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Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Gutes Karma mit der Messe

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Es gibt immer einen guten Grund zum Sterben, und es gibt einen guten Grund für Frankfurt. Beides muss nicht notwendigerweise zusammen passen, ja, es kann sich sogar je nach Buchhandlung gegenseitig ausschliessen.

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So eine Buchmesse muss nicht immer nur negativ gesehen werden. In meiner Heimatstadt – tiefstes, katholisches Bayern – eröffnete in den frühen 80er Jahren ein alternativer Buchladen neben den beiden alteingesessenen Buchhandlungen. Man konnte dort rote Sterne für das Revers kaufen, mit denen man Lehrer in den Wahnsinn trieb, man konnte dort Bücher kaufen, die man andernorts nicht mal bestellt hätte, obendrein wurden dort die Mädchen ausgebildet, die in den normalen Geschäften eher weniger ins Bild gepasst hätten. Und zur Krönung organisierte der Buchhändler auch noch eine Reise zur Frankfurter Buchmesse, was als höchst exotisch galt. Einmal im Jahr wurden also Stadtbewohner organisiert nach Frankfurt gekarrt, um dort jene Hallen zu sehen, die ansonsten allenfalls das Personal der Buchgeschäfte und vielleicht der ein oder andere Lehrer kannten.

 

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Die beiden alten Händler ignorierten diese Kumpanei zwischen ihrer Konkurrenz und den Lesern, und machten weiter wie gehabt. Der neue Buchhändler führte jedes Jahr Menschen in die Buchmesse ein, und die alten Händler eröffneten neue Abteilungen mit Landkarten, Postern, Schulbedarf, Zeitschriften und Papierkrimskrams. Es gibt in der japanischen Geschäftswelt eine Strategie, die übersetzt „mit Schweigen umbringen“ heisst. Und das versuchten sie mit jenem jungen Mann, der meinte, aus dem Kunden einen Leser und mit ihm eine Art Abenteuerausflug machen zu müssen, wo es schon im Vorfeld Tipps gab, wo man interessante Leute, Autoren und andere Schriftkundige, die nie in dieser Stadt gesehen wurden, erleben konnte.

Die Jahre gingen ins Land. Aus den Buchhandlungsazubinen wurden engagierte Buchhändlerinnen in anderen Orten, und aus den neuen Abteilungen der alten Platzhirsche wurden richtige Kaufhäuser für Allerlei, in denen man auch Bücher bekam. Bestseller, Tische mit Sonderauflagen, Regale mit Neuerscheinungen und sogar Trauerkarten. So gross wurden die Läden und so ähnlich, dass irgendwann eine Trauerkarte für einen Laden notwendig wurde: Der nämlich wurde vom anderen übernommen. Da war es nur noch einer. Und eben der Neuling mit den hübschen Azubinen und der Reise nach Frankfurt.

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Dann eröffnete Pustet mitten in der Stadt einen gigantischen, neuen Bücherpalast. Mit Papeterie. Wie sie es auch in anderen Städten machten. Da dachte man, er würde den anderen den Garaus machen, aber dem war nicht so: Pustet fand keinen richtigen Zugang zur Stadt, und schloss den Laden wieder. Der andere Riese in der Innenstadt hatte aber auch gelitten, und schlüpfte, unter Beibehaltung des altbekannten Namens, unter das Dach eines anderen Buchhandelsriesen, und wurde noch grösser. Mit Rolltreppe! Beim kleinen Buchhändler blieb es beim verwinkelten Haus in der Altstadt und dem rollenden Bus nach Frankfurt, voll mit Buchfreunden.

Dann marschierte der Russe Vandale Schneewittchens Stiefmutter Sauron Darth Vader Thalia in die Kleinstadt ein, üble Befürchtungen verbreitend, und setzte noch eins drauf. Ein Stockwerk. Mit noch mehr Rolltreppen und Ledersesseln und einem künstlichen, offenen Kamin. Das war in etwa zu der Zeit, als der kleine Buchhändler zusätzlich ein Altstadthaus vor dem Verfall rettete und liebevoll restaurierte, und dennoch: Die Reise nach Frankfurt fand auch in den Jahren des Bauschutts und der bröckelnden Mauern statt. Eine Tradition, möchte man nach all den Jahren fast sagen. Inzwischen fahren jene mit ihren Kindern dort hin, die selbst als Jugendliche mit diesem Bus nach Frankfurt fuhren. Und der junge, rebellische Buchhändler von damals ist heute der alteingesessene Buchhändler zwischen zwei alles zermürbenden, vernichtenden Ketten, zwischen denen kein Literatengras und keine exotissche Händlerblume mehr existieren kann. Oh Moment.

