Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Der Anfang vom Ende des Kapitalismus?

Nach dem Anfang vom Ende des Kapitalismus kann man mit freudig-erwartungsvoller Intonation fragen. Wer das tut, wirkt wie ein Wähler, Funktionär oder...

Nach dem Anfang vom Ende des Kapitalismus kann man mit freudig-erwartungsvoller Intonation fragen. Wer das tut, wirkt wie ein Wähler, Funktionär oder Abgeordneter der Linkspartei – oder auch wie ein typischer, aufs Rechthaben konzentrierter Akademiker, der schon immer gesagt haben will, daß der Marxismus noch eine Chance (und dann immer noch eine weitere Chance) verdient. Genau so meine ich die Frage nicht. Ich würde es eher bedauern, wenn wir tatsächlich den Beginn vom Ende des Kapitalismus erlebten in diesen Tagen einer überhitzt kollektiven Selbst-Überschuldung der Menschheit, welche alle Zukunfts-pessimistische Vorstellungskraft wie selbstverständlich überbietet, so unausweichlich sie auch sein mag. Seit mehr als zwei Jahrhunderten hat der Kapitalismus nämlich – unabsichtlich sozusagen und auch nicht ohne gegenläufige Wirkungen – zu einer immer weiter gehenden Ent-Hierarchisierung unserer Gesellschaften und zur Annäherung an das Ideal der Chancengleichheit viel mehr beigetragen, als es dem auf soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit getrimmten Sozialismus je gelungen ist. Der Kapitalismus hat Talente zum Vorschein gebracht und kreative Potentiale freigesetzt, und er war selbst in seinen negativen Dimensionen dramatischer – und somit zumindest ästhetisch faszinierender – als der langfristig eher zu flachem Stupor neigende Sozialismus.

Aber ich gehe wohl zu weit mit dieser etwas billigen Polemik (und mache mich nur unbeliebt) – zumal mir an solchen „vergleichenden Bewertungen“ von zwei Auslaufmodellen gar nicht liegt. Der über Jahrzehnte zum Sprung in die versprochene Idealwelt des Kommunismus ansetzende Sozialismus ist nach 1989 ja ohnehin verschieden (und sein Rest-, Fassaden- und Fernseh-Überleben in Ländern wie Kuba, China oder Venezuela ist kaum der Rede wert). Ich will auf der anderen Seite auch nicht im Ernst diskutieren, ob nun wirklich das Sterben des Kapitalismus bevorsteht, oder was denn zu tun wäre in dieser ökonomisch bedrohlichen Gegenwart – solche Probleme zu lösen, bin ich keinesfalls kompetent (und wer wäre es schon – selbst unter den Spezialisten?). Es geht mir vielmehr um eine These, die sich am besten  in der Form einer Frage aufschreiben läßt: kann man den zehn Jahre zurückliegenden Untergang des Sozialismus und die gegenwärtige Krise des Kapitalismus auf dieselbe Weise — im Bezug auf denselben Kontext — erklären, und zwar im Bezug auf die historische Transformation jener Form von Zeit, welche die beiden zentralen politisch-wirtschaftlichen Systeme des zwanzigsten Jahrhunderts – eben Sozialismus wie Kapitalismus – zugleich vorausgesetzt und durchgesetzt hatten? Eine positive Antwort müßte zu dem Schluß führen, daß Veränderungen an den Zeithorizonten, unter denen wir leben, nicht eine Folge der Krise in den politischen und wirtschaftlichen Systemen sind, sondern ihre Voraussetzung.

Was wir „Zeit“ nennen, so mein Ausgangspunkt, das heißt: wie wir uns zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verhalten, das hat – ähnlich wie das Vorzeichen vor einer Klammer – einen formenden Einfluß auf all unsere Erlebnisse und Erfahrungen, auf all unser Verhalten und Handeln. Seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert lebte die westliche Kultur in diesem Sinn unter der Prämisse, daß die Vergangenheit ein Raum der Erfahrung sei, den wir immer weiter hinter uns lassen; die Zukunft bot sich als ein Horizont von Möglichkeiten, aus denen wir wählen zu können glaubten; und zwischen jener Vergangenheit und dieser Zukunft war die Gegenwart zu einem „unwahrnehmbar kurzen Moment des Übergangs“ geschrumpft (so beschrieb es 1859 der Dichter Charles Baudelaire), in dem wir – Erfahrungen der Vergangenheit an die Gegenwart anpassend — aus den Möglichkeiten der Zukunft auswählten.

