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Gutes Karma mit der Messe

11.10.2012, 21:09 Uhr  ·  Es gibt immer einen guten Grund zum Sterben, und es gibt einen guten Grund für Frankfurt. Beides muss nicht notwendigerweise zusammen passen, ja, es kann sich sogar je nach Buchhandlung gegenseitig ausschliessen.

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So eine Buchmesse muss nicht immer nur negativ gesehen werden. In meiner Heimatstadt – tiefstes, katholisches Bayern – eröffnete in den frühen 80er Jahren ein alternativer Buchladen neben den beiden alteingesessenen Buchhandlungen. Man konnte dort rote Sterne für das Revers kaufen, mit denen man Lehrer in den Wahnsinn trieb, man konnte dort Bücher kaufen, die man andernorts nicht mal bestellt hätte, obendrein wurden dort die Mädchen ausgebildet, die in den normalen Geschäften eher weniger ins Bild gepasst hätten. Und zur Krönung organisierte der Buchhändler auch noch eine Reise zur Frankfurter Buchmesse, was als höchst exotisch galt. Einmal im Jahr wurden also Stadtbewohner organisiert nach Frankfurt gekarrt, um dort jene Hallen zu sehen, die ansonsten allenfalls das Personal der Buchgeschäfte und vielleicht der ein oder andere Lehrer kannten.

 

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Die beiden alten Händler ignorierten diese Kumpanei zwischen ihrer Konkurrenz und den Lesern, und machten weiter wie gehabt. Der neue Buchhändler führte jedes Jahr Menschen in die Buchmesse ein, und die alten Händler eröffneten neue Abteilungen mit Landkarten, Postern, Schulbedarf, Zeitschriften und Papierkrimskrams. Es gibt in der japanischen Geschäftswelt eine Strategie, die übersetzt „mit Schweigen umbringen“ heisst. Und das versuchten sie mit jenem jungen Mann, der meinte, aus dem Kunden einen Leser und mit ihm eine Art Abenteuerausflug machen zu müssen, wo es schon im Vorfeld Tipps gab, wo man interessante Leute, Autoren und andere Schriftkundige, die nie in dieser Stadt gesehen wurden, erleben konnte.

Die Jahre gingen ins Land. Aus den Buchhandlungsazubinen wurden engagierte Buchhändlerinnen in anderen Orten, und aus den neuen Abteilungen der alten Platzhirsche wurden richtige Kaufhäuser für Allerlei, in denen man auch Bücher bekam. Bestseller, Tische mit Sonderauflagen, Regale mit Neuerscheinungen und sogar Trauerkarten. So gross wurden die Läden und so ähnlich, dass irgendwann eine Trauerkarte für einen Laden notwendig wurde: Der nämlich wurde vom anderen übernommen. Da war es nur noch einer. Und eben der Neuling mit den hübschen Azubinen und der Reise nach Frankfurt.

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Dann eröffnete Pustet mitten in der Stadt einen gigantischen, neuen Bücherpalast. Mit Papeterie. Wie sie es auch in anderen Städten machten. Da dachte man, er würde den anderen den Garaus machen, aber dem war nicht so: Pustet fand keinen richtigen Zugang zur Stadt, und schloss den Laden wieder. Der andere Riese in der Innenstadt hatte aber auch gelitten, und schlüpfte, unter Beibehaltung des altbekannten Namens, unter das Dach eines anderen Buchhandelsriesen, und wurde noch grösser. Mit Rolltreppe! Beim kleinen Buchhändler blieb es beim verwinkelten Haus in der Altstadt und dem rollenden Bus nach Frankfurt, voll mit Buchfreunden.

Dann marschierte der Russe Vandale Schneewittchens Stiefmutter Sauron Darth Vader Thalia in die Kleinstadt ein, üble Befürchtungen verbreitend, und setzte noch eins drauf. Ein Stockwerk. Mit noch mehr Rolltreppen und Ledersesseln und einem künstlichen, offenen Kamin. Das war in etwa zu der Zeit, als der kleine Buchhändler zusätzlich ein Altstadthaus vor dem Verfall rettete und liebevoll restaurierte, und dennoch: Die Reise nach Frankfurt fand auch in den Jahren des Bauschutts und der bröckelnden Mauern statt. Eine Tradition, möchte man nach all den Jahren fast sagen. Inzwischen fahren jene mit ihren Kindern dort hin, die selbst als Jugendliche mit diesem Bus nach Frankfurt fuhren. Und der junge, rebellische Buchhändler von damals ist heute der alteingesessene Buchhändler zwischen zwei alles zermürbenden, vernichtenden Ketten, zwischen denen kein Literatengras und keine exotissche Händlerblume mehr existieren kann. Oh Moment.

