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Digital/Pausen

Digital/Pausen

Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

28. Mrz. 2015
von Hans Ulrich Gumbrecht
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Warum wir unbedingt tanzen wollen, heute

“Rhythmus hat sie aber,” sagte unsere (lieber zitierte als erinnerte) Mutter, wenn wir wieder einmal bemerkt hatten, dass meine Schwester nicht nur ebenso unmusikalisch war wie ihr älterer Bruder, sondern auch die seltene Gabe hatte, beim Mitsingen von Weihnachtsliedern jeden einzelnen Ton dort zu platzieren, wo er gewiss nicht hingehörte. Mit den so entstehenden, nur prinzipiell, aber nie im Detail vorauszusehenden Kakophonien lief selbst “Stille Nacht” kaum je zur sonst garantierten Stimmungs-Temperatur auf. Und was den Rhythmus angeht, sah meine Schwester nur deshalb einen Deut besser aus, weil sie die Unfähigkeit, ihren Körper in die Form von Takten fallen zu lassen, ganz und gar mit mir teilte. Auf Klassenpartys mit der beliebten Band “The Four Trashmen” oder auf Festen im heimischen Party-Keller (unter Peinlichkeit stiftender Beteiligung unserer Eltern, die langsame Rhythmen und schummriges Licht nie aufkommen ließen) gelang es uns beiden allein, beim Tanzen auf “Let’s Twist Again” oder “I Want to Hold Your Hand” die Körper sichtbar, aber glücklicherweise unhörbar an den Bewegungen der anderen vorbei zu bewegen. Auch der Tanzkurs bei der “Tanzschule Hartung” wurde so, ob Damenwahl oder Herrenwahl, zu einer einzigen, nie eingestandenen Tortur, einschließlich des von all meinen Freunden (und Freundinnen) sehr herbeigesehnten Schlussballs. Das Trauma hat sich schon früh festgesetzt — und ist mir bis heute erhalten geblieben. Ich kann nie Treppen herauf- oder heruntergehen, ohne ans Stolpern zu denken und dann auch zu stolpern, und ich weiß, dass sich für mich die Sehnsucht nie erfüllen wird, den Körper seine Takte einfach finden zu lassen – und so mit der Frau zu tanzen, die ich liebe.

Über Rhythmus und lyrische Formen “wissenschaftlich” nachzudenken, hat alles nur noch schlimmer gemacht. Denn jetzt kommt das Trauma auch als intellektuelles Problem auf mich zu, wenn ich zum Beispiel registriere, dass die seit der Zeit des Surrealismus zum Standard der Moderne gehörenden “freien Verse” und das stille Lesen von elegant aufgemachten Lyrik-Bänden während der vergangenen Jahrzehnte vor allem (aber nicht nur) in Ost-Europa wieder von öffentlichen Lyrik-Rezitationen und von Texten mit perfekten Reimen abgelöst worden sind. Vielleicht hat ja diese Renaissance der traditionellen und verkörperten Formen, vielleicht hat auch eine neue “existentielle” Sehnsucht nach Tanz (“ich habe mich drei Monate beurlauben lassen, um in die Tango-Szene von Buenos Aires einzutauchen,” hörte ich neulich auf einem akademischen Kolloquium), vielleicht hat dieses neue Bedürfnis nach Rhythmus damit zu tun, dass die Zeit unserer Gegenwart nicht mehr linear abzulaufen scheint, nicht mehr – horizontal sozusagen – eingespannt zwischen eine offene Zukunft, die wir gestalten, und eine Vergangenheit, aus der wir lernen sollen. Eher sind wir gefangen in der leeren und zugleich überbelegten Weite einer Gegenwart ohne Richtungs-Dynamik, deren Zukunft von (realen oder vorgestellten) Bedrohungen wie dem “Global Warming” oder der Erschöpfung natürlicher Energiequellen besetzt ist, und deren nicht mehr auf Distanz zu haltende Vergangenheit die sich immer weiter verbreiternde Gegenwart überschwemmt. Es ist eine Gegenwart, in der wir oft seitwärts driften und uns bis zum Schwindel drehen, eine Gegenwart auch mit unendlich vielen Alternativen ohne Verbindlichkeit.

Wie die tragisch banalen Helden aus Beckett’s “Godot” bewegen wir uns, “ohne vom Fleck zu kommen” und sind Teil einer “intransitiven Mobilmachung,” die uns nirgendwo führt, aber atemlos und am Ende “ausgebrannt” macht. Immer hastiger wollen wir rennen, weil wir nirgends ankommen können, und das mag der Grund für unsere Sehnsucht nach Formen sein, zu der auch eine Tanz-Sehnsucht und die Sehnsucht nach Gedichten in klassischen Versmaßen gehören. Denn sie lassen uns hoffen, dass wir eins mit anderen Körpern werden und uns an ihnen festhalten können — immer vorausgesetzt, es gelingt, wozu ich noch nie imstande war, nämlich einem Rhythmus zu vertrauen, statt uns durchzählend auf ihn zu konzentrieren. Natürlich habe ich lange schon aufgegeben und fühle ich mich beinahe wie Richard Rorty, der Philosoph, als er im Angesicht des Todes schrieb, sein Leben wäre wohl viel “angenehmer und erfüllter” gewesen, wenn er “mehr Freunde im Alltag und mehr Gedichte im Gedächtnis” gehabt hätte, mehr rhythmische Formen, denen sich der Körper überlassen kann und die ihm Formen geben.

Intellektuell gesehen allerdings kommt man an dieser Stelle über ein (pseudo)begriffliches Stammeln kaum hinaus, ohne sich zu fragen, was wir denn meinen, wenn wir “Rhythmus” sagen — und dass Rhythmen unser Leben “erfüllter” machen. Meine erste Antwort heißt, dass das Wort “Rhythmus” immer auf praktische Lösungen des Problems verweist, unter welchen Bedingungen “Zeitobjekte im eigentlichen Sinn” eine “Form” haben können. Als “Zeitobjekte” hatte Edmund Husserl jene Phänomene beschrieben, die allein in zeitlicher Entfaltung existieren können, Musik zum Beispiel, Sprache und natürlich jede Art von Bewegung. Unter dem unübersichtlich vielfältigen Angebot von Definitionen für “Form” wähle ich den Vorschlag von Niklas Luhmann, für den die “Einheit der Differenz zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz” eine Form ausmacht. Ein Kreis oder ein Quadrat zum Beispiel ziehen Aufmerksamkeit auf sich (“Selbstreferenz”) im Gegensatz zu all dem, was außerhalb des Kreises oder Quadrates liegt (“Fremdreferenz”). Wenn aber nun aus dem Kreis aus Oval wird und aus dem Oval ein Quadrat, dann fassen wir das Zeitobjekt einer solchen beginnenden Sequenz erst einmal nicht als Form auf. Hier genau liegt das Problem, dessen Lösung jede Art von Rhythmus ist. “Rhythmus” nennen wir eine solche Sequenz, sobald wir entdecken, dass sie eine bestimmte Abfolge von Formen immer aufs Neue durchläuft. Denn dann ersetzt die Stabilität der Sequenz — als Rhythmus — die Stabilität einer nicht zum Zeitobjekt werdenden Form.

Rhythmen sind das Medium jener Art von Koppelung (oder “Interaktion”) zwischen verschiedenen Systemen (etwa verschiedenen menschlichen Körpern), die Luhmann “Koppelungen erster Art” nennt. Dabei lässt die wechselseitige Wirkung der verkoppelten Systeme diese wiederholt – und im Prinzip endlos – durch dieselbe Sequenz von Zuständen laufen. Bei “Koppelungen zweiter Art” hingegen bringt die Interaktion zwischen den gekoppelten Systemen beständig neue Zustände hervor, Zustände, die ohne die Interaktion von Systemen nicht zustande kämen, und bringt so eine interne Komplexität hervor, aus der endlich eine Ebene der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung, also Bedeutung hervorgehen muss. Bei Interaktionen zwischen Menschen sind diese Koppelungen zweiter Ordnung mit einer hohen und jene Koppelungen erster Ordnung mit einer geringeren Bewusstseinsspannung verbunden.

Die von jedem Rhythmus (“Koppelung erster Ordnung”) vorausgesetzte und zugleich ausgelöste Ent-Spannung verstellt sich, wer – wie meine Schwester und ich – Tanzschritte mit einem “Eins-Zwei-Drei” begleitet, immer in Sorge, “etwas falsch zu machen.” Dass Rhythmen der laufenden Zeit Formen aufprägen, anders gesagt, dass rhythmisierte Zeitobjekte (immer wieder) einen Anfang und (immer wieder) ein Ende haben, im Gegensatz zur Zeit des Alltags, die keinen Anfang und kein Ende kennt, erklärt ihre zweite, die erinnerungsstützende Funktion. Als Form legt sich jeder Rhythmus dem offenen Verlaufen der alltäglichen Zeit auf und scheint diese Zeit des Alltags – solange die Wiederholung seiner Sequenzen anhält – zum Stillstand zu bringen. Alle von der Zeit erfassten Phänomene scheinen unter dem Einfluss von Rhythmen gleichzeitig zu werden, und das könnte erklären, warum das Andauern von Rhythmen die Wirkung eines “Fensters” hat, durch das Erfahrungen oder Wissen aus der Vergangenheit in die Gegenwart gelangen können. Hätte ich sie nicht im Lateinunterricht mit einem Merkvers (und sogar einer kleinen Melodie) gelernt, als ich elf Jahre alt war, könnte ich mich heute sicher nicht mehr an “a, e, de, cum, sine, pro und prae” als “die Präpositionen mit dem Ablativ” erinnern.

Schon allein die von ihnen bewirkte Koordination verschiedener Körper und die Aktivierung des Gedächtnisses würden die Intuition bestätigen, dass uns Rhythmen – im Singen, Tanzen und Sich-Bewegen — ein erfüllteres Leben schenken. Noch wichtiger und erstaunlicher aber ist ihre Fähigkeit – auch hier: über die Senkung der Bewusstseinsspannung — unsere Vorstellungskraft in einer Weise zu intensivieren, die uns glauben lässt, Rhythmen könnten entfernte Dinge und Körper heraufbeschwören. Wie das möglich ist, illustriert ein mittlerweile fast hundert Jahr altes Gedanken-Experiment des amerikanischen Philosophen George Herbert Mead. Mead lädt seine Leser ein, sich einen frühen Homo Sapiens vorzustellen, in dessen Bewusstsein ein Umweltgeräusch die Vorstellung von einem anderen Tier abruft. Ob es sich dabei nun um die Vorstellung von einem im Vergleich zum Homo Sapiens stärkeren oder schwächeren Tier handelt, immer werden solche Vorstellungen unmittelbare Innervation – und und durch sie Bewegungen des Angriffs oder der Flucht auslösen (wir alle wissen aus eigener Erfahrung, dass unsere Vorstellungen “nah” bei solchen Körpereaktionen liegen).

Eben diese unmittelbare Verbindung von Vorstellung und Innervation, welche Mead offenbar mit dem “frühen” Homo Sapiens assoziiert, ist beim “fortgeschrittenen” Homo Sapiens normalerweise durch Begriffe und andere mentale Schemata unterbrochen, mit denen primäre Vorstellungen gefiltert und interpretiert werden. Unter dem Eindruck von Rhythmus aber (und also mit einer gesenkten Bewusstseinsspannung) wirken auch für uns durch alle Arten von Umweltwahrnehmung (zum Beispiel durch die Rezitation von Gedichten) ausgelöste Vorstellungen direkt auf den Körper – der dann reagiert, als seien die in der Vorstellung präsenten Gegenstände auch physisch gegenwärtig. Es ist also die durch Rhythmen ausgelöste (oder zumindest intensivierte) unmittelbare Wirkung von Vorstellungen auf unsere Körper, welche uns glauben lässt, dass Rhythmen Dinge in räumliche Nähe heraufbeschwören können.

Diese Wirkung vor allem macht ein Leben unter dem Eindruck von Rhythmen zu einem erfüllteren Leben, zu einem Leben, in dem sich Gegenstände der Vorstellung zu unseren Freunden gesellen – und sie stellt sich ganz unabhängig von unseren Intentionen und Bemühungen ein. Nicht mehr setzt sie voraus als die Fähigkeit, unsere Körper den Rhythmen zu überlassen, auf die wir treffen – und die uns gleichsam dem dreidimensionalen Raum zurückgeben können. Danach sehnen wir uns – meist ohne es zu wissen — in einer Gegenwart, welche bis zum Extremwert der Ausschließlichkeit allein unser Bewusstsein herausfordert und in richtungslose Prozesse der Beschleunigung einspannt.

Dies alles beobachte ich – allzu aufmerksam – von außen und mit der resignierten Gewissheit, dass das Nachdenken über die Funktionen von Rhythmen nicht einmal ein schwacher Trost sein kann für all die Tangos und Walzer, die ich nie getanzt habe und nie tanzen werde. Unsere Mutter sah übrigens auch nicht so aus, als ob sie auf der Tanzfläche zuhause wäre, sie hatte eben andere Prioritäten, zum Beispiel, dass wir gute Noten vom Gymnasium nachhause brachten. Deshalb kann ich mich wenigstens für Momente an den in Versform erinnerten Regeln der lateinischen Grammatik festhalten — die mir sonst allerding, beim Lesen lateinischer Texte kaum helfen.

28. Mrz. 2015
von Hans Ulrich Gumbrecht
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14. Mrz. 2015
von Hans Ulrich Gumbrecht
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Welchen Nationalismus brauchte die europäische Union?

Latein war die erste Fremdsprache, als ich 1958 von der “Volksschule” (wie sie damals hieß) aufs “Realgymnasium” wechselte, und der Lehrer, ein ebenso energischer wie ehrgeiziger Mitt-Dreißiger mit einem weichen Akzent aus dem Sudentenland und authentischer Begeisterung für die politischen Strukturen der damals noch jungen Bundesrepublik (manche seiner Kollegen raunten, er sei “eingeschriebenes Mitglied” der CSU) ließ keine Gelegenheit aus, uns Zehnjährige wissen zu lassen, dass die Sprache, mit deren Vokabeln und Grammatik wir kämpften, die Grundlage der europäischen Kultur sei. Doch diese gut gemeinten und früh adressierten Handreichungen aus dem staatsbürgerlich-pädagogischen Fundus blieben eigentlich immer weit entfernt am Horizont unserer Unterrichts-“Realien” wie den Präpositionen mit dem Ablativ oder den weiblichen Endungen der dritten Deklination, und sie wurden auch nicht konkreter, als wir bald von den lateinischen Konversationen am Hof Karls des Großen und der Europa vorwegnehmenden geographischen Form seines Reichs erfuhren.

