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Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Autoren in Bits und Fetzen

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Lange waren die Blogger als Netzgesindel verschrien, aber 2012 sind sie aller alten Pleiten zum Trotz wieder da. Und weil es so lustig war, bei der ersten Bloggerwelle mit dem blauen Werbeauto vor die Wand zu fahren, und weil der Mensch nur begrenzt lernfähig ist, wird es auch dieses Jahr ein tolles Spektakel für Katastrophentouristen und ein Fest für die Altpapierverwerter.

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Sage keiner, das Buchgeschäft sei altehrwürdig, reglementiert und traditionell: In manchen Jahren schwappt eine modische Welle mit Autoren aus dem Netz in den Buchmarkt. 2012 begann es mit Shades of Grey, das Grauen, das aus den schattigen Regionen des Internets kam. Manchmal vielleicht nur zufällig, mitunter aber auch im Gefolge des Erfolgs schafften es auch noch einige deutsche Internetschreiber in die Regale: Viele Schattierungen des geschriebenen Grau aus dem Internet, und gerne auch thematisch um das Internet kreisend. Das Internet hat sie gross oder wenigstens zu Autoren gemacht, das Internet ist irgendwie immer spannend, das Internet also. Oder so. Intern, im Verlag, läuft das auch gern unter „Digitalstrategie“ und „Erschliessung junger Zielgruppen und neuer Käuferschichten„.

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Die Ankündigungen lesen sich immer gleich; diese Leute hätten die meistgelesenen Blogs, die wichtigsten Accounts und viele hochmoderne Follower und Fans. Die sind enorm wichtig, denn von denen träumt man im Buchgeschäft, es könnten vielleicht auch mal Käufer werden: „Nichtkunden, die einen Tweet dieser Autorin angeschaut haben, könnten auch ihre gesammelten Papierwerke kaufen.“ Hat einer 10.000 virtuelle Anhänger, kaufen davon 3.000 das Buch, erzählen es auch einige weiter, dann ist das schon ein Erfolg. Der Autor übernimmt dann selbst das Marketing mit seiner Online-Personality. Ein gutes Geschäft, wenn es funktioniert.

Denn das kann naturgemäss nur ein Blogger. Ein Absolvent des deutschen Literaturinstituts hat dagegen nur Oma und die Pressefreunde des Lehrkörpers in Leipzig auf seiner Seite, und diese Gemengelage verkauft nicht zwingend Bücher, wie man all die letzten Jahre immer wieder auf’s Neue erfahren muss. Das ist jetzt anders. Es ist ein Jahr, in dem sich normale Jungautoren aus den üblichen Schreibschulen und Nachwuchwettbewerben fragen, wieso sie in Leipzig das Schreiben übten, in Berlin über psychische Innerlichkeitsdefekte grübelten, und das alles für Klagenfurt zusammenfassten, wenn es auch anders geht. So leicht, so schnell, nur mit etwas Blog oder Twitter, platsch, schon ist die Mail von Rowohlt im Briefkasten, und wieder ist eine Seite in der Vorschau vergeben. Das schmerzt.

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Das Tröstliche für diese traditionelle Konkurrenz ist: Das fruchtet nur in Ausnahmefällen, wie eben „Shades of Grey“. Andere können Rekordvorschüsse einstreichen, auffällige Cover oder eine Kolumne bei Spiegel Online haben, sie können mit ihren Büchern in der Bild als „Gier-Piratin“ zum öffentlichen Gespräch werden, oder vollkommen übersehen werden: Der für Onlineautoren alles entscheidende Amazonrang bleibt für die deutschen Netzautoren auch 2012 durch die Bank eher schlecht, die „Erfolge“ stellen sich dagegen oft genug als illegale Downloads ein. Das Geschäft mit den legalen Downloads und eventuellen Zusatzmaterialien, um die Kunden zu locken, ist, höflich gesagt, auch noch nicht voll entwickelt.

Es reicht, das kann man als Erkenntnis festhalten, offensichtlich nicht, im Internet bekannt zu sein, oder wenigstens eine realitätsrosa gefärbte Presseabteilung zu haben, die dergleichen Vorzüge blumig phantasiert. Das alte Problem des ganzen kommerziellen Internets, wie man aus banalen Besuchern und Lesern einer Webseite echte Käufer eines Buches macht, haben auch die Lobos, Haeuslers, Passigs und Schramms dieser Welt noch nicht lösen können. Gemeine Zyniker behaupten, Verkaufserfolg hätte etwas mit dem Schreiben von guten Texten zu tun, aber all die Verlagslektoren, die das Material und die Autoren bundesweit gesucht und gekauft haben, können doch nicht irren: Alle sind immer im Internet, da müsste doch das Internet auch gedruckt verkaufbar sein.

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Nächstes Jahr ist das vergessen. Mit etwas Glück stehen dann 2013 wieder tiefschürfende Texte über Schlitzerinnen, gefangen in den elegischen Frontstellungen der jüngeren deutschen Geschichte der Entität „Stille Wasser gründen tief“ an den Plätzen in den Regalen, wo momentan noch gefühlt jeder dritte Bloggerkollege meiner Person zu finden ist. Der Buchmarkt ist auch nicht anders als das Content Management Systems der Blogs, beide sind immer hungrig und brauchen neue Texte, sie sind beide nicht wirklich wählerisch. Und wenn es mit der von der ernsthaften Kritik zerrissenen Stipendiatin nichts wurde, versucht man eben wieder den Kerl, der amerikanische Twittertexte übersetzt, und damit zu Raab darf. Es sind Moden, Zielgruppen und Produkte, die dafür entwickelt wurden. Es ist Platz für alle, auf den Regalen, und in der Makulatur.

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43 Lesermeinungen

  1. Ich sehe schon auch...
    Ich sehe schon auch Anwendungsmöglichkeiten (jurostische Fachliteratur z.B.), aber die Mehrheit ist meines Erachtens immer noch Sofa- und Strandleser. Ich lasse mich da gern überraschen, ich habe genug Bücher auf der Seite, und gegen den Fortschritt kann man eh nichts machen. Nur an der Seite stehen und lästern, natürlich. Und sich freuen, wenn der Fortschritt seine ersten Opfern unter seinen Protagonisten fordert.

  2. Das ist richtig, das einzige...
    Das ist richtig, das einzige Buch, das ich hätte wirklich haben wollen (neben vielen, vielen Faksimille) wäre „Johnny zieht in den Krieg“ von 1938 gewesen. Diese neuen Bücher, die haben mich nicht berührt.
    .
    Ansonsten kann ich nur zupflichten; man muss froh sein um jeden, der im Netz das Schreiben und Lesen übt. Es gäbe genig Alternativen, die für Kulturjoheitsapostel noch viel schlimmer wären: Pron, Gewaltspiele, Darknet, Spiegel Online…

  3. Ich hab mir sagen lassen, für...
    Ich hab mir sagen lassen, für Juristen, Ingenieure, Piloten und dergleichen, die kiloweise Fachliteratur mit sich herumtragen müssen, sind Ebooks, Pads und PDF tatsächlich ein wahrer Segen. Das eine oder andere Lexikon aus der „Digitalen Bibliothek“ auf CD-ROM habe ich mir zb. auch aufs Handy geladen, das ist wirklich sehr praktisch, eine alte mehrbändige Schwarte ins Taschenformat geschrumpft. Mit Wikipedia geht das auch. Ich habe mir, wie gesagt, aber auch alte Literatur darauf geladen. Ein, zwei kleinere Romane habe ich so auch schon ganz gelesen. Wenn einen der Inhalt fesselt, stören die Unzulänglichkeiten bald nicht mehr so. Aber wenn ich mir bewusst „was zum lesen“ einpacke, dann doch Bücher, also Papier. Die Ebooks nur für den Fall, das ich nicht mehr dazu kam. Zumal auf dem Handy ja eine App weiter immer schon die Konkurrenz sitzt, in Form von Browser/Netz und diversen anderen Lustbarkeiten. Man schleppte ja früher nicht einen Haufen Bücher, ein Kofferradio, ein Grammophon, ein Telephon, einen Telegrafen, einen Filmprojektor und noch einen Haufen Karten- und Brettspiele mit an den Strand, heute dagegen hat man das alles ja automatisch auch dabei. Ich finde, es ist dadurch ungemein schwierig geworden, zu entscheiden, wie man sich nun zerstreuen will. Man vergleicht nur noch all die Angebote, und ist irgendwann vergrätzt und legt den ganzen Überfluss entnervt beiseite und döst lieber vor sich hin. Die jungen Leute aber kennen Dösen wohl nur noch aus der Schule.

