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Die Faktizität von Silicon Valley

22.05.2011, 12:30 Uhr

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Vivek Ranadivé spricht Englisch mit indischer Intonation, mit englischem „Akzent” sollte man nicht sagen, weil das indische Englisch längst zur quantitativ dominanten Variante unserer Welt-Sprache aufgestiegen ist. Vielleicht wird das immer etwas zu freundlich und wie einladend klingende indische Englisch auch zur Sprache von Silicon Valley. amerikanisches oder britisches Englisch ist es jedenfalls nicht, denn sonst wird Englisch auf diesem Podium nur noch in australischer Intonation und mit französischem Akzent gesprochen.

Dass Vivek Ranadivé als einer der ganz großen Protagonisten von Silicon Valley gilt, habe ich an diesem Morgen oft gehört. Keine Firma wächst derzeit schneller (so identifiziert man Qualität und Kompetenz – und warum nicht?) als das von ihm 1997 gegründete TIBCO, aber wenn man, was fast etwas Mut verlangt, zu seiner eigenen elektronischen Inkompetenz steht und zu fragen wagt, inmitten von soviel Bewunderungs-Vorschuss, dann ist es für die Eingeweihten nicht einfach zu erklären, womit sich Vivek Ranadivé seine Aura (und gewiss auch seine Milliarden) verdient hat. „He brought real-time technology to the mainstream,” lese ich und weiß so wenig wie zuvor. Jedenfalls kam er in Bombay zur Welt, hat in Harvard und am MIT (no less) studiert und wird allgemein als ein Vordenker von Silicon Valley gefeiert.

Deshalb hält er den ersten Vortrag an diesem Tag bei einem Brainstorming in Stanford, das die Geisteswissenschaften organisiert haben, ermutigt von der Erfahrung, dass Silicon Valley-Firmen nicht wenige ihrer Studenten einstellen, und mit der Hoffnung vor allem, Gründe für diese kleine Präferenz verstehen zu lernen, um ihr institutionelle Stabilität zu geben – und sie vielleicht sogar zu einem Anspruch zu machen. Im Gegensatz zu den auf fünfundvierzig-bis-sechzig-Minuten geeichten Akademikern liegt das Redeformat von Vivek Ranadivé offenbar bei zwanzig Minuten, und sein Stil weckt Vorstellungen vom Ton der Arbeitsbesprechungen in der Top-Etage einer elektronischen Firma. Nichts, das auch in China oder Indien produziert werden kann, wird man zukünftig in Kalifornien oder Europa erledigen, sagt er mit der Gewissheit eines Propheten der wirklichen Wirklichkeit, und nichts, das auch Computer zu leisten imstande sind, wird für Menschen überhaupt zu tun bleiben. Er hat sichtbare Freude an starken Formulierungen, selbst dann, wenn ihr Inhalt banal ausfällt.

Beim Denken zwischen den Sätzen läuft Vivek Ranadivé immer ein paar Schritte, er trägt ein schwarzes Hemd und eine schwarze Hose, die er mit einem wie Plastik scheinenden Gürtel an seinem kein Gramm zu schweren Körper festhält. Nur intelligente Bewerber (wie uns Geisteswissenschaftler, das ist immer schon mit-suggeriert) will er für seine Firma einstellen (statt Spezialisten), sie sollen unkonventionell („outside the box”) denken (wie sonst?), und das Programmieren habe dann noch jedem Neuling in Silicon Valley sehr bald ein richtiges Selbstbewusstsein („empowerment”) gegeben. All das sagt er immer wieder, fast ohne Variationen. „Right brain” („Kreativität” ist gemeint), wird Vivek Ranadivé nicht müde zu versichern, sei produktiver als „left brain” (formale Intelligenz), und Steve Jobs bewundert er mehr als Bill Gates. „Right brain” soll also die Zukunft für uns sein, wenn erst einmal alle Routine-Arbeit nach China, Indien und an die Computer delegiert ist.

Zwischendurch lädt Vivek Ranadivé seine Hörern zu einem Quiz ein — und vergisst beinahe auf die Antworten, denn plötzlich will er die Geschichte vom High School Basketball-Team seiner Tochter erzählen. Diese Geschichte sei ihm so wichtig, sagt er, weil seine Tochter nicht bei ihm sondern bei seiner geschiedenen Frau lebt. Keine Ahnung hat er vom Basketball gehabt, und erfolgreich wollte er allein sein, um seiner Tochter alle Peinlichkeit zu ersparen — aber dann hat die Mannschaft bloß noch gewonnen. Mittlerweile ist Vivek Ranadivé Mehrheits-Besitzer der Golden State Warriors, die ihre NBA-Heimspiele vor zwanzigtausend Zuschauern in Oakland austragen.