Fünf Jahre später hingegen traf uns die Realität Europas allzu konkret in der physischen Präsenz eines Französischlehrers (Beginn der dritten Fremdsprache), dessen Begeisterung für das damals immer noch etwas feindlich oder wenigstens exotisch wirkende Nachbarland alle fortbestehenden Grenzen ignorierte. Manchmal hatte er noch die gerade zuende gerauchte Gauloise im Mundwinkel, wenn er das Klassenzimmer betrat, sein fränkischer Akzent war durchsetzt von einem westlich-nasalen Oberton, und manchmal machte er sich einen kalkulierten Spaß daraus, die ohne Widerworte übernommenen moralischen Vorurteile unserer Eltern “kleinbürgerlich” zu nennen. Kein Wunder, dass der Religionslehrer unübersehbar mit dem Gedanken an eine Strafe Gottes winkte, als sein Kollege auf einer nächtlichen Busfahrt nach Paris den damals mit Lebensintensität assoziierten Infarkt-Tod starb. Bis heute am Leben ist hingegen unser Geschichtslehrer geblieben, der eine dritte und noch einmal andere Europa-Agenda hatte. Von einem Austausch-Jahr in der Patenstadt Rochester zurückgekehrt, beschrieb er die Heimat der GI’s auf den Straßen unserer Stadt und schwärmte von der für uns eher nebulösen Möglichkeit einer Zukunft in den “Vereinigten Staaten von Europa.”

Erst im viel späteren Rückblick sind Dr. Kurt Fina, Erwin Engel und Josef Fick (Gymnasiasten in Bayern waren damals gehalten, ihr Studienräte als “Herr Professor” anzureden) für mich zu frühen Europäern, ja beinahe zu Propheten der Europäischen Union geworden. Trotzdem halte ich für bemerkenswert bis faszinierend eher die gegenläufige Tatsache, dass jene kalte Schulter, über die wir Schüler mit zehn, fünfzehn oder achtzehn Jahren auf Europa blickten, bis heute die kalte Schulter einer Mehrheit von Europäern geblieben ist – selbst in der europäischen Modell-Nation Deutschland. Breite Begeisterung oder gar starke Gefühle hat das Projekt nie und nirgends entfacht. Stets ist es als ein Plan der politischen Vernunft und der eher gymnasialen Zukunftshorizonte erlebt worden, und manchmal frage ich mich aus meiner pazifischen Ferne von heute, ob ihm nicht immer noch ein Schuss jenes weiter als gefährlich geltenden Nationalismus fehlt, den wir so unendlich weit hinter uns gelassen haben wollen. Nur, was für ein Nationalismus sollte das sein? Und hatte es nicht zu den Dauer-Zielen der EU gehört, gerade die Nationalismen zu überwinden?

Vielleicht wäre Europa schon etwas geholfen, wenn klar würde, dass der Begriff der Nation ein Produkt der Aufklärung war – und nicht der in politischer Hinsicht eher verrufenen Romantik. Ideengeschichtlich gesehen ersetzte er beinahe übergangslos die von der Vernunftkritik in Verruf gebrachte Institution der Monarchie “von Gottes Gnaden,” in der man sein Leben als Geschöpf Gottes und als Untertan eines Königs verbracht hatte. An die Stelle des Monarchen im Status eines Souveräns trat die Souveränität des Volkes, dessen Einheit als Nation sich für Denker wie Herder, Kant oder Fichte “natürlich,” das hieß aus der lokalen Tradition einer Sprache, einer Kultur und auch einer Ethnie ergeben haben sollte. Bald wurden dieser Grundgedanke und seine Werte dann zur Matrix für drei verschiedene Strukturen des Nationenbegriffs — und seines jeweiligen politischen Potentials.

Wo sich – erstens – die Ablösung der absoluten Monarchie in einer gelungenen “bürgerlichen” Revolution vollzogen hatte, also vor allem in England und in Frankreich, überschoss die Energie des jeweiligen Nationenbegriffs bald seine territorialen Begrenzungen. Die von England ausgehende koloniale Expansion war wie die europäischen Eroberungsfeldzüge Napoleon Bonapartes begleitet von dem ebenso hochfliegenden wie ernst gemeinten Anspruch, anderen Völkern die Werte der individuellen Freiheit und der Gleichheit vor dem Gesetz innerhalb nicht mehr national begrenzter Reiche zu vermitteln. Strukturell gesehen folgte selbst die Oktoberrevolution von 1917 noch diesem Muster, wenn sie von ihrer Zukunft eine permanente und Welt-Revolution erwartete.

Gerade die napoleonischen Feldzüge und europaweiten Besatzungszeiten aber machten den kulturellen Nationen in den unterlegenen Monarchien schmerzhaft bewusst, dass ihnen selbst der bahnbrechende Schritt einer Revolution – und im Fall von Italien oder Deutschland: auch der nationalen Einigung — nie gelungen war. So entstand dort ein — zweiter — nicht der über-nationalen Zukunft sondern einer idealisierten nationalen, meist mitterlalterlichen Vergangenheit zugewandter Nationenbegriff, eben der Nationenbegriff der Romantik. Er war mit der Aggressivität des Ressentiments geladen und von Träumen über das eigene Gewalt-Potential vergiftet. Nicht zufällig inszenierte sich die erste deutsche Reichsgründung nach dem preußisch-französischen Kriegs im Januar 1871 als Wiederkehr des Heiligen römischen Reichs deutscher Nation aus dem Mittelalter.

Zugleich entstand ein – dritter – Nationenbegriff im gedemütigten Frankreich der neu gegründeten “Dritten Republik.” Er folgte der (nicht nur) christlichen Logik der erhofften Erlösung von einer Situation, die unter dem Verlust früherer Gnade litt – und ihn durch ein Opfer in einen Zustand der neuerlicher Gnade umkehren wollte. Die Kirche von Sacré Coeur auf dem Montmartre von Paris zum Beispiel ging aus einer in diesem Sinn ausgelegten und verstandenen nationalen Buß-Kollekte hervor. Außerhalb Frankreichs wurden solche nationalen Erlösungs-Träume und affektiven Erlösungs-Investitionen bald nach dem Ersten Weltkrieg — vor allem wieder in Italien und in Deutschland — zur ideologischen Grundlage der faschistischen Bewegungen.

Eine Rückkehr des Nationalismus in faschistischer Form ist der europäischen Bewegung – trotz aller Unkenrufe während der sogenannten “Studentenrevolution” von 1968 und ihrer Nachbeben – glücklicherweise erspart geblieben. Andererseits aber hat der Gedanke vom “Vaterland Europa,” wie meine Lehrer gerne sagten, nie die Energie jenes – ersten – Typs von Nationalismus entfaltet, der über seine ursprünglichen Ziele hinauszugehen vermochte. Denn die Vorstellung von einer vielsprachigen und multikulturellen “Heimat” ist wohl für die meisten Europäer bis heute allzu abstrakt und fragmentiert geblieben; außer ihrer gemeinsamen Währung hat die Union nie Werte mit einer Aura der Innovation geschaffen; und im Blick auf weltpolitische Ziele und Krisenlagen hat sie sich beständig eine eigenartige (oder einfach nur bequeme) Zurückhaltung auferlegt. Vor allem aber war – mit der möglichen Ausnahme Deutschlands wohl – die Furcht vor nationaler Fremdbestimmung stets größer als die von gemeinsamer Stärke befeuerte Europa-Euphorie.

Vor allem während der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte hat sich deshalb in der Europäischen Union statt einer Transformation des aus der Traditon ererbten Nationalismus in transnationale Energie eine vielfache Wiedergeburt des ressentimentgeladenen, zweiten, “romantischen” Nationalismus ereignet. Seine sichtbarste – und aus der Vergangenheit vertrauteste – Form hat er wohl in Frankreich mit dem anscheinend unaufhaltsamen Aufstieg der Familie Le Pen und ihrer Partei bis in die Nähe des Präsidentenamts entwickelt. In Spanien hingegen ist ein schon immer vielfach gebrochenes Nationalgefühl mittlerweile in mehrere neue Nationalismen implodiert, deren Kritik sich vor allem auf den existierenden Nationalstaat als Antagonisten und als Statthalter abstrakter europäischer Machenschaften richtet. Keinesfalls hat die Gegenwart der Europäischen Union also die Hoffnung erfüllt, den Nationalismus schlechthin als politischen und kulturellen Bezugsrahmen hinter sich zu lassen. Vielleicht war dies vom Beginn an bloß ein einseitiger Traum der Intellektuellen unter den Politikern.

Eine Wiederbesinnung auf Charles de Gaulles Vision vom “Europa der Vaterländer” muss unter diesen Bedingungen der Gegenwart halbherzig wirken, während ein Abschied von der Union in vieler Hinsicht allzu kostspielig würde. Vielleicht hat sich Europa also in jenen Momenten der Vergangenheit zu permanenter Form- und Energielosigkeit verdammt, als es die Chance versäumte, einen ganz anderen Nationalismus zu entdecken, zu entfachen und zu kultivieren.

14. Mrz. 2015
von Hans Ulrich Gumbrecht
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28. Feb. 2015
von Hans Ulrich Gumbrecht

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Ob man “heiraten muss”

Es muss um 1960 gewesen sein, als die alte Bundesrepublik in ihrer neuen Selbstgewissheit dogmatisch wurde und ich mit etwas mehr als zehn Jahren zu verstehen begann, warum meine Mutter zugleich streng, triumphalistisch und hämisch klang, wenn sie den Satz “die mussten heiraten” gebrauchte – ohne den nur wenige Tage vergingen. Die dabei vorausgesetzten Regeln des Lebens hatten keine Zweideutigkeit: eine Frau, die “er geschwängert hatte” (niemand nahm an diesem transitiven Verb Anstoß), nicht zu heiraten, galt immer noch als das “gute Recht des Mannes,” und nur besonders emphatisch disponierte Betrachter hielten es für allzu hart oder gar unschön, wenn er davon Gebrauch machte.

Im Heiratsfall aber, der als erfülltes “Muss,” als ihre erfüllte Pficht für die Frau auch ein Glücksfall war, kam unweigerlich die einfache Gleichung eines “Je-später-desto-schlimmer” ins Spiel: eine unter dem Hochzeitskleid noch gerade zu kaschierende Schwangerschaft wurde mit dem Datum der Geburt zu einer an Peinlichkeit grenzenden – kleinen — Schande, während ein Hochzeitstermin nach der Geburt der Kindes als sozial beinahe so unannehmbar wie keine Hochzeit galt. Auch die unüberbietbar orthodoxe Ansicht hatte ich damals mit Faszination aufgeschnappt, nach der eine Frau, die heiraten musste, ein rosafarbenes Kleid “vor dem Traualtar” zu tragen hatte – wie Witwen, die sich für eine weitere Ehe entschieden. Genau neun Monate nach der Hochzeit schließlich (mit einem kleinen, alle potentiellen Zweifel blockierenden “Sicherheitsabstand”) “ein Kind zu bekommen,”, schloss ich stolz auf meine neue Sach-Kompetenz, musste der Ideal-Fall sein.

Wie sehr sich in einem halben Jahrhundert der Ton und die Bedeutung der Wörter “heiraten müssen” verändert, ja umgekehrt haben, ist ein bemerkenswertes Symptom für den inzwischen eingetretenen gesellschaftlichen Wandel und auch für die Werte-Sicht der Gegenwart, zu der er geführt hat. Von einem ernsthaften “Muss” des Heiratens ist eigentlich nie mehr die Rede. Wenn sich die Heirats-Frage überhaupt stellt, dann ist ihr Hilfsverb eher ein “Soll” – mit sehr verschiedenen Bezugspunkten. Soll man besonders konservativen Familienmitgliedern den Gefallen tun, ohne andere Gründe eine stabile Paar-Beziehung zur Ehe zu machen? Soll man aus Steuer-, Versorgungs- oder Erb-Gründen die Ehe eingehen? Der schon geborenen Kinder wegen vielleicht (auch wenn die nichts zu vermissen scheinen)? Nur wenige Berufe oder Arbeitgeber-Rollen sind übrig geblieben, die zwischen stabilen Beziehungen ohne Ehe und vollzogener Ehe einen Unterschied machen – und ihre Position wird rechtlich prekär, sobald sie versuchen, damit bestimmte Vor- oder Nachteile für ihre Angestellten zu verbinden. Andererseits spricht es ja gewiss gegen die Ehe, dass zu ihr – mit statistisch schlagender Evidenz – das Risiko der Scheidung und der damit verbundenen finanziellen Nachteile, institutionellen Mühen und psychischen Schmerzen gehört. Warum sollte man sich ein so komplexes Risiko zumuten?

Und was könnte auf der anderen Seite heute überhaupt noch für Ehe und Heirat sprechen? Die Gelegenheit zum Beispiel, eine Paar-Beziehung in ihrer Stabilitaet zu feiern (was unerträglich vernünftig klingt) – oder etwas romantischer (und dann ploetzlich ziemlich schmalzig): sich öffentlich und gemeinsam über eine doppelte “Liebe des Lebens” zu freuen. Doch solche Feste sind teuer und bedürfen, wenn man sie denn haben will, längst nicht mehr wirklich der Eheschließung als institutioneller Voraussetzung. Für homosexuelle Paare allerdings sieht die Motivationslage anders aus. Denn ihr Entschluss zur Heirat und Ehe hat die fast unvermeidlich politische Implikation, nun – endlich — den Zugang zu einem Ritual und einem Status wahrnehmen zu können, die für Partner gleichgeschlechtlicher Beziehungen bisher unerreichbar geblieben waren. Hinzukommen mögen sehr spezifische, eher praktische Interessen, etwa der Wunsch, eine Form der Partnerschaft zu vereindeutigen, die wohl immer ein Minderheiten-Phänomen und deshalb ohne aktive Vereindeutigung für manche Beobachter immer konturenlos bleiben wird.