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Denn dieser hell erleuchtete Laden, der auch für Analphabeten genug waren anbietet, der Laden, der in bester Lage mit den vielen Rolltreppen und dem künstlichen Kamin und dem breiten Angebot an Dingen gastiert, die mit Büchern nichts zu tun haben – der Laden verfehlt wohl ein Umsatzrenditeziel, ich glaube, so nennt man das. Und weil das so ist, und die Miete trotzdem gezahlt werden müsste, geht das nicht zu wie beim alteingesessenen Buchhändler alter Schule, der sich bis zur Fusion gegen den Untergang gewehrt hat, und auch nicht wie bei seinem revolutionären Kollegen, der heute immer noch rote Sterne im Lager hat. Es geht nach den Regeln des Weltmarktes. Man hört momentan so, dass der Standort mit Kaffee und Esoterikklimbim wohl nicht wirklich gesichert sei.

Der Buchhändler fährt mit seinen Kunden auch dieses Jahr wieder nach Frankfurt, um Bücher und Autoren anzuschauen. Ich glaube, da gibt es einen Zusammenhalt, und einen Zusammenhang.

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (30)
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0 Savall 13.10.2012, 09:04 Uhr

Danke, Avantgarde. Ich mag...

Danke, Avantgarde. Ich mag Schnell + Steiner auch sehr. Es stimmt zwar nicht wortwörtlich, aber sinngemäß: handgemachte Bücher.

0 Avantgarde 13.10.2012, 00:18 Uhr

Und ja, ich hatte ihn in der...

Und ja, ich hatte ihn in der Hand. Er war mir dann aber doch zu schade, um eine Irokesenfrisur damit einzudrücken. Das Buch über Riemenschneider (im gleichen Verlag) ist auch sehr schön). Und das über Gartenkunst. Und...

0 Avantgarde 13.10.2012, 00:14 Uhr

@Savall Der Verlag nennt es...

@Savall Der Verlag nennt es eine "opulent ausgestattete Gesamtdarstellung der Kunst Albrecht Altdorfers auf dem aktuellen Stand der Forschung" und das stimmt, soweit ich das sehen konnte. Der Verlag hatte noch andere Bücher in den Regalen... ich hätte spontan schnell einen Tausender loswerden können. Wenn Sie sich für Altdorfer interessieren, ein exzellenter Kauf. Sollte in wenigen Tagen verfügbar sein.

0 donalphonso 12.10.2012, 22:13 Uhr

JHM, ZVAB ist ein anderes...

JHM, ZVAB ist ein anderes Thema, aber wie so oft fehlt dabei der Reiz des Entdeckens. Man findet, was man sucht, aber man stolpert nicht über das, was man nicht kennt. Das passiert dann eben nur im Antiquariat. Und deshalb ist es auch so wicjhtig, und daher macht es mir nichts aus, wenn es ein paar Euro mehr als im Internet sind.

0 donalphonso 12.10.2012, 22:10 Uhr

Und zwar ein sehr...

Und zwar ein sehr scheussliches. Ich bevorzuge Käufe ohne Datenspuren, aber ich bin ja auch paranoid.

0 salonsurfer 12.10.2012, 17:03 Uhr

Ergänzend noch zu Amazon Don,...

Ergänzend noch zu Amazon Don, viele meiner Bekannten bestellen ihre CDs und Bücher inzwischen dort - sie gehen nicht mehr zu Hugendubel und Co. Und über Amazon "marketplace" konnte ich schon längst vergriffene Titel von aufgelisteten Antiquariaten günstig erwerben. Geschickte Maketingstrategie - Novitäten und Second Hand, alles über ein Kundenkonto. Das gespeicherte Nutzerprofil ist allerdings ein anderes Datenthema.

0 JHM 12.10.2012, 15:38 Uhr

Ich erinnere noch die Odyssee...

