Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Ich werde Thronvermieter

| 5 Lesermeinungen

Einmal bei Sekt mit Heine über den alten Goethe lästern? Oder auf dem Ledersofa Virgina fragen, ob sie einen Woolf im Whiskeytank hat? Das alles wird 2014 möglich sein, wenn ich ordinären Buchmessebesuchern alle Träume erfülle.

Wer länger auf der Buchmese ist, kennt auch die Klassenunterschiede der Besucher: Ganz unten ist der Leib- und Seeleneigene der Leserschaft, der erst gnadenreich vorgelassen wird, wenn das Hochamt des Mammons und der Rechteverkäufe mit all seinen Eitelkeiten schon vorbei ist. Der muss laufen, stehen, auf dem Boden sitzen, oder er bekommt, wenn er Glück hat, eine Leseecke zugewiesen, wo er keinen stört. Fachbesucher dürfen sich hinsetzen, wenn sie nicht nur mit der Pressedame anbandeln wollen, Bekannte bekommen Orangensaft aus Plastikbechern und wirklich gute Freunde schleimiges Fingerfood, für das sich jede gute Hausfrau unter normalen Bedingungen in den Main werfen würde. Irgendwo ist dann auch noch eine Flasche Sekt und eventuell sogar Gläser, die auf auf lila Untersetzern nicht wie Senfgläser ausschauen, und eine Kabine in den grösseren Ständen, wo sich die wirklich wichtigen Leute auf Sesseln lümmelnd darüber beschweren, wie viel Plebs heute hier herumläuft. Früher war das anders! Noch einen Whiskey? Und wieso gibt es hier keinen Kamin und kein Bärenfell?

Ich habe das in meiner Karriere natürlich alles erlebt, ich war hier als Besuchsvieh, Autor, Vortragender und jetzt als bei Presseleuten eigennützig gefragter Journalist dieser Zeitung, mehr und mehr Türen haben sich mit der Erwartung an meine Hilfsleistung geöffnet, und nur, weil ich ein im Innersten sehr ängstlicher, menschenhassender Soziopath bin, sieht man mich selten auf den Empfängen, bei denen sich diese Branche aus mehr oder weniger teuren Blechanrichten bedienen lässt. Aber ich weiss natürlich auch, dass alle, die draussen bleiben müssen, gerne eingelassen werden würden, um dann auf einem Sessel mit Adorno, Kant und Diderot oder ihren mediokren Nachfahren im Whiskeyglasgewitter zu urteilen: Das ist alles schlecht, das taugt nichts mehr. Ja. So ist das.

Und da habe ich eine Idee: Nächstes Jahr gründe ich einen Verlag mit dem schönen Namen „Die Bedeutenden“. Dann miete ich eine grosse Fläche und mache verschiedene Lebenswelten: Einen feinsinnigen Salon für ältere Herrschaften, ein paar marode, nach Bier und Hunden riechende Matratzen zur Rekonstruktion Berliner Verhältnisse, eine loftartige Küche für Amerikaner und Briten. Dazu beschaffe ich mir ein paar geistreich nickende Statisten, die die Namen derjenigen bekommen, die gar nicht auf der Messe sind: Tote, Nobelpreisträger, Erkrankte, J.K. Rowling und Verfolgte der Steuerfahndung, das geht ja schnell in Tagen wie diesen, der Bestsellerautor und Buchmessenkönig Boris Becker weiss vermutlich Bescheid. Obendrein hole ich aus dem Speicher die schrecklichen Historismussessel von meinem Ururgrossvater, und stelle die auf.

Und gegen einen kleinen Obolus – sagen wir ab 50 Euro für einen betrunkenen Berliner Hipster, 500 für Herodot und 5000 für das Duo Heidenreich & Katzenberger – darf man sich dazu setzen. Man bekommt dazu in aller Öffentlichkeit und bester Einsehbarkeit ein echt wirkendes Glas von den schönsten Pressedamen gereicht, die man für 9,99 Euro pro Stunde beim Studentenwerk mieten kann, und darf fast ganz echten Autoren und Koryphäen sagen, was man schon immer mal loswerden wollte. Ich bin da so wählerisch wie Grossverlage bei der Auswahl ihrer leicht fettfleckigen Zukunftsinternetgeschäftsberliner, anything goes. Und aussenrum stehen andere, gaffen und fragen sich, welche Szeneberühmtheit zum Teufel da gerade mit Goethe ausgerechnet über den besten Weg nach Küssnacht sprechen will.