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Denn dieser hell erleuchtete Laden, der auch für Analphabeten genug waren anbietet, der Laden, der in bester Lage mit den vielen Rolltreppen und dem künstlichen Kamin und dem breiten Angebot an Dingen gastiert, die mit Büchern nichts zu tun haben – der Laden verfehlt wohl ein Umsatzrenditeziel, ich glaube, so nennt man das. Und weil das so ist, und die Miete trotzdem gezahlt werden müsste, geht das nicht zu wie beim alteingesessenen Buchhändler alter Schule, der sich bis zur Fusion gegen den Untergang gewehrt hat, und auch nicht wie bei seinem revolutionären Kollegen, der heute immer noch rote Sterne im Lager hat. Es geht nach den Regeln des Weltmarktes. Man hört momentan so, dass der Standort mit Kaffee und Esoterikklimbim wohl nicht wirklich gesichert sei.

Der Buchhändler fährt mit seinen Kunden auch dieses Jahr wieder nach Frankfurt, um Bücher und Autoren anzuschauen. Ich glaube, da gibt es einen Zusammenhalt, und einen Zusammenhang.

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30 Lesermeinungen

  1. "...die fremdsprachigen...
    “…die fremdsprachigen Bücher im Laden prohibitiv teuer…”
    In Berlins “Marga Schoeller” (Knesebeckstr.) kosten die englischsprachigen Originale meist weniger als die deutschen Übersetzungen. Und sie sind oft noch richtig gebunden anstatt nur geklebt.
    Zumal auch noch eine sympathische und fachkundige Dame die englischsprachige Abteilung betreut. Und: Harry Rowohlt hat anno dunnemals bei Marga Schoeller gelernt (als der Laden noch um die Ecke am Kudamm war).

  2. Aber auch beim...
    Aber auch beim Kleinstadtbuchhändler des Vertrauens kann man heute in der REgel schon online bestellen (und dann im Laden persönlich abholen).
    Zumindest alles, was “lieferbar” ist.
    Drei Tage spter macht einen Spaziergang zur Buchhhandlung und kann dort alles abholen, spart sich das Porto, und den Ärger mit den Paketzustellern.
    Wozu dann Amazon?

  3. Ich finde das sehr ermutigend....
    Ich finde das sehr ermutigend. man hört sonst immer nur das gejammer über die ketten. dabei sieht man bei thalia jetzt wieder, dass das zeitbedingt ist. wenn jemand mit herzblut seinen laden führt und gestaltet, hat man chancen – gerade gegen die erbsenzähler und zwangsoptimierer in den konzernzentralen.

  4. Auch ich kaufe bei amazon....
    Auch ich kaufe bei amazon. Weil es so bequem ist. So komfortabel. Und, zumindest als ich die Gewohnheit begann, weil die fremdsprachigen Bücher im Laden prohibitiv teuer waren. Weil es Emma Peel in D /Pal nur als VHS gab und Amazon.com die DVD hatte.
    Es macht etwas mehr Mühe, das gewünschte Buch bei der Buchhändlerin des Vertrauens zu bestellen und abzuholen. Band drei von Papa Beni soll ich dort am Erscheinungstag bekommen. Ich will es noch öfters tun.

  5. Die alte Messe (für viele,...
    Die alte Messe (für viele, nicht für alle) mehrte noch das Karma:
    .
    Der Buchhändler konnte auf der Zugfahrt mit seinen Kunden plaudern (“Marktforschung betreiben”), und die armen Provinzler glaubten dort, in den Messehallen, die große Welt sich aufzutun, oder gar, sie dann auch gesehen zu haben.
    .
    Aber heute wozu?
    Und gab es nicht vor fünf Jahren oder so die ernsthafte Drohkulisse, mit Suhrkramp nach Berlin umzuziehen?
    Wäre das nicht für alle Beteiligten die beste Lösung?

  6. Ja, so isses - überall. Und...
    Ja, so isses – überall. Und in allen Bereichen.
    Jammern nützt nix, glücklicherweise.

  7. Der Buchhandel ist doch heute...
    Der Buchhandel ist doch heute durch den Internetversandhandel bedroht. Ob da ein engagierter Kleinhändler seine Stellung halten kann, bezweifele ich. Ich weiß aus dem Trödelgeschäft: wer nicht online verkauft, ist von der Pleite bedroht.

  8. Nie lagen (für mich) die...
    Nie lagen (für mich) die (immer noch existierende) Faszinatione der Buchmesse und Gründe für den aufschäumenden Wunsch, mit einer Planierraupe quer durch die Messehallen zu fahren, so eng bei einander wie heute.
    Beglückt blätterte ich in einem brandneuem Prachtband über Albrecht Altdorfer, als ich hinter mit eine Stimme erkannte, die Dinge von sich gab, die ich hier gnädig verschweige.
    Sie gehörte einem Irokesen. (Nein das ist nicht erfunden).
    Splendeurs et misères de la Buchmesse

  9. vielleicht sind es doch eher...
    vielleicht sind es doch eher die hübschen azubinen, die die roten sterne in der stadt halten…? so oder so, eine schöne geschichte!

  10. Yes, the winner (amazon) takes...
    Yes, the winner (amazon) takes it all. Und wenn die Filialen von Hugendubel, Thalia oder Meyerische schon längst das Feld geräumt haben, wird ihr kleiner Buchhändler noch immer nach Frankfurt fahren. Fein beobachtet, werter Don.

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