Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

In den Teppich gewebt

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Wem die Bücher überall zu dick sind, der konsumiert Literatur in Schwundstufe. Gibts überall. Auch und vor allem von Paulo Coelho.

Ich begann meinen Morgen ausnahmsweise nicht auf der Buchmesse, sondern im Chinese Visa Application Center, um dort meinen frisch beklebten Reisepass abzuholen. Ich zog eine Wartenummer, setze mich auf den Schalensitz und starrte mangels optischer Reize bald den Teppichboden an. So ein Teppichboden in warmem Goldbraun hat am dritten Messetag ja auch etwas ziemlich Beruhigendes. In den Teppichboden eingewebt waren Sprüche von Konfuzius, Schiller und Wang Bo, ein chinesischer Dichter der frühen Tang-Zeit.

„Wenn ein Freund aus der Ferne kommt, ist die Freude doppelt so groß“, lautet das Zitat, das Konfuzius zugeschrieben ist. „Wenn ein Dichter erst einmal richtig abgehangen ist, ist die Eignung für Sinnsprüchlein in Auslegeware doppelt so hoch“, dachte ich mir. Und dass es dieser Paulo Coelho doch irgendwie richtig macht mit seinem Buchmesse-Streik, der ja leider als einziges Skandälchen weit und breit über drei Tage gedehnt werden musste.

Paulo Coelho produziert ein Werk, das im Grunde einzig dafür gemacht ist, in Teppichböden gewebt zu werden. Ja, gut, Romane gibt es auch. Aber genauso gut kann man ihm auf Twitter folgen, denn seine Weisheit passt ja locker in 140 Zeichen. „If you want to see a rainbow, first enjoy the rain!“ erfahren wir da völlig überraschend. Oder: „Life is not about good answers. It’s about interesting questions.“ Noch einen? „When I had all the answers, the questions changed.“ Na, potz Blitz! Für so was gab es früher einmal Küchenkalender. Heute gibt es Yogi-Tee-Etiketten und die hintere Ecke der Halle 3.1, in der sich Menschen Räucherstäbchenqualm, Bärlauchtee und den einprägsamen Melodien mit motivierenden Texten und elementaren Werten von Liedermacher „Opa Heinrich“ aussetzen, die in Dauerschleife dudeln.

Man steckt mir ein Kärtchen zu, darauf stehen „Words of Wisdom“ eines Meisters Ryuho Okawa. In was er Meister ist, weiß ich nicht. „Diese Welt“, sagt der Meister zu mir, „ist für deine Seele wie eine Schule. Alles, was du erlebst, darf zum Zwecke deiner Weiterbildung existieren.“ Das ist ja recht wohlfeil, aber es gibt keine Wahrheit, die man nicht noch ein bisschen präzisieren kann: „Diese Messe ist für meine Seele wie ein Vorschlaghammer, Alles, was ich lese, darf zum Zwecke meiner Zermürbung existieren.“ Das gilt besonders für Literatur in Schwundstufe. Webt euch das mal in den Teppich!


1 Lesermeinung

  1. Brasilien hat wirklich mehr zu bieten
    Paulo Coelho… nun ja. War schon witzig, wie sein Konterfei von den Messeshuttles grinste er und er war nicht da.

    Aber sage keiner, Verlage hätten keinen Mut mehr. Wirklich erstaunt hat mich eine Neuauflage einiger Werke der brasilianischen Autorin Clarice Lispector (plus dicke und sehr gute Biografie).

    Leichtere Kost ist natürlich Jorge Amado. Aber im Gegensatz zu dem BlaBla von Coelho richtig gute.

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