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Unsterblichkeit, Glück — und Vitalität?

20.08.2011, 01:39 Uhr

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Meine Enkelkinder sind 2008 und 2010 geboren, und zu ihrer Geburt wurde ihnen verbrieft – mittlerweile scheint das ein Standard zu sein auf deutschen Entbindungsstationen — dass ihre Lebenserwartung ueber hundert Jahren liegt. Die erstaunliche Zahl ist in den zwanzig Monaten, die die beiden trennen, sogar noch gestiegen. Liegt darin ein Geschenk der modernen Gesellschaft, ein Gluecksversprechen ihrer Medizin? Wer sich vergegenwaertigt, mit welcher Intensitaet die Medien in juengster Zeit auf den Umschlag der frueher einfach nur utopischen Sehnsucht nach Unsterblichkeit in fast realistisch wirkende Prognosen reagiert haben, kann zu der Meinung kommen, die fortschreitende Steigerung der Lebenserwartung sei jedenfalls ein Weg hin zur Unsterblichkeit. Aber laege wirklich Glueck, kollektives Glueck und individuelles Glueck, in der Realisierung des Unsterblichkeitstraums? Bedeutete eine unbegrenzte Erweiterung der Lebensspanne nach den Jahren, in denen wir als arbeitende Mitglieder der Gesellschaft zu ihrer Erhaltung und Entwicklung beitragen, nicht eher unbegrenzte Langeweile, also das unueberbietbare Gegenteil von Glueck?

 

Eine der Urgrossmuetter meiner Enkel wird demnaechst ihren neunzigsten Geburtstag erreichen, ohne eine Antwort auf solche Fragen geben zu koennen, denn sie lebt in einer dichten Wolke von Demenz – so dass wir nur von aussen manchmal (sehr philosophisch) darueber nachdenken, ob in solchem Schwinden des Bewusstseins ein Potential von Glueck liegen mag. Fest steht allein, dass meine Mutter jetzt und vielleicht noch fuer viele Jahre eine kraeftige Portion dessen von der Gesellschaft (und den Versicherungen) der Gegenwart und ihrer eigenen vergangenen Zukunft zurueckfordern muss, was sie  einmal gegeben hat.

 

Mit der Unsterblichkeit verhaelt es sich wie mit den meisten anderen Rahmenbedingungen fuer Glueck, die unsere Zeitgenossen bei einschlaegigen Multiple Choice-Befragungen am liebsten ankreuzen: so wie mit der “Gesundheit” (“vor allem Gesundheit” wuenscht man seinen Nachbarn zum Geburtstag, je gewisser und ernster, desto aelter sie werden), wie mit der “finanziellen Unabhaengigkeit” und wie primaer wohl auch mit der “Freiheit.” All diese Bedingungen markieren zunaechst das Ausbleiben von und den Schutz vor negativen Erfahrungen. Und nicht anders ist es mit der Unsterblichkeit. Unsterblich werden hiesse vor allem, jene ganz unvermeidliche Grund-Angst einklammern und vergessen koennen, die Martin Heidegger als die Vorstellung des Todes aus der Perspektive der “Jemeinigkeit” beschrieben hat, eine Vorstellung, die uns deshalb unertraeglich ist, weil sie die Struktur des Bewusstseins ueberfordert. Denn im Bewusstsein ist jeder Gegenwartsmoment von einem Nachhall des unmittelbar vorausgehenden Moments und einer Vorwegnahme des naechsten Moments umgeben, was impliziert, dass jener Moment, in dem die Vorwegnahme des naechsten Moments ausfallen muss (der Moment des Todes), vom Bewusstsein gar nicht einzuloesen ist und deshalb Panik “vor dem Nichts” ausloest.

 

Aber waere das ewige Leben, ein Leben ohne Todesangst also, wirklich ein Leben im Glueck? Anders und direkter formuliert: was fehlt all den verschiedenen Wuenschen nach der Abwesenheit bestimmter Bedrohungen und Risiken denn zum Glueck? Ein eher banales Erlebnis hat mich vor einigen Tagen vielleicht auf den Weg zu einer Antwort gebracht. Ich wollte zum schnellen Mittagessen in ein kleines Restaurant gehen, dessen Kueche ich ganz ausgezeichnet finde – und stiess vor der an diesem Tag ueberraschenderweise verschlossenen Tuer auf einen grossgewachsenen Mann im fruehen mittleren Lebenalter und mit kantigen Gesichtszuegen, auf eine aussergewoehnlich schoene Frau, die zehn Jahre juenger sein mochte als er, und auf ein kleines Maedchen, ohne Zweifel die Tochter der beiden. “Schade,” sagte ich, “aber sie sollten jedenfalls wieder hierher kommen, es ist wirklich sehr gut.” “Und Sie sollten ‘La Mousse’ kennenlernen, gleich um die Ecke, ziemlich bemerkenswert,” gab der Mann freundlich zurueck. Wie es einem so manchmal und anscheinend  ganz grundlos geht, blieben die Gesichter der drei und auch die Stimme des Manns in meiner Vorstellung, und umso ueberraschter war ich, fuenf Minuten spaeter zu sehen, dass sie an einem Tisch nicht zu weit von mir in einem anderen Restaurant sassen. Wie zugewandt sie sich waren, faszinierte mich, wie das Laecheln der Frau ein Versprechen war und eine Bitte, wie ohne alle paedagogische Anstrengung die beiden auf das Maedchen konzentriert waren, wie sie sich bestaendig einander zaertlich beruehrten. Ich muss meine Tischnachbarn  ueberm Essen angestarrt haben und war deswegen zuerst etwas erschrocken, als der Mann aufstand und zu meinem Tisch kam. “Wir haben uns die ganze Zeit ueberlegt, wo sie wohl herkommen und was sie treiben,” meinte er, “ja genau,” sagte ich, “das geht mir auch so, aber sagen Sie, das muss ihr erstes Kind sein, so begeistert wie sie von ihr sind.” Sie sei ihr sechstes Kind, lachte er, und ich war eigentlich gar nicht erstaunt, sie haetten noch vier Jungen und ein anderes Maechen, das kleine Maedchen allerdings sei besonders wegen dem Jahr des chinesischen Kalendars, in dem sie geboren wurde (ich habe natuerlich vergessen, welches Jahr das war). Auf dem Land lebten sie alle und, so gut es gehe, nach den Regeln des Zen-Buddhismus. Er stehe kurz vor seiner Meisterpruefung als Schmied fuer Samurai-Schwerter.

