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Moralisiertes Sportstudio

20.05.2011, 08:00 Uhr

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Ein sogenanter “Interims-Trainer” aus der Fußball-Bundesliga muss Rede und Antwort stehen im Sport-Studio, denn Protagonisten der Branche können Einladungen dahin offenbar immer noch nicht ausschlagen – obwohl man ja schon schockiert ist über den massiven Verlust (fast möchte man “Verfall” sagen) von Spannung, Selbstbewusstsein und Würde, wer die Sendung lange nicht mehr gesehen hat – und andererseits alt genug ist, sich (selbstverständlich nostalgisch) an den großen Harry Valerien zu erinnern und an den schweren Wim Thölke. Anscheinend hat die Programm-Position des Sport-Studios nach “Wetten dass..?” und das beliebig lange Verschoben-Werden an den Gottschalk-Samstagen in all den Gottschalk-Jahren, anscheinend haben all diese Zeichen der Zeit das Sport-Studio zu einem Nachtprogramm-Schatten seiner selbst werden lassen.

Dran ist am 6. Mai 2011 Volker Finke, in der Nacht nachdem der von ihm betreute FC Köln gerade 2:0 bei Eintracht Frankfurt gewonnen und definitiv den Verbleib in der Bundesliga gesichert hat. Ein Grund zum Feiern also, zumal Finke, der plötzlich als “Sportlicher Direktor” des FC einen jungen Chef-Trainer ersetzen musste, nachdem ihm  die Spannung im Abstiegskampf zuviel geworden war, ein Grund zum Feiern auch, weil Finke mit seiner Mannschaft schon im ersten Spiel nach der Übernahme keinen Geringeren als den erfolgreichen Erzrivalen Bayer Leverkusen 2:0 besiegt hatte. Man denkt also, dass Moderatoren und Publikum im Sport-Studio mit Volker Finke feiern werden, “job well done,” und dann zum Beispiel fragen, welchen Trainer holen Sie als Ihren eigenen Nachfolger, wenn die Saison vorbei ist, oder: wird sich der FC Köln je wieder seinem seit den sechziger Jahren vom Horizont verschwundenen Potential annähern?

Nichts davon. Finke sitzt auf dem Barhocker am Studio-Tisch und sieht, bei aller Erfahrung, sichtbaren Intelligenz und hörbaren Bildung, tatsächlich so nervös aus wie ein Angeklagter vor Gericht. Finke ist eher ver-spannt als ge-spannt in diesem Moment, und die Kamera unterstreicht es mit unzähligen close-ups von seinen langsam knetenden Händen. Finke muss sich verteidigen. Vor dem Studio-Publikum im ZDF und vor der deutschen Sport-Nation, gegen den Vorwurf der Kölner Presse, für den sich das Sport-Gewissen der Nation jetzt zum Staatsanwalt aufschwingt, gegen den Vorwurf, die Autorität seines jungen Vorgängers “systematisch” (wie man so gerne und so oft sagt) untergraben zu haben, aus seiner Sport-Direktoren-Position und mit dem Ziel angeblich, eben selbst wieder Trainer zu werden (was Finke, weiß jeder Bundesliga-Fan, ja eigentlich schon lang genug und erfolgreich genug gewesen war). Nehmen wir einmal an, alle Vorwürfe seien berechtigt (und für meinen Teil bin ich überzeugt, dass sie eher alle an den Haaren herbeigezogen sind), selbst wenn alle Vorwürfe zuträfen, müsste man Finke ja nicht notwendig den moralischen Prozess machen. Immerhin war der sehr sympathische, allseits beliebte Vorgänger nach einem mittellangen und vielversprechenden Hoch mit der Mannschaft in eine Krise gerutscht, es sah schlecht aus um den Bundesligaerhalt, und dann kommt Finke und gewinnt in der Schlussphase der Meisterschaft sechs Punkte, mit denen niemand gerechnet hatte und die sich als entscheidend herausstellen. Man muss Finke dafür mindestens Respekt zollen, man kann ihn auch loben und bewundern, man könnte sogar FC Köln-Fans ins Studio eingeladen haben, um den Klassenerhalt zu feiern.