Dennoch ist anzunehmen – und zu hoffen, dass sich solch warm glänzende Euphorie angesichts der erreichten Gleichstellung homosexueller Paare eines Tages zur affektiven Normaltemperatur justieren wird (im Sinn der nüchternen Festellung des amerikanischen Philosophen Richard Rorty, dass der Kampf für Gleichberechtigung der Homosexuellen erst dann vollendet sein wird, wenn die Motivation für “Gay Pride Parades” verschwunden ist). Dann aber wird auch für homosexuelle Paare die Frage, “ob man heiraten muss,” genau so so klingen, wie sie heute schon für heterosexuelle Paare klingt, nämlich wie eine rhetorische Frage mit skeptischem Unterton – wie eine Frage also, deren negative Beantwortung unterstellt ist. Wer die Wörter “ob man heiraten muss” in dieser Weise verwendet – und das mag in einigen europaeischen Gesellchaften heute bereits die Mehrheit sein, hat im Normalfall all die (schon erwähnten) praktischen Gründe berücksichtigt, welche für eine Heirat sprechen können. Unterstellt ist dabei freilich, dass die institutionelle Form mit all ihren praktischen Verpflichtungen und Implikationen in einer Spannung zu jener beiden Dimensionen steht, welche die Schönheit einer Liebebeziehung ausmachen sollen: in einer Spannung zu der Freiheit, sich jeden Tag neu füreinander zu entscheiden; und in einer Spannung zu jenem ekstatischen Grad von Individualität, dem natürgemäß keine institutionelle Form entsprechen oder gar gerecht werden kann.

So scheinen wir bei einer Situation angekommen zu sein (und beginnnen, es uns in ihr gemütlich zu machen), deren Grundstruktur jedem Kulturhistoriker – vor allem jedem Literaturhistoriker – aus dem Mittelalter vertraut ist, ohne dass heute, wie es zur Zeit der Romantik und des Biedermeier der Fall war, ein bewusster Rückgriff auf diese Vergangenheit vorausgesetzt ist. Genau genommen allerdings werden wir nie wissen, wie erotische Liebe im Mittelalter tatsächlich erlebt wurde. Aber seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert hatte sich europäische Kultur auf ein kleines Corpus von Texten, von so genannten “Liedern” konzentriert, die zuerst um 1100 im heutigen Südfrankreich entstanden waren, und deren Ton und Faszination dann ein produktives Jahrhundert lang in den europäischen Norden ausstrahlten.

Ihre mittelhochdeutschen Ableger nennt man “Minnesang” – und prinzpiell geht es im Minnesang immer um die paradoxale Situation und Einsicht (Intellektuelle unserer Gegenart könnten sie eine “double-bind Situation” nennen), dass erotische Erfüllung nur außerhalb der institutionellen Verpflichtungen von Ehe und Familie zu haben ist, was wiederum vom Ernst des Ehe-Sakraments ausgeschlossen wird.

Das literarisch gebildete Bürgertum der Romantik reagierte auf den Minnesang mit der zur Erwartung normalisierten gegenläufigen Überzeugung, dass Ehe als Institution permanent mit leidenschaftlicher erotischer Liebe vereinbar sei – und hat der westlichen Kultur in den folgenden Jahrhunderten damit ein oft mit Enttäuschung und Frustration endendes Erbe hinterlassen (der französisch-schweizerische Existentialist Denis de Rougment hat darüber ein ebenso leidenschaftliches wie lesenswertes Buch geschrieben). So könnte man schließen, dass die gegenwärtige Tendenz zur stabilen Partnerbeziehung ohne Ehe möglicherweise die zur Tradition gewordene Spannung zwischen Institution und Leidenschaft vermeiden wird. Und noch ein weiterer – vielleicht entscheidender — Unterschied gegenüber der mittelalterlichen und romantischen Konzeption von Liebe lässt sich in der Gegenwart beobachten. Als zentrale Medium ihrer Nähe und Einheit würden die meisten Paare heute wohl weniger wechselseitige erotische Faszination identifizieren als Freundschaft, Freundschaft im Sinn einer “unverbindlichen Form der Bindung, die hält,” Freundschaft als offene Beziehung der Komplementarität, in der sich zwei (oder mehr) Individuen einander ausdifferenzieren und entwickeln können (früher hätte man von “Individual-Bildung” geredet).

Im Alltag von heute bringt so der Bildungs-Konsum eine typische Paarbeziehung auf die Höhe unserer Gegenwart: das gemeinsame Konzertabonnement, der Freitagabend im Sterne-Restaurant, die Bildungsreise “auf den Spuren Darwins” nach Galapagos, neben Liebhaberausgaben surrealistischer Gedichte mit Picasso-Zeichungen als Weihnachtsgeschenk – und einmal im Leben Bayreuth (statt wie in einer “guten alten” Zeit, die es vielleicht nie gegeben hat, Zeit für Sex – wenigstens einmal pro Woche). Sex scheint eher peripher geworden zu sein in der Paarbeziehung von heute. Gar Kinder zu haben, wäre unvereinbar mit den Bildungsfahrplänen zum gemeinsamen Glück – und sollten sich Kinder denn in die Freundschaft und Liebe des Paars schieben, dann werden sie seit dem ersten Tag ihres Lebens als Bildungsaufgabe interpretiert, an der die Partner nur wachsen können. Wohin sie wachsen, weiss niemand.

28. Feb. 2015
von Hans Ulrich Gumbrecht

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14. Feb. 2015
von Hans Ulrich Gumbrecht
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Was heisst schon “global”?

Ein stilbewusster Intellektueller, zumal ein stilbewusster akademischer Intellektueller (wenn man den Begriff trotz seiner potentiellen Widersprüche stehen lassen will), wird sich den Gebrauch des Wortes “global” eher verbitten. Denn die Rede vom “Globalen” fällt sofort unter den Brennstrahl einer Kritik, die schon immer zum Pflicht-Repertoire der Intellektuellen gehört hat, aber seit den späten achtziger und frühen neunziger Jahren, seit jener jüngeren Vergangenheit, die nichts für so überlebenswichtig hielt wie “kulturelle Identitäten,” unnachgiebiger und lauter denn je geworden ist. Dass jeder Begriffsgebrauch Unterschiede zwischen den Phänomenen verwischt, auf die er sich bezieht, ist als Vorbehalt und Warnung so alt ist wie die Texte, die wir gerne “philosophisch” nennen – Lichtenberg zum Beispiel wurde in seinen “Sudelbüchern” nicht müde, immer wieder an solche Ungenauigkeiten der Sprache gegenüber der Welt der Dinge zu erinnern.

In der Hoch-Zeit der kulturellen Identitäten lud sich dann ein bis dahin nur mitlaufendes skeptisches Raunen moralisch zu dem Vorwurf auf, dass viele unserer zentralen Begriffe – je inhaltlich breiter desto skandalöser – die Identität von Minderheiten nicht hinreichend berücksichtigen und also beschädigen. Soweit ging diese Differenzierungs-Vigilanz, dass eine ganz Reihe von Wörtern tatsächlich “ausgemerzt” wurden (wie man der Zeit nationalsozialistischer Sprachpolitik gesagt hätte). Vollkommen konsequent wäre freilich allein eine Reaktion gewesen, die den Gebrauch von Sprache überhaupt verboten hätte, denn es kann ja – nach ihrer Natur und Funktion – keine Begriffe geben, die nicht Unterschiede verwischen, sie nicht – so heißt das stets kritisch gemeinte Verb – “totalisieren.”

Das Wort “Globalisierung” tauchte nun, wenn ich mich recht erinnere, ausgerechnet in jenem Moment der Geschichte auf, wo nichts moralisch frevelhafter wirkte als eben das “Totalisieren.” Indirekt kam es wohl aus der Implosion des Staats-Sozialismus als jenem politischen und ideologischen System, dessen Konkurrenz mit dem Kapitalismus den Kalten Krieg befeuert hatte. Solange Ideen, Werte und zahllose Phänomene stets vorab entweder als “sozialistisch” oder als “kapitalistisch” zu identifizieren waren, kam der sprachliche Ausgriff aufs “Globale” niemandem in den Sinn. Und als er sich dann, plötzlich fast, nach dem Ende des Kalten Krieges anzubot, da stieß er nicht nur auf den moralischen Widerstand von Minoritäten-Beschützern, sondern war Teil einer tätsächlich problematischen Totalisierung.

Dabei haben die Begriffe des “Globalen” (für eine Struktur) und der “Globalisierung” (für einen Prozess) durchaus das Potential, Grundformen – vielleicht sogar zentrale Form – unserer Gegenwart zu beschreiben, wenn man sich nur die gar nicht so große Mühe einer Differenzierung macht. “Global,” ließe sich vorschlagen, sind im wörtlichen Sinn welt- und menschheitsumspannende Phänomene, die gleichwohl nicht alle heute lebenden Menschen betreffen und einschließen. Dann bezieht sich das Wort also auf Phänomene und Situationen, die für die meisten – aber eben nicht für alle — Zeitgenossen eine Rolle spielen. Vom Totalisierungsvorwurf ist “Globalisierung” ausgenommen, sobald sich genau angeben lässt, worauf sich das Wort” nicht beziehen soll oder was (ohne Wertungsimplikationen) “marginal” oder “periphär” erscheint.

Es gibt in dieser Hinsicht sehr verschiedene Dimensionen des nicht-globalen Periphären und Marginalen. Nordkorea und Kuba etwa muss man hier nennen, als Staaten und Gesellschaften, denen es nach 1989 gelungen ist, an der orthodoxen Form des Staatssozialismus (beinahe ohne Zugeständnisse gegenüber dem Kapitalismus als Sieger im Kalten Krieg) festzuhalten und die deshalb zur Abschottung gegenüber ihrer globalen Umwelt neigen. Solche ideologisch begründete Fälle der Abschottung unterscheiden sich, graduell zumindest, von Systemen oder Nationen wie Burma, deren Schließung offenbar der Kontinuität lokaler Machtstrukturen dient. Die beiden genannten Typen der Marginaliltät sind wiederum grundsätzlich verschieden von Zonen unseres Planeten, bis zu denen bestimmte, heute “global” selbstverständlich gewordene Technologien und Formen der sozialen Organisation noch nicht vorgedrungen sind. Dies scheint auf einige Regionen von Madagaskar zuzutreffen und (zumindest aus der romantisch gestimmten und politisch einfussreichen Perspekte der Anthropologie in Brasilien) auch auf Gebiete des Bundesstaats Amazonien.

So zeichnet sich eine intern heterogene Peripherie ab, deren einzig wirklich gemeinsamer Nenner in der jeweiligen Distanz zu dem einen Syndrom von “globalen” Strukturen und Gegebenheiten liegt. Doch was könnte nun – unterschieden von der Peripherie — ein nicht totalisierender Begriff des Globalen sein? Die am deutlichsten optimistische Antwort auf diese Frage macht das Globale zum Ergebnis des von Europa ausgehenden, fortgesetzten und angeblich noch nicht an sein Ende gelangten “Prozesses der Aufklärung.” Allerdings sind die Konsequenzen eines solchen Verständnisses strukturell kaum verschieden von den Ideologien aus der großen Zeit des Imperialismus, als “Britannien über die Wellen der Weltmeere regieren” und “Deutschland die Welt an seinem Wesen genesen” lassen wollte. Alle Bewohner von Madagaskar und Amazonien wären dann vom Prozeß (oder wie Jürgen Habermas sagen würde: vom “Projekt”) der Aufklärung mit den Segnungen der neuesten Technologien zu beglücken (in der friedlichst denkbaren Weise natürlich), während auf Burma oder die auf Volksrepublik China etwa moralischer Druck zur Herstellung parlamentarisch-demokratischer Institutionen ausgeübt werden müsste.

Mögliche Argumente oder Erfahrungen, die in Frage stellen könnten, dass einer Mehrheit chinesischer Bürger nach der Kapitalilisierung der nationalen Wirtschaft nun auch an an “westlichen Verhältnissen” in der Politik gelegen sei, dürfen in diesem Kontext keine Geltun haben, da der Prozess der Aufklärung sich selbst und seine Werte ausschliesslich und normativ setzt. Die meisten Intellektuellen unser Gegenwart, glaube ich, haben wahre Phobien gegen Totalisierung als Verwischung von Phänomen-Differenzen entwickelt, ohne mit der Absolut-Setzung westlicher Moral-Werte auch nur das geringste Problem zu haben (aus ihrer Sicht ist das einzig denkbare Problem in diesem Zusammenhang jede Verzögerung bei der Herstellung einer politisch korrekten Welt).

Wer die Normativität von Aufklärungs-Werten im Kern eines nicht-totalisierenden Begriff von Globalisierung vermeiden will, der muss also versuchen, Aufklärung als Struktur und als Prozeß aus einer anderen Perspektive zu sehen. Wenn aus diesem Grund noch einmal auf die Kulturen und Nationen an der Peripherie des Planeten (und des Globalen) blickt, dann fällt auf, dass sie sich – aus verschiedenen Gründen und in verschiedenen Intensitätsgraden – auf Distanz zu den elektronischen und vor-elektronischen Netzwerken der Kommunikation befinden. Vielfache Nachrichten über die Ambivalenzen des chinesischen Staats in dieser Hinsicht haben sich längst zu einer Fortsetzungsgeschichte der politischen Berichterstattung zusammengefügt, und eine konvergierende Geschichte aus strukturell ähnlichen Ambilvalenzen hat nun auch in Nordkorea eingesetzt. Aus ganz anderen Gründen, nehme ich an, würde es sich wohl als schwierig erweisen, bestimmte Regionen Madagaskars und Amazoniens mit dem Handy zu erreichen.

