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Autoren in Bits und Fetzen

12.10.2012, 21:40 Uhr  ·  Lange waren die Blogger als Netzgesindel verschrien, aber 2012 sind sie aller alten Pleiten zum Trotz wieder da. Und weil es so lustig war, bei der ersten Bloggerwelle mit dem blauen Werbeauto vor die Wand zu fahren, und weil der Mensch nur begrenzt lernfähig ist, wird es auch dieses Jahr ein tolles Spektakel für Katastrophentouristen und ein Fest für die Altpapierverwerter.

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Sage keiner, das Buchgeschäft sei altehrwürdig, reglementiert und traditionell: In manchen Jahren schwappt eine modische Welle mit Autoren aus dem Netz in den Buchmarkt. 2012 begann es mit Shades of Grey, das Grauen, das aus den schattigen Regionen des Internets kam. Manchmal vielleicht nur zufällig, mitunter aber auch im Gefolge des Erfolgs schafften es auch noch einige deutsche Internetschreiber in die Regale: Viele Schattierungen des geschriebenen Grau aus dem Internet, und gerne auch thematisch um das Internet kreisend. Das Internet hat sie gross oder wenigstens zu Autoren gemacht, das Internet ist irgendwie immer spannend, das Internet also. Oder so. Intern, im Verlag, läuft das auch gern unter „Digitalstrategie” und “Erschliessung junger Zielgruppen und neuer Käuferschichten“.

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Die Ankündigungen lesen sich immer gleich; diese Leute hätten die meistgelesenen Blogs, die wichtigsten Accounts und viele hochmoderne Follower und Fans. Die sind enorm wichtig, denn von denen träumt man im Buchgeschäft, es könnten vielleicht auch mal Käufer werden: „Nichtkunden, die einen Tweet dieser Autorin angeschaut haben, könnten auch ihre gesammelten Papierwerke kaufen.” Hat einer 10.000 virtuelle Anhänger, kaufen davon 3.000 das Buch, erzählen es auch einige weiter, dann ist das schon ein Erfolg. Der Autor übernimmt dann selbst das Marketing mit seiner Online-Personality. Ein gutes Geschäft, wenn es funktioniert.

Denn das kann naturgemäss nur ein Blogger. Ein Absolvent des deutschen Literaturinstituts hat dagegen nur Oma und die Pressefreunde des Lehrkörpers in Leipzig auf seiner Seite, und diese Gemengelage verkauft nicht zwingend Bücher, wie man all die letzten Jahre immer wieder auf’s Neue erfahren muss. Das ist jetzt anders. Es ist ein Jahr, in dem sich normale Jungautoren aus den üblichen Schreibschulen und Nachwuchwettbewerben fragen, wieso sie in Leipzig das Schreiben übten, in Berlin über psychische Innerlichkeitsdefekte grübelten, und das alles für Klagenfurt zusammenfassten, wenn es auch anders geht. So leicht, so schnell, nur mit etwas Blog oder Twitter, platsch, schon ist die Mail von Rowohlt im Briefkasten, und wieder ist eine Seite in der Vorschau vergeben. Das schmerzt.

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Das Tröstliche für diese traditionelle Konkurrenz ist: Das fruchtet nur in Ausnahmefällen, wie eben „Shades of Grey”. Andere können Rekordvorschüsse einstreichen, auffällige Cover oder eine Kolumne bei Spiegel Online haben, sie können mit ihren Büchern in der Bild als „Gier-Piratin” zum öffentlichen Gespräch werden, oder vollkommen übersehen werden: Der für Onlineautoren alles entscheidende Amazonrang bleibt für die deutschen Netzautoren auch 2012 durch die Bank eher schlecht, die „Erfolge” stellen sich dagegen oft genug als illegale Downloads ein. Das Geschäft mit den legalen Downloads und eventuellen Zusatzmaterialien, um die Kunden zu locken, ist, höflich gesagt, auch noch nicht voll entwickelt.

Es reicht, das kann man als Erkenntnis festhalten, offensichtlich nicht, im Internet bekannt zu sein, oder wenigstens eine realitätsrosa gefärbte Presseabteilung zu haben, die dergleichen Vorzüge blumig phantasiert. Das alte Problem des ganzen kommerziellen Internets, wie man aus banalen Besuchern und Lesern einer Webseite echte Käufer eines Buches macht, haben auch die Lobos, Haeuslers, Passigs und Schramms dieser Welt noch nicht lösen können. Gemeine Zyniker behaupten, Verkaufserfolg hätte etwas mit dem Schreiben von guten Texten zu tun, aber all die Verlagslektoren, die das Material und die Autoren bundesweit gesucht und gekauft haben, können doch nicht irren: Alle sind immer im Internet, da müsste doch das Internet auch gedruckt verkaufbar sein.

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Nächstes Jahr ist das vergessen. Mit etwas Glück stehen dann 2013 wieder tiefschürfende Texte über Schlitzerinnen, gefangen in den elegischen Frontstellungen der jüngeren deutschen Geschichte der Entität „Stille Wasser gründen tief” an den Plätzen in den Regalen, wo momentan noch gefühlt jeder dritte Bloggerkollege meiner Person zu finden ist. Der Buchmarkt ist auch nicht anders als das Content Management Systems der Blogs, beide sind immer hungrig und brauchen neue Texte, sie sind beide nicht wirklich wählerisch. Und wenn es mit der von der ernsthaften Kritik zerrissenen Stipendiatin nichts wurde, versucht man eben wieder den Kerl, der amerikanische Twittertexte übersetzt, und damit zu Raab darf. Es sind Moden, Zielgruppen und Produkte, die dafür entwickelt wurden. Es ist Platz für alle, auf den Regalen, und in der Makulatur.