Innerhalb weniger Jahrzehnte nach 1800 war diese Konfiguration der drei Zeitdimensionen so weit akzeptiert, so sehr zu einer Prämisse allen Handelns geworden, daß man sie bald schon als „Zeit an sich“ oder „Geschichte an sich“ anzusehen begann. Die damals neue Zeitkonfiguration nun (wir können sie die „historische Zeit“ nennen) wurde zu einer zentralen Voraussetzung sowohl für die Entwicklung des Kapitalismus als auch für die Erfindung des Sozialismus. Denn der Kapitalismus braucht eine prinzipiell offene Zukunft, um dorthin seine im Idealfall exponentiell ansteigenden wirtschaftlichen Wachstumsraten zu projizieren, und analog galt das auch für die auf Anhieb immer viel vernünftiger wirkenden und viel behutsamer ausgemalten Utopien des Sozialismus. Ohne jeweils spezifisch getönte Horizonte von „Fortschritt“ sind weder Kapitalismus noch Sozialismus denkbar. Ebenso gingen beide Positionen davon aus, daß man für die Gestaltung der Zukunft aus der Vergangenheit lernen könnte (und lernen mußte): aus explizit zu machenden „Geschichtsgesetzen“ für den Sozialismus und — viel vager —  aus „praktischer Erfahrung“ für den Kapitalismus. Daß diese „historische Zeit“  Voraussetzung und Basis für die beiden das neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert weitgehend dominierenden, miteinander konkurrierenden Praxisformen und Ideologien wurde, für Sozialismus und Kapitalismus eben, erklärt (wenigstens zum Teil), warum sie solange als alternativenlos und eben als „Zeit an sich“ galt.

Bis heute verwenden wir fast ausschließlich diese Form der Zeit, wenn wir explizit über Vergangenheit und Zukunft reden oder in mehr oder weniger philosophischen Begriffen über Vergangenheit und Zukunft nachdenken. Es ist aber evident – und hier liegt der Kern meiner These – daß die „historische Zeit“ heute nicht mehr jene Prämisse ist, unter der wir selbst (und die meisten unserer Zeitgenossen) in der globalisierten Welt des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts (vor- oder halbbewußt zumindest) den Alltag erleben. Unsere Zukunft wirkt nicht mehr offen. Vielmehr scheint sie erfüllt von vielfachen Bedrohungen, die sich auf uns zu bewegen und deren zerstörende Ankunft wir bestenfalls hinausschieben, aber nicht definitiv abwenden können: wir fühlen uns bedroht von der demographischen Entwicklung und ihren in verschiedenen Hinsichten fatalen Folgen, von der Erwärmung des Planeten und vom Aufbrauchen der Energiestoffe, um nur einige unserer Alpträume zu nennen. Wie berechtigt diese Befürchtungen im einzelnen sein mögen, ist gar nicht die Frage. Sie besetzen und blockieren jedenfalls den früher offenen Horizont der Zukunft.

Zugleich lassen wir Vergangenheit nicht mehr hinter uns. Vielmehr überfluten vielfache Vergangenheiten unsere Gegenwart (denken Sie an all die „Nostalgiewellen“ der vergangenen Jahrzehnte), und selbst wenn wir bestimmte  Vergangenheit aktiv vergessen wollen, erlauben uns dies die elektronischen  Speicherkapazitäten nicht mehr ohne weiteres. Zwischen jener – neuen — blockierten Zukunft  und dieser – neuen — zäh an uns hängenbleibenden Vergangenheit, hat sich die Gegenwart aus einem bloßen Moment des Übergangs zu einer Gegenwart verbreitert, in der vielfache Vergangenheiten nebeneinander stehen bleiben. Was die jeweilige Gegenwart sei, die Architektur der Gegenwart etwa oder die Modefarbe der Saison, das ist heute, in der breiten Gegenwart viel schwerer und mit viel größerer Unschärfe zu beantworten als noch während der ersten Hälfte meines Lebens.

Während der siebziger und achtziger Jahren, die dem Kollaps des Staatssozialismus nach 1989 vorausgingen, war in der Sowjetunion offenbar viel von „Stagnation“ die Rede. Man hat diese „Stagnation“ im Rückblick als eine Wirkung des in die Krise geratenen Sozialismus deuten wollen. Der Sozialismus, so die gängige Sicht, hatte seine eigenen Fortschrittsversprechungen nicht mehr einhalten können und geriet deshalb in eine Phase der Stagnation. Aber – das ist meine zweite These und Provokation – wäre nicht auch eine Kausalität in der umgekehrten Richtung denkbar? Wäre nicht denkbar, daß eine mehr und mehr blockierte, dunklere Zukunft den fortschrittsabhängigen Sozialismus zur Stagnation und am Ende zum Kollaps gebracht hätte?

Eine strukturell ähnlicher Sequenz läßt sich als Anfang vom Ende des Kapitalismus vorstellen. In den neunziger Jahren las man immer wieder, daß die Welt (zumal die Welt der Wirtschaft) zu komplex geworden sei, um noch über eine Analyse der Gegenwart in nachvollziehbare Zukunftsprognosen umgesetzt werden zu können. Da genau entstand eine Zukunft, die dunkel und also der menschlichen Rationalität und dem menschlichen Urteilen unzugänglich wurde. Dies war auch die Zeit, als die Entscheidungsträger der Wirtschaft begannen, die von der Gegenwart ausgehