Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Libreka mag keine Endkunden mehr

| 31 Lesermeinungen

Mögen auch die Betriebsangehörigen vom Rezensenten mit peinlicher Blösse bis zum nächsten Popprinzesschen die Hegemanniaden halbwegs überstanden haben - so gibt es auch manches, was auf der Strecke geblieben ist. Zum Beispiel der Versuch des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, selbst als Buchhändler von E-Books in Erscheinung zu treten. Libreka hiess dieses Projekt, das mit einer Neuorientierung um ein vollkommenes Scheitern halbwegs herum kommt. Noch.

Bild zu: Libreka mag keine Endkunden mehr

Libreka. Kennen Sie das noch? Nein?  Pfui! Sie haben kein Herz für die Wünsche und Bedürfnisse des allerheiligsten Börsenvereins des deutschen Buchhandels.

Ich darf Sie vielleicht daran erinnern: Vor einem Jahr, ebenfalls zur Zeit der Buchmesse, kursierte ein Papier eines offenkundigen Insiders, der schwere Vorwürfe gegen den Börsenverein erhob. Dessen Plattform für den Vertrieb von E-Books an Endkunden mit dem innovativen Namen libereka! sei eine blanke Katastrophe. Der Börsenverein und seine Wirtschaftstochter Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH MVB hätten ihre Gründe, warum sie die Verkaufszahlen nicht verkünden wollen, denn fast nichts gehe über die mit viel Geld errichteten, virtuellen Ladentheken: Nur 32 Bücher seien im September 2009 verkauft worden. 32 Bücher, soviel war klar, wären kein gutes Ergebnis gewesen.

Die MVB reagierte prompt, indem sie fast gar nicht reagierte. Der Brief liege ihr nicht vor, sagte der Geschäftsführer, Gerüchte würde man nicht kommentieren, und mit dem Downloadangebot von Herta Müllers „Atemschaukel“ erwarte man sich in den nächsten Tagen einen grossen Schub. Fehlte nur noch, dass er „Voran mit den Beschlüssen des 8. 5-Jahresplans des Börsenvereins“ gesagt hätte. Denn der Börsenverein, der Börsenverein, der hat natürlich immer recht.

Der grösse Schub wäre auch nötig gewesen, um  das Projekt aus der dreisten Kritik zu bringen: Libreka wurde über höhere Gebühren für Verlage querfinanziert, die bei der Volltextsuche Online des gleichen Hauses teilnehmen wollten. Deshalb hatte es schon mehrfach verärgerte Wortmeldungen der Verlage gegeben, die den Verein aber nicht sonderlich anfochten. Libreka lief weiter. Still, verschwiegen, seriös, im Wissen, gut und mit den richtigen – und auswegslosen – Financiers gesegnet zu sein, mit grossem Angebot von Büchern und wartend, dass sie endlich kommt: Die Revolution des Buchmarkts. Der grosse Knall, der den hausgestrickten Versuch dorthin katapultiere, wo Amazon und Apple den Markt bislang allein und ungestört unter sich aufteilen. Es kann ja nicht so sein, dass die das ohne den grossmächtigen Börsenverein tun. Die haben ja noch nicht mal um Erlaubnis gefragt! Das muss man sich mal vorstellen, amerikanische Internetfirmen wagen es, Ihre Geschäfte am Börsenverein vorbei zu machen, trotz seiner glorreichen Geschichte.

Kurz vor dieser Buchmesse gibt es dann doch wieder Neues zu Libreka: Nein, nicht die Verkaufszahlen. Oder die fraglos unaufhaltsame Übernahme der Marktführerschaft, oder die E-Revolution. Oder die nächste grandiose Innovation, die endlich den Durchbruch bringen wird und den lPads dieser Welt zeigt, wo die deutsche Buchkröte ihre goldenen Locken hat. Sondern:

TUSCH! TRARA!

Die Neupositionierung als Dienstleister unter Aufgabe des Endkundengeschäfts. Libreka will nun sein Geschäftsmodell finden, indem es E-Bücher an E-Buchverkäufer liefert. Was angesichts der Datennatur von E-Büchern keine rasend komplexe Logistik fordert, und schon gar keinen virtuellen Theke, über den die E-Bücher gereicht werden. Dafür haben aber schon andere Verlagshäuser in Deutschland konkurrierende Lösungen. Wäre man böse, könnte man auch sagen, dass der Brandbrief des letzten Jahres wohl doch so falsch nicht gewesen ist, im Gegensatz zum immer recht habenden Börsenverein, zum Börsenverein. Oder dass sich der Börsenverein kräftig übernommen und seine Möglichkeiten für einen Markteintritt überschätzt hat. Und sich nun zu fein ist, das Versagen unumwunden zuzugeben. Oder die Idee mit den E-Books, alles in allem und in der Rückschau betrachtet, wie auch der E-Autor doch etwas zukünftiger war, als es der Gegenwart gut tun konnte.

