Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Denn sie wissen nicht, in welche Schwänze sie beissen.

| 19 Lesermeinungen

Sie geben nicht auf: Auch 2013 schwappte Internet- und Computerbrühe in die Pfade der Buchmesse, ganz so, als ob man sie darum gebeten hätte, oder die Versprechungen dieses Jahres besser als die Lügen des letzten Jahres wären.

Das angenehmste Bild der Buchmesse habe ich ausgerechnet an einem höchst unangenehmen Ort gesehen: Am Stand der Welt nämlich, einem verbliebenen Druckerzeugnis aus dem Hause Springer, die sich rühmt, Digitalpartner der Messe zu sein. Dortselbst war also ein digitales iPad zu sehen, die Zukunft, wie manche glauben und darauf ein Nachrichtenticker. Beim Laden. Er lud und lud und lud und es kam nichts, keine Nachricht, keine Information. Auf dem Sofa trugen die Hostessen kurze Röcke und unsägliche Langeweile, und als ich ein paar Minuten später wieder vorbei kam, lud der Ticker noch immer. Eine halbe Stunde später war immer noch das kreisrunde, sich in den Schwanz beissende Symbol für den unendlichen, unendlich sinnlosen Ladevorgang zu sehen. Und auch dahinter langweilte man sich beim Digitalpartner in Ermangelung von Ansprechpartnern weiter. So ist das mit der digitalen Zukunft, ein unendlicher Ladevorgang. Wenigstens war es bunt, teilweise sogar so entsetzlich bunt, dass man etwas dagegen hätte tun müssen, und sie hatten weiche Kissen als Killerapp.

Gefühlt hat das mit der Elektronik auf der Buchmesse jedoch deutlich nachgelassen. Es gibt sie immer noch, die angeketteten Elektrogeräte mit ihren undezenten Schlössern, ganz so, als sei das heisse Ware und nicht der Sondermüll von 2017, diese digitalen Skalvenfesseln, die den Weg zu den Bücherregalen versperren, und manche tippen auch noch darauf herum. Aber es ist wie generell bei diesen Spielsachen, der Neuigkeitswert hat sich etwas abgenutzt, man bekommt das heute beim Abschluss eines Mobilfunkvertrages geschenkt dazu, und vielleicht haben manche Verlage auch gemerkt, dass sich das Internet ein wenig zu weit vor den Ausblick auf ihr Kerngeschäft geschoben hat.

Man merkt das auch bei den notorischen Nutzern solcher Geräte. Letztes Jahr wurden noch unter allen Steinen und Sumpflandschaften des Netzes Blogger hervorgezogen und vertraglich an Verlage gekettet, um mit 25 jungen Jahren schon ihre Internetbiographie oder über Spam oder über Piratenpolitik zu schreiben, oder was es da sonst noch an verlockend scheinenden Themen zu entdecken geben sollte. Wer über 10000 Follower bei Twitter hatte, durfte auf Verlagskosten ausprobieren, ob er mit mehr als 160 Zeichen auch mehr als 10000 Käufer finden würde, und findige Agenten wissen, wer heute jammert, als ob man sie in den Schwanz gebissen hätte: Das Controling, das diese bei den Lesern unbeliebten Ausfälle mit den Gewinnen verrechnen musste, die von klassischen, internetfernen Autoren kommen, die tatsächlich mehr als 160 Zeichen routiniert zu Papier bringen. Ja sogar schreiben können, auch in Zeiten wie diesen.

Längere Ladevorgänge gibt es also nicht nur bei der Welt aus dem sich digital gebenden Springerhaus. In manchen Ecken, da, wo sich bei solchen Megaevents zwangsläufig der Schmutz ansammelt, sah ich trotzdem Case Studies zur Kundengewinnung bei Air Malaysia, was sicher phantastische Rückschlüsse auf die Kaufgewohnheiten deutscher Leser zulässt. „Hot Leads gewinnen durch E-Commerce“ versprach ein anderer Vortrag, dessen Folien vermutlich schon seit 1997 den Untergang des Analoghandels und den endgültigen Durchbruch von Pay Conent mit Hilfe von Marktstudien garantieren.

Ich bleibe stehen und schaue mir dieses angenehme Grundrauschen seltsamer Begriffe an, die ich aus einer fernen Vergangenheit der New Economy selbst noch kenne. Ich dachte, das wäre ausgestorben, aber hier sind immer noch Reste, allerdings ist das auch auch in Halle 4.0, wo die Händler der Resterampen ihre Angebote an den Mann bringen wollen. Neben diesem offensichtlichen Scheitern erhoffter Bestseller hat sich also die Zukunft eingenistet, mit piepsigem Stimmchen und Angst. Ich sehe junge Frauen mit ihren Händen beim Vortrag kneten und lieber die Folie als das Publikum anschauen, was gemeinhin ein schlechtes Zeichen ist. Sie klammern sich lieber an die eigenen Worte, statt an ein wenig überzeugtes Publikum: Beraterkätzchen beisst sich in den eigenen Powerpointschwanz.

