buchpreisträgerin gebe noch immer Interviews, eins nach dem anderen, heißt es. Und nun werden eifrig Buchpreisträgerinnenromane nachgedruckt. 70 000 Vorbestellungen sind es schon, nicht schlecht für einen eher kleinen Verlag. Und man hofft aufs Weihnachtsgeschäft: Im Gegensatz zu Kathrin Schmidts Faststerberoman könne man den ja auch prima verschenken.

Das führt mich zu der Frage, was eigentlich mit dem guten alten Buchgeschenk passiert, wenn die Zukunft da und das E-Book erst einmal voll etabliert ist. Die meisten Bücher werden ja nicht zum Lesen gekauft, sondern zum Verschenkt werden. Es gibt ja eine ganze Menge Bücher, die überhaupt nie gelesen werden, sondern nur sinnlos unter Bäumen liegen und dann sinnlos im Regal stehen. Was wird mit ihnen? Und was wird mit dem Gewinn, den sie generieren? Die Branche wird sich neue Sinnlosigkeiten ausdenken müssen.

Apropos: Roger Willemsen gibt es jetzt auch in schlecht geklont:

Bild zu: Neue und alte Sinnlosigkeiten

Diese hübsche Szenerie sichtete ich im Verlagshaus des S. Fischer-Verlages, wo heute Abend der Buchmesseempfang stattfand. Alle Gäste, auf die ich traf, waren völlig perplex, daß man sie einfach so hineingelassen hat. Sie mußten nur ihre Karte vorzeigen. Ich hatte keine, ich mußte einfach meinen Namen auf einer Liste abstreichen lassen und bekam völlig umstandslos eine Karte ausgehändigt. Ich war einigermaßen schockiert. Normalerweise nämlich mußte man an dieser härtesten Tür der gesamten Messe seine Karte vorzeigen, gleichzeitig seinen Namen abstreichen lassen, der aber nie auf der Liste stand, während dazu Kommandos gebrüllt wurden wie auf dem Kasernenhof. Keine Kommandos diesmal, dafür freundliches Lächeln und die Bemerkung: „Und schreiben Sie nicht so etwas gemeines wie Ihre Kollegen letztes Mal.“ Also gut: Der Wein floß üppig und ging den ganzen Abend nie aus.

Eigentlich denke ich manchmal, man könnte diese seltsame Alibiveranstaltung untertags auch gleich ganz lassen. Man stromert ein bißchen in der Stadt herum, vielleicht gibt es die ein oder andere Lesung, und konzentriert sich ansonsten auf die Empfänge. Das hätte auch den Vorteil, daß man nicht schon wieder Angst vor dem eigenen Menschenhaß haben müßte, der sich in den nächsten Tagen unweigerlich einstellen wird. Das Essen wäre besser. Und die Konfrontation mit Roger Willemsen würde sich auch auf ein paar wenige Stunden pro Tag eingrenzen lassen.

0

34 Lesermeinungen

  1. Warum sind ungelesene Bücher...
    Warum sind ungelesene Bücher eigentlich sinnlos? Vorrat im Kühlschrank ist doch auch sinnvoll. Und vielleicht hat man mal Besuch, oder Nachgebohrene, die das Lesen werden? Bei mir stehen auch Bücher, die ich noch nicht gelesen habe, solche, die ich wahrscheinlich nie lesen werde, solche, in denen ich nur nasche, solche, bei denen ich mir frage, wie man sie nur kaufen konnte, die mich aber, wie jedes Geschenk, freundlih an den Geber erinnern. Und alle habe ich von Umzug zu Umzug mitgeschleppt. Und nicht nur schöngeistiges Zeug, dass meinem Bild bei mir und den Anderen dienen könnte.
    Und dann gibt es Bücher, die ich gelesen habe, und die sich so sinnlos wie sonstetwas erwiesen haben.

  2. Gärtner, das Nötige zu den...
    Gärtner, das Nötige zu den Strohfeuern der Branche hat der Don gesagt:
    http://faz-community.faz.net/blogs/diener/archive/2010/10/07/79691.aspx
    Außen ein wenig aufmüpfig, im Grunde aber abwaschbar, pflegeleicht und bekömmlich.
    .
    PSeudonym, ich bin kein großer Freund von sogenannten Medienfiguren. Vor allem solchen nicht, die meinen, Bücher schreiben zu müssen, weil die sich nicht so leicht versenden wie das, was sie sonst so treiben.

  3. Dü Ölütö ond dos...
    Dü Ölütö ond dos Ünternöt.

  4. Filou, eigentlich bin ich ein...
    Filou, eigentlich bin ich ein Weinbanause. Es sei denn, Sie haben den teuren Scotch auch im Keller, dann gehen Sie ruhig.
    .
    Don Ferrando, das ist bei den meisten Berufsgruppen so. Wenn man sie sich treffen läßt, reden sie tagsüber ein wenig angestrengt vor sich hin, neigen am Abend dann aber zur Enthemmung.

  5. Als Aussenstehender des Buch-...
    Als Aussenstehender des Buch- und Verlagswesens kann ich mich über dieses ,,Sascha-Lobo-Trauma“ nur wundern. Wie in der Fabel mit dem Hasen und dem Igel ruft bei Ihnen der feuerrote Springteufel: ,, Ich bin all hier“.
    Gönnen Sie dem doch einfach ein verkauftes Buch oder Interview, das macht die Welt nicht schlechter.
    *
    Als Knabe fand ich die Buchmesse und ihre Atmosphäre sagenhaft und konnte das publikumsoffene Wochenende so gar nicht erwarten. Ich denke seither hat sich nicht allzu viel verändert, ausser dass ich älter geworden bin.

  6. Also, würde der Kaffee nach...
    Also, würde der Kaffee nach dem schönsten Lächeln ausgeschenkt hätte man Ihnen gewiss eine große Kanne überreicht. Sie scheinen aber kein großer Roger-Willemsen-Fan zu sein.

  7. "Eigentlich denke ich...
    „Eigentlich denke ich manchmal, man könnte diese seltsame Alibiveranstaltung untertags auch gleich ganz lassen und konzentriert sich ansonsten auf die Empfänge.“
    .
    Interessant. Den gleichen Gedanken hatte ich beim Besuch des Verkehrsgerichtstages!

  8. es gibt keine Sinnlosigkeiten...
    es gibt keine Sinnlosigkeiten der Sinn erschliesst sich immer erst im Nachhinein einen guten 3. Tag auf der Buchmesse

  9. Wer ist Roger willemsen?...
    Wer ist Roger willemsen?

  10. Liebe Frau Diener, ich...
    Liebe Frau Diener, ich grinse-und freue mich. Meine nur maessig literarische Welt ist danach immer wieder im Lot.
    .
    (Kommense doch wieder oefter vorbei. Fuer Sie wuerde ich noch morgends um 4 in den Keller gehen. Und nur fuer die teure Flasche!)

Kommentare sind deaktiviert.