Aber das würde der Börsenverein dann vermutlich wieder nicht kommentieren, und das wäre die Höchststrafe im Literaturbetrieb. Was bislang aber noch fehlt, ist das, was andere immer recht habende Gruppierungen auszeichnet: Ein Schauprozess über die mehr oder weniger Verantwortlichen der zweiten, ersetzbaren Reihe, wenn sie mal doch nicht so ganz recht hatten. Vielleicht erleben wir das ja nächstes Jahr, wenn die nächste Neupositionierung von Libreka ansteht.

Bild zu: Libreka mag keine Endkunden mehr

 

0

31 Lesermeinungen

  1. Ja, Don Alphonso, das Argument...
    Ja, Don Alphonso, das Argument kenne ich auch. Jahrelang hat man uns eingeredet (im Widerspruch zur Realität), daß die steigenden Buchpreise durch die höheren Herstellkosten verursacht würden. Eine glatte Lüge. Die Druck- und Bindekosten sind in den letzten 10 Jahren um ca. 50 % gefallen. Letztens hat ein Börsenverein-Sprecher zugegeben, daß die unterschiedliche Mehrwertsteuer zwischen gedrucktem und elektrischem Buch (19 % vs. 7 %) einen höheren Betrag als die Herstellkosten eines Buches ausmachen. Die Herstellkosten eines Buches, egal welcher Ausstattung, liegen derzeit unter 10 % des Verkaufspreises. Das Argument des fortfallenden Buchhandelsrabatts lasse ich mir gern gefallen. Thalia und ähnliche verlangen ja derzeit 50 % und mehr. Mit der Mehrwertsteuer von 7 % macht das fast 60 % des Verkaufspreises. Letzten Endes finanziert der Buchkäufer die Parfumbranche von Douglas. So hat sich das Patrick Süskind mit dem Parfum wohl nicht vorgestellt.

  2. Savall, ganz einfach: Man soll...
    Savall, ganz einfach: Man soll das nutzen, weil es den Verlag die Druckkosten spart und auch noch etliches von der Buchhändlerprovision. Und es macht einen Unterschied, ob man 10% am Buch gewinnt, oder 40%.

  3. Die Zukunft war früher auch...
    Die Zukunft war früher auch besser, sagte Karl Valentin. Ich muß sagen, daß der permanent herbeigeredete E-Book-Hype mich nur noch ankotzt. (Entschuldigung!) Wie einstmals im Politbüro herrscht die krasseste Realitätsverweigerung. Ich weiß nicht, ob der eine oder andere Verlagsmitarbeiter hier mitliest. Aber ich möchte es ihnen in das Stammbuch schreiben: wir Leser brauchen keine E-Books. Es ist eine Verschlechterung und kein Fortschritt. Nur weil es neu ist, ist es nicht gut. Ich als Leser habe keinen Nutzen davon, sondern nur Nachteile. Warum sollte ich viel Geld für einen E-Book-Reader ausgeben, wenn nicht auf der anderen Seite ein Mehrwert steht außer der anderen Mehrwertsteuer? Ich lese derzeit „Der Zusammenbruch“ von Emile Zola. Veröffentlicht 1892, meine Ausgabe ist von der DVA ca. 1910. Halbleder, dreiseitig gefärbter Buchschnitt, Zeichenband, Kupferstich-Illustrationen im Text, Farblithographien als Tafeln gebunden. Das Buch ist hundert Jahre alt und sieht aus, als würde es mühelos die nächsten hundert Jahre überstehen. Und ihr wollt mir ein E-Book aufschwatzen, wo ihr doch keine Disketten aus dem Jahr 1990 mehr lesen könnt? Oh, ihr verlegerische Narren! Schmeißt die Lobotomie und die Berater von Roland Berger raus. Stellt Lektoren ein, die Manuskripte lesen und die guten von den schlechten unterscheiden können. Wenn ihr wollt, ist es kein Traum.

  4. Also, es mag sein, dass man...
    Also, es mag sein, dass man mal auf einem elektronischen Gerät ein Ebook liest. Oder mal in einem solchem stöbert, auf einem Ipad oder einem ähnlichem Gerät. Gehe ich von meinem Lesebedürfnis und von meinen Lesegewohnheiten aus, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich jemals auf gedruckte Bücher verzichten kann. Ich habe eben gerne ein Buch in der Hand und nicht ein elektronisches Gerät. Das konnte ich letztes Jahr herausfinden, als Libreka verschiedene Ebooks zum kostenfreien Download angeboten hat, u.a. Atemschaukel und Adam und Evelyn, insgesamt waren es ein paar mehr. Aber es gelang mir einfach nicht, die gleiche Entspanntheit und Konzentration für das Lesen wie bei einem gedruckten Buch aufzubringen. Und ehrlich gesagt, irgendwie kam ich mir schlecht vor, diese Werke „einfach so“ heruntergeladen zu haben und sie mir nichts dir nichts konsumieren zu können. Auf der anderen Seite wäre ich allerdings auch nicht bereit gewesen, den fast vollen Ladenpreis „nur“ für einen Download des Werkes zu bezahlen. Man könnte in dieser Zwickmühle einen Grund dafür sehen, dass Libreka nicht recht in Schwung kommen will. Gibt es derzeit eigentlich überhaupt einen profitablen Ebookverkäufer?
    Ich lese jetzt mal den Pepys weiter, aber ohne Elektronik, bei einem heißen Tee.

