Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Träger der Inhalte und der Zeitungen

| 49 Lesermeinungen

Es ist leicht, Pressemitteilungen von absurden Technikklitschen abzuschreiben, die Revolutionen ausrufen, ohne den Beweis antreten zu müssen. Es ist leicht zu lobhudeln: "Von dem Berater so und so hört ich, dass in den USA, und erst in Korea!" Besonders in flüchtigen Medien wie der Zeitung, bei der einem schon morgen keiner mehr vorwirft, was man gestern vergeigt hat. Trotzdem denke ich lieber selbst, gerade, wenn es um E-Bücher geht.

Eine kleine, digitale Schlussfolgerung aus einer kleinen Serie über das digitale Buchwesen

– beginnend beim wenig erfolgreichen E-Autoren

– über den grandios gescheiterten Vertrieb

– bis zum Gefühl, das einen als Leser und Kunden beschleicht.

In Italien begann der Niedergang des gedruckten Wortes – namentlich der Zeitung – mit dem Verschwinden einer kleinen Gerätschaft, die den schönen Namen „Portagiornale“  trägt. Der Portagiornale ist der Zeitungsträger, eine kleine Blechklammer am Vorbau eines Rades, mit dem man die Zeitung vor sich durch die Städte fuhr. Schaut her, sagte der Portagiornale, mein Besitzer klemmt jeden Tag ein Papier in mich hinein, mit dem er sich bildet, informiert und unterhält. Mein Besitzer hat einen gewissen Anspruch, er zeigt, was ihn bewegt. Hinter einem Portagiornale steckt immer ein nicht ganz dummer Kopf. Natürlich konnte man auch ein Buch hineinquetschen. Aber irgendwann war eine Zeitung kein Mittel der Persönlichkeitsbildung mehr, kein Prestigeobjekt, sondern etwas, das man auch in die Tasche tun konnte, vielleicht, weil es nicht gut war, vielleicht, weil der Inhalt peinlich war, vielleicht, weil man Mittags etwas anderes tat.

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Bei Büchern ist es weniger das Verschwinden von Gegenständen, als vielmehr das Aufkommen neuer Dinge. Namentlich: Die weissen Ohrstöpsel. Ich habe den Eindruck, als gäbe es da eine gewisse Koinzidenz: Wer die weissen Ohrstöpsel trägt, liest gerade kein Buch. Seit ein paar Jahren wird aus diesem Duell um die Aufmerksamkeit eine unübersichtliche Schlacht, weil auch die Oberflächen von Mobiltelefonen dazu kommen. Das geht durch alle Schichten und Gruppen, und ich denke: Das Buch schlägt sich angesichts des Milliardenaufwandes der Gegner wacker. Wackerer als viele Zeitungen, die teurer, kleiner und dünner werden, ohne dass sie deshalb mehr verkaufen würden.

Gemessen an der Buchzeit, die in Jahrzehnten und Jahrhunderten denkt, sind die Veränderungen des Inhaltekonsums natürlich rasend schnell gekommen. Aus Sicht der digitalen Medien hat es in etwa so lange gedauert, wie es diese digitalen Medien gibt. Und so erklärt sich vielleicht der unterschiedliche Zugang zu diesem Konflikt: Für das Buch sind die digitalen Medien ein schneller Räuber, der die Persönlichkeitsbildung der Menschen an sich reisst. Für die digitalen Medien ist es ein zähes, nie enden wollendes Ringen um Aufmerksamkeit, bei dem man nur langsam und unter grossen Verlusten voran kommt. Verluste etwa wie die Illusion, Menschen würden am Rechner Bücher lesen – das gibt es seit 20 Jahren, und hat sich nicht durchgesetzt. Jetzt versucht man es eben mit kleinen, portablen Lesegeräte. Und die Buchwelt sitzt wie das Kaninchen vor der Schlange,

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Dabei spielt die Zeit nach meinem Empfinden eigentlich für das Buch. Die Marktdurchdringung von Internet, Mobiltelefon und Digitalien beträgt doch längst 100%, wer sich verkabeln will, hat das längst vollumfänglich gemacht. Alles ist bereits vorhanden, es kann problemlos konsumiert werden, die Grenzen wurden längst niedergerissen: So weit wie jetzt kommen die Ohrstöpsel und die Displays der Telefone. Sie haben ihre Kunden und ihre Märkte. Die Kunden vielleicht nur so lange, wie die der technischen Entwicklung folgen können, und wer weiss, vielleicht satteln sie später wieder um auf das normale Buch. Die Zeit geht für das Digitale und das Analoge weiter.