Natürlich bemühen sie alle ein anderes Bild; der Ladevorgang sei zu 99% abgeschlossen und wer jetzt nicht einsteigt, der kommt zu spät. Heute beweisen sie das mit Air Malaysia auf der Buchmessse, in vier Wochen beim Fachverband der Rosenzüchter und in drei Monaten sieht man, ob die Abschlüsse besser waren als die der Verlage mit den diversen Onlineautoren. Falls nicht, darf man 2014 hoffen, dass sie Branchen frequentieren, die der Moderne aufgeschlossener sind. Natürlich laufen dort nicht so viele Journalisten herum, deren Aufmerksamkeit sie, wie man hier sieht, erwecken können. Aber Awareness ist, wie man hier sieht, auch nicht alles, da beisst die Maus nicht mal in Ermangelung von verbleibenden Schwänzen einen Faden ab.


19 Lesermeinungen

  1. Und den digitalen Schrott kann das "Ministerium für Wahrheit"
    jederzeit ohne großen Aufwand per Suchmaschine „politisch korrekt“ redigieren. Nix muß mehr verbrannt werden, ist also auch klimagünstig. Schöne „Neue Weltordnung“ mit herzlichen Grüßen von George Orwell

    • Differenzen
      „Schöne neue Welt“ ist von Huxley, „Fahrenheit 451“ ist von Bradbury. In „1984“ werden keine Bücher verbrannt. Und niemand, ich betone „niemand“, kann auf Ihrem E-Book-Reader ein freies Buch ohne Ihr Einverständnis löschen. Das geht nur bei gekauften Büchern mit DRM. Empfehlung: Digitale Bibliothek 5 mit legaler Exportmöglichkeit kaufen und Sie haben die Weltliteraur in der Tasche.

    • Sicher, aber die Branche will doch explizit Bücher mit DRM, und denkt gar nicht daran, freie Bücher durchzusetzen.

    • Im schlimmsten Fall macht man halt einen Filter und nennt unerwünschte Inhalte Kinderpornographie.

    • Kleine Korrektur @ Savall
      In „1984“ werden die „veralteten“ Meldungen verbrannt nachdem sie im Miniwahr „angepasst“ wurden.

  2. Lesermeinungen zu diesem Artikel (0)
    Hallo, Technik! Könnte man vielleicht noch einige Kategorien einfügen? Also ungefähr: in dieser Galaxie nicht geschriebene Artikel, Schrödinger-Katzenartikel, Unscharfe Artikel, Zwei-Hosenbein-Artikel? Würde jetzt echt helfen. Naja, wen Sie mal wieder in diesem Universum vorbeischauen. Ich bin da ganz zuversichtlich. (Übrigens war Schrödingers Katze echt sauer, als man die Kiste aufmachte.)

  3. es ist, wie es ist
    „der dank kommt von herzen – und die füße sehr am boden.“ http://www.radio-in.de/mediathek/tag/christine-haderthauer/video/csu-ingolstadt-feiert/ – immerhin wollen die beiden ingolstädter h. und s. jetzt bekennend viel für ingolstadt tun. (tut auch not, in der tat, viel zu viel alter gammel von gestern da überall. grad wie in nrw oder sonstwo.)
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    „Die Ingolstädterin wird Chefin der Staatskanzlei. Dort ist sie die Schnittstelle zwischen dem Ministerpräsidenten und Berlin, sie selbst freue sich auf die „hoch-attraktive Superaufgabe“.“ http://www.radio-in.de/mediathek/tag/christine-haderthauer/video/christine-haderthauer-wird-chefin-der-staatskanzlei/
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    na also, don a. geht, eine haderthauer kommt – und ingolstadt bleibt. in berlin.
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    • von unserer jugend
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      „Das Ingolstädter Reuchlin Gymnasium ist dringend sanierungsbedürftig. Um das ganze Ausmaß zu ermitteln muss jetzt ein Planungsbüro beauftragt werden. Allein dafür wird schon mit 200.000 Euro gerechnet. Das Hauptgebäude des Reuchlin ist über 200 Jahre alt. Auch Turnhalle und Anbau sind marode und müssen in den kommenden Jahren generalüberholt werden.“
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      http://www.radio-in.de/grossprojekt-gymnasium-20693/
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      fast wie überall in frankreich.
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    • Die haben erst vor ein paar Jahren einen unglaublichen Protzneubau an die Stelle bekommen, wo einst die schnsten Bume stabden. Da hält sich mein Mitleid in Grenzen. Abreissen und einen Park machen! Dann reden wir weiter.

    • über 200 Jahre alt?
      Der Kasten wurde 1893 gebaut. Vollverblödete dyskalkulistisch gehandicappte Rundfunk“journalisten“ können sich da schon mal irren.

