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Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Tag 2: Vom Umgang mit Bastpuscheln

| 23 Lesermeinungen

Willkommen auf der Frankfurter Maorimesse, wie sie im Volksmund bereits heißt. Hier ist Tag, und in Neuseeland ist Nacht. Auch im neuseeländischen Pavillion. Aber was, wenn bei uns Nacht ist?

Bild zu: Tag 2: Vom Umgang mit Bastpuscheln

Ich saß gerade während der einzigen erträglichen Stunden der Messe, nämlich mittwochs vor zwölf, am Stand des Mairisch-Verlags und aß dem Personal die Haribos weg, was diese mit einer einladenden Geste quittierten, mir mehr zu nehmen, man ernähre sich seit zwei Tagen von dem Zeug. In dieser Zeit fragte mich der Mairisch-Verleger Daniel Beskos, was man gesehen haben müsse, und ich sagte: unbedingt den Neuseeland-Pavillon. Es sei meist still und dunkel dort, und es gebe nur ganz wenig Bücher. Das ist, finde ich, bei dieser Veranstaltung ein echter Wettbewerbsvorteil und der Empfehlung wert.

Es sei eben so, sagte ich, dass in Neuseeland ja Nacht sei, und deshalb sei es im Gastlandpavillon tagsüber dunkel. Aber was, fragte Herr Beskos, geschieht dort, wenn bei uns Nacht ist?

Das sei eine gute Frage, sagte ich.

Wahrscheinlich, sagte er nachdenklich, gehe es dann ganz übel ab.

Vermutlich, dachte ich mir dann, ist er hell erleuchtet. Dann marodieren dort noch mehr Maoris und klopfen sich auf noch mehr entblößte tätowierte Körperteile, als sie es während der regelmäßig stattfindenden Shows ohnehin schon tun. Es singen noch mehr sanfte und gleichzeitig eindringliche Frauenstimmen ein süßes Lied von Sehnsucht, Landschaft und komischen Beuteltieren. Vielleicht entfaltet der neuseeländische Mond, der sich im Wasser spiegelt, seine Gezeitenkräfte, und die ganze Halle wird geflutet von dieser des Tags so harmlos daliegenden schwarzglänzenden Fläche. Hoffentlich können sich Maoris und Sängerinnen und auch die Streicher, die ja mit beiden Beinen im Wasser stehen, vor den Wassermassen rechtzeitig retten, bevor sie auf die Agora gespült werden mitsamt ihren Streichinstrumenten respektive Speeren und Trommeln.

Ich mache mir Sorgen um die Maoris, sagte ich dann. Ich wisse sowieso nicht, wie ich auf bemalte Naturvölker mit Bastpuscheln reagieren solle.

Ja, sagte Herr Beskos, das sei so Ethno.

Und dann klopfen sie auf ihre nackten Körperteile, und das mache mich noch hilfloser, sage ich, weil es dann noch mehr Ethno werde, und ich wisse nicht, wie ich mit Ethno umzugehen habe, weil man nur kritisch denken lernt, aber nicht, was man zu tun hat, wenn der kritische Denkapparat Alarm schlägt. Das bringen sie einem in den Seminaren nämlich nicht bei. Weglaufen? Augen zuhalten? In einen Diskurs verwickeln? Oder einfach wortlos den Raum verlassen und Ethno Ethno sein lassen, nur eben ohne mich?

Aber Bastpuschel und nackte Körperteile seien immer noch besser als diese endlosen Anzugträgerreden.

Also die, sagt Herr Beskos, seien auf ihre Art ja auch Ethno, und man könne genauso schlecht mit ihnen umgehen.

Ich nicke und fische eines der letzten Gummitiere aus der Haribodose. Dann nehmen wir uns vor, uns abends im Neuseeland-Pavillon einschließen zu lassen, um zu sehen, was dann passiert und ob irgendetwas übel abgeht. Wenigstens dieses Rätsel muss doch zu lösen sein!

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23 Lesermeinungen

  1. Also ich trainiere im...
    Also ich trainiere im MAORI-Fitnessstudio, aber dort liest man nur Trainingspläne.
    Ein wenig nackte Haut tut der Buchmesse aber bestimmt gut, vermute ich mal aus der Ferne…

  2. Die Maori jedenfalls...
    Die Maori jedenfalls ernährten sich früher nicht von Gummibärchen.

  3. Warum immer diese...
    Warum immer diese “Anzugträger”-Schublade?
    Sowohl Kurt Beck als auch george Clonney sind Anzugträger.
    Sind die für Sie von gleicher Gattung?

  4. Ehrwürdige, ich muss Frau...
    Ehrwürdige, ich muss Frau Langen zugute halten, dass es fürwahr merkwürdig stimmt, wenn Sie den Ort, den Sie so gern und so regelmäßig besuchen, zugleich so schematisch herabwürdigen. Dass da etwas nicht stimmt, falsch im Tone klingt, trifft zu.
    .
    Für die Klage “Ach, ich muss zur Buchmesse” und für die Klage “Ach, ich bin auf der Buchmesse” ist ein Heilmittel gefunden: bleiben Sie fern. Wenn Sie aber da sein wollen (a dabei sagen meine Freunde im Süden), tun Sie eines wohl: hören Sie auf zu klagen. Man wird Sie für die Ehrlichkeit lieben!

  5. Also ich find das...
    Also ich find das haribomäßig voll ethno. Danke für den Spaß! Und nochmals danke für den Mairisch-Tipp. Solche Hinweise kriegt man eben nur auf der Messe und selten im Buchhandel. Es sei denn man hätte einen echt speziellen Spezialbuchhändler. Ich hab nur Thalia und Hugendubel. Hoffentlich sehen die Bücher im richtigen Leben auch so schön aus, wie auf den Fotos.

  6. Immerhin beeindruckten die...
    Immerhin beeindruckten die Maoris einen deutschen Aussenminister beim Nase-Nase-machen. Ob der sich jetzt heimlich bei Tag, wenn bei denen Nacht ist, hinschleicht und es uebel abgehen laesst?
    .
    (Oh hoppla, den letzten Absatz ueberlas ich. Nee, er schleicht nicht dorthin, Sie sind ja bereits da. Obwohl: mit einem Aussenminister in maorischer Nacht eingeschlossen zu sein, koennte uebel was abgehen lassen.)

  7. Und was gibt es von den...
    Und was gibt es von den Verlagsabenden zu berichten, von den Ethno-Highlights auch bei der FAZ?

  8. während der einzigen...
    während der einzigen erträglichen Stunden der Messe… lese ich – so oft Sie wollen.
    .
    Macht aber nichts, dass Sie ausweichen. Klage über die Buchmesse ist eben wohlfeil und gibt Überlegenheitsgefühl gratis. Wer wollte da nicht zugreifen?

  9. E.R. Langen: Ähm, Sie haben...
    E.R. Langen: Ähm, Sie haben den Text aber schon gelesen? Haben sie den surrealen Zauber wahrgenommen, den ich dem Gastland attestiere? Die Anstachelung zur Fiktion, die einem auch an einem drögen Messestand übermannen kann? Die Abwegigen Gespräche, die man vermutlich nur hier so führen kann, zwischen Tag und Nacht und zwischen Wachheit und Schlaf? Nein? Lesen Sie ihn bitte noch einmal.

  10. Auch wenn ich natürlich keine...
    Auch wenn ich natürlich keine Antwort bekomme: Liebe Frau Diener, wenn da alles sooo schrecklich und sooo unerträglich ist, warum sind Sie dort? Und: wie kommt es, dass Ihre Klage seltsam unecht wirkt?

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