Aber die Möglichkeit, einfach so wie das Buch ein Buch zu bleiben, haben die Digitalen nicht: Die Zeiten der neuen Möglichkeiten und des Wachstums sind für das Digitale vorbei, die Nutzer werden bald alles haben, und jetzt bleiben nur noch die internen Verteilungskämpfe um die Zeit, die man mit dem Digitalen verbringt. Man sieht es auf den Märkten der Telekommunikation, man wird es auch auf den Buchmärkten jenseits der Bücher erleben. Stagnation, für das uch der Normalzustand, hat sich für jede stürmische Entwicklung der Technik noch immer als Problem herausgestellt. Und ich habe meine Zweifel, ob man beim E-Reader überhaupt in der Lage ist, andere Strategien zu entwickeln: So ein Buch ist halt kein Auto, dem man mit einem sinnlos kräftigen Motor Prestige einhauchen kann, oder eine Digitalknipse, die mit noch mehr Megapixel keine besonderen Leistungszugewinne, aber wenigstens steten Umsatz bringt. Das geht allenfalls eine Weile gut, und dann schlägt die Zeit und ihre Langsamkeit zu. Wohl dem, der da richtig anhalten kann.

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Und Portagiornale sind übrigens in  Italien auch wieder der letzte Schrei der Radmode geworden.

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49 Lesermeinungen

  1. Don Alphonso, wir sind selten...
    Don Alphonso, wir sind selten nett. (Zugegeben, die netteren von uns haben die höhere Auflage.) Aber die Steilvorlage haben Sie doch nicht ganz unabsichtlich platziert?

  2. liebe Der Tiger, sie haben...
    liebe Der Tiger, sie haben einen italienischen hausfreund?!
    glückwunsch!
    dann können wir uns demnächst ja mal austauschen;
    gestatten, meiner wird ciccio gerufen.
    und ihrer?
    .
    von e-büchern hält er ja gar nichts, ebenso wie von hörbüchern. nein, nein, am liebsten ledergebundene folianten, quart- oder oktavbändchen.
    .
    dass sich andere ausdrucksmöglichkeiten eröffnen können, und in nicht absehbarer zeit wohl auch werden, die das klassische buch so nicht erfüllen kann: musik, sprache etc. als ergänzung, erscheint mir nicht als abwegig
    (hallo rg, du nördlichster italiener, das wäre doch etwas für dich!
    ja, genau für dich!).
    .
    aber leider wird sich wohl auch das spektrum auch für die werbung erweitern, ganz wie im internet und tv. bei den geschenkten readern wird dies wohl zur pest werden.

  3. anderl, Fortschritt kann man...
    anderl, Fortschritt kann man natürlich nicht vorhersagen, das liegt in der Natur der Sache. Bislang kam aus der E-Book-Reader-Ecke nichts, das mich überzeugt hätte. Fachliteratur lese ich am Laptop, denn damit arbeite ich; dafür brauche ich keinen Reader. Wenn es ein solch haptisch-elektronisches Papier einmal geben sollte, fände ich das interessant. Zumal einige meiner alten Bücher aus den Fifties und früher natürlich im Laufe der Jahre auch nicht gerade stabiler werden. Ich bin nun mal kein early adapter, sondern warte erst mal ab.

  4. Ich trage gelegentlich weiße...
    Ich trage gelegentlich weiße Ohrstöpsel, damit ich nicht beim Lesen gestört werde. Man wird nicht angesprochen, wenn man weiße Ohrstöpsel trägt und gleichzeitig liest.

  5. Meine Zeitung lasse ich mir...
    Meine Zeitung lasse ich mir nicht im Abonnement liefern, denn dann bekäme ich sie erst am frühen Nachmittag mit der Post. Da nichts so schnell vergammelt wie Nachrichten, kaufe ich mir jedes Exemplar morgens vor dem Frühstück im Dorf (An diesem Arrangement verdient die FAZ den vollen Einzelhandelspreis von über 1000 Euro im Jahr).
    .
    Als ich heute Morgen an der Ecke der Ladenstrasse ankam, stand da ein Polizeiwagen. Ich war erstaunt, denn Montags ist sonst nie etwas los, und ich treffe höchstens die Abfallaufherberin, mit der ich immer gerne ein wenig plaudere. Neben dem Polizeiwagen stand etwas verfroren und einsam eine Polizistin. Sie beobachtete mich genau, und noch viel genauer, als ich nach 3 Minuten zurückkam und meine Zeitung auf mein Fahrrad klemmte. Ich benutze als FAZ-Halter einen Gummiseil. Aber schick ist das nicht! Ich werde meinen italienischen Hausfreund bitten, mir von seiner nächsten Heimatreise einen Portagiornale mitzubringen. Dann hat die Polizistin etwas Ausgefallenes zu protokollieren hat.

  6. anderl, wer auf der Buchmesse...
    anderl, wer auf der Buchmesse war, weiss eigentlich, dass Autoren – nun ja. Ich will Bücher und keine Selbstdarsteller und eitle Gecken, aber das wird sich zeigen. Das mit dem Papier höre ich nun auch schon unbescheidene 10 Jahre, Prototypen gibt es, und man soll ja bekanntlich nie etwas ausschliessen – dieFrage ist halt, ob das eine Sache wie fliegende Autos wird (technisch möglich, Nutzwert sinnlos), oder etwas wie der Computer (technisch möglich, Nutzwert umstritten, aber unumgänglich).
    .
    windsbraut, das mag natürlich auch sein, aber was ich so höre (ich höre keine Hörbücher), wird allgemein über deren Qualität geklagt, wegen der Kürzungen und der billigen Produktion. Wenn ich aber nach dem gehe, was ich so aus den Stöpseln seltener Sitznachbarn seltener Bahnreisen höre, ist da meist Musik drin. Und es ist nicht Gluck!

  7. Bernd das Buch, das war jetzt...
    Bernd das Buch, das war jetzt nicht nett.

  8. "Wohl dem, der da richtig...
    „Wohl dem, der da richtig anhalten kann.“ Nicht mit der Abkürzung über den Lenker? Nun, keine Sorge. Mir gehts gut.

  9. Mir ist das nach wie vor zu...
    Mir ist das nach wie vor zu kurz gedacht, so wie der Mensch ohnehin neigt, alles aus seiner eigenen, kurzen Lebensspanne heraus zu betrachten. Mitnichten ist längst „alles vorhanden“. Betrachten man sich, welche enormen technischen Entwicklung das vergangene Jahrhunders, bisweilen nur binnen weniger Jahrzehnte, mit sich gebracht hat, dann gehört nicht viel dazu, noch sehr viel mehr zu erwarten. Ich wage mal die Prognose, dass wir alle noch hauchdünne e-papers mit der haptischen Anmutung von Papier erleben werden, die uns nebst vielfältiger Typographie Illustrationen bescheren, auf die im Buchdruck wegen der Kosten des Mehrfarbdrucks verzichtet wird. Es werden Foto- und Videostrecken ganz selbstverständlich eingebunden sein und vieles mehr, das ich mir noch gar nicht ausmalen kann. Möglicherweise wird es gar interaktiv mit dem Autoren, wer weiß.
    Was gar in zwei-, drei- oder fünfhundert Jahren sein wird, ob es dann noch Bücher in der uns bekannten Form geben wird, wer will das schon aus heutiger Sicht sagen? Der Höhlenmaler hat sich Gutenbergs Buchdruck auch nicht träumen lassen.

  10. "Wer die weissen Ohrstöpsel...
    „Wer die weissen Ohrstöpsel trägt, liest gerade kein Buch.“
    *
    Werter Don,
    ich möchte Sie auf die Möglichkeit hinweisen, dass die Person vielleicht lesen lässt. Mir zum Beispiel schmerzen an manchen Abenden von der Bildschirmarbeit die Augen, dann zücke ich meine weißen Ohrstöpsel und – höre ein Hörbuch.

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