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Piercings, Narben, Schmisse – von innen und außen

06.08.2011, 12:00 Uhr

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Neben mir, auf diesem langen Flug, schläft meine Tochter, die achtundzwanzig Jahre alt ist, jünger aussieht und Schauspielerin werden möchte. Unter dem weissen T-Shirt sehe ich eine ihrer Tätowierungen, wie sie sich über die Taille zur Hüfte dreht. Saras Gesicht ist mir zugewandt, zwischen Unterlippe und Kinn glänzt eine kleine Metallkugel im Licht der Leselampe, die ich noch nicht gelöscht habe, während man ein anderes Piercing, den durch ihre Augenbraue gesteckten kleinen Ring, nur ahnen kann, weil er im Dunkel liegt. Tätowierungen und Piercings gehören zusammen. Als konvergierende Tabubrüche trennen sie Saras Jugend von meinem Alter, und manchmal wundert es mich deshalb, dass sich nie ein Widerstand in mir geregt hat gegen diese Eingriffe meiner Tochter auf der Oberfläche ihres Koerpers. Eher spüre ich tatsächlich eine Sympathie, fast – wie von weit her – so etwas wie Respekt oder sogar Neid auf die punktuellen Momente der Freiheit, die sie sich genommen hat. Habe ich ihr mit der Geste eines behend ausweichenden Fechters – oder einfach als ein Vater aus dieser unerträglich entgegenkommenden Generation – den Widerstand verweigert, den sie brauchte, um erwachsen zu werden? Ich erinnere mich an eine eindrucksvoll exzentrische Freundin, die mir erst vor ein paar Tagen mit unaufdringlichem Stolz davon erzählte, wie sie den Tätowierungs- und Piercing-Wünschen ihrer Toechter die kalte Schulter gezeigt hatte – und das (aus ihrer Perspektive) mit Erfolg. Ich hätte dagegen eine englische Statistik stellen können, nach der mittlerweile sechsundvierzig Prozent der Frauen zwischen sechszehn und vierundzwanzig ein Piercing tragen. Die vermeintlich provokante Geste ist also heute nichts als mainstream. Aber stattdessen fühlte ich einen eigenartigen Drang, mich zu entschuldigen – und einfach auch eine Portion Peinlichkeit.

 

Denn was ich an Erklärungen von denen gehört habe, die sich tätowieren und piercen lassen, wirkt immer allzu plausibel auf mich: dass man damit ein in den modernen Gesellschaften prekär gewordenes invidivuelles Besitzrecht auf den Körper markiert; dass gerade die Irreversibilitaet der vorgenommenen Veränderungen auf der Körperoberfläche anziehend ist; dass Piercings und Tätowierungen ihren Trägern die Sicherheit des Gefühls geben, Teil der physischen Umwelt zu werden, indem sie sich deren Materialität einverleiben. “Das sind Wünsche und Bedürfnisse,” sagt meine Tochter, die gerade aufgewacht ist, sehr genau und mit gelassener Gewissheit, “das sind Wünsche und Bedürfnisse, deren Intensität solange zunehmen wird, wie der Alltag menschlicher Beziehungen – durch Facebook zum Beispiel – immer mehr in Virtualität übergeht.” Alles beim Tätowieren und Piercen dreht sich um die sinnlich wahrzunehmende Konkretheit und Singularität jedes einzelnen Lebens. Ob sie mir wenigstens einen Unterschied zwischen Piercings und Tätowierungen angeben kann, frage ich Sara, und wieder kommt die Antwort schnell und präzise: der Schmerz des Eingriffs, durch den man sich seines Körpers versichert, sei beim Piercing viel intensiver, vor ihm liege eine Angst, die man hinter sich bringen muss, und das sei der Grund, warum besonders sensible Stellen auf der Topographie des Körpers bevorzugte Ziele des Piercings geworden sind: der Nabel, die Nase, die Zunge, die Klitoris und die Brustwarzen bei jungen Frauen; bei jungen Maennern – in einer anderen Präferenz-Ordnung, deren Differenz  mich fasziniert – die Brustwarzen, die Augenbrauen, die Ohren und der Penis. Mit all dem, spüre ich noch einmal, kann ich mich – aus beträchtlicher Ferne, “vage” sozusagen und nie ganz ohne Ueberraschung — identifizieren.

 