Dieser auf weitreichende, aber nicht den gesamten Planeten abdeckende Kommunikations-Netzwerke fokussierte Begriff der “Globalisierung” ist empirisch in doppelter Hinsicht: er soll nicht nur normative Implikationen ausschließen, sondern auch theoretische Setzungen, welche intern unbegründbar bleiben (wie zum Beispiel die Prämisse der soziologischen Systemtheorie, dass jede Gesellschaft – und letztlich die ganze Welt – ein Kommunikations-System sei). Das real existierende Globale hat seine Basis in technologischen Kommunikationsstrukturen, ist aber gewiss nicht auf ihre Materialität beschränkt und auf die Kompetenz, sie zu bedienen. Zu dieser Kompetenz gehört ja etwa ein bestimmtes Kompetenzprofil im Gebrauch der englischen Sprache – die hier einmal nicht (wie “kritische” Intellektuelle einzuwerfen sich früher verpflichtet gefühlt hätten) als ein Instrument hegemonialer Unterwerfung funktioniert, sondern als ein Medium, das wohl einfach leichter zugänglich ist als andere Sprachen mit einer großen Anzahl von Sprechern. An die elektronische Kompetenz und den Gebrauch der englischen Sprache schließen sich neue, “global” voraussetzbare Wissenstrukturen an (die im Detail wohl noch nie beschrieben worden sind) und daneben auch bestimmte Höflichkeitsregeln (man verfügt etwa über ein Repertoire erwartbarer Komplimente) und sogar ein gewisser Ton harmlosen Humors (es ist “global” zulässig und erwartbar, in einer e-mail ironische Bemerkungen über die elektronisch mitlaufende Rechtschreibkontrolle (“Spell check”) zu machen). Vor allem aber sind auf der Basis der elektronischen Netzwerke vielfache Beziehungen des wirtschaftlichen Austauschs — und vielerlei Waren — global verfügbar geworden.

In weniger als zwei Jahrzehnten hat “Globalisierung” als eine Kommunikationsform, in der wir uns lebenslang aufhalten können, weil sie eine früher undenkbare Vielfalt der Kontakte und der Wissensbestände zur Verfügung stellt, noch eine ganz andere Entwicklung im Prozess der Aufklärung zu einem kaum mehr überbietbaren Extrempunkt geführt. Im Sinn jenes berühmten Mottos aus dem siebzehnten Jahrhunderts “ich denke, also bin ich,” sind wir ausschließlicher Bewußtseins-orientiert, ausschließlicher “cartesianisch” geworden als dies je zuvor der Fall war. Diese Reduktion auf das Elementare in der menschlichen Existenz geht einher mit einer Nivellierung kultureller (und vielleicht sogar individual-psychischer) Unterschiede. Deshalb sind wir so (angenehm oder unangenehm) überrascht, wenn wir nach langen und stromlinien-funktionalen Sequenzen elektronischer Kommunikation zum ersten Mal den Umriss eines individuellen Körpers und die Züge eines individuellen Gesichts mit einem bestimmten, längst zur Gewohnheit gewordenen Gestus des Schreibens verbinden können.

Die Energien verschiedener Gegenbewegungen sind uns vertraut und zwar so deutlich, dass wir wohl auch sie zum Begriff des “Globalen” rechnen sollten. Auf die Einklammerung unserer Körper in der elektronischen Kommunikation haben wir mit der “Wiederentdeckung” des Körpers, mit einer neuen “Sehnsucht” nach Körpern reagiert — und auch mit einer neuen Körper-Sebstbewusstheit, welche sichtbar und bis heute bestimmte Segmente der Produktion und des Marktes, zum Beispiel die Modeindustrie, stimuliert. Dabei zeigt sich einerseits — als Gegeneffekt zum Nivellierungstrend der Globalisierung – ein neues Bestehen auf Differenzen, paradoxal gesagt: globale Trends der Ent-Globalisierung oder Regionalisierung. Regionale Kleidungskonventionen (vor allem in den islamischen Nationen), regionale Gaststromonien (vor allem von der Peripherie Europas) und regionale Formen und Farben des Designs (etwa in Südamerika) wären ohne Globalisierung als Herausforderung wohl nie mit der gegenwärtigen Intensität wiederauferstanden (und zum Impuls neuer Industrien geworden). In den meisten Fällen freilich stehen solche regionale Formen neben der — alltäglich ganz neutral-funktionalen — westlichen Tradition.

Möglicherweise heißt “global” also vor allem, sein Erwachsenen-Leben im Wechsel zwischen zwei kulturellen Schichten und Repertoires zu verbringen, der westlichen und einer “eigenen.”

14. Feb. 2015
von Hans Ulrich Gumbrecht
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30. Jan. 2015
von Hans Ulrich Gumbrecht

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Count Down zum Super Bowl

Der amerikanische Sport ist Endspiel-fixiert und Sieges-begierig, weshalb jener gut gemeinte Satz von der Teilnahme, die wichtiger sei als der Wettbewerb, hier noch steriler klingt als anderswo. Eine Liga ohne Endspiel – wie die Bundesliga – ist unvorstellbar in den Vereinigten Staaten, deshalb hat man ja schon die bloße Möglichkeit des Unentschiedens eliminiert in den Mannschaftssportarten, wo (auf welcher Ebene immer, von den Profis bis zu den Knirpsen) solange nach je spezifischen Regeln weitergespielt wird, bis ein Sieger feststeht. Ausgerechnet diese Sieges-Ausschließlichkeit verbindet übrigens den amerikanischen Sport mit dem Sport im antiken Griechenland, wo es auch nur einen Sieger und viele Besiegte gab, keine “Silbermedaillen-Gewinner” und schon gar keine “moralischen Sieger.”

In den vier großen nordamerikanischen Mannschaftssportarten (American Football, Baseball, Basketball und Eishockey, mit überaus populären eigenen Meisterschaften im College Basketball und seit diesem Jahr zum ersten Mal auch im College Football) haben sich die etwas über einen Monat gehenden Play-Offs als institutionelle Form jener Endspiel-Fixierung herausgebildet und dann vor Jahrzehnten schon auf Serien von Spielen zwischen zwei Mannschaften (“Best of Three.” “Best of Five,” “Best of Seven”) ausgedehnt, mit denen längst auch in Deutschland die Basketball- und die Eishockeysaison enden. Eine Ausnahme macht allein der American Football, der seine Saison am ersten Februar-Sonntag mit einem einzigen Endspiel, dem Super Bowl, abschließt, dem bei weitem populärsten Ereignis des amerikanischen Sportjahres. Warum im Football keine Serie gespielt wird, erklärt man meist mit seinen besonderen physischen Anforderungen und Verletzungs-Risiken, aber die sind eigentlich beim Eishockey nicht geringer – und gerade dieser Sport hat die längste Saison, einschließlich der längsten Playoff-Zeit. An der Dauer der einzelnen Spiele kann es auch nicht liegen. Zwar dehnt der Super Bowl die sechzig Minuten reiner Spielzeit auf etwas mehr als vier Stunden aus, aber Baseball-Spiele gehen manchmal über eine noch viel längere Zeit, und Eishockey-Spiele sind mit ihren zwei Drittel-Pausen nicht entscheidend kürzer. Die Ausnahme der Zuspitzung auf das eine Super Bowl-Endspiel gehört wohl einfach zum besonderen Inszenierungs-Stil des Footballs, wo es — immer, bis zum Ende, irreversibel und mit höchster dramatischer Intensität — ums Ganze gehen soll. Nicht zufällig wohl sind (eher bildungsbürgerliche und meist banal klingende) Assoziationen zwischen Football und der antiken Tragödie bis heute bei unseren Sport-Essayisten sehr beliebt geblieben.

Alle amerikanischen Playoff-Systeme sind so organisiert, dass in ihrem Endspiel eine Mannschaft aus dem Osten des Landes (fast immer von der Atkantikküste) auf eine Mannschaft aus dem Westen (Pazifikküste und mittlerer Westen) trifft. In ihren jährlichen Varianten zeigt auch die Inszenierung dieses Kontrast beim Football besonders deutliche Konturen, weil die Mannschaften des Ostens mit einer “soliden,” auf physischer Dominanz und Ballkontrolle beruhenden Spielweise identifiziert werden, während man von Mannschaften des Westens Impulse strategischer Innovation und höhere Risikobereitschaft erwartet (als “West Coast Offense” gilt etwa seit einigen Jahrzehnten jede schnell ausgeführte Sequenz von Spielzügen mit vor allem kurzen Pässen des “Quarterbacks” an verschiedene “Receivers” – und sie wurde von Bill Walsh, einem Coach aus Kalifornien, erfunden, der mit diesem Stil eine unvergessene Mannschaft der San Francisco 49ers zu drei Super Bowl Siegen führte). Die Kontrahenten des neunundvierzigsten Super Bowls an diesem Sonntag, die New England Patriots (aus der Gegend von Boston) und der Titelverteidiger, die Seattle Seahawks, verkörpern den regionalen Kontrast denkbar deutlich. New England hat relativ früh in der nun zuende gehenden – nur vier Monate langen – Football-Saison einen Rhythmus effizienter Nüchternheit entwickelt, dem keine andere Mannschaft des Ostens standhalten konnte. Seattle hingegen überstand einige überraschende Niederlagen und qualifizierte sich für den Super Bowl im Spiel gegen die Green Bay Packers erst durch eine Schlussphase, in der massives Glück mit den von den Regeln dieses Sports eröffneten Möglichkeiten für dramatische “Schicksalswenden” konvergierten.

Richard Sherman, ein noch relativ junger, afro-amerikanischer Deckungsspieler der Seahawks, den Präsident Obama beim Sieger-Empfang des vergangenen Jahres im Weißen Haus besonders hervorhob, ist – nicht nur auf dem Feld – ein Star dieser Mannschaft. Seine sportliche Spezialität sind die eigentlich seltenen “Interceptions” langer Pässe des gegnerischen Quarterbacks, mit denen er nicht nur immer wieder das eigene Team in die Offensiv-Position bringt, sondern oft schon sehr früh eine asymmetrische Stimmungsdynamik zwischen beiden Mannschaften zugunsten der Seahawks hergestellt hat. Dabei helfen Sherman mindestens ebenso wie eine herausragende Sprungkraft und Ballsicherheit sein zugleich aggressives und selbstironisches Rede-Talent, mit dem er vor entscheidenden Spielen die Offensivspieler des Gegners öffentlich unter Druck setzt (“you will not be able to throw the ball far away enough from me”). Es ist in den bisher drei Jahren seiner Karriere deshalb immer wieder vorgekommen, dass die Gegner, um Shermans gefürchtete Interceptions zu vermeiden, allzu komplexe Offensiv-Strategien entwickelten, die dann unter dem Druck des aktuellen Spiels mit fatalen Folgen implodierten.

Sich in den (von Zuschauern außerhalb Amerikas als Zumutung empfundenen) langen Auszeiten zwischen aufeinanderfolgenden Spiel-Szenen (bei Ballbesitz von New England) zu fragen, ob und wie Tom Brady, der maximal genau werfende, stets hochkonzentrierte Quarterback der Pariots (und Mann von Gisele Bündchen), auf die Sherman-Herausforderung reagieren wird, das wäre ein Beispiel für die besondere Art der antizipierenden –- auf die jeweils nächste Szene konzentrierten — Teilnahme von Football-Fans an ihrem Spiel. Die Spielzüge selbst werden dann in dem Maß interessanter (und tatsächlich auch schöner), wie man sich gestattet, Momente offener und intendierter Gewalt als Kondensationspunkte strategischer Komplexität zu akzeptieren und verstehen (den Kommentar eines New England-Spielers, dass es wichtig sein wird, sehr früh die physische Konfrontation mit Richard Sherman zu suchen, weil er seit dem Spiel gegen Green Bay an einer Ellenbogenverletzung laboriert, empfand niemand als skandalös). Schließlich haben Fußball-gewohnte Zuschauer eine Tendenz, Football-Spiele zu früh für entschieden zu halten. Einen Ergebnis-Abstand, der drei oder sogar vier Toren entspricht, in fünfzehn Minuten reiner Spielzeit aufzuholen, gehört zu den realistischen – und vor allem strategisch zu nutzenden – Möglichkeiten dieses Sports. Auch sie können natürlich nicht gerantieren, dass keine der beiden Mannschaft einen Anfangs-Vorsprung kontinuierlich ausbaut (was an diesem Sonntag wohl eher New England zuzutrauen waere) — und das Spiel zur Langeweile verdammt.

Zweifellos hat es mit der Staccato-artig fragmentierten Verlaufsstruktur des American Football zu tun, mit seiner strategischen Komplexität und mit jener besonderen Art antizipierender Zuschauer-Aufmerksamkeit, wenn ausführliche, aber immer auf die unmittelbar vorausgehenden und folgenden Situationen fokussierte Kommentare die Kommunikation im Stadion und vor den Bildschirmen bestimmen. Und vielleicht ist eine Kultur des Public Viewing mit ihren außerordentlichen Zuschauerzahlen im Bezug auf den Football noch nicht entstanden, weil Public Viewing (beinahe wie das Kino) eine permanente und wesentlichtlich schweigende Konzentration auf den Bildschirm voraussetzt. Die klassische Sozial-Form des Endspiel-Sonntags im Football hingegen ist die “Super Bowl Party” für zehn, zwanzig, dreißig Freunde, die durchaus Fans der beiden rivalisierenden Mannschaften sein können und sich meist vorab durch bescheidene (Super Bowl-spezifische) Wett-Investitionen zum Engagement motiviert haben. Genau aus dieser Grundstruktur muss die Situation jener (meist von Firmen gemieteten) “Suiten” hervorgegangen sein, die auch zu den neueren Fußball-Stadien gehören und (wenigstens nach meiner Erfahrung) mit der grundlegend verschiedenen Aufmerksamkeitsform dieses Sports nur schwer zu vereinbaren ist. Andererseits haben sich die Lounges und Bar-Bereiche hinter den Suiten der zuletzt eröffneten American Football-Stadien derart ausgedehnt, dass die verlaufende Gegenwart des Spiels – vor allem für Zuschauer auf den teuren Plätzen – von zuviel Kommunikation an die Peripherie der Aufmerksamkeit gedrängt wird.

Das verhält sich bis heute grundlegend anders in vielen Stadien des College Footballs, der – aus europäischer Perspektive: fast unglaublicherweise – an den Herbst- und frühen Winterwochenden insgesamt noch mehr Zuschauer anzieht als die professionelle Football-League. Seine wichtigste Voraussetzung und Differenz liegt in mehreren, miteinander verfugten Dimensionen der räumlichen und sozialen Nähe. Große Zuschauer-Blöcke in Spielfeldnähe sind für die Studenten der beiden Universitäten reserviert, zu denen die Football-Helden gehören (und spielberechtigt sind nur Studenten der ersten vier Bildungs-Jahre, die man “College” nennt). Eine Bar- und Lounge-Kultur kann sich hier nicht entfalten, weil keine alkoholischen Getränke beim College-Sport angeboten werden dürfen. Aber auch nach dem Studium bewahrt man der Mannschaft seines ehemaligen Colleges eine besondere Art von Treue, die nicht allein sportlich, sondern immer auch von nostalgischen Erinnerungen motiviert ist. Ein wichtiges Heimspiel gehört so zum Pflichtprogramm der jährlichen “Homecoming Weekends,” an denen Zehntausende von früheren Studenten zu ihren Colleges zurückkehren.

Allein aus diesem Kontext hat sich der American Football entwickelt und ist erst relativ spät, um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, zu einem erfolgreichen Berufssport geworden (woran die römische Zahl “XLIX” vor dem diesjährigen Super Bowl erinnert). Trotz gelegentlicher Zugeständnisse hat die Dachorganisation des College-Sports – durchaus auch aus wirtschaftlichen Gründen – den im wörtlichen Sinn “konservativen” Gestus in der Selbstinszenierung ihrer Football-Version gegen vielfache Initiativen der Veränderung erhalten. Die Konzentration auf das Spiel wirkt hier insgesamt intensiver als bei der Profi-Version, die meisten Zuschauer sind über Generationen hinweg durch ihre Gesellschafts- und Bildungsidentität verbunden – und nicht wenige von ihnen kennen persönlich den einen oder anderen der weit über fünfzig Spieler ihrer Mannschaft. Es ist kein privilegierter Einzelfall, sondern eher ein Beispiel für die soziale Grundstruktur des College Football, dass ich mit einigen heute als Profis erfolgreichen Spielern, unter ihnen auch mit Richard Sherman von den Seattle Seahawks, während ihrer Studentenzeit an der Stanford University in Kontakt war. Nicht selten sehe ich – mit einigem Stolz – Sherman an für ihn spielfreien Wochenden im Stanford-Stadion neben unserer Mannschaft stehen und denke dann zurück an ein kurzes Gespräch unter kalifornischer Herbstsonne, als er von unserem damaligen Coach für mehrere Spiele gesperrt worden war, weil er sein extrovertiertes Temperament auf dem Spielfeld nicht unter Kontrolle hatte.

Solche lokalen Schichten der Erinnerung spielen für vielen Millionen – wenn auch nicht für alle – Zuschauer beim Super Bowl eine entscheidende Rolle, einfach weil sie die Entwicklung des einen oder anderen unter den insgesamt mehr als hundert Endspielteilnehmern seit seinen College-Jahren verfolgt haben. Manchmal verknüpfen sich die immer herbstlichen Erinnerungen auch mit Erwartungen für die nähere Zukunft. Als ich im Oktober 1989 bei einem Stanford Heimspiel gegen Notre Dame University (das große Traditions-Team dieses Sports) zum ersten Mal live einen Touch Down sah (noch ohne die komplexen Regeln des Spiels wirklich ganz zu verstehen), hieß der schlanke und sehr hochgewachsene Spieler, der den Pass seines Quarterbacks entschlossen gegen doppelte Deckung im Sprung festhielt, Ed McCaffrey. Bald sollte er eine herausragende Profi-Karriere bei den Denver Broncos beginnen, und noch heute ist sein Name jedem NFL-Fan geläufig. Seit der nun vergangenen Saison gehört sein etwas kompakter gebauter Sohn Christan McCaffrey zur Mannschaft der Stanford University und hat bei sechs Heimspielen fast dreihunderttausend Zuschauer begeistert (was umso erstaunlicher ist, als Freshmen im Regelfall kaum eingesetzt werden). In einem Interview sagte sein Quarterback am Ende der Saison (und wahrscheinlich seiner eigenen College-Karriere), er schließe nicht aus, dass Christian McCaffrey in zwei oder drei Jahren ein Kandidat für die Heisman Trophy sein könnte, für die Auszeichung des Jahr für Jahr besten College Spielers, die natürlich meist am Beginn von ganz großen Karrieren (und Einkünften) in der Profiliga steht. Gestern sah ich ihn am Fenster meines Büros auf dem Campus vorbeirennen (anscheinenend war er zu spät aufgewacht – das Football Team trainiert derzeit nicht – und wollte gerade noch rechtzeitig zur Vorlesung kommen). Für einen Moment dachte ich nicht bloß an die nächsten Spielzeiten und an den Super Bowl in zehn Jahren, sondern habe mir auch vorgestellt, wie sich Christian wohl in einem meiner eigenen Seminare machen würde.

Cordelia Borchardt bitte ich, mir zwei amerikanische Gegenwartsromane zu nennen, die Richard Sherman und Christian McCaffrey mit Interesse (oder vielleicht sogar mit Begeisterung) lesen könnten.

30. Jan. 2015
von Hans Ulrich Gumbrecht

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17. Jan. 2015
von Hans Ulrich Gumbrecht
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American Football als Pathosformel (zwei Wochen vor dem Super Bowl)

Vor nicht allzu vielen Jahren fanden es Intellektuelle noch witzig, ihre selbstverständliche Verachtung für den Fußball in die Frage zu fassen, “aus welchem Grund fünfundzwanzig erwachsene Männer hinter einem Ball herrennen sollten.” Mittlerweile profiliert sich der gebildete europäische Mittelstand – mit mehr oder weniger Sachkompetenz — in ausführlichen Fußballgesprächen, und dabei sind wohlmeinend moralische und nicht selten auch schicke ästhetische Urteile längst an die Stelle der alten politischen Verurteilungen getreten. Etwa gehört es derzeit in Deutschland zum guten Konversations-Ton, Spielern, Trainern und auch Club-Präsidenten ausgerechnet “Demut” nahezulegen (oder sie für bewährte Demut zu loben), während spezifisch sportbezogene Begriffe der ästhetischen Wertschätzung noch auf sich warten lassen (bis auf weiteres nehmen ihren diskursiven Platz Wörter aus der jüngeren Trainersprache ein, wie die “Standards” oder der “Sechser”).

Niemand jedenfalls reagiert heute noch überrascht, wenn Fußball als ein Gegenstand ästhetischer Erfahrung genannt wird (nur die Frage, ob es sich um eine “niedere,” eine “ganz normale” oder gar um eine “höhere” Variante der ästhetischen Erfahrung handeln soll, scheint noch offen zu sein und wird entsprechend selten gestellt). Trotzdem sind herablassende Charakterisierungen des Sports nicht ganz verschwunden, sie nehmen nur einen neuen Ort in den Gesprächen und einen anderen Bezugspunkt ein. Wer Sportarten, die in Europa wenig populär sind, als groteske Veranstaltungen beschreibt – ob es nun um Baseball, Cricket oder Curling geht – hat noch immer die Lacher auf seiner Seite. Dabei sollte doch gerade ihn die Ironie der französischen Redeweise treffen, nach der “schlechter Geschmack stets der Geschmack der anderen ist.”

Ambivalent wirkt in dieser Hinsicht der Status des American Football. Einerseits ist mindestens das Endspiel der Profi-Liga in den Vereinigten Staaten, der sogenannte “Super Bowl,” längst zu einem weltweit notierten Medientermin geworden (er liegt dieses Jahr auf dem 1. Februar), andererseits geht den meisten internationalen Zuschauern offenbar noch jenes über die grundlegende Regelkenntnis hinausgehende Verständnis ab, das erst Begeisterung für einen Sport möglich macht (zumal wenn dessen Ereignisse einschließlich Werbeeinblendungen bis zu vier Stunden dauern). Oft habe ich in den vergangenen Jahren den Eindruck gehabt, dass für kleinlaute Enttäuschung oder höfliches Schweigen nach dem Superbowl-Sonntag ein Blick verantwortlich ist, der dem American Football – bei allem guten Willen – jede Abweichung vom Fußball übel nimmt. Vielleicht könnte ein Umdenken – oder genauer: ein Wechsel der Optik in mindestens drei Perspektiven — den Bann brechen und die schon bestehende diffuse Faszination für den American Football zu jener besonderen Intensität des Erlebens verdichten, die ihn (eigentlich erst in den letzten Jahrzehnten) zum Lieblingssport der Vereinigten Staaten gemacht hat.

Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft, sich auf ein Spiel einzulassen, in dem Strategie von unbegrenzter Komplexität und freigesetzte Gewalt konvergieren. Beide Kraftfelder sind im American Football unverstellt und sehr explizit sichtbar. Man könnte deshalb sagen – aber das ist nur eine Bemerkung am Rand, die den American Football (oder den Sport generell) keinesfalls mit einer Aura versehen soll – dass hier in einem Höchstgrad an Intensität jene beiden Dimensionen greifbar werden (Strategie und Gewalt, Sinn und Sinnlichkeit), deren simultane Gegenwart seit dem siebzehnten Jahrhundert in den westlichen Kulturen “ästhetische Erfahrung” ausmacht. Einerseits wird die Choreographie der Spielzüge jeder Mannschaft im Detail und langfristig (tatsächlich zu Beginn der Saison) festgelegt und vor ihrer Ausführung beständig in kurzen Gesprächen zwischen Spielern und Trainern situationsspezifisch justiert. Sie hat sogar ihr spezifisches Emblem auf dem Spielfeld, naemlich eine Manschette mit gedächtnisstützenden Informationen am Unterarm des Quarterbacks, jenes Spielers, der die offensiven Spielzüge einer Mannschaft koordiniert.

Ebenso explizit und unverstellt ist beim American Football andererseits die Gewalt im wörtlichen Sinn, das heisst Gewalt als körperliche Eroberung und Sperrung von Räumen gegen den Widerstand anderer Körper. Ähnlich wie beim Eishockey oder beim Boxen gibt es eine spezifische Form des Gewalt-Ereignisses, welches die Zuschauer besonders schätzen. Das ist der “clean hit,” jener Augenblick, wo die vorwärtsgerichtete Körperbewegung eines Spielers durch die genau plazierte Gegenbewegung eines anderen Spielers momentan und definitiv unterbrochen wird (zerren, nachgreifen, zweite Ansätze sind mit der Schönheit des “clean hit” unvereinbar). Solange ein Zuschauer schon die bloße Möglichkeit, solche Szenen schön zu finden, bewusst oder vorbewusst ausblendet, weil er Gewalt und ästhetische Erfahrung für unvereinbar hält, bleibt ihm die besondere Attraktivität des American Football verschlossen. Deshalb auch irrt sich der südadafrikanische Literatur-Nobelpreisträger und Rugby-Fan John Coetzee, wenn er prognostiziert, dass ein Verbot der Gewalt seinem Lieblingssport zu größerer internationaler Beliebtheit verhelfen könnte.

Immer wieder kommt es beim American Football zu Momenten, wo die Spannung zwischen komplexer Strategie und präsenter Gewalt einzelne Formen und Bilder von potentiell mythologischer Prägnanz hervorbringt. Zum Beispiel, wenn der Quarterback einen genauen Pass über dreißig oder vierzig Meter nur um den Bruchteil einer Sekunde vor dem Moment auf dem Weg bringt, wo ihn ein bulliger Abwehrspieler zu Boden reißt; oder wenn ein Spieler von mehrern Gegnern aggressiv verfolgt wird, weil er vorgibt, mit dem Ball im Arm Raum zu gewinnen, während ein anderer Spieler derselben Mannschaft den Ball tatsächlich – und völlig unbehindert — nach vorne bringt. In solchen Szenen verbinden sich die gegensätzlichen Kräfte von Strategie und Gewalt zu immer neuen Konfigurationen, die manchmal an jene Dynamik von (erhebender) Anmut und (erdgebundener) Schwere erinnern, die Heinrich von Kleists Essay über das “Marionettentheater” beschreibt.

Doch solche Szenen der spannungsvollen Gegensätze können allein vor dem Hintergrund jener Grundbedingung des American Football aufscheinen, in der Strategie und Gewalt zur Synthese verbunden sind — da Strategien ja allein in der Dimension von Verkörperung wirklich werden. Dazu gehört auch die beständige, von jeweiligen Spiel-Situationen abhängige Ablösung unter den etwa sechzig hochspezialisierten Spielern jeder Mannschaft, die mit ihren Helmen, mit den von Schutzschienen geometrisch verbreiterten Schultern und unter Trikots mit riesigen Nummern stilisiert wie Schachfiguren aussehen. Dass jedenfalls Gewalt — und damit auch körperliche Bedrohung – immer im Spiel sind, erklärt zum einen, warum jede absichtliche Durchbrechung der Spielregeln (jedes “Foul”) im American Football unter strengsten Sanktionen steht (selbst den Spielern der eigenen Mannschaft vergibt ein Football-Fan Fouls nicht ohne weiteres). Zum anderen könnte diese Allgegenwart von Gewalt (und der mit ihr verbundenen Gefahren) auch der Grund für den singulären Grad an Leidenschaft unter unter Spielern und Zuschauern beim American Football sein. “Nach einer Niederlage,” hörte ich einmal einen erfolgreichen Running back sagen, “ist jedes Mal klar, dass man dieses Spielfeld nie hätte betreten sollen.”

Weniger unverstellt, mit weicheren Konturen und mit flexibleren Übergängen gehört der Grund-Kontrast zwischen Gewalt und Strategie freilich auch zu den meisten anderen Mannschaftssportarten, einsschließlich des Fußballs. Durch eine ins Extrem getriebenes zweites Form-Prinzip aber, nämlich durch die Segmentierung des Spielflusses in eine Folge (vielleicht sollte man sagen: in ein Staccato) von oft nur wenige Sekunden dauernden Spielzügen, zwischen denen lange Auszeiten liegen, entwickelt der American Football einen besonderen Rhythmus. Dieser Rhythmus erklärt, wie aus sechzig Minuten reiner Spielzeit Sport-Ereignisse von dreieinhalb bis vier Stunden Dauer werden können, deren Intervalle bei Fernsehübertragungen – zur Frustration der internationalen Zuschauer — beinahe ausschließlich mit Werbung gefüllt sind. Warum aber fordert diese Struktur nicht auch die Geduld der amerikanischen Zuschauer (im Stadion und vor den Bildschirmen) bis zur Schmerzgrenze heraus?

Sie beschäftigen sich von “play” zu “play” (von “down” zu “down,” wie man gleichbedeutend sagen kann) mit der immer neuen Frage, welche auch die Coaching Teams und die Spieler in Atem haelt, nämlich welcher nächste Spielzug die andere Mannschaft überraschen kann — und damit zu Raumgewinn (für die Offensive / den Angriff) oder zur Blockierung von Räumen (für die Defensive / die Verteidigung) führen wird. Sobald sich ein Zuschauer auf diese Art der “mitdenkenden” Teilnahme einlässt, behaupte ich, hat ihn die Faszination des American Football erreicht. Auf dem Spielfeld selbst geht es aber nicht allein um das strategische Vorausdenken, sondern “down für down” auch um jeweilige Teil-Wettbewerbe, die oft einen individuellen Akzent haben. Für Minuten gespannter Erwartung und dann wenige Sekunden von komplexer Bewegung und Gewalt geht es immer wieder allein um die Frage, ob die Mannschaft im Ballbesitz oder die ohne Ball verteidigende Mannschaft das nächste “play” gewinnt, das sich seinerseits aus einer Serie von Zweikämpfen zusammensetzt. Oft feiern die Sieger entscheidender Zweikämpfe innerhalb eines Spielzugs den Erfolg mit soviel Emphase, als hätten sie eben den Superbowl gewonnen.

So laden sich die nur scheinbar langweiligen Intervalle der Spiels im American Football zu Phasen wachsender Spannung und ihrer Entladung auf. Dass eine Mannschaft nur dann im Ballbesitz bleiben darf, wenn sie in einer Folge von höchsten vier “downs” den Ball um – zusammengesetzte – zehn Yards weiterbewegt, steigert eben diese Spannung nach der Form eines Crescendo. Die lautesten Stadionmomente sind im Normalfall die Sekunden von Anspannung vor einem dritten “down,” nach dem die Mannschaft der Offensive, wenn sie den Ball nicht um insgesamt zehn Yards weiterbewegt hat, die offensive Kollektivrolle ihrem Gegner überlassen muss. Ganz entgegen dem Eindruck eines Blicks von außen, der in der Segmentierung der Spielzüge nur Langeweile sehen kann, liegt gerade in dieser — wiederum sehr harten — raumzeitlichen Stückelung ein für die Zuschauerpartizipation ausschlagebender (und recht rigider) Rahmen. Erst in ihm koennen sich Szenen von Gewalt und Strategie wirklich entfalten.

Die Abfolge von Spielzügen als Mini-Wettbewerben vollzieht sich beim American Football oft als eine Erschöpfungsschlacht, die mit dem Kollaps der einen Abwehr endet, wenn sie ihren Raum nicht mehr gegen die Körper der anderen Mannschaft geschlossen zu halten vermag. Zugleich, drittens — und im genau entgegensetzten Rhythmus – ist der American Football auch ein Spiel der unwahrscheinlichen, aber immer möglichen dramatischen Wendungen (fast möchte man sagen: ein Spiel des immer wieder plötzlich umschlagenden Schicksals). Wie bei allen Sportarten, die es erlauben, den Ball mit den Händen zu schützen und zu führen, ist die Ballsicherheit beim American Footballs sehr hoch – und gerade deshalb werden Momente des plötzlichen Umschlagens der Spielrichtung (oder des Schicksals) als besonders einscheidend erlebt.

Etwa, wenn es einem Abwehrspieler gelingt, den Ball aus der Armen eines Angriffssspielers zu schlagen, ihn aufzufangen und dann in Gegenrichtung eine perplexe Aufstellung aus Offensivspielern zu überrennen, die sich auf ihre plötzlich eingetretene funktionelle Abwehrolle noch nicht eingestellt haben. Einen ähnlichen Effekt bringt die sogenannte “Interception” hervor, das heißt jener Moment, in dem ein Defensivspieler den Pass eines Quarterbacks abfängt und damit in Ballbesitz kommt. Dazu gehört auch ein Bündel von Regeln, die es im Spielstand zurückliegenden Mannschaften – bei hohem Risiko eines sich dann definitiv gegen sie kehrenden “Schicksalumschlags” – ermöglichen, innerhalb weniger Sekunden den Spielstand mehrfach und oft sogar entscheidend zu verbessern. Mit anderen Worten: selten (und im Verlauf eines Spieles nur sehr spät) kann die Differenz der von beiden Mannschaften erzielten Punkte so deutlich sein, dass Sieg und Niederlage unumkehrbar feststehen. Die Spannung schwindet wirklich zuletzt beim American Football.

Jene drei Phänomenbereiche, die Verfugungen aus Strategie und Gewalt, das Staccaro und Crescendo der Spielzüge, zusammen mit der Tendenz zu Kipp-Momenten und dramatischen Wendepunkten, machen in ihrer Konvergenz die besondere Form und zugleich die besondere Zuschauer-Faszinaton des American Football aus. Aus der Wirkung ihres Zusammenspiels ergibt sich eine eigentümliche Affinität zum Begriff der “Pathosformel,” dessen Kurswert in der gegenwärtigen Kunstwissenschaft und Kunstkritik so hoch ist. Denn aus der Konvergenz und Akkumulation der beschriebenen drei Bereiche entsteht im American Football ein Spiel der harten, dramatisch anmutenden, sich wie notwendig und geradezu archaisch oder elementar zeigenden Formen — die dann im choreographischen Zusammenhang zu prägnanten Formeln und Gesten werden. Auf der Grundlage allgegenwärtiger Gewalt sind diese Formeln und Gesten nicht nur verkörpert, sondern auch in einem hohen Intensität-Grad affektiv aufgeladen, bis hin zum Pathos eben, zur verkörperten Leidenschaft.

Dabei stellen die Pathosformeln des American Football nichts dar, sie sind keine Allegorien, die Platz für Bedeutungen halten und sie zugleich artikulierten. Eher wirken sie wie zu Pathos und Intensität komprimiertes Leben. Und in der Tat verfolgen die leidenschaftlichen Anhänger dieses Sports ihre Lieblingspieler über außergewöhnlich lange Strecken des Lebens. Zuerst über die vier Jahre, wo Football als College-Sport gespielt werden kann, der übrigens insgesamt mehr Zuschauer anzieht als die so perfekt gemanagte Profi-Liga — und dann, in einigen wenigen Fällen zumindest, über die Schwelle zwischen College und Profiliga hinweg innerhalb einer Profikarriere, wo die individuellen Einkünfte denen der berühmtesten Fußball-Ligen ähneln.

Doch so wie die Raum- und Zeit-Rahmen des American Football mit Strategien durchwirkte Gewalt zu Pathosformeln komprimieren, können diese Pathosformeln ihre Resonanz vielleicht nur innerhalb der Kultur der Vereinigten Staaten als einem spezifischem Kontext finden. In einer Kultur harter Konturen und oft unverstellt intensiver Affekte.

(Jochen Hieber danke ich für die Herausforderung)

17. Jan. 2015
von Hans Ulrich Gumbrecht
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03. Jan. 2015
von Hans Ulrich Gumbrecht
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Philosophie der Selfies?

Nicht immer bewährt sich die verklärende Kraft unseres Rückblicks auf die Kultur der Vergangenheit, und wo sie versagt, da ist die Wirkung meist schlimmer als nur ernüchternd. Zwischen den Feiertagen habe ich den Monumental-Film (sagte man damals) “Die zehn Gebote” von 1956 wieder gesehen, in einem sehr schön rekonstruierten historischen Kino mit stets angestrengten Sonder-Programmen (es soll das “hobbie-horse” der Packard-Familie von “H&P” sein), achtundfünfzig Jahre nachdem mein Firm-Pate inmitten der Erstkommunion-Vorbereitungen die erbauliche Idee hatte, uns beiden die fast vier Stunden der Hollywood-Geschichte von Moses zuzumuten. Vier Stunden Kino (mit Pause) vergehen wohl heute wohl eher noch langsamer als damals; wieder einmal wurde ich außerdem daran erinnert, dass Special effects nicht notwendig besser werden, wenn sich die Geschichtlichkeit ihrer Technologie in den Vordergrund drängt; und peinlich berührte es schließlich den Amerikaner in mir, dass die Protagonisten und ihre Schaupieler, vor allem der vollbärtige Charlton Heston als Moses und der glatzköpfige Yul Brynner als Ramses II., wie südkalifornische Pastoren im Kalten Krieg sprachen und predigten, während das gefangene Israel mit farbiger Aufdringlichkeit für westliche Freiheit und ägyptische Tyrannei für die Sowjetunion standen, was zu erkennen mir im Erstkommunionjahr natürlich erspart geblieben war.

Schlimmer als ernüchternd tatsächlich wurde dieses Film-Erlebnis, weil bald auch die Erinnerung durchbrach, wieviel kindliche Anstrengung es schon 1956 verlangt hatte, vor meinem wohlmeinenden Paten (und mir selbst) zu verbergen, dass ich einfach nur gelangweilt war. Diesmal aber, wo ich es mir leisten konnte, durch lange Passagen im Leben des Moses einfach zu schlafen und den Schluss-Applaus des kundigen Cineasten-Publikums (“eine der erfolgreichsten Hollywood-Produktionen aller Zeiten”) nervend zu finden, riss mich eine ganz andere Faszination aus der einsetzend schlechten Laune. Gerade vor mir nahm ein groß gewachsener Mann unter der bei amerikanischen Film-Liebhabern so beliebten Baseball-Mütze Platz – und begann unversehends, mit seinem Handy Videos von dem Hammond-Orgel Spieler auf seiner versenkbaren Bank zu schießen, dessen glamouröse Melodien den Film umrahmten, von langen Sequenzen des Films auch (was ich viel erstaunlicher fand) — und vor allem von sich selbst auf seinem Programmkino-Sitz. Ich selbst bin elektronisch inkompetent genug, um nicht einmal zu wissen, ob die unter den gegebenen Bedingungen entstandenen Videos und Bilder je als visuelle Erinnerungen abrufbar sein werden. Aber darauf kommt es kaum an.

Ein philosophisches Interesse an vielerlei Formen von elektronischer Erinnerungsproduktion setzt ein bei einem Phänomen der Quantität und Proportion. Seit der Erfindung klassisch photographischer Bilder und Filme war es zwar möglich geworden, (vergleichsweise) Subjektivitäts-freie Erinnerungen zu speichern, doch die je spezifischen quantitativen Grenzen dieser Möglichkeit waren allzu deutlich: die von Amateuren benutzte Film-Patrone für Kameras kam nach maximal sechsundreißig Aufnahmen an ihr Ende, und der acht-Millimeter-Schmalfilm bot (eben zur Zeit meiner Ernstkommunion) gerade vier Minuten Erinnerung für damals erhebliche zwanzig D-Mark. Heute hingegen wirken (zumal vor diesen historischen Hintergrund) die Speicherkapazitäten “unendlich” – und werden doch erstaunlicherweise genutzt, oft sogar erschöpft. Ich bin mir sicher, dass der Mann mit der Baseball-Mütze mindestens während der Hälfte der so langen Kino-“Gebote” sein Video mitlaufen ließ; und auch Museums-Besucher, die – aus der Hüfte sozusagen und ganz habituell – jedes Bild riesiger Ausstellungen photographieren (wollen und dürfen), sind längst keine Seltenheit mehr.

Zugleich ist es aber angesichts der neuen Proportionen zwischen gespeicherter und aktuell verlaufender Zeit ganz undenkbar, dass auch nur ein Bruchteil der gespeicherten Zeit je aktiviert und wieder erlebt wird – so wie es mit dem Photo-Album vom Sommerurlaub und dem Schmalfilm vom ersten Schultag früher durchaus und gerne der Fall war. Welches vorbewusste Bedürfnis, welcher halbbewusste Traum, das ist meine erste Frage, könnte also hinter der zum Basso continuo des Alltags gewordenen laufenden elektronischen Erinnerungsproduktion stehen? Möglicherweise verschiebt sich mit ihr zunächst der Akzent primärer Wirklichkeit. “Wirklich” im primären Sinn sind für die mit elektronischer Technologie aufgewachsenen Generationen ja vielleicht gar nicht mehr jene Gegenstände der visuellen und auditiven Wahrnehmung, die in der denkbar unmittelbarsten Weise auf unsere Augen und Ohren wirken, sondern vor allem jene, welche durch eine zwischen diese Organe und den Gegenstand ihrer Wahrnehmung geschobene elektronische Apparatur “festgehalten” wurden.

Wenn die gespeicherte Wahrnehmung aber tatsächlich auf dem Weg sein sollte, zur primären Wirklichkeit zu werden, dann erfüllt sich in der laufenden Erinnerungsproduktion – je vollständiger desto überzeugender und ganz unabhängig von den Momenten aktiver Reaktualisierung – der archaische und noch nie verblasste Wunsch, das existentielle Gesetz von der Unumkehrbarkeit der Zeit aufzuheben. Denn aus der Vergangenheit als jener Dimension unserer Existenz, an der wir letztlich nicht festhalten können und die wir also hinter uns lassen müssen, ist der Teil einer (neuen) Gegenwart geworden, welche sich durch die Anhäufung solcher gespeicherten Einschlüsse immer mehr verbreitert, ohne dass eine Grenze der Expansion in Sicht kommt. Anders gesagt: wir ersparen uns den bisher in unserer Existenz unvermeidlich mitlaufenden Schmerz des Verlustes von Erlebtem an die Vergangenheit — und handeln uns dafür eine Komplexität der potentiell vorhandenen Wirklichkeit ein, vor der wir wohl schon immer überfordert sind.

Neben dieser unterschwelligen Transformation des Verhältnisses zur Vergangenheit, deren Folgen wir noch nicht abschätzen können, markieren die Selfies speziell eine technologisch erneuerte – und sozusagen “verschärfte” — Version jener Momente, wo Weltwahrnehmung auf die Perspektive und Modalität von Selbstreflexivität umschaltet, das heißt: auf “Beobachtung zweiter Ordnung” (wie Niklas Luhmann gesagt hätte), eben auf Selbstwahrnehmung im Akt der Weltwahrnehmung. Grundsätzlich ist Selbstreflexivität als Möglichkeit in der Struktur des menschlichen Bewusstseins angelegt, dem es schon immer gelang, simultan zur (primären) Umwelt-Wahrnehmung parallel (oder sekundär) Selbstwahrnehmung laufen zu lassen – die mitlaufende Selbstwahrnehmung kann Teil der primären Umwelt-Wahrnehmung oder von ihr (gleichsam “auf einer sekundären Ebene”) abgesetzt sein. Während aber die auditive Variante der Selbstwahrnehmung schon immer, sozusagen “empririsch” möglich war, blieb die Modalität visueller Selbstwahrnehmung bis zur Schwelle der elektronischen Technologie auf die Vorstellungskraft angewiesen (wir konnten uns nicht in Gleichzeitigkeit mit eigenen Augen sehen). Dass visuelle Selbstbeobachtung in Simultanität nun durch neue Technologien empirirsch geworden ist, hat natürlich die Entwicklungspersektiven bestimmter Verhaltensformen (zum Beispiel beim Sport oder auf dem Laufsteg) grundlegend verschoben.

Aber noch einmal: worin liegt die besondere Anziehungskraft der innerhalb dieses technologischen Rahmens beständig geschossenen Selfies? Die sofort sich anbietende These eines in ekstatischer Wiederholung aufladbaren und so enorm zu steigernden Narzissmus ist einerseits bis zur Banalität zutreffend, wird aber andererseits wohl nicht grundsätzlich durch einen bisher nie dagewesenen Grad der Verliebtheit in solche Selbstbilder bestätigt (er unterscheidet sich heute wohl kaum vom Grad der Selbstverliebtheit, wie er für klassische Photographien tyisch war). Eher, vermute ich, liegt die besondere Funktion der elektronischen Selfies und ihrer Zeitlichkeit darin, ein neues Funktionsäquivalent jener Bewusstseinsbewegungen geworden zu sein, durch die wir bestimmten Momenten im Erleben eine besondere “Bedeutung” zuweisen, um so dem Erleben — und unserem Leben — eine Struktur zu geben.

Die Differenz zwischen dem Selfie und vor-elektronischer Reflexivität ergibt sich daraus, dass früher solche Markierungen des Erlebens – entweder in unserer Vorstellung oder im zeitlichen Abstand einer Photographie — durch die Erzeugung einer zusätzlichen Bedeutungsdimension erreicht wurden (durch “Momente der Tiefe,” durch “Komplexität der Erfahrung” gegenüber dem eher “oberflächlich” laufenden Erleben), während jetzt der schnelle Gestus des einhaltenden Moments vor dem Handy – eben ohne zusätzliche Bedeutungsdimension – ausreicht (so erklärt sich wohl die geradezu explosive Selfie-Produktion der Nationalspieler während der Minuten nach dem Sieg im Weltmeisterschafts-Endspiel: ihre Zahl ersetzte die “Tiefe” der selbstreflexiven Bedeutungsproduktion, wie sie Nationalspielern glücklicherweise nicht liegt, aber von Fritz Walter und seinen Kameraden 1954 durchaus noch verlangt wurde). Und während es früher zum Zweck der traditionellen Bedeutungs-Strukturierung von Erleben hilfreich war, seine Selbstbeobachtung in ein — bedeutungsproduzierendes — Gespräch zu überführen, ist nun schon längst das Angebot (und oft: Über-Angebot) wildfremder Zeitgenossen, ein Photo für uns zu schießen, zu einer neuen sozialen Institution geworden.

Diese erlebnisstrukturierende Funktion der Selfies lebt also eher von der Geste ihrer Produktion als von den visuellen Inhalten, was natürlich nicht heißt, dass die visuellen Inhalte funktionslos bleiben. Sie finden eine sekundäre – und insgesamt dominante – Verwertung auf vielfältigen Websites, auf dem Facebook und in allen denkbaren Varianten der “sozialen Medien,” mit deren Entwicklung eine Dimension von gesellschaftlicher Selbst- und Rollen-Präsentation deutlich an Kontur und Komplexität gewonnen hat, welche schon immer, seit den archaischen Formen menschlichen Zusammenlebens, existiert hat. Dabei scheinen die eingetretenen Veränderungen eher graduell als qualitativ einschneidend zu sein. Während früher die Gelingens-Chance einer sozialen Selbstpräsentation vom individuellen Geschick, aber auch vom Status der jeweiligen Person abhängig war, fügen sich die elektronischen Medien als Instrumente der Selbstpräentation heute – wirklich weitestgehend — jeder individuellen Intention. Auf dieser Grundlage aber hat sich nicht allein die allgemeine Gelingens-Möglichkeit der Selbstpräsentation verbessert – mit ihr ist auch eine neue Intensität an Peinlichkeit entstanden und also auch eine neue Gefahr der Selbst-Diskreditierung.

Die Tonlage dieser Beobachtung konvergiert mit den anderen Antworten auf die Frage nach einer Philosophie der Selfies. Sie haben als eine von der elektronischen Technologie eröffnete Sonder-Möglichkeit der Selbstbeobachtung unser Verhältnis zu uns selbst und zur Welt als unserer Umgebung in vielfach komplexer Weise verändert, ohne dass sich daraus bisher eine grundlegende Diskontinuität ergeben hätte. Unser Verhältnis zur Vergangenheit hat sich in diesem Zusammenhang gewiss — und wohl für immer – gewandelt und ebenso der Akzent, welcher Gegenstände unserer Wahrnehmung und unseres Erlebens als “wirklich” ausweist. Am erstaunlichsten ist aber wohl eine Rahmenbedingung, von der wir nur selten explizit reden, nämlich die problemfreie Selbstverständlichkeit, ja sozusagen die “Schmerzlosigkeit,” mit der sich überkommene Formen des menschlichen Bewusstseins mit neuen technologischen Möglichkeiten verfugen – und so eher einen Drift, eine krafvolle Richtung existentieller Struktur-Verschiebungen hervorbringen als eine Revolution in unserer Selbstreferenz. Statt Stürme von donnernden Thesen heraufzubeschwören, braucht eine Philosophie der Selfies die Geduld zu mitlaufend detaillierten Beobachtungen und nuancierten Unterscheidungen. Den Schauspielern der “Zehn Gebote” von 1956, dachte ich, hätte die von den Selfies verschobene Peinlichkeitsschwelle wohl gut getan.

03. Jan. 2015
von Hans Ulrich Gumbrecht
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23. Dez. 2014
von Hans Ulrich Gumbrecht

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Wie schnell und warum verfallen große Gedanken? (Dekonstruktion zur Vorweihnachtszeit)

Selbst wer davon ausgeht, dass alle Phänomene ohne Ausnahme einer (schnelleren oder langsameren) Umformung in der Zeit unterliegen, man nennt diese Prämisse der Erfahrung immer noch “historisches Bewusstsein” und hält daran fest, sie als ein unerlässliches Strukturelement von “Bildung” anzusehen, selbst Intellektuelle mit einem differenzierten “historischen Bewusstsein” werden zugestehen, dass die unser Denken stimulierende Kraft mancher Ideen, Fragen und Intuitionen sich manchmal gegen den Lauf der Zeit – der hier nach Jahrhunderten und Jahrtausenden zählt – erhalten kann. Ich spreche nicht von jener faszinierenden Exzentrizität, die gewissen Gedanken aus der Vergangenheit – und aus fremden Kulturen – gerade wegen ihrer grundlegenden Andersartigkeit (etwas gelehrter nennt man sie “Alterität”) zukommt, sondern von einer permanenten Aktualität, von dem Eindruck also, dass das problemidentifizierende, den Blick verschiebende und manchmal auch problemlösende Potential einiger Ideen nicht von ihrem Ursprungskontext abhängt und deshalb auch im Lauf der Zeit nicht schwächer wird.

Diese Nachhaltigkeit gilt einerseits als der wahre Grund für den Ruhm von Philosophen wie Plato, Aristoteles und einigen der sogenannten “Vorsokratiker,” von Descartes, Kant, Hume und Hegel, von Nietzsche und aus dem vergangenen Jahrhundert von Martin Heidegger, Bertrand Russell oder Ludwig Wittgenstein; auf der anderen Seite ist dieselbe Nachhaltigkeit seit der frühen Neuzeit, seit dem historischen Ursprung der historischen Zeit, auch als “Skandal der Philosophie” beklagt worden, als der frustrierende Eindruck, dass die Anstrengung eines bestimmten Typs von abstrakten, kaum je auf praktische Anlässe bezogenen Gedanken langfristig nie jene Probleme löst oder jene Fragen eliminiert, in Bezug auf die sie überhaupt erst entstanden sind. Solche Gedanken erweisen sich offenbar nicht nur als immun gegen langfristigen Misserfolg (also gegen das Ausbleiben von bleibenden Antworten oder Lösungen); indem er sie permanent im Spiel des Denkens hält, trägt gerade solcher “Misserfolg” auch zum Scheinen der besonderen Aura großer Gedanken bei.

Es sind Gedanken, die schon immer da waren und nie Fortschritte im Sinn einer Annäherung an Problemlösungen markieren, weil sie sich auf elementare Strukturen der menschlichen Existenz beziehen, die von ihrer Innenseite – also aus einer strikt säkularen Perspektive – gar keine bleibenden Lösungen erreichen können. Das ist vor allem (und sozusagen in systematischer Reihenfolge) zuerst die Frage, wie sich die Welt – als unvermeidlich durch den kognitiven und emotionalen Apparat der menschlichen Existenz wahrgenommene und erfahrene Umgebung – wohl zu einer “absoluten,” von jeder spezifischen Wahrnehmung und Erfahrung unabhängigen “Welt” verhalten würde, oder wenigstens doch zur Wahrnehmung und Erfahrung durch andere biologische Gattungen und durch andere Menschen (was wir “Konsens” nennen, ist ja immer nur der vorläufige, nie in definitive Gewissheit zu überführende Eindruck, dass die Welterfahrungen verschiedener Individuen konvergieren). Diese Frage, die “epistemologische” Frage, die Frage nach dem Status des Wissens, ist elementar (sozusagen “unüberbietbar elementar” und in diesem Sinn “unüberbietbar groß”), weil sie schon in der prinzipiellen Möglichkeit von individueller Selbstbeobachtung als Grundstruktur des menschlichen Bewußtseins angelegt ist — und zugleich unlösbar bleibt, da ihre definitive Beantwortung ja voraussetzte, dass Individuen sich selbst – und das, worauf sie sich als “Welt” beziehen – von außen sehen könnten.

Antworten auf die epistemologischem Frage vor allem (etwa Platos Intuititon von der grundlegenden Vorgängigkeit der “Ideen” über jede konkrete Wirklichkeit) sind weder zu widerlegen noch je definitiv zu beweisen, doch der Grad ihrer Plausibilität scheint weniger von historischen Veränderungen oder kulturellen Unterschieden beeinträchtigt als die Plausibilität von anderen elementaren Entwürfen der Philosophie, welche ihrerseits von je spezifischen Antworten auf die (epistemologische) Frage nach dem Status der Welt im Verhältnis zur menschlichen Wahrnehmung ausgehen und abgeleitet werden. Die dem Aristoteles zugeschriebenen Werke zum Beispiel fügen sich zusammen zu einer grundegend strukturierenden Beschreibung der Welt (zu einer “Ontologie”), und viele der platonischen Dialoge bewegen sich in der Richtung von Fragen nach dem richtigen Verhalten und Handeln (also hin zu einer “Ethik”). Tendenziell – und trotz der offenbar nie verschwundenen Faszination der ontologischen Intutionen des Aristoteles und der ethischen Debatten des Plato – scheinen, wie gesagt, Antworten auf ontologische oder ethische Fragen in ihrer Nachhaltigkeit und Reichweite eher beschränkt als epistemologische Antworten.

Dass die verschiedenen Ideen der epistemologischen, ontologischen und ethischen Art (trotz ihrer internen Unterschiede) insgesamt eine größere Haltbarkeit (gegen die Erosion der Zeit) haben als Kunstwerke, scheint schon immer – meist allerdings eher stillschweigend — vorausgesetzt worden zu sein. Unser langfristig gesehen sehr spezifischer und bis heute gängiger Begriff des “Klassischen” entstand erst im neunzehnten Jahrhundert, in der Zeit der größten Selbstverständlichkeit des historischen Bewusstseins, um gegen diesen Hintergrund auf eine bedeutende Ausnahme hinzuweisen, nämlich auf solche Kunstwerke, die – trotz und entgegen der Zeit als einer absoluten Kraft der Veränderung – “ihre unmittelbare Sagkraft” nicht verlieren (wie es dann um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts Hans-Georg Gadamer formuliert hat). Die Langlebigkeit großer philosophischer Gedanken hingegen hat offenbar eine primäre Plausibilität, die einer solchen begrifflichen Vergewisserung nie bedurfte. Allerdings handelt es sich dabei um eine retrospektiv entstehende Plausibilität, um eine Plausbilität, welche die Banalität der Tautologie einschließt – weil sie mit dem Zusatz-Akzent des Plausiben versieht, was ohnehin eingetreten ist. Etwa dergestalt: Ideen sind groß, weil sie sich als nachhaltig erwiesen haben – und dieser empirische Erweis suggeriert, dass es “inhaltliche” Gründe für die Langlebigkeit der großen Ideen geben muss.

Ausgeblendet bleibt dabei die Möglichkeit, dass im erklärten Sinn potentiell “große Gedanken” den historischen Moment ihres Ursprungs nur um kurze Zeit überschießen und dann aus der philosophischen Tradition verschwinden, weil es ihnen nicht gelungen ist, bestimmte Gefahren der Eliminierung und des Vergessens zu vermeiden. Einen Fall dieser Art, einen Fall von kurzfristigem Ideen-Kursverlust, den – zumindest in der Dramatik seiner Schnelligkeit – niemand erwartet hatte, machte in unserer jüngsten Vergangenheit die “Dekonstruktion” genannte und vor allem mit dem Namen von Jacques Derrida verbundene Konfiguration philosophischer Intuitionen durch. Vor bloß einem Jahrzehnt schien es noch nicht skandalös (ja vielleicht sogar plausibel), als die “New York Times” in ihrem Nachruf Jacques Derrida als den “vielleicht größten Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts” feierte – doch inzwischen ist schon die bloße Vorstellung unmöglich geworden, dass dieser Einschätzung je ein Sachkenner zustimmen könnte, der nicht durch biographische und institutionelle Umstände an die “Dekonstruktion” gebunden ist (zum Beispiel durch die Berufung auf eine dem dekonstruktivistischen Denken gewidmete akademische Planstelle zu den Glanzzeiten Derridas).