Zu teuer? Dafür kriegt man ja sogar schon echte, gute Bücher? Leider geht Kultur nun mal nicht ohne Geld. Aber ich habe auch ein Herz für sozial Benachteiligte und einen Einstiegstarif. Mit einem kleinen Haken, weil man sich gar nicht zu einer falschen echten Autorin setzen darf, sondern nur zu einer falschen echten Abschreiberin. Weil auch ich den Wert echter Werke zu schätzen weiss, zahlt man nur 3 Euro im Wert eines schlechten Frankfurter Döners für die Hegemannkopie, aus dem Internet und anderer Leute Werke lässt sich fein zitieren, und den Preisvorteil gebe ich als ehrbarer Verlagsgründer natürlich weiter. Mit rückgratlosen Freigummibären aus einer Tüte und lapprige Waffeln mit Nutellaersatzstofffüllung! So macht man heute Social Reading.

Den Verlag „Die Bedeutenden“ melde ich natürlich in der rettungslosen Bürokratie der Stehimbisskulturmetropole Berlin an, da fragt die Buchmesse dann auch nicht weiter, wenn er nach Einsacken des Profits urplötzlich wieder von der Bildfläche verschwunden ist, und nichts zurücklässt ausser Rechnungen und zufriedenen Besuchern, die endlich auch einmal dazu gehören durften.


5 Lesermeinungen

  1. Messe kann sehr schön sein
    Ich habe wieder sehr schöne Stunden bei deutschen und internationalen Kunstbuchverlagen verbracht, mit teilweise sehr charmanten Damen dieser Verlage geplaudert, und ansonsten viele Leute getroffen, die ich sonst nicht sehe, und das ganz ohne Termine (1. Regel der Messe: KEINE Termine machen).

    Die Vertriebler und Lizenzdamen sollen ihr Ding machen, aber es gibt genügend Nischen auf der Messe, die die Anreise lohnen. Ich entdecke liebevollst gemachte hochwertige Bücher, von deren Existenz ich vermutlich sonst nie erfahren hätte, bekomme Einladungen nach Mailand, Kiev und Buenos Aires.

    Um die Stände deutscher und internationaler Großverlage kann man locker einen Bogen schlagen. Die großen und angeblich so angesagten Verlagspartys kann man sich ebenso schenken.

    Übrigens kann heute jeder Fachbesucher sein. Online überprüft kein Mensch, ob man wirklich berechtigt ist. Kostet dann halt 34 Euro. Holt man aber mit dem für viele schöne Bücher geltenden Messerabatt schnell

  2. Auf Messe nix Neues
    Ganz allgemein gibt es doch gar keinen Grund mehr, Messen auszurichten und zu besuchen. Dann bleibt einem auch dieser ganze Mesepöbel erpart, der letztlich durch niedere Aussteller und PowerPoint-Häppchen angezogen wird wie schlecht bezahlte Ich-muß-zur-Messe-Besucher.
    Es geht doch nur um die Vermarktung der Standflächen, sonst nix. Wenn überhaupt, sind kleine regionale Verbrauchermessen noch sinnvoll.

    Fazit: Heutzutage weiß man was man braucht, und noch mehr, was nicht.

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      Den Eindruck habe ich aus anderen Sektoren, namentlich Landwirtschaft, auch. Allerdings hat man dann niee den Überblick, und wenn man viele Leute mit überschaubarem Aufwand treffen will, ist es natürlich wunderbar.

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      Bestimmte Leute trifft man nur auf der Messe. Das kann jetzt für – aber auch gegen die Buchmesse sprechen. Anderer wiederum trifft man auf der Buchmesse überhaupt nicht. Zum Beispiel Thilo Sarrazin (der weltberühmte Hobby-Eugeniker, Lernresistenzler, Fälscher und Missversteher von Statistiken) oder Sascha Lobo. Obwohl. Den Letzteren. Na, Sie wissen schon.

    • Doch, der hng sogar auf einem Plakat gleich hinter der Abschreiberin Hegemann. Die Buchmesse hat offensichtlich keine Berührungsängste, oder ABC-Ausrüstung für die Leute, die sowas ablichten. Oder eine verseuchte PR-Agentur. Ich weiss es nicht.

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