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Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Vermeidungsstrategien und Fluchtgedanken

| 9 Lesermeinungen

Einfach mal nicht reden müssen. Es steht ja schon so viel drin im Buch, warum dann mehr Worte machen? Man kann ja zur Abwechslung auch Fußballspielen gehen.

Jonathan Franzen will lieber nicht über seinen Roman reden. Er redet nie gern über seine Romane, weiß meine Bekannte, die im „Korrekturen“-Erscheinungsjahr Standdienst bei seinem Verlag hatte. „Ständig stand der bei uns in der Kaffeeküche.“ Leider gibt es in der näheren Umgebung des blauen Sofas kaum Kaffeeküchen, in die man unbemerkt entkommen könnte. Also muss Jonathan Franzen wohl doch über seinen Roman reden. Er redet dann lieber über die deutsche Übersetzung, auf deutsch übrigens, redet dann über die Übersetzbarkeit einzelner Wörter und Sprache so allgemein. Über Autoren und Leser, und darüber, dass die eigenen Eltern die am wenigsten geeigneten  Leser eines Autoren sind. Manchmal weiß er nicht weiter, dann muss er doch auf Englisch umschalten, und der Dolmetscher springt ein. „Ah, the voice of god“, sagt Franzen. Dann redet er noch ein bisschen mit dem Dolmetscher. Dann fragt er, was nochmal die Frage war. Das Publikum amüsiert sich bestens.

„Es ist möglich, ein total misanthropischer Schriftsteller zu sein. Aber die Möglichkeiten werden dadurch sehr beschränkt“, sagt Franzen. Man könnte hinzufügen, dass es vermutlich besser ist, sich ein paar Vermeidungsstrategien zurechtzulegen. Lernen wir also von Jonathan Franzen und suchen wir uns Ausweichmöglichkeiten und Kaffeeküchen, um uns vor den unangenehmen Momenten unseres Lebens zu drücken.

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Es muss ja nicht lange sein. 90 Minuten reichen völlig. So lange dauert bekanntlich ein Spiel. So lange brauchte auch die deutsche Autoren-Nationalmannschaft im Stadion am Brentanobad, dem Heim der besten Fußballfrauen der Welt, um einzusehen, dass die Argentinier ein mehr als gleichwertiger Gegner waren. Die Deutschen spielen zwar schon seit 5 Jahren zusammen und die Argentinier erst seit November, aber dennoch. „Die spielen alle schon länger Fußball“, meint Moritz Rinke, das deutsche Torwunder. Und sagt, es sei eine sehr ausgeglichene Partie gewesen. Zumindest, das kann ich bezeugen, war es keine langweilige Partie, ganz im Gegenteil.

„Der Rinke muss ein Tor schießen“ sagt der Stadionsprecher. „32 Länderspiele, 32 Tore. Statistisch muss er.“ Der Rinke rannte, er köpfte, er schoss, aber er traf nicht. „Keine Diskussionen jetzt!“ brüllte Albert Ostermeier, seines Zeichens Dramatiker und Mann im Tor, der in der ersten Halbzeit einen wirklich spektakulären Schuß hielt. „Macht jetzt das Ding rein!“ Das Ding ging nicht rein. „Noch fünf Minuten jetzt. Los!“ kommandierte Klaus Cäsar Zehrer von der Seitenlinie aus. Das sind, in diesen Tagen und diesen Hallen, erfrischend klare Ansagen. So ab und an befällt auch mich das Bedürfnis, mich im Mittelgang von Halle 3.1 zu positionieren und zu brüllen: „Keine Diskussionen jetzt!“ und „Gib ab, Mann!“ Kaffeeküchenwunschgedanken.

Und während der Ostermeier und sein Kreuz in der Halbzeit physiotherapeutisch bestens betreut wurden, vom legendären Adolf Katzenmeier nämlich, dem Eintracht- und DFB-Urgestein, der mit einem Griff in die Schulter sofort wußte wo es hakt, bleibe ich auch völlig unbetreut. Immerhin weiß ich jetzt, wo die Autoren sind. Abseits des Trubels, kicken. Ostermeier bekommt ein Mikro hingehalten und sagt: „Das ist eine Geschichte, die wir zusammen im Team erzählen können.“ Kurz, knapp, und mal nicht reden.

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9 Lesermeinungen

  1. Ja, ich war auch erleichtert....
    Ja, ich war auch erleichtert. Ich dachte schon, ihr sei etwas zugestoßen.
    (Ich stand natürlich bei den unwichtigen Leuten.)

  2. Immherin weiß ich nach der...
    Immherin weiß ich nach der heutigen Fotostrecke in der gedruckten Ausgabe, wo Alexa Hennig von Lange gewesen ist. Uff! Wieder eine Sorge weniger…

  3. Hans Meier, Handke spielt wenn...
    Hans Meier, Handke spielt wenn dann für die österreichische Autoren-Nationalmannschaft. Kleiner, feiner Unterschied.

  4. Ms. Sophie, gekickt wurde...
    Ms. Sophie, gekickt wurde schon am Freitag Mittag. Ich hatte nur keine Zeit, die Fotos vorher zu bearbeiten, denn das kann ich nur von zu Hause aus. Nach dem FAZ-Empfang ist man eh zu nichts mehr fähig.
    .
    Und danke für den Link, aber ganz so philosophisch ging man es nicht an. Sondern ziemlich hart zur Sache.

  5. Wie hat sich Peter Handke denn...
    Wie hat sich Peter Handke denn im Tor so gehalten?

  6. Vielen Dank für diesen...
    Vielen Dank für diesen schönen und amüsanten Text, Frau Diener.

  7. Franzen habe ich damals im...
    Franzen habe ich damals im „Korrekturen“-Erscheinungsjahr im Schauspiel Frankfurt erlebt, als er Auszüge aus seinem Roman vorlas. Irgendwie machte mich seine Lesung hungrig, und als ich in der Kaiserstrasse in einem China-Imbiss Reis mit Hänchen verschlang, bemerkte ich plötzlich Frau Radisch am Tisch gegenüber. Diese Buchmessen sind immer eine paranoidale Angelegenheit.

  8. ganz ganz fein. und erst die...
    ganz ganz fein. und erst die bilder. haben die autoren denn vor oder nach dem faz-empfang gekickt?

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