      Aber was hat all der Haderthauer-Seehofer-Ingolstadt-Schmarrn mit dem Beitrag von donalphonso zu tun?

  4. historisches beileid, fast ohne worte
    „ich habe hier gelesen, aber ich kann münchen nicht ertragen. die zeitungen sind zu beschäftigt mit film-kritiken und anderen sudeleien, als das sie von uns eine notiz nehmen könnten. ich hoffe auf ein kleines haus auf dem lande, fern jedem literarischen betrieb, dort könnte man mit der konzentration arbeiten, die für ein werk nötig ist.“ johannes r. becher an seinen bachmair, haar, 23. juni 1920.
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    „ich bin jetzt so eifrig bei der arbeit und fühle mich voller energie. einladungen zur mitarbeit laufen tagtäglich bei mir ein. letzte woche hatte ich alleine zwei anträge aus boston…. an den „s. l. messenger“ habe ich 50 seiten „marginalien“ gesandt – davon sollen im laufenden jahr fünf seiten jeden monat erscheinen. ich muss also nur sorgen, dass meine lebensgeister auf der höhe bleiben, dann bin ich bald aus allen pekuniären schwierigkeiten heraus.“ e. a. poe an annie l. richmond, new york, jan. 21th, 1849. http://worldofpoe.blogspot.de/

  5. Apokalypse
    Sorry für Telegrammstil -> Zeichenbegrenzung. Hochwichtiges Thema. Digitale Evolution ist durchaus im Gange. Weit jenseits von Berliner Internet-Checkern. Gedruckte Auflagen sinken rapide. Schrottschuß-Prinzip. Wissenschaftsverlage stellen auf Digital-First um. Gedrucktes Buch nur Zusatznutzen gegen Aufpreis. Wenn kritische Masse erreicht, kippt der Markt. Schon dreimal erlebt. Den letzten Wechsel hab ich richtig vorausgesagt. Wenn große Marktakteure umstellen, dann alles anders. Für Digital ist Schulbuch Schlüsselmarkt. Max. noch 3 Jahre. Momentan bricht mittleres Segment weg. Ganz billig und ganz teuer geht noch. Ganz billig geht bald an Digital verloren. Kunstbände und Kataloge momentan nicht ersetzbar, bei größeren Bildschirmdiagonalen -> Killerapp. Verlage begreifen momentan noch nicht neue Möglichkeiten. Versuchen gedrucktes Buch umzusetzen. #fail. E-Book ganz andere Möglichkeiten. Zukunft Print: Halle 4.1

  6. Nix Neues unter der Sonne
    „Fest steht, dass das Publikum seit einigen Jahren keine oder fast keine Bücher mehr kauft.“

    Nix besonderes. Oder doch? Ich fand den Satz in Adrienne Monniers Buch „Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odeon“, er stammt aus dem Jahr 1937, man beklagte den Leserschwund also bereits vor 76 Jahren.
    .
    Und vor zwei Jahren:
    Die E-Book-Lobby und ihre „Forschung“, hier: http://www.faz.net/-gr0-6ui3a
    Fazit: Außer Reklame war da nix.

    • Keine Ahnung
      Ich weiß jetzt nicht, wo und ob überhaupt mein Beitrag erscheint. Gedacht ist es als Antwort auf „Jeeves 12.10.2013, 11:54 Uhr“. Was ich meine ist, daß das elektronische Lesen für Vielleser wie mich überaus viele Vorteile hat. Ich habe das auch von anderen Konsorten erfahren. Es mag uns allen nicht sonderlich gefallen, aber: der komplette Stefan Zweig für 0.99 EUR und der komplette Wilhelm Raabe für nichts? Ich habe ein schlechtes Gewissen dabei. Aber nur für ein paar Minuten.

    • Titel eingeben
      https://www.youtube.com/watch?v=OpV9OIDgj2Y

      Printmedien werden dorthin gehen, wo die CD`s bereits sind.
      Sie hatten in ihrer Zitatsammlung mal so ein witziges Zitat eines Musikjournalisten, der sinngemäß sagte, die Künstler müssten ihren CD`s nur mehr Extras beifügen, um die Absatzzahlen zu retten.

    • Das sieht im Moment noch nicht so aus, die Konsumenten von Büchern in meinem Sektor zumindest sind anders als Musikkäufer. Musik ist etwas die breite Masse, aber Bücher werden ohnehin nur von einer kleinen Schicht gekauft. Irgendwann habe ich mal gelesen, dass der Deutsche sich aufteilt in viele Garnichtkäufer, einige Normalkäufer und ganz wenige Ganzvielkäufer mit mehr als 50 Büchern pro Jahr – und das sind die, um die es geht.

    • NUn ja, also Raabe, den würde ich persönlich, also, nun gut.

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