  4. Ich glaube, ehrlich gesagt,...
    Ich glaube, ehrlich gesagt, das Problem ist zusätzlich noch ein ganz anderes und tritt ähnlich auch in der Film- oder Musikwelt auf: Die Konkurrenz der stetig gewachsenen Back-Kataloge. Es gab einfach zuviele gute alte Sachen, vieles davon durchaus zeitlos und wertbeständig. Anderes im auf und ab der Retromoden wiederentdeckt, oder damals untergegangen, aber jetzt! Da früher ja vieles besser war, was heute nur noch als Simulation des Einstigen existiert, laufen im Kino eben Remakes und Fortsetzungen, in der Musik läuft Retropop, und der Buchmarkt ist eben auch nicht vor den Gesetzen des Marktes gefeit, trotz Buchpreisbindung und Trendlektoren und -Lektüren. Einmal war ich sehr verwegen und kriminell, und wollte mir auch illegal Bücher aus der Tauschbörse laden (nur fürs Handy für Notfälle, einen Ebookreader würde ich nie kaufen – ein Buch mit Batterie?!). Es erging mir aber wieder so wie oft im Buchladen oder beim Durchblättern der Kataloge: Ich wollte nix davon haben, es interessierte mich alles einfach nicht, sagte mir nix und kam mir pompös und langweilig vor, auf ganz andere Zielgruppen ausgerichtet. Letztlich bin ich dann doch wieder bei den freien Ebooks von Gutenberg und Co. im 19. Jahrhundert gelandet, da gabs dann paar Perlen, die ich noch gar nicht kannte. Internet lese ich eigentlich nur im Internet. Übrigens ist das Schreckensgespenst des Niederganges „Die Leute kaufen keine Bücher mehr!“, das früher ja auf TV zurückgeführt wurde („Analphabeten!“ aber die gabs ja wirklich viel in TV-Gesellschaften) und nun aufs Internet, ja damit eigentlich kein Schreckensgespenst mehr, denn alle Welt liest und schreibt ja im Internet, nix Analphabetismus. Nun kann man höchstens beklagen, dort würde ja das Falsche gelesen und geschrieben, noch dazu gratis. Aber wem steht es an, das zu beurteilen? Die guten Sachen gibts ja außerdem, wie gesagt, auch da. Und die alten Bücher kosten mich ja auch als Papier so gut wie nix, bei Amazon. Würden alle Verlage morgen dichtmachen, hätte ich trotzdem noch Lesestoff für Jahrzehnte. Und würde der Qualitätsjournalismus ohne Leistungsschutz dichtmachen müssen, dann wären die Leute natürlich uninformiert und ungebildet und würden auf Populismus, bräsige Volksparteien und von Helmut Schmidt empfohlene Kanzlerkandidaten reinfallen, die dann im Fernsehen liefen: Je nun, fänd ich jetzt auch kein Drama, denn es gäbe 1. immer noch die ÖRs und Blogs und dpa (die Nachrichtenagenturen könnten dann zb. direct-to-Consumer arbeiten), und 2. tun sie das doch auch so.

  5. Savall, ich verstehe nur...
    Savall, ich verstehe nur nicht, warum man dann die Guten auch noch mit allem Druck auf diese Pads bringen muss. Die Resonanz jedenfalls ist nicht so wirklich toll. Da sind einfach noch viele Grenzen da, auch wenn ein gewisses Klientel für manche Bücher umsteigt. Über die Frage, wie man eBooks attraktiver macht, wird immer noch viel nachgedacht, aber da ist halt nur der Autor und alles andere würde schon wieder Geld kosten, also macht man es nur in Ausnahmefällen.

  6. Jeeves, und beides sagt jetzt...
    Jeeves, und beides sagt jetzt nicht wirklich viel über tatsächliche Verkäufe aus. Tendenziell ist das wenig. Dem Schramm dürfte es wurscht sein, weil Amazon da weniger wichtig als bei einer Internetirgendwas ist.

  7. Pardon, das sind junge Damen...
    Pardon, das sind junge Damen mit einem Hang zur Selbstverstümmelung, Adern aufschneiden etc.

  8. Über Bild 3 hab ich herzhaft...
    Über Bild 3 hab ich herzhaft lachen müssen. Ein Sprayer mit Humor, welch Seltenheit. Aber Bild 2 ist mir näher, weil der Name Rebecca Gablé auftaucht. Ich finde die Dame phänomenal, hab auch alles von ihr gelesen (mehrfach). Sie ist der komplette Gegenentwurf zu den Eintagsfliegen, die Sie beschreiben, Don Alphonso. Am Anfang ohne große Werbung gestartet hat sie sich durch Mundpropaganda und treue Leserschaft zu einer Institution entwickelt. Freilich, es sind Historienschinken und mancher wird darüber die Nase rümpfen. Ich bin begeistert davon. Eine begnadete Geschichtenerzählerin mit Stil und Bildung. Lesen Sie „Hiobs Brüder“, ein Ereignis. Ein schönes Beispiel dafür, daß sich Qualität am Ende doch durchsetzt, weil sich die Leser eben doch nicht veräppeln lassen. Übrigens ist Rebecca Gablé auch ein Beispiel, wie man das E-Book vernünftig nutzen kann. Ihr erster Roman, „Das Lächeln der Fortuna“, ist damals von Seiten des Verlags aus Marketinggründen stark gekürzt worden. Im vergangenen Jahr ist dieses Buch noch einmal in der vollständigen Version als E-Book veröffentlicht worden („Director’s Cut“). Das ist doch mal ein kreativer Einsatz des E-Books. Abgesehen davon, daß sie schreiben kann hat Frau Gablé eine wirklich schöne Frisur.

  9. Fein beobachtet: Georg Schramm...
    Fein beobachtet: Georg Schramm ist auf Platz 24.723 bei Amazon, das Fräulein Schramm weit abgeschlagen auf Platz 54.244 (vierundfuffzichtausend-und-etwas).

  10. Kurze Nachfrage vom Mann...
    Kurze Nachfrage vom Mann hinterm Mond: Was sind denn „Schlitzerinnen“?

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