Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Bollwerke gegen die Technoblase

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Im Hof der Messe steht ein seltsam technoides Ding, das von der IAA übriggeblieben ist. Hier soll was in Fahrt kommen. In den Messehallen dagegen setzt man auf Unverrückbarkeit. Ein Standtrendreport.

Irgendwann einmal in ferner Zukunft (wie fern, das hängt von der Phantasielosigkeit der Contentverwerter ab) könnte das E-Book mehr sein als ein Thema für Eröffnungsreden und willkommener Anlass, die Applausgeneratorphrase vom Internet als Raum, der nicht rechtsfrei sein darf, vom Rednerpult abzulesen. Irgendwann in ferner Zukunft sieht die Buchmesse dann hoffentlich nicht so aus wie der Techno-Uterus, der von Audi-VIP-Shuttles und breitschultrigen Anzugträgern umstellt im Hof der Messe vor sich hinbläht. Alles ist sehr teuer und sehr leer, alles glänzt, und in einem Eckchen stehen ein paar Stände, die Buzzwords verkaufen. „Driven by Ideas“ steht an der Wand, aber das ist nicht die Idee der Buchmesse, sondern vom Vormieter Audi recycelt, der auch noch ein paar Einrichtungsgegenstände stehengelassen hat. Irgendwo in der Klavierlackleere steht ein Podium, und Richard David Precht erklärt die Buchpreisbindung anhand von afrikanischen Buntbarschen, was genauso umständlich ist, wie es sich anhört.

Bild zu: Bollwerke gegen die Technoblase

In diesem Zusammenhang, also um der Luft und Leere etwas Solides entgegenzusetzen, ist wohl der Standtrend des Jahres zu sehen. Bei Fischer hat das dunkelgrüne Sperrholz ausgedient, man macht jetzt in Travertinoptik. Solide und unverrückbar wie ein Kriegerdenkmal steht der Stand am Kopf der Halle 3.1, ein Bollwerk gegen die Entkörperlichung des Buchblocks. Bei Suhrkamp hat man ebenfalls gründlich renoviert und hohe Regale in reduktionistischem Großlagerlook angeschafft, die den Warencharakter des Buches betonen. Man sitzt nun auf einer hölzernen Sitzlandschaft wie in einem dieser Ikea-Raumsparräume.

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Auch bei Eichborn hat der schwarze Hintergrund ausgedient. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem wirklich ein Trauerrand angebracht gewesen wäre, gibt man sich trotzig: Ein Stand wie ein Betonwall, darauf in roter Farbe aufgesprühte Fliegenlogos. Das hat etwas anarchisches und gleichzeitig anrührendes, wenn man weiß, dass es der vermutlich letzte Messeauftritt dieses in den letzten Jahren nicht so erfolgsverwöhnten Verlages ist. Und wohin geht jetzt die Andere Bibliothek? Keine schönen Aussichten sind das. Man möchte am liebsten zur Sitzblockade aufrufen. Denn so virtuell soll die Buchwelt bitte doch nicht werden, dass nichts bleibt als Leere, Sitzwürfel, krumme Wände und ein paar übriggebliebene Marketingslogans eines Autoherstellers. Auch wenn ich mir gerade gut vorstellen kann, dass Richard David Precht im Jahre 2030 immer noch auf einem Podium sitzt und irgendwas anhand afrikanischer Buntbarsche erklärt.

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25 Lesermeinungen

  1. Am grausligsten sind ja die...
    Am grausligsten sind ja die Stände an denen man vor lauter handyfonierenden Proseccohaltern gar nicht mehr an die Bücher herankommt und nur noch mit unscharfem Blick mühevoll die Titel entziffern kann. Der Suhrkamp-Stand scheint da ja in diesem Jahr etwas praktikabler zu sein. Wenn der Buchhandel heutzutage nicht so lausig wäre, dann müßte man gar nicht auf Buchmessen gehen. Denn für Leser sind Buchmessen nicht gemacht. Bleibt dann bloß darauf zu warten, bis wir Alphabeten wieder unter uns sind und die Buntbarschzüchter auf ihrer eigenen Messe sind. Nicht, Filou?

  2. Technoblablase, wo bleibt die...
    Technoblablase, wo bleibt die Begleitmusik?

  3. Nun wie hat es Heraklit schon...
    Nun wie hat es Heraklit schon so treffend gesagt: „Alles ist im Fluß, alles wandelt sich!“
    Wir müssen nur das Beste daraus machen, ich für meinen Teil bevorzuge das gedruckte Buch, obgleich ich anerkenne, das für unterwegs das iPad (etc..) sich hervorragend eignet, um im Flieger mehrere Bücher / Zeitschriften gleichzeitig dabei zu haben und platzsparend zu lesen, blättern.

  4. Und was is mit Eventtanten?...
    Und was is mit Eventtanten? Und was is mit Secjuritie? Und was is mit Fingerfood? Darf da etwa jeder rein?

  5. Sehr geehrte Frau Diener,´
    im...

    Sehr geehrte Frau Diener,´
    im Blog „Ding und Dinglichkeit“ schreiben Sie nach wie vor Beitrage in herrlich zu lesender bewährter und unreformierter Rechtschreibung. Macht sich richtig gut auf meinem ipad.
    Warum wählen Sie neuerdings ausgerechnet in diesem Literaturbereich die schlechtere und plumpere Variante ?

  6. Andrea Diener, die Standparty...
    Andrea Diener, die Standparty bei Rowohlt ist legendaer. Wie gerne wurde ich dort mit einem 17ten Cocktail ‚rumstehen. Ganz still, ganz bescheiden, ganz grinsend.
    Ich aber sitze in Holland und muss meinen Bordeaux selbst kaufen-und selbst trinken.
    Das Leben ist ein Camembert.

  7. Filou, nein, das sind wir...
    Filou, nein, das sind wir nicht. Die Blase heißt „Open Space“, hier liebevoll Empty Space genannt. Da geht es um Modelle und Wege und Kanäle und nie um Geschichten oder Haltungen. Aber nur letztere können Verkaufsargumente sein. Und erstere zu verkaufen ist eine echte Quälerei. Zum Glück finde ich immer noch einen ganzen Haufen alte Mitstudis oder auch Mitstreiter aus Lokalzeitungszeiten. (Und das Rowohlt-Fest entschädigt auch für vieles.)

  8. Danke für diesen wunderbaren...
    Danke für diesen wunderbaren Bericht!

  9. Ach wie furchtbar! Ja frueher,...
    Ach wie furchtbar! Ja frueher, frueher traf man auf kulturaffinen Messen alte Mitstudis, man laesterte, tat betroffen bei schlechten Nachrichten-dabei ueberlegte man nach einer Stunde, ob die fluessigen Vorraete reichen, man selbst dem gewachsen waere, dann schwebte man weiter zum naechsten Altstudie, der auf seinem Ministand Uebersetzungen von Sanskrit ins Finnische anpries, oder zu dem, der homoerotische Fotokalender zu vertreiben suchte, oder zum Galeristgewordenen Exi mit Serigraphien eines ganz sicher noch beruehmter werdenden Kuenstlers…
    .
    …Schwamm drueber. Wir sind nicht mehr in den 70ern.
    Leider.

  10. Bücher zu verkaufen, muss...
    Bücher zu verkaufen, muss eine echte Quälerei sein.

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