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Tag 4: Das Experiment

13.10.2012, 11:00 Uhr  ·  Eingekeilt im Getümmel zwischen 3.1 und 4.1 kann diese Frage schon einmal aufkeimen: Findet man hier jemals wieder heraus? Die schlechte Nachricht ist: Nein. Aber es gibt zum Glück auch gute Nachrichten.

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Bild zu: Tag 4: Das Experiment

Die Besucher machen einen zunehmend desorientierten Eindruck. „Ob wir hier jemals wieder herausfinden?” fragt es verschüchtert hinter mir.

Ich hätte mich gern umgedreht und gesagt: „Nein. Niemand findet hier jemals wieder hinaus. Es ist ein gutgehütetes Geheimnis, aber diese Messe hat eigentlich keine Ausgänge, und wer sie einmal betreten hat, ist dazu verdammt, auf ewig zwischen Kinderbüchern und Kochbüchern, zwischen Kunstpostern und Katzenkalendern sein Dasein zu fristen. Deswegen läuft man auch immer wieder den gleichen Menschen über den Weg. Alle diese ausgelaugten Gestalten mit dem fleckigen Make-up und den glasigen Augen, die sie hier sehen, drehen schon seit Jahren ihre Kreise zwischen Halle dreipunkteins und neun, sie ernähren sich von Thaicurry für neunfünfzig, der Reis zweifuffzig extra, sie hocken auf Kunstlederwürfeln und sägen an zähem Pizzateig und die einzige Natur, die sie jemals zu sehen bekommen, sind die farblich auf den Fußbodenbelag abgestimmten Gladiolen neben den mit Prospekten und Kaffeebechern zugemüllten Sitzgruppen, auf die sie sich ab und zu betten, wenn sie zu erschöpft sind, um ihr Tütchen weiterzutragen. Manchmal laufen sie ziellos über die Agora, um nicht zu vergessen, wie der Himmel aussieht und wie sich Wetter anfühlt. Sehen Sie nicht ihren irren Blick? Sie stehen mit immer dicker werdenden Beuteln und Rucksäcken in den Gängen und hören Richard David Precht zu oder Pater Anselm Grün oder Susanne Fröhlich, die natürlich auch einmal diese Messe betreten haben und seitdem hier festhängen. Um das zu kompensieren, reden sie ständig davon, wie man richtig leben soll, dabei tun sie es selbst nicht mehr, sie leben nicht, sie sitzen auf Sofas und Kameras halten drauf und Menschen bleiben stehen und richten ihre iPhones auf sie und blitzen ihnen ins Gesicht und wenn es ganz, ganz schlimm kommt, hört auch das auf und niemand interessiert sich mehr für sie. Aber sie hören nicht auf zu reden. Wissen Sie, was das mit Menschen macht? Wissen Sie, wie sich zehn Jahre Monolog von Eckhart von Hirschhausen auf die menschliche Psyche auswirken? Das deformiert ihnen Gehirn und Seele! Es ist im Grunde ein großer Menschenversuch, dem sie hier beiwohnen, und es werden immer mehr hier drin, während draußen nur noch Klone herumlaufen. All die Berichterstattung, all die Literaturpreise: Nichts als mediales Lockmittel, um immer mehr Menschen in die Buchmessendimensionsblase einzusaugen. Nein, meine Damen, nie wieder werden sie dieser Messe entkommen!”

Natürlich habe ich das nicht gesagt. Ich habe mich mit meinem australischen Freund Karsten getroffen, der mich mit folgenden Worten empfing: „This is crazy! This is a friggin’ freakshow! Let’s get a beer.”

Dass es in dieser Dimensionsblase Bier gibt, ist nämlich die gute Nachricht.

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (7)
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0 perfekt!57 13.10.2012, 19:43 Uhr

und ganz leise, pssst, wir...

und ganz leise, pssst, wir sagen nichts, aber womöglich aus mancher erfahrung: und bei manchen war das mit den trinkexperimenten auch schon mal so, man lernte um so mehr, je höher die dosis - und je ferner die gäste. (und höher.) . mathematisch ganz klar eine matrix. nahe freunde, geringe dosis, wenig lernen, fernere freunde, höhere dosis, viel lernen, .... fernste freunde, höchste engländer, max. lernen. (*g*) . and the hkjc. http://www.hkjc.com/home/english/index.asp ("some of them great characters, really great characters, you bet!")

0 perfekt57 13.10.2012, 18:30 Uhr

intelligent beobachtet, klug...

intelligent beobachtet, klug und kenntnisreich geschrieben, in der welt des wortes und der gedanken zu hause, an menschen und ihrem wohlergehen mehr interessiert, als an sachen, an der persönlichen erfahrung, interessiert, nicht am ausweichen, der wahrheit und der freien rede verpflichtet, usw., usf. . und ja, es muss marktplätze geben. und auch die freiheit der wahl. (und zwar auch zwischen den unterschiedlich unernsten standpunkten der unterschiedlichen kulturen.) (oder: warum wir uns, wenn im außen keine engländer da gewesen wären, deren - häufig durchaus überlegenen - standpunkt auch schon mal aktiv "und aus uns selbst heraus" "auch so" zu eigen gemacht hatten, reine erfahrungs- u. übungssache.) . glückwunsch! . (zitate von literatur-nobelpreisträgern konnten uns in dem zusammenhang auch schon mal schmunzeln machen, http://zitate.net/winston%20churchill.html scroll)

0 Plindos 13.10.2012, 14:36 Uhr

Diagnose: Deformatio praecox...

Diagnose: Deformatio praecox des Neocortex durch ein epidurales Hämatom im Spätstadium mit angegriffener, leicht erodierter grauer Hirnsubstanz. Therapie: Heilbar nur in Frankfurt-Sachsenhausen durch Äppelwoi.

0 schusch 13.10.2012, 13:12 Uhr

Die Zeiten, zu denen man an...

Die Zeiten, zu denen man an den Ständen schön abgefüllt wurde, sind also vorbei. Krise allenthalben.

0 Ju Honisch 13.10.2012, 12:47 Uhr

Genauso ist es. Und wer die...

Genauso ist es. Und wer die Regeln bricht, kommt ein den Agenturkeller. Dort muss man an Wachpersonal vorbei, das nachschaut, ob man auch wirklich einen Termin hat oder einfach nur einen neuen Fluchtweg sucht. Und da stehen sie dann aufgereiht, die Tischchen. In langen, paralellen Reihen, durchgezählt und mit Tischnummern versehen. Auf der einen Seite sitzen die Agenten, auf der anderen die, die was von ihnen wollen. Jedes Gespräch eine halbe Stunde. Sämtliche Gefängnisfilme, die man mal gesehen hat, laufen einem durch den Kopf.

0 Savall 13.10.2012, 11:49 Uhr

Naja, es ist eben die...

Naja, es ist eben die Bibliothek von Babel. Solange es Bier gibt und Anselm Grün für 14,99... (Übrigens ein schönes Buch, das Ding von Anselm Grün, Andrea. Natürlich nicht inhaltlich, aber buchkünstlerisch. Haben Sie mal reingeschaut?)

0 Marius 13.10.2012, 11:22 Uhr

Ja, es gibt Bier. Nur leider...

Ja, es gibt Bier. Nur leider kein besonders gutes. Und in meinem Fall aus einem dreckigen Mehrweg-Plastikbecher. Die Verköstigung lässt allgemein zu wünschen übrig, wie ich finde. Und ist darüber hinaus viel zu teuer.

Redakteurin im Reiseblatt der F.A.Z.