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (43)
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0 Paulchen P 13.11.2012, 13:58 Uhr

SPONs gute Seite:...

SPONs gute Seite: http://cdn2.spiegel.de/images/image-424509-panoV9free-jyti.jpg

0 Paulchen P 17.10.2012, 07:20 Uhr

Das einzig tolle am Kindle ist...

Das einzig tolle am Kindle ist sein Display, Stichwort: Sonnenlicht. So etwas gibt es inzwischen zwar auch für Notebooks (von PixleQi - Farbdisplay und E-Ink als Hybrid), es wird aber nicht im Mainstream angeboten, Notebooks dazu muss man mit der Lupe suchen, leider. . Tablets mit Tastatur wären eine tolle Sache. Außer vielen Ankündigungen von ARM-Netbooks sind daraus leider nur wenige Produkte geworden. Heute dürfte die einzige Möglichkeit ein gebrauchtes AC100 von Toshiba sein, das man dann mit Ubuntu bespielen muss. Es kostet etwa 150€, wiegt rund 800g und läuft rund 4 Stunden.

0 Paulchen P 14.10.2012, 15:59 Uhr

Die Mär von der juristischen...

Die Mär von der juristischen Fachliteratur auf dem Kindle: Mit den meisten Büchern muss man arbeiten. Da müssen gelbe Zettel an den Rand, oder es wird direkt reingeschrieben. Den Nutzen sehe ich nur für reine Referenzliteratur. Aber die ist dynamisch über das Internet noch viel nützlicher. Als Beispiel diene die Dokumentation von MySQL. Sie ist querverlinkt und jede Seite hat unten einen Diskussionsbereich wie dieser Blog, in dem Fragen zu den einzelnen Funktionen diskutiert werden. Dafür ist der Kindle dann schon wieder viel zu statisch.

0 Savall 14.10.2012, 14:17 Uhr

8000 Pappdeckel, Jeeves, sind...

8000 Pappdeckel, Jeeves, sind 4000 Bücher. Ich schaffe 120 bis 150 pro Jahr. Herrn Schröder kannte ich schon, aber Dank für den Hinweis.

0 Jeeves 14.10.2012, 08:57 Uhr

"Schusterjungen, Hurenkinder,...

"Schusterjungen, Hurenkinder, falsche Bünde und Klebebindung. Davon abgesehen gibt es Fadenheftung, Folienprägung und ..." . Wer mehr darüber & über gutes Layout und gute Verarbeitung für gute Bücher wissen möchte, ...der gute Martin Z. Schröder gibt erschöpfend Auskunft, nämlich hier: http://blog.druckerey.de/

0 Jeeves 14.10.2012, 08:52 Uhr

"Würden alle Verlage morgen...

"Würden alle Verlage morgen dichtmachen, hätte ich trotzdem noch Lesestoff für Jahrzehnte. " . Man muss es von Zeit zu Zeit wohl wiederholen: In einem Jahrzehnt "schafft" sogar ein Viel-(sehr viel!)-Leser gerade mal 500 Bücher, wenn er jede (!) Woche ein Buch verschlingt. In einem Leben kann man also bei aller Mühe kaum die hier oben genannten achttausend Bände verschlingen; das geht zeitlich nicht. Muss man ja auch nicht; all die geliebten Schätze zu haben und bei Bedarf mal hier oder dort rein-zuschauen oder wenn sie gekonnt gebunden sind auch nur an-zuschauen, ist guter Grund genug, 8000 Bücher zu horten. Gratulation zu dem dafür notwendigen Platz, Savall! Ich muss mangels Platz ab und zu einiges verschenken oder wegwerfen... Werde mir aber deswegen nicht dieses elektronische Gerät kaufen. Nicht nur, weil's Scheiße im Regal aussieht.

0 sic est 14.10.2012, 00:02 Uhr

...nur vom Feinsten. Und, wie...

...nur vom Feinsten. Und, wie gesagt...

0 Savall 13.10.2012, 20:25 Uhr

Lieber Don Alphonso, ich würd...

Lieber Don Alphonso, ich würd ja gerne schreien. "Hier wird aber viel heiße Luft gejuckelt..." Bevor ich das tue, möcht ich gern Ihre Erlaubnis. Es geht um Schusterjungen, Hurenkinder, falsche Bünde und Klebebindung. Davon abgesehen gibt es Fadenheftung, Folienprägung und Wagenbach. Um es allgemein zu sagen : ihr kriegt die Bücher, die ihr bezahlen wollt. Ihr wollt Taschenbücher für 12,95, ihr kriegt sie. Ihr wollt richtige Bücher, pay for it: http://www.atlas-der-abgelegenen-inseln.de/de/ Kaufen machen!

0 Savall 13.10.2012, 19:48 Uhr

"...wie meine beiden Regale.",...

"...wie meine beiden Regale.", ähm, sic est, ich will mich ja nicht über Sie lustig machen. Aber haben Sie schon mal einen richtigen Buch-Junkie erlebt? Ich, mit meinen 8000 Pappdeckeln bin ja bestenfalls Unterkante Oberkiefer. Da müßten Sie mal den Don erleben...

0 donalphonso 13.10.2012, 18:31 Uhr

Man muss es ja nicht lesen,...

Man muss es ja nicht lesen, wenn man nicht will - ich dagegen bin ganz froh, dass man hier unangestrengt plaudert.

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ist eine Kunstfigur, die seinem Verfasser nicht vollkommen unähnlich ist.