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Wie man die Verlagskrise überlebt

15.10.2012, 08:58 Uhr  ·  Es wird gern über die Zuschussverlage gejammert und gesagt, die Autoren würden ja nur mit dem Scheckbuch gedruckt. Das ist richtig. Aber es ist Geld, viel Geld, und wenn man es nur richtig anpackt, könnten auch grosse, schrumpfende Häuser ein wenig vom Kuchenabbekommen und neue Zahlschichten erschliessen.

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Es ist laut. Die Luft ist trocken und stickig. Mit etwas Delirium Einbildung riecht man Sünde, wenn eine schwer gegen den typischen Buchmessepesthauch einparfümierte Frau vorüberschreitet. Die Fachbesucherinnen schreiten nicht mehr, die kriechen nach all dem Stress auf dem Zahnfleisch. Und nach vier Tagen sind auch die Stände nicht mehr wirklich sauber. Bei U**** klebt der Teppich von verschütteten Gratis-Caipis. Die Welt des Lesens ist in Unordnung, und genau im Augenblick der Erkenntnis hält mir jemanden einen Katalog hin, der anders ein: Eine Frau mit dem Aussehen der jungen Anette Schavan ruht im Ohrensessel, ein Windhund liegt auf einem mit rosa Seide bezogenem Hepplewhitesofa, ein offener Kamin, die Wände voller Bücher und Gemälde, und der Tee auf dem Hocker wurde nicht mit billigen Beuteln wie auf der Messe gemacht. Für einen Moment sieht die Messe nicht wie Frankfurt aus, die grölenden Cosplayer mt ihren Plastikschwertern verschwinden aus meinem Bewusstsein, und empfinde wieder so etwas wie Zivilisation, denn es sieht ein wenig aus, wie bei mir daheim in Bayern. Gut, bei mir ist mehr Gold, Tafelsilber und Rokoko, aber nach 4 Tagen Frankfurt ist man anspruchslos.

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Das nehme ich in hier gern an. Und bin leichtgläubig reingefallen, denn die üppig aufgemachte Vorschau gehört einer Zuschussverlagsgruppe, deren blumig erfundenen Namen so edel sind, wie ihre Absichten banal. Drinnen finde ich wirklich ganz schauderhafte Machwerke, so dass ich mich frage, ob dieser Verlag vielleicht von Random House übernommen wurden. Aber es ist immer noch der alte. Nicht ganz billige Zahlverlag. So ist das mit dem Traum von Büchern mit dem eigenen Namen auf dem Einband: Viele sind dafür sogar bereit, sich den Lesern über das Fernsehen anzubiedern, da ist ein üppiger Scheck für die „Druckkosten”, relativ gesehen, fast eine anständige Angelegenheit.

Noch anständiger wäre es, wenn man das Blendwerk nicht so leicht durchschauen könnte. Wenn nicht jeder nach dem ersten Blick schon wüsste, wer hier mit welchen Mitteln in die geistige Aristokratie der Autorenschaft erhoben wird. Und ich habe keine Zweifel, dass manche für mehr Prestige auch mehr zahlen würden. Man muss nur bedenken. was Menschen für einen Doktortitel zu tun bereit sind. Da geht noch was, und das Schöne beim Buchverlegen ist: Man riskiert mit ein paar klugen Tricks nicht seine Karriere. Nachdem auf dieser Buchmesse so viel gejammert wurde, etwa über die bösen Raubkopierer, die die Verlage in den Ruin treiben, ist mir da eine Idee gekommen:

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Wie wäre es, einen alteingesessenen, finanziell aber taumelnden Verlag zu übernehmen, und dann eine spezielle Reihe zu gründen. „Suhrwolt Arcadia” zum Beispiel, oder „Fischerbertels Optimum”. Man nehme nur bestes Büttenpapier vom Tegernsee, denn die Zielgruppe sind vornehme Menschen, die damit natürlich nicht angeben, sondern vornehm repräsentieren. Ziegenledereinbände sind da unverzichtbar – wer einmal bei den Faksimile war, weiss, was Vermögenden gefällt. Geringer Verkauf ist absolut kein Problem, wenn die Auflage limitiert, signiert und 1-100 durchnumeriert ist, und die meisten Exemplare sowieso vom Autoren genommen werden. Dazu braucht man nur noch ein gehobenes, wohlklingendes Herausgebergremium. Book on Demand hat Vito von Eichborn, für eine Nobellinie schwerreicher Neuautoren schweben mir gefeierte Buchmenschen wie der kraftvolle Vermarkter KT von Guttenberg und die innovativkreative Helene Hegemann (oder wer immer sich hinter diesem Namen als Autor verbergen mag) vor. Bestseller entstehen so zwar sicher nicht, aber diese Zielgruppe will gar nicht in einem Atemzug mit Mario Barth genannt werden, oder den eigenen Namen in der Spiegel Taschenbuchbestsellerliste lesen.

Für die soziale Einordnung werden in dieses Luxusprogramm auch noch literarische Leistungen bekannter Politikers aufgenommen: Germany’s next Christian Wulff wird sich sein Werbebuch nicht von einem Filminvestor bezahlen lassen müssen, sondern es hier durch seine Mitarbeit zugeeignet bekommen. Einmal m Jahr wird dann ein Schloss in der Wallachei Ostzone Mitteldeutschland günstig gemietet, und dort gibt es dann in der Ritterhalle das Jahrestreffen des zugehörigen Clubs, etwa „das bibliophile Athenäum”, zu dem diese Personen des öffentlichen Literaturlebens alle erscheinen. Mit handgedruckter Einladung! Natürlich sind solche Kleinstauflagen enorm teuer, aber der Autor kann sagen: „Ach ne, Kowalski, det jeht nich wa, an dem Tach bin ich auf der Reise zu meinem Autorenverband, wichtiges Treffen mit na Sie wissen schon da gehe ich gar nicht ins Detail, aber da auf Schloss Hagenowbrüchen kann ich einfach nicht fehlen. Det is sowas wie der Bilderberg für die wahrhaft Bibliovielen”. Das klingt doch gleich besser als: „Ich war da am Stand, habe meine Bücher ganz nach vorne geräumt, und in vorderster Frrront habe ich vorbeigehende, betreten wegschauende Cosplayer mit meiner Geschichte der ehrenwerten deutschen Standgerichte von 1939-45 angevorlesenbrüllt”.

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Für solche Herrschaften ist – im Gegensatz zu Jungautorinnen – die Messe nichts Zumutbares. Die möchten ihren literarischen Erfolg in einem Umfeld feiern, das diese Errungenschaften auch wirklich zu würdigen weiss, und da nehme man ihre Kollegen, die Politiker in Geldnot, ein paar Hostessen ohne Piercing und vielleicht noch ein paar verarmte Adlige, denen der Russe und der Pole alles genommen hat, um ein launige Reden über die Bedeutung des Autors in der Gegenwart zur Wahrung der Kultur zu halten. Das ist es, was sie wollen. Da werden viele Hände einander waschen, es wird allen zum Nutzen gereichen, es ist fast wie im echten Literaturbetrieb, nur ohne die Leser – aber auf diese gemeinen Downloader sollte man ohnehin keine mehr Rücksicht nehmen.

 

 

 

Hm.

Vielleicht ist die Buchmesse doch nicht so schlimm. Wir werden es im nächstem Jahr sehen.

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (40)
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0 waskostetdiewelt 23.10.2012, 19:10 Uhr

Mein braver Kommentar @HM555...

Mein braver Kommentar @HM555 (nach dem 17.10.) bis heute nicht eingestellt. Was hat an der wirklich leichten Kost nicht geschmeckt?

0 waskostetdiewelt 19.10.2012, 10:47 Uhr

@HM555 Manuskripte gehen...

@HM555 Manuskripte gehen ungelesen auf dem Postweg verloren. Vielleicht für alle das beste.