Aber Piercings und Tätowierungen verändern auch mein Verhältnis zu den Körpern, die sie tragen. Dann wirken sie wie Narben auf mich. Als Spuren von individuellen Ereignissen geben Narben ihren Körpern Geschichte, das ist das eine. Oft sind die Ereignisse, die sie uns Außenstehende vorstellen lassen, Ereignisse einer physischen Bedrohung, Unfälle und Verletzungen, Krankheiten und Operationen vor allem. Eine Narbe ruft uns ins Bewusstsein, dass der lebende Körper, der sich vor uns bewegt, längst verwest sein könnte – und nicht für immer existieren wird. Diese Intuition, wie sie über uns kommt, mag auf viele abstoßend wirken, aber für andere steigert sie die Anziehungskraft von Körpern mit Narben zur Begierde. Das ist das andere, das, was der junge Bertolt Brecht in einem Gedicht beschrieb, wo ein Mann beim Abschied nach der Nacht mit einer Prostituierten unter dem Licht des Morgengrauens eine graue Strähne in ihrem Haar entdeckt und umkehrt, um auch den Tag noch mit ihr, der nun für ihn sterblich Gewordenen, zu verbringen. Spuren vergangener Bedrohung und Anzeichen zukünftigen Verfalls unterstreichen die Faktizität individuellen Lebens – und prinzipiell gibt es keine Höchstgrenze im Verhältnis zwischen der Deutlichkeit von Spuren und Anzeichen einerseits und der Betonung des Lebendigen andererseits. Selbst Versehrungen, Verwachsungen, Amputationen und Prothesen können Begierde hervorrufen – so wie sie für andere gerade umgekehrt Tabuzonen um individuelle Körper heraufbeschwören.

 

In der deutschen Kulturgeschichte haben Piercings und Tätowierungen als Gesten gegenwärtiger Jugendkultur eine beinahe unmittelbare Vorgeschichte, die von heute nur durch eine einzige Zwischengeneration getrennt ist. Allerdings übersieht man diese historische Abfolge leicht, weil die beiden Kapitel, die sie zusammenbringt, zu entgegengesetzten Polen des politischen Interpretationshorizonts gehören. Während wir Piercings und Tätowierungen stets assoziieren mit einem Gestus des “Aussteigens,” der Distanznahme von der Gesellschaft und ihren Hierarchien, funktonierten die “Schmisse,” welche Mitglieder der sogenannten “schlagenden” Studenten-Verbindungen in ihren “Bestimmungs-Mensuren” davontrugen (und immer noch davontragen), wie Passepartouts zu den elitärsten sozialen Milieus, wie Passepartouts für den Gebrauch der Ehrgeizigsten.

 

Dieses eigentümliche studentische Fecht-Ritual geht zurück auf die Lust von Studenten seit dem Mittelalter und der frühen Neuzeit, das eigene Selbstwertgefühl unter Beweis zu stellen durch die Herausforderung zu Duellen, welche im Prinzip Auseinandersetzungen auf Leben und Tod sein sollten, obwohl sie das statistisch gesehen nie ganz waren. Als um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts diese Praxis wegen der ihr jedenfalls impliziten Lebensgefahr und vor allem wegen der Mutwilligkeit, mit der man “Beleidigungen” durch andere registrieren wollte, immer mehr in Kritik und Krise geriet, wurden aus den Duellen “Mensuren,” das heisst mit scharfer Klinge gefochtene, hochreglementierte “Gänge” zwischen Mitgliedern von zwei Studenten-Verbindungen, die sich in einem genau festgelegten Abstand fast bewegungslos gegenüberstehen und deren Körper mit der Ausnahme gewisser Gesichtspassagen gegen Schnitte gut geschützt sind. Mensuren haben keine Sieger oder Verlierer, sie inszenieren einfach das Risiko, individuelle Männlichkeits-Reputation durch Zurückweichen oder andere Zeichen von Angst zu verlieren – und damit auch die Chance, Männlichkeits-Ehre mit Standfestigkeit unter Beweis zu stellen und zu steigern. Die Gesichtsnarben, welche die “Paukanten” (so der Terminus für die Mensur-Fechter) fast unvermeidlich davontragen, sind Zeichen hinter sich gebrachter Angst und verwundenen körperlichen Schmerzes. Darin genau konvergieren sie mit den Piercings – und deswegen ist es so wesentlich, dass Percings wie Schmisse deutlich sichtbar bleiben (zur gängigen Praxis der schlagenden Verbindungen soll es gehört haben, frische Fecht-Narben durch das Einlegen von Rosshaaren zu infizieren, um ihre bleibende Sichtbarkeit sicherzustellen).

 

Ausgehend von dieser Konvergenz geht der soziale Gebrauch von Piercings und Schmissen in jeweils zeittypisch verschiedene und tatsächlich entgegengesetzte Richtungen. Mit Schmissen erschloss man sich Aufstiegschancen in einer klar hierarchisierten Gesellschaft – sie waren das Zeichen, welches bestätigte, dass man eine potentiell lebensgefährliche Konfrontation mit anderen ausgehalten hatte – und dadurch allein (nicht durch den Sieg über andere) wurde man zum Mitglied einer Elite. Mit der Geste der Piercings hingegen kann man Distanz von einer Gesellschaft nehmen (von “der Gesellschaft” überhaupt, wie wir gerne sagen), die als immer undifferenzierter, einfarbiger und substanzloser erlebt wird – und tut dies nicht in Konfrontationen ,sondern durch einen selbstbezogenen Akt. Der Narben-Schritt vom Schmiss zum Piercing ist also – auch – ein Schritt vom Alltag als Ort der Konfrontationen hin zur alltäglichen Einsamkeit. Mit beiden Existenz-Formen muss man zurechtkommen koennen.

 

 

 

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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