Ich erinnere noch die Odyssee in den späten siebziger Jahren, als ich ein weltbekanntes dreibändiges Werk eines südafrikanisch-englischen Autors mit sächsischen Wurzeln im englischen Original erstehen wollte. Es hat mehrere Monate gedauert, die Bücher zu bekommen, und ich habe eine unverschämte Summe dafür bezahlt, beim klassischen Buchhändler, die Großen gab es damals noch nicht in der heutigen Form. Heute gehe ich zu Amazon oder ZVAB und bestelle, überwiegend gebrauchte, Bücher aus Großbritannien oder den USA und habe die recht flott im Haus, im Original und nicht in den inzwischen allzu oft grausam schlechten deutschen "Übersetzungen". Zumal auch viele wunderbare Bücher hierzulande erst gar nicht erscheinen. Thalia kommt in meiner Lebenswelt nicht vor, ebensowenig wie Hugendubel oder Weltbild. Dussmann hier in Berlin wiederum ist auch ein Riesenladen und durchaus in manchen Bereichen kritikwürdig, aber grandios zum stöbern, mit einer ungeheuren Masse an Büchern und Musik und einer recht gut sortierten ziemlich großen englischsprachigen Abteilung (weit größer als jeder durchschnittliche Buchhändler) und hat vor 20:00 Uhr auch sehr fachkundige Leute, danach meist Studenten ohne den Hauch einer Ahnung von Büchern, aber der Fähigkeit, im Rechner nachzusehen, wo im Haus welches Buch zu finden ist. Das Antiquariat meiner Wahl befindet sich jetzt leider im widerlichsten Teil des ohnedies schon widerlichen Moabit, nachdem der Laden auf der Kantstraße leider zu teuer geworden war, aber noch immer ist die schiere Masse ein Grund, dort stundenlang herumzustöbern, es findet sich immer etwas, und immer gibt es Rabatt, wenn man mehr als drei Bücher kauft. Die teureren, bekannten Antiquariate in der City West machen keine Freude mehr, die Händler sind teils rotzelitär im Gehabe und unverschämt in den Preisen, leider, aber das ist ähnlich mit den Silberhökern, man kennt das. Es haut einen da zuweilen schon aus den Socken, wenn man das ZVAB mit den Preisen dieser Wucherer vergleicht. Insofern, bei allem Mitgefühl mit den armen geschundenen Buchhändlern, die trotz Buchpreisbindung dauernd die Welt vollheulen wie schlecht es ihnen geht, bin ich ganz froh daß es Amazon und die anderen Onlineklitschen gibt. Was schwer wiegt und uns allen noch bitter aufstoßen wird ist der Verlust der Buchladenerfahrung in Kindheit und Jugend für die kommenden Generationen, aber das liegt auch am Elternhaus und kann vielleicht von den öffentlichen Bibliotheken aufgefangen werden. Ich habe auch in der Gemeindebücherei angefangen, und erst Jahre später die Mittel gehabt mir eigene Bücher zu kaufen, und heute stehen hier einige tausend Schinken herum, sehr zum Leidwesen der Wischdame, und ich werde immer wieder von Gästen ernsthaft gefragt, ob ich das alles wirklich gelesen habe. In Grunewald und Dahlem nebst anderen "besseren" Gegenden für Neureiche in dieser Ruine von einer gewesenen Metropole ist es inzwischen übrigens modern, sich ganze Dummy-Bibliotheken einbauen zu lassen, selbstredend Globe Wernicke mit abschließbarer Glasfront, damit niemand auf die Idee kommt, den Schwindel auffliegen zu lassen. Ein Bekannter beschäftigt drei Leute nur dafür, die dürfen dann Buchrücken jeder erdenklichen Sorte finden und dieselben kunstvoll auf Pappkartons in Buchform kleben und das alles "echt" aussehen lassen, er macht mit derlei Unfug eine Unmenge Geld.

0 Savall 12.10.2012, 15:24 Uhr

Entschuldigung, Avantgarde,...

Entschuldigung, Avantgarde, ich habe ganz vergessen zu fragen: Sie hatten den Altdorfer schon in der Hand? Was ist das eigentlich, eine Monographie, ein Ausstellungskatalog oder ein Werkverzeichnis? Das Buch interessiert mich mächtig. (Und wird natürlich hier nie in einer Buchhandlung liegen. Naja, ich könnt in die Stadt fahren... Aber lohnt es sich?)

0 donalphonso 12.10.2012, 13:55 Uhr

Antiquariat ist nochmal ein...

Antiquariat ist nochmal ein spezielles Problem, und für jemanden wie mich auch schlimm. Ein paar gibt es noch in München, aber nicht mehr die Fülle, die einmal war. Selten bin ich ohne Buch vom Bäcker gekommen.

0 donalphonso 12.10.2012, 13:48 Uhr

HM555, das mit der Lieferung...

HM555, das mit der Lieferung stimmt, bei mir ist es momental in Sachen "alte Radteile" ganz, ganz schlimm. Und wer ist schon immer daheim? Die ausgelagerte Poststation ist in einem Edeka im schlechten Viertel, der Buchhändler eine Strasse weiter unten. . Jeeves, danke im Namen der noch nicht von mir vergraulten Berliner Leser.

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ist eine Kunstfigur, die seinem Verfasser nicht vollkommen unähnlich ist.