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Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Tag 1: alles auf Maori!

| 12 Lesermeinungen

Der erste Tag: Reden, Reden, Reden. Leider auf Deutsch, hessisch und englisch und nicht auf Maori. Da bleibe uns nämlich einiges erspart.

Bild zu: Tag 1: alles auf Maori!

„64th Hokohoko Pukapuka“ steht auf der Einladungskarte für die Eröffnungszeremonie zur Buchmesse. Das klingt schön und ich bekomme sofort beste Laune, die ich gut gebrauchen kann. Denn schon bevor die Buchmesse richtig angefangen hatte, mussten alle, die das literarische Tagesgeschehen verfolgen, einige harte Prüfungen über sich ergehen lassen.

Am Montag ging es mit dem Buchpreis los, jener lustlos abgenudelten Veranstaltung im Frankfurter Römer, von Gerd Scobel mit Inhaltsangaben wegmoderiert und unterbrochen nur von sogenannten Einspielfilmen, die aber weder mit Spiel noch mit Film viel zu tun haben und vermutlich  deshalb so heißen, weil es sich halt irgendwann einmal so eingespielt hat, dass Autoren sinnierend auf Wiesen sitzen oder Treppen hochlaufen, während ein Voice-Over Texte aufsagt, die man einem Klappentext-Platitüdengenerator entnommen hat. Ein Waschzettel-Bullshitbingo-Trinkspiel hätte mich innerhalb einer Stunde restlos weggeräumt. Hat denn keiner mal eine Idee, eine ganz kleine wenigstens, wie man solche Studienrätinnenrevuen etwas intelligenter gestalten kann?

Kaum hatte ich mich von dieser unrühmlichen Veranstaltung erholt, ging ich zur Eröffnungsveranstaltung der Buchmesse, bei der mir zuerst Börsenvereinsvorstand Honnefelder die Statistik des letzten Jahres vorlas, um dann ein paar unhaltbar steile Thesen aufzustellen: Die Romane würden immer dünner, es gebe ja schon Handyromane. Zweiteres mag stimmen, ersteres mag ich nicht so recht glauben. Ehrlich gesagt fühle ich mich eher von Schwarten erschlagen, während übersichtlichere Formen wie Novelle oder Kurzgeschichte ein Schattendasein fristen. Aber um die schnelllebige Zeit (Internet! Facebook! Alles nur ein Klick!) anzuprangern ist eben jede Behauptung recht, so daneben sie auch liegt.

Die zweite These lautete übrigens: Die Odyssee würde heute kein Bestseller mehr. Und das ist auch ein immer wieder gern bemühter Rhetorikkniff der Kulturapokalyptiker: Irgendwas halbarchaisches rausziehen und behaupten, daß man heute weder die Kultiviertheit noch die Konzentration aufbrächte, um solch hochstehend Literarisches zu rezipieren. Im Zweifelsfall ist das Internet schuld oder irgendeine andere zeitgenössische Kulturtechnik, die die Kulturapokalyptiker in zweihundert Jahren als vorbildhaft herausstellen können. Man merkt, daß es für diese Menschen da oben auf dem Podium wirklich eine fremde Welt ist: Von unseren Kindern in den sozialen Netzwerken sprach Jürgen Boos, und daß man sie zu den Büchern bringen müsse. Ich schämte mich kurz, mit seinen Kindern sozialnetzwerktechnisch in einen Topf geworfen zu werden, als müsse man mich auch zum Buch bringen.

Gut, momentan haben wir also die Zeit der Schwarten, die man bemüht ist in der Schrumpfform des Einspielfilmchens zu verpacken, womit man regelmäßig scheitert und eine schlimme Diskrepanz herstellt zwischen dem ausufernden Inhalt eines Buches und dem platten Verkaufsvokabular, mit dem es angepriesen wird. Nein, nichts ist auszusetzen an der Literatur, auch nichts an unserer Zeit, eher schon an den Reden, die um sie herum geklöppelt werden. In diesem Sinne: Eine frohe 64. Hokohoko Pukapuka, und dass bitte alle Reden nur noch auf Maori gehalten werden. Maori klingt nämlich sehr schön und man bekommt gute Laune allein vom Zuhören. Und das wäre gut für uns alle.

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12 Lesermeinungen

  1. Hans Meier: Ja.
    .
    Ach,...

    Hans Meier: Ja.
    .
    Ach, Geheimtip, das ist ja immer so eine Frage. Ich hab das ja gar nicht alles gelesen. Aber was ich gern lesen würde, das ist: „Blasmusikpop, oder wie die Wissenschaft in die Berge kam“ von Vea Kaiser (bei Kiepenheuer). Unter anderem. Und morgen fällt mir schon wieder etwas ganz anderes ein.
    .
    Savall: Das Buch ist halt ein Erfolgsmodell. Einfach ein paar Buchstaben, reicht. Unaufwendig und wirkungsvoll.

  2. Kann man das so sagen:
    Dass...

    Kann man das so sagen:
    Dass das Frankfurter Messegelände ziemlich genau die Hölle ist, in welche Dante die Verlagsnudeln verbannt hätte, wenn es zu seiner Zeit schon gedruckte Bücher gegeben hätte?

  3. Guten Tag, sehr verehrte Fau...
    Guten Tag, sehr verehrte Fau Diener!
    Haben Sie im Gedränge der Messe zufällig den Praeceptor Germaniae gesehen?
    Weil, ich hätte gern ein Autogramm in seinen/meinem Blockbuster verewigt.
    Was ist denn diesmal Ihr Geheimtipp bei den Neuerscheinungen?
    Wie wärs mit Ferien nächstes Jahr auf der langen, weißen Wolke, am Rande des Universums?
    Bunga-Bunga! Sei der Gruß aus dem Süden.

  4. koia kei!
    pūrongo...

    koia kei!
    pūrongo autaia.
    .
    http://www.maoridictionary.co.nz/maori/

  5. Sehr richtig!...
    Sehr richtig!

  6. (Y)...
    (Y)

  7. Schön, daß es wieder...
    Schön, daß es wieder losgeht.
    So ist es eben mit den Kulturbewahrern: diffuse Bedrohungsängste kombiniert mit durchaus realen Problemen dividiert durch die Phrase. Dann kommen solche wenig realitätsnahen Festreden zustande, auf die ja eh keiner etwas gibt. Die Odyssee ist für mich übrigens, um im Buchhändlersprech zu bleiben, kein Bestseller, sondern ein Longseller. Und daß es davon heute keine gäbe, darüber sollen nachfolgende Generationen befinden. Momentan sind für mich die elektronischen Angebote noch in der Schmuddelphase: es wird einfach versucht, das Medium Buch (besser: den Kodex) eins zu eins auf eine neue Plattform zu übertragen. Mit dem wenig schönen Ergebnis, daß das E-Book nicht wirklich besser als das gedruckte Buch ist und daß es erst einmal lediglich Kannibalisierungseffekte gibt. Ich habe bis jetzt noch kein halbwegs überzeugendes Beispiel dafür gefunden, daß die heute schon vorhandenen technischen Möglichkeiten auch nur annähernd nutzt. In der Regel werden einfach bloß PDFs von der Druckausgabe gemacht. Das führt zu solchen Absurditäten, daß sich bspw. in der elektronischen „National Geographic“ QR-Codes finden, die auf dem Tablet völlig sinnlos sind. Man macht sich nicht einmal die Mühe, den tatsächlichen Link einzubetten. Die „Zeit“-App ist da schon sehr viel besser, aber auch noch nicht gut. In Buchform (Ausstellungskataloge!) habe ich überhaupt noch nichts gefunden, was der Rede wert wäre. Sachdienlich Hinweise werden gern entgegengenommen.

  8. Da isse endlich wieder, die...
    Da isse endlich wieder, die Diener. Man hat den Eindruck, dass es ihr Freude macht, ausserhalb einer Redaktionsorder mal so richtig eine eigene Geige zu spielen.

  9. ...
    Klappentextplatitüdengenerator!
    .
    O wie mir dies wahre Wort aus der Seele stöhnt.
    .
    Neulich hab ich Heiner Müller für mich entdeckt.
    Dessen Odysseus konnte ein Deutsch!

  10. Hat der Don wirklich ein...
    Hat der Don wirklich ein Tanzeinlage (im Bild, rechts vorne) gegeben?

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