Marissa Mayer verkörpert eine ganz andere Variante derselben existentiellen Unbegrenztheit. Nummer drei von Google sei sie, raunen sich die Leute in Stanford zu. Sie war jedenfalls die zwanzigste Google-Angestellte und die erste Frau in der Firma mit einer Ingenieursausbildung. Marissa Mayer wurde in jedem der letzten drei Jahre auf die Liste der mächtigsten Frauen der Gegenwart gesetzt — und war zugleich mit ihren fünfunddreißig Jahren die jüngste Frau, die dort je genannt wurde. Verantwortlich ist sie für Produkte wie Google Maps, Google Earth und Street View – das kann ausnahmsweise selbst ich verstehen. Und so jung sieht Marissa Mayer aus, so dezent ist sie in türkis und blau angezogen, dass es kaum jemanden gewundert hätte, wenn sie als Vertreterin unserer undergraduate students vorgestellt worden wäre. Noch nie habe Google so intensiv nach Angestellten gesucht – nach vielen und guten Angestellten – wie gerade jetzt, sagt sie stolz, aber ohne Emphase. Immer gebe es viel mehr zu tun, als man leisten kann, und wer das versteht und sich doch – oder gerade deshalb — auf den Exzess einlässt (wie es, weiß sie, gerade für Geisteswissenschaftler typisch ist), dem sei Arbeit bei Google sicher.

Immerhin hat sie eine raue, fast Jazz-artige Stimme, die man früher „sexy” genannt hätte (und die nicht zu dem eher brav-niedlichen Gesicht passt) – und außerdem redet Marissa Mayer immer ein bisschen zu schnell, um je engagiert zu wirken. Nein, leider habe sie nicht das Recht, irgendetwas Verbindliches auszuhandeln, antwortet sie fast mit Panik im Auge — auf die Stanford-Frage, ob Google sich in der gegenwärtigen Einstellungsschwemme nicht verpflichten könne, Jahr für Jahr (zum Beispiel) fünf unserer Doktoranden mit Abschluss zu übernehmen. Nein, wirklich nicht, man stelle ohnehin viele Geisteswissenschaftler ein, es bedürfe da keiner Formalisierung, aber Bücher lesen, das sei schon sehr schön, noch lieber allerdings höre sie Bücher auf dem I-Pod. Kein Wunder, denke ich, dass sie das Design Museum in New York unterstützt, das San Francisco MoMa und auch das Ballet von San Francisco.

Die Heldinnen und Helden von Silicon Valley sprechen in verschiedenen Tönen und in viele verschiedene Richtungen, sie sind manchmal kritisch und meistens kultiviert, und sie reden tatsächlich viel besser als die meisten Geisteswissenschaftler bei dieser Diskussion. Trotzdem sind sie freundlich zu den Geisteswissenschaftlern, nicht einmal herablassend, und überhören doch ihre Fragen, weil sie eben einfach nur in the Valley existieren — und sonst gar nicht. Ob sie nicht denken, dass wir notorisch zu wenig verdienen, wo sie doch unsere Arbeit so schätzen – und man merkt sofort, dass diese Frage nicht ins Gehör der Leute von Silicon Valley passt. Nicht weil sie die Frage nicht hören wollen, sondern weil sie außerhalb ihres Frequenzspektrums liegt. Ich frage mich am Ende, ob ich die Silicon Valley-Leute eindrucksvoll gefunden habe, und weiß nicht so recht, eher ja, denn wer soll heute denn schon einen größeren Einfluss auf die Welt und ihre Zukunft haben als die Vivek Ranadivés oder Marissa Mayers? Wie sie es geschafft haben (und was ihre Kriterien für Neu-Einstellungen sind), das können sie uns nicht genau erklären – einfach weil sie es selbst nicht wissen. Sind sie also rein zufällig zu Reichtum und Prestige gekommen, hätten es nicht auch andere sein können? Ausschließen wird man das nicht.

Jedenfalls wirken Marissa Mayer und Vivek Ranadivé charismatisch — weil sie in einer für mich nicht nachzuvollziehenden Weise an der Emergenz von Welt-verändernden Erfindungen mitgewirkt haben. Würde es ihnen gelingen, Ähnliches zu wiederholen? Anders gefragt: haben sie ein spezifisches Talent, das man identifizieren und in der Erziehung ausbilden kann? Es ist immer dasselbe: niemand kennt die Antwort auf solche Fragen. Klar ist nur, dass in Silicon Valley eben die Erfindungen gemacht worden sind, die dort gemacht wurden – und dass sie die Welt schneller erfasst und verändert haben als je eine andere technische Innovation. Teil dieser Explosion und ihrer kaum fassbaren Folgen (gewesen) zu sein, das reicht – für Milliarden und für ein Charisma, das dann leer bleiben mag. Alles könnte Zufall gewesen sein – es zählt allein, dass es geschehen ist (und dass es hier geschehen ist). Das ist die Faktizität von Silicon Valley – und noch fällt es nicht nur Geisteswissenschaftlern schwer, sie in den Blick bekommen.

 

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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