 

Das alles war erst einmal viel mehr, als ich erwartet hatte, und viel kalifornischer, als mir lieb war. Wie schade, dachte ich, die Idylle entlarvt sich als ein remake aus den laengst verbrauchten Ideen der Jahre, als ich jung war und wir an einen Horizont von Glueck glaubten, der – was immer sonst – jedenfalls “alternativ” sein sollte. Aber diese Skepsis konnte meiner Sympathie und Begeisterung fuer die neuen Freunde des Augenblicks gar nichts anhaben. Sie war ja nichts als die Verkniffenheit eines alten Intellektuellen, der von der Welt erwartet, dass sie all seine sehr vernuenftigen Urteile als Vor-Urteile uebernimmt. Warum sollten denn meine ausgemusterten Ideale nicht glueckstiftende Ideale fuer die drei (oder acht) geworden sein? Und was koennte denn irgendjemandem ueberhaupt das Recht geben, am Glueck von anderen zu zweifeln – zumal wenn es so spuerbar ist? Das Wort “Vitalitaet” kam mir in den Sinn, und dass Glueck ohne Vitalitaet nicht moeglich sei.

 

Natuerlich halte ich es nicht fuer eine Gluecks-Bedingung oder Gluecks-Erfordernis, sechs Kinder in die Welt zu bringen. Vitalitaet heisst zuerst einmal nur, sich einlassen auf den Koerper, mit dem man geboren wurde und zu leben hat. Er ist das andere des Bewusstseins, jenes andere, das sich den Fluegen der Imagination so viel weniger fuegt als das Bewusstsein. Wer sich auf den eigenen Koerper einlaesst, der spielt mit je besonderen Moeglichkeiten. Mit denen, die zur allgemeinen Erwartung gehoeren (man hat Kinder zum Beispiel oder entschliesst sich, auf Kinder zu verzichten), oder mit den anderen, exzentrischen Moeglichkeiten, zu denen auch das Ausbleiben des normal Erwartbaren gehoeren kann (manchen gelingt es, aus auferlegtem Verzicht eine bejahte Lebensform zu machen). Vital kann ein Leben im Kloster sein ebenso wie das Leben eines Spitzensportlers, ein Leben mit oder ohne Sex, ein Leben als Mutter und ein Leben als Drag Queen. Vital ist, wer sich der Spannung zwischen dem Leben des Bewusstseins und dem Leben des Koerpers aussetzt, so dass am Ende vielleicht aus dem reflektierten Gebrauch des Koerpers, aus dem “Koerper Haben,” eine Einheit wird, das “Koerper Sein,” ueber die man nicht mehr nachdenken muss und die gerade deshalb Energie und Glueck schenkt. Vitalitaet, das sind, so kann man es vielleicht kompakt beschreiben, die unendlich vielen Chancen, sich von seinem Koerper beleben zu lassen. Weil ich glaubte, dass ihnen gerade dies zusammen gelang, jeden Moment, in dem ich sie sah, war ich wohl so beeindruckt gewesen von der schoenen Frau, dem Mann mit dem kantigen Gesicht und ihrer kleinen Tochter.

 

Wer in diesem Sinn “Koerper ist,” der spuert, wie er auch zu der materiellen Welt gehoert, die das Bewusstsein umgibt, so dass diese materielle Welt fuer ihn (oder sie natuerlich) nie bloss ein “Objekt,” nie bloss das andere des Bewusstseins bleibt. Man kann dann das Gefuehl haben, dass etwas richtig ist an der Welt, so wie sie ist, auch – und manchmal gerade dann – wenn aus der Sicht von anderen diese Teilnahme an der physischen Welt mit dem eigenen Koerper unter dem Vorzeichen eines Verzichts zu stehen scheint. So erfahren, glaube ich, gilt fuer das Leben nicht unbedingt, dass es je laenger desto besser sei. Eher bedarf es der Gewissheit des Sterbens, um das Koerper-Sein als Gelingen erleben zu koennen. Wie ja auf der anderen Seite die Sehnsucht nach Unsterblichkeit nichts zu tun hat mit dem Wunsch nach Intensitaet des Lebens. Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit ist der Traum von einem Leben des Bewusstseins, das von der Stoeranfaelligkeit des Koerpers nicht beeintraechtigt werden soll. Das waere ein am Ende ausschliesslich auf den Geist konzentriertes Leben, und so ein Leben hat Gottfried Benn als “Gegen-Glueck” abqualifiziert.

 

Aber ueber das, was jeder einzelne fuer Glueck halten will, laesst sich noch unendlicher streiten als ueber Fragen des Geschmacks – und dabei muss sich niemand irgendeiner Autoritaet beugen, nicht einmal der eines grossen Dichters.

 

 

 
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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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