Derrida war 1967 mit der Veröffentlichung von drei Büchern zu international intellektueller Prominenz emporgeschossen, die – vor allem in Auseinandersetzung mit der Phänomenologie von Edmund Husserl – einen zentralen epistemologischen Gedanken umspielten. Die von der westlichen Philosophie – im Grunde schon seit Plato — unterstellte Möglichkeit einer Selbst-Transparenz des menschlichen Bewusstseins sei nicht gegeben, argumentierte Derrida, weil aufgrund der primären zeitlichen Struktur des Bewusstseins (auf die wir uns in der Alltagssprache mit dem Bild vom “Bewusstseinsstrom” beziehen) eine systematische Stabilität und Selbst-Identität der Bewusstseinsinhalte zu keinem Moment gegeben sei. Die Plausibilität dieser anscheinend alle Klassiker der westlichen Denk-Tradition in Frage stellenden Einsicht verstärkte Derrida mit der Erfindung einer Reihe von kompakten einschlägigen Begriffen, vor allem “trace,” “différance” und “dissémination”: “trace” für die nie zu einem Halt kommende Spur als Grundform des Denkens; “différance” für das prinzipiell unendliche Aufschieben eines solchen Moments des Einhaltens; und “dissémination” für die zentrifugale, in jedem Moment der Spur des Bewusstseins in vielfache Richtungen sich ausdehnende Produktion von Sinn als Reaktion auf die beweglichen Momente der Weltwahrnehmung. Gegenüber dem Einwand, dass – sozuagen “sekundär” im Verhältnis zur grundsätzlichen Bewegtheit des Bewusstseins – Momente der retrospektiven Synthese und Systematisierung stets möglich (und existentiell notwendig) seien, setzte sich unter Derridas zahlreichen Lesern über zwei Jahrzehnte immer wieder die Kraft seiner primären Intuition durch, gestärkt wohl durch eine vorreflexive Realismus-Prämisse, die “trace,” “différance” und “dissémination” als gegenüber dem Einhalten und der Synthese grundlegendere Akte auffasste.

Wo aber lässt sich der Beginn des – heute nicht mehr zu leugnenden – Kursverfalls in der nach 1967 zunächst nur steil expansiven Produktion und Rezeption von Derridas Gedanken ausmachen? Gewiss, überragender Erfolg löst – zumal in der akademisch-intellektuellen Welt – Ressentiment und Gegenbewegungen aus; gewiss, selbst große Ideen sind einem bestimmten Ermüdungseffekt ausgesetzt; und ohne Zweifel gab es Momente, in denen die Erfolgs-Euphorie bei Derrida und der zunächst immer nur wachsenden Zahl seiner Anhänger in Arroganz umschlug. Doch neben all diesen periphären Effekten ereignete sich ein philosophischer Schritt, der zu einer nicht mehr aufzuhaltenden Banalisierung von Derridas Position führte. Deutlich wird er wohl zuerst in dem 1980 veröffentlichten Buch “La carte postale,” wo Derrida die grundlegende Instabilität und Offenheit der Bewusstseinsbewegung mit der Postkarte als Medium und als Symptom für die Offenheit eines Sprechakts assoziiert, welcher die Reaktionen auf Seiten der Postkarten-Empfänger nicht kontrollieren kann und sich ihnen also mit allem Risiko des Missverstehens und der Zurückweisung aussetzt. Diese riskante Offenheit “für alles” setzte Derrida in eine ethische Norm und Forderung um, die eben wegen ihrer Offenheit als universell gelten sollte – und tatsächlich universell anwendbar wurde.

Aber was zunächst wie eine zusätzliche Erfolgsbedingung für die Dekonstruktion wirkte und begrüßt wurde, wie eine unaufhaltsame Eroberung der Ethik als weiterer Dimension des dekonstruktivistischen Denkens, endete in einer sich rasch beschleunigenden Tendenz der Dekonstruktion und ihrer Vertreter, jeglichen liberal-intellektuellen Positionen in der Politik ihren philosophischen Segen zu geben, allerlei Manifeste mit ihren Unterschriften zu schmücken – und eine ins Unendliche wachsende Vielfalt von Bewegungen als “dekonstruktivistisch” zu identifizieren. Eine Art philosophisch-weihnachtlicher Milde machte sich breit in der Dekonstruktion, welche auf diese Weise bald ihre Konturen zu verlieren begann und die Bewegung mit ihrer ursprünglich spezifischen Konfiguration von Ideen letztlich im Strudel eines allgemeinen Gutmenschentum verschwinden ließ. Auf diesem Weg machte Derridas 1993 erschienenes Buch “Le spectre de Marx” eine Schwelle der Unumkehrbarkeit aus, als er in seinem Versuch, solch philosophische Sympathie nach der Implosion der staatssozialistischen Systeme auf den Marxismus und seine Rettung auszudehnen, bis zur Gleichsetzung der “Perestroika” genannten sowjetischen Liberalisierungsbewegung mit der “Dekonstruktion” trieb.

Anweisungen aus dieser Fallgeschichte abzuleiten, müsste den lächerlichen Eindruck erwecken, dass es so etwas wie “Rezepte” zur Produktion und zur Erhaltung großer Gedanken geben könne. Doch wer dem (gerade heute in Deutschland besonders deutlichen) Druck nachgibt, große Ideen auf die ethischen Fragen des jeweiligen Tages “anzuwenden,” der tut ihrer Nachhaltigkeit sicher nicht gut.

23. Dez. 2014
von Hans Ulrich Gumbrecht

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06. Dez. 2014
von Hans Ulrich Gumbrecht
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Pazifik und Ende der Welt

Als ich den Pazifik zum ersten Mal sah, im Mai 1980 und nah genug, um das Salz im Wasser zu riechen, war ich noch keine zweiundreißig Jahre alt. Mein Hotel in Santa Cruz, vierzig Meilen südlich von San Francisco, hieß “Sun ‘n Sand,” und im Aufzug hörte ich einen Song der Beach Boys, deren a Capella-Harmonien sich an ihren Namen schmiegten und schon damals mehr als nur einen Hauch von Sonnencreme-öliger Nostalgie hatten. Bevor es dunkel wurde, zeigten meine Kollegen mir die Santa Cruz Marina, einen damals neuen Segelhafen, mit den ordentlich abgetakelten Booten ihrer einkommenstarken Nachbarn. Alles hätte sich in der hellen Abendsonne zu einer angenehmen Idylle zusammenfügen können und sollen (“mellow” wäre dann das Wort des Abends gewesen) — aber ich war blockiert und irgendwie auch belebt von dem Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein, an einem Ozean, der niemanden einlud, sondern eher das Leben auf einen schmalen Küstenstrich zurückzudrängen schien.

Vielleicht hatte ich auch die ein paar Tage vorher gehörte Geschichte von dem jungen Mann im Kopf, einem Berkeley-Doktoranden und Freund seiner Professorin aus Frankreich (solche Beziehungen gab es damals noch, ganz ohne Problem), von dem jungen Mann, der unter dem roten Bogen von Golden Gate auf den Pazifik gesegelt war, um nie mehr zurückzukehren – und man sprach von diesem Unfall im harten Ton einer antiken Sage, so als habe sich hier die gerechte Bestrafung von Hybris durch das Schicksal vollzogen. Doch vor allem war für mich das Geräusch der kleinen Wellen unter dem Steg der Marina ein Ton vom Ende der Welt, ihr entspanntes Plätschern, als gäbe es keine Küste auf der anderen Seite, von wo Wellen kämen und zu der Wellen strebten. So war mir der Gedanke an Japan ganz abstrakt in der Marina von Santa Cruz, wie auf einer Welt in Scheibenform, die an ihr Ende gelangen müsste, lange bevor man Japan erreicht.

Nichts ist verschiedener von den acapella-Harmonien der Beach Boys als der graue, erhaben abweisende und zurückdrängende Pazifik, der Pazifik zwischen San Francisco und Santa Cruz. Dass er kein Ende zu haben scheint und gerade deshalb ein Ende der Welt ist, schlägt in die Kraft einer Gegenwirkung um, wenn man sich nur an dieses Gefühl und an seinen Gedanken gewöhnt, so wie an den Wind, der landeinwärts weht, auf die schmale Halbinsel zwischen dem Ozean und der Bay von San Francisco zu — und sie für mich zu einer Heimat ohne Konkurrenz und Alternative — gemacht hat. Die Welt-am-Ozean ist meine Welt, eine Welt, die einfach vorhanden ist, das heißt: da ist als Ganze und in der Vielheit ihrer unendlichen Bestandteile, täglich das ist – eine Welt, die sich uns entgegen bewegt und uns auf der Halbinsel hält.

Aber können Ozeane wirklich eine Identität haben, können sie sich voneinander unterscheiden? Oder beschreibe ich mit zuviel Pathos eine vage Projektion des banalen Wissens, dass zwischen der amerikanischen und der japanischen Pazifikkueste der halbe Planet liegt, der halbe Planet des von Schwerkraft und Atmosphäre bewegten Salzwassers? Die Antwort heißt, dass nicht Ozeane, aber Küsten ihre besonderen Identitäten ausbilden und haben. Aus dem Meer der amerikanischen Pazifikküste zum Beispiel hat niemand je die Sonne aufsteigen und den Tag beginnen sehen. Sie ist eine Küste des Sonnenuntergangs und des täglichen Endes, immer nur das und irreversibel. Ihr Wasser ist so kühl, dass niemand ohne die dunkle Plastikhaut der Surfer dort schwimmen möchte, es ist von Haien belebt und manchmal von Delphinen, die ihre silbernen Rücken in dieser vollkommen runden Bewegung durch die Luft und wieder ins Meer ziehen, belebt auch von rückenschwimmenden See-Ottern und gewaltigen See-Elefanten, die sich seit fünfzig Jahren am selben Strand treffen und blutig beißen beim Balzen – belebt, zweimal im Jahr, von den Blau- und Buckelwalen mit ihren schönen Flossen, wenn sie nach Alaska oder zum Golf von Mexiko wandern. Selbst das Leben im Ozean noch wirkt begrenzend für uns und wie jene Energie landeinwärts, unter der die wenigen Bäume am Strand sich beugen und kahl bleiben, gkeichsam in einer ewigen Skoliose.

Was dem drängenden Pazifik scheinbar machtvoll und zwanzig Yards hoch auf dem Land entgegensteht, sind keine Felsen, sondern riesige Sanddünen, die abbröckeln und rutschen, sobald man ihrem Rand entlang gehen will, grau bis schwarz unter den grauen Wolken, die morgens über die Halbinsel rollen; am Nachmittag ockerfarben, wenn die Sonne durch Wolkenfetzen scheint, oder beinahe weiß bei strahlendem Himmel – immer jedenfalls in matten Tönen, durch alle Varianten. Man muss die Ebbe abwarten, um zwischen Dünen und Wellen auf dem federnd feuchten Sand zu gehen und manchmal der Gischt zu entkommen, die ein dreckiger Schaum ist dort. Zu verschiedenen Jahreszeiten schwemmt er verschiedene Gegenstände an. Jetzt, im späten Herbst Sanddollars, die runden Gehäuse von Seeigeln, tatsächlich so groß wie die alten Silberdollars; einen Monat später, gebleicht und zerbrochen, die Schalen und Zangen vieler Arten von Krebsen, aber auch an manchen Stränden Holzplanken, bearbeitet und mit verrosteten Nägeln, so als sei eine Armada auf Nord-Route kurz vor Golden Gate gesunken; übers ganze Jahr kommen ab und an Skelette ans Ufer, Skelette von kleinen Seelöwen zum Beispiel, deren Fleisch die Möwen genau und gelassen entsorgen – und einmal sogar ein stinkendes Walskelett, an dem die Möwen lange zu fressen und arbeiten hatte.

Weil die Gegenstände so wohl sortiert sind über die Zeiten des Jahres, nicht aber sortiert von einem Willen oder einer Kultur, erinnern sie mich an die Beflissenheit des Müll-Trennens – als ihre ökologische Parodie und ihr Gegenbild. Ein Teil dieser landeinwärts wehenden Energie, welche uns auf die (auch als Silicon Valley bekannte) Halbinsel drängt, kommt von der den menschlichen Gattungs-Narzissmus beleidigenden Ahnung, dass am Pazifik jene andere Hälfte des Planeten beginnt, der es ohne Menschen besser geht. Ohne die Haie allerdings, ohne die Wale, Otter, Seelöwen, Sanddollars und ohne die Möwen, die ihre Flügel aufspannen, um langsam, fast als zögerten sie, über die Wellen zu schweben und im Sand zu landen (wie sehr ich einmal eine Möwe bei Fliegen sein möchte, jedesmal, wenn ich sie sehe!) — ohne sie alle gäbe es dien Pazifik nicht.

Zwischen den Dünen und den Wellen im Sand zu gehen, in dieser elementaren Welt, die sich nicht um uns schert, macht das Andere zu den geschäftigen Alltagen in der Gesellschaft aus, es kann eine Unterbrechung sein, nach der das Leben jedesmal neu beginnt. Und schön ist der Gedanke, dass die eigenen Knochen und Muskeln, die eigene Haut, das eigene Fleisch und die eigenen Organe eines Tages verbrannt und als Asche vom Wind des Pazifiks zu den Dünen zurück getragen werden – zusammen mit der silbernen Asche der Liebsten – dann, wenn wir alle Hast los sein werden, wenn dieses Ende der Welt die Erlösung von unserer Welt ist.

Daran hatte ich im Mai 1980 allerdings noch nicht gedacht.

06. Dez. 2014
von Hans Ulrich Gumbrecht
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