0 fionn 17.10.2012, 07:10 Uhr

@ EgonOne 19.08h gestern Wie...

@ EgonOne 19.08h gestern Wie man die BLOGkrise überlebt? Mit Hochfrequenz? Paul Krugman (Blog auf die NYT online) kommt manchmals mit 2-3 neue Beiträge pro Tag - und die Post die er bekommt ist überwältigend. Deshalb schaue ich nur sehr selten vorbei...

0 perfekt!57 16.10.2012, 20:42 Uhr

und echte schriftsteller -...

und echte schriftsteller - sind die nicht alle tot? (nicht: durch tastensklaven ersetzt) . und die heutigen buecher brennen doch schon laengst nicht mehr, da durch und durch aus oxid erzeugt. . und die manuskripte bleiben im kopf. (weshalb die neuen begriffe not tun. denn das manuskript kam ja von handarbeit her) (oder von den berichten - aus den zeiten der untaetigen haende) (oder warum die neue taetige naechstenliebe mehr buecher schreiben sollte) . am rande.

0 perfekt!57 16.10.2012, 20:36 Uhr

und wie schoen auch weiterhin,...

und wie schoen auch weiterhin, dass unser gastgeber immerhin mitten im strom der zeit anker setzt, sich treiben zu lassen. (die besonders langen leinen vorausgesetzt, wird es dankbarer weise das gewohnt exklusive Treiben sein, des sind wir sicher - und freuen uns schon auf noch mehr delektierliches aus dem grossen rund) . und kleine gruese zum aperetif.

0 EgonOne 16.10.2012, 17:08 Uhr

@fionne So eine Verlagskrise...

@fionne So eine Verlagskrise zu ueberstehen ist nicht einfach. Ich selbst habe einige davon ueberlebt -- ohne allzu grossen Schaden. ( A few scars remain, however) Eine Methode, die fuer eine Zeit gut wirkt, ist kuerzere Blogs, zu hoeher Frequenz. Sowas generiert oft groessere Teilname von Kommentatoren und Lesern, und Verleger lieben immer gerne die steigenden Nummern der Teilnehmer. It's mostly a numbers game in any event, and the more action a blog generates, the better. Publishers love a growing audience. It was ever thus. At least that's how I see it. Ich hoffe DA uebersteht die vermutete Krise in bester Verfassung und wuensche weiterhien Viel Glueck und Viel Erfolg. Pax vobiscum

0 HansMeier555 16.10.2012, 16:54 Uhr

Manuskripte brennen nicht,...

Manuskripte brennen nicht, Bücher schon

0 Nicolai v. N. 16.10.2012, 12:55 Uhr

- Weiterhin schöne...

- Weiterhin schöne Buchausgaben - Autoren glücklich gemacht - Distinktionspotential geschaffen - Beisammensein geschaffen - Lektoren bezahlt (AKA Berlinzulage) - Ghostwriter bezahlt (AKA Künstlerzulage) - Schlosserhaltung subventioniert (AKA Denkmalschutzzulage) - Schöne Bilder (AKA Klatschblattzulage) Wunderbare Idee eigentlich. Jetzt müsste man zu rechnen beginnen. Wieviel kostet denn so ein feines Buch in kleinerer Auflage?

0 diktionaftis 16.10.2012, 12:45 Uhr

"... und erstehen vielleicht...

"... und erstehen vielleicht irgendwann neu ..." für die vielen Bibliophilen: Schöne Bilder vom Phönix aus Zeiten, als Büchermachen noch richtige Handarbeit war ... . http://armorial.library.utoronto.ca/ordinaries/phoenix

0 fionn 16.10.2012, 12:30 Uhr

@ DA. Re my post earlier...

@ DA. Re my post earlier this morning (Re Frequenz) to your Stützen der GGschaft blog, pls don't put it up on your blog - I'd rather wait to see if what I expect, does in fact happen....

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ist eine Kunstfigur, die seinem Verfasser nicht vollkommen unähnlich ist.