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Aphrodite

13.05.2011, 08:00 Uhr

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“Do you see that she is a Goddess?” fragt meine schöne zwanzigjährige Tochter und spricht, ohne es zu wissen, das Wort “Goddess” so aus, dass es fast wie “gorgeous” klingt. Eine Statue der Aphrodite kommt mir in Erinnerung, die ich vor dem Museum auf der einen Seite der Agora von Athen gesehen habe. Mit den Umrissen der Göttin auf der Agora könnte heute niemand mehr, müssten viele Frauen und Männer jetzt mit Genugtuung denken, wenn sie nur die Form im Gedächtnis hätten, mit einer Figur wie die Aphrodite von der Agora  könnte heute niemand mehr einen Blumentopf gewinnen.

Aber darauf kommt man nur, weil wir so besessen sind von Körper-Massen, niemand fände ja, dass die Aphrodite der Skulptur selbst zu schwer sein könnte, es ist bloß dieser obsessive Vergleich, der die Normalübergewichtigen freut. Aphrodite, die Göttin, stellt sich der alte Mann vor, war vielleicht gar nicht Gegenstand von brennender, ungeduldiger Begierde, sondern die mehr nur immer versprechende, strömende Gegenwart von Angesicht, Geruch, Berührung und Dauer.

In ihren Geschichten sind die griechischen Götter immer physische Gegenwart, glücklicherweise, so wie Christus, der Gottessohn als Opfer in der Passion und als Zauberer bei der Brotvermehrung glücklicherweise ganz leiblich da ist – mehr Körper selbst als in der warmen, revolutionären Gegenwart seiner Bergpredigt. Es kann keine Verpflichtung gegeben haben zu sprechen für Aphrodite, keine strategische Notwendigkeit, wenn sie herabkam vom Heim der Götter (ich wünsche, ich könnte mir auf diesem langen Flug zwischen Frankfurt und San Francisco mehr mythologische Szenen einfach aus dem Gedächtnis vorstellen, das ist der lange Schatten des gar nicht so kleinen Traumas, nicht auf ein “humanistisches” Gymnasium gegangen zu sein, aber meine Eltern waren eben Chirurgen im Aufwind des Wirtschaftswunders, “modern” also und deshalb eher für “Neuere Sprachen” zu haben, was mich  lebenslang vor allem für Check-in Situationen qualifiziert hat).

Wir gehen hinter Aphrodite her, wie sie mit einer freundlichen Geste ohne Lächeln befohlen hat, denn ihre Anmut hat Autorität, die keine Freundlichkeit braucht, deshalb folgen wir ihr wie alle anderen Frauen und Männer hier. Übrigens trägt sie nichts Bemerkenswertes, Shorts aus (natürlich) verwaschenem Jeans-Stoff, ein dunkelbraunes T-Shirt, das ein wenig nach Gold hin changiert, Sandalen. Kein Zeichen für Anstrengung, nichts wird gezeigt, ihr fester, schwebender Gang ist schön und richtig. Aphrodite ist da für uns, mit Substanz und beschützend, nichts kann hektisch werden oder zu heiß unter ihrem Himmel voller Licht und ohne Wolken. “This one is no goddess,” sagt meine Tochter, als unsere Kellnerin an den Tisch kommt, um die Bestellung aufzunehmen, am Board Walk in Santa Cruz, California, zwischen zwölf und ein Uhr Mittag, am Samstag, dem 30. April 2011.

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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