  5. Ne, die sitzen alle auf ...
    Ne, die sitzen alle auf ihren Fahrrädern und pilgern zur nächsten Fall-
    obstwiese um 200 km Stau in NRW auszuweichen. Der Fahrrad-Virus
    hat denn doch etwas Gutes. Nichts für ungut, fahre selbst ein aller-
    dings sehr altmodisches Modell eher paläontologischer Herkunft. Über-
    trieben: Anthropologen wären eher interressiert. mfG T.

  6. Zur Hochzeit des "Neuen...
    Zur Hochzeit des „Neuen Marktes“ wurde während der Buchmesse
    in der Alten Oper ein dann allerdings kläglich gescheitertes höchst
    proprietäres e-book-Projekt mit reichlich Brimborium abgefeiert.
    Soll seinerzeit auch von Kleinweich gesponsert worden sein.
    Jedenfalls gabs danach ein überreichliches Büffet der besseren
    Sorte mit angemessenen Weinen der eher budgetunfreundlichen
    Kostenqualität.
    Dies schienen auch gesteigert neidische Blicke vorbeidefilierender
    Besucher einer gerade beendeten, kulturell höher einzuwertenden
    parallelen Veranstaltung, brachte die Kunst für diese Gäste doch nur
    Ehre, aber noch nicht mal Brot, durch die butzenartigen Scheiben
    der Türen, der auch dem Wortsinne nach geschlossenen Gesellschaft,
    zu bestätigen. Einige dieser Edelfräcke gierten nämlich türrüttelnd
    Einlaß zu erheischen, aber vergeblich.
    Ach, und die netten Mädels mit diesen ebooks standen ziemlich einsam
    am Rande der fröhlich vor sich hin prassenden Büffetmeute, denn mit
    vollem Mund wollte man ja schon aus Höflichkeit nicht die „Vorzüge“
    dieser damals ziemlich leseunfreundlichen und dazu auch noch teuren Unsäglichkeit erörtern.
    Liebe Frau Diener schreiben Sie doch noch ein wenig mehr, wann, wo
    und auf wessen Kosten Sie während der Buchmesse Gelegenheit zu
    speisen hatten.
    Als häufiger Teilnehmer solcher Vergnüglichkeit, sehe ich mich nun vom
    Leben mit nicht wenig körperlichem Gewicht gerecht bestraft.
    Literarische Häppchen mögen zwar gewichtig sein, aber man muß nicht
    so dauerhaft an ihnen tragen.

  7. @Zentralorgan & Don ...
    @Zentralorgan & Don Alphonso:
    aktiver Humor, wenn auch, oder gerade schwarzer, ist bei einem
    so „ernstem“ Thema wie der Buchmesse wirklich erbauend.
    Übrigens: schreibt sonst niemand, oder sind schon wieder Ferien
    oder sind alle bei der Apfelernte ( für Filou ) ? mfG T.

  8. Ze ze zentralorgan, da da das...
    Ze ze zentralorgan, da da das ist do doch prima, da kann Di Dir auch ninininichts passieren.
    .
    Schoepka, irgendwo, woi aufgeräumt wird mit Privilegienrittern, feisten Klosterbrüdern und faulen Nichtsnutzen. Friedrich II von Hohenstaufen etwa hat bei seinem Machtantritt in Süditalien alle alten Urkunden für nichtig erklären lassen, und jeder musste seine Rechte prüfen und die Urkunden neu ausfertigen lassen. Das muss ein Heidenspass gewesen sein.

  9. Ganz Wunderbar, Don, Danke -...
    Ganz Wunderbar, Don, Danke – gibt es vielleicht eine Stadt der Welt, in der sie gern Residenzschreiber wären?

  10. Also zu gescheiterten...
    Also zu gescheiterten Geschäftsmodellen anderer Leute, da-da kann ich immer ü-überhaupt ni-nichts zu sagen.
    .
    Meistens schweige ich ja so-sowieso lie-lieber, wie das mei-meiner leider u-ungewollten Natur meist eben doch fast eher etwas me-mehr e-entspricht. We-wenn ich mir aber doch mal die Zu-Zunge fasse und immerhin sch-sch-scheu einige wenige Wo-Worte um-umbeholfen zu Munde wo-wollen, da-da-dann rede ich meist doch von mi-mir, von mei-einem vo-vollkommen eignem Versagen n-nur. Da-da-damit habe ich ja dann auch ge-genug zu tun.
    .
    Und findet fast kein Ende.

Kommentare sind deaktiviert.