Ich frage mich, ob es eine “neue Welle” ist in Deutschland oder eine (aus plausiblen historischen Gründen) übersehene Tradition, dass man unter all den möglichen Perspektiven zu einem Gegenstand oder einem Ereignis jetzt immer die moralische Perspektive privilegiert und kultiviert. Nehmen Sie die nachhaltige deutsche Reaktion auf die Exekution von Usama Bin Ladin. Die Öffentlichkeit jener Mittelklasse im Land, die sich für (sehr) aufgeklärt hält, okkupiert die Plätze im imaginären Obersten Bundesgericht der Welt-Moral, und bezieht sich dabei immer auf ein “Internationales Recht,” dessen Status so ambivalent sein wird, wie die Möglichkeit, Entscheidungen in seinem Namen durchzusetzen, prekär bleibt. Kann – und darf – man denn anders über die “Tötung eines Menschen” (und vielleicht ist schon diese Formulierung eine neu-deutsche Fundsache), kann und darf man denn anders über die Tötung eines Menschen reden als unter moralischen Vorzeichen und in moralischem Interesse? Meine Antwort heisst einfach ja, man kann zum Beispiel dieses Ereignis diskutieren (unter Vorzeichen, die denen der Tragödien-Ästhetik von Aristoteles ähneln) ausgehend von den Fragen, ob ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit befriedigt wurde und ob ein Gefühl von Erleichterung sich ausbreitete, als die Nachricht vom gewaltsamen Tod Bin Ladins um die Welt ging.

Auch und vor allem kann (und sollte?) man sich fragen, ob die Exekution Bin Ladins im Interesse Deutschlands lag (ich bin mir sicher, dass dies der Fall war, aber es wird bemerkenswert selten erwähnt in Deutschland) und eben auch, ob es im Interesse Deutschlands läge – und nicht nur und einfach im Sinn der Welt-Moral – Bin Ladin vor ein internationals Gericht zu stellen. Das wäre dann eine politische – im Gegensatz zu einer moralischen – Debatte. Warum lieben diejenigen Deutschen, welche die Offentlichkeit ihres Landes als Autoren und Konsumenten tragen, warum lieben sie Moral-Probleme so sehr? Man hat einen ganzen Horizont von Antwort-Möglichkeiten auf diese Frage zur Verfügung. Ich will in diesem Zusammenhang deutsche Geschichte und deutsche Traditionen (“Autoritarismus”) nicht mal erwähnen, das kennt jeder, der einen Blog wie diesen lesen will, und jeder weiss auch, wieviel (oder nicht) er davon halten möchte. Vielleicht aber wollen soviele Deutsche so sehr gerne den Moral-Staatsanwalt spielen, weil sie es für moralisch problematisch ansehen, eigene Interessen ins Spiel zu bringen und eigene Ansprüche zu formulieren. Es ist wie die Europäische Union, die sich in ihrem neuen Glanz sonnt (und daran intern sich abmüht), stärkste Wirtschaftsmacht der Welt zu sein – und doch so agiert, als sei dies möglich ohne einen Horizont (ohne einen Hauch) von Außenpolitik. Um es noch einmal zu sagen: man wird moralisch, weil man nicht wagt, entlang eigener Interessen zu argumentieren.

Wie wäre es also gewesen, wenn die Kölner Fans im Sport-Studio Volker Finke mit einer standing ovation begrüsst und verabschiedet hätten? Und wer überhaupt hat eigentlich ein eigenes moralisches Interesse daran, ihn vor das moralische Gericht zu stellen? Sein Trainer-Vorgänger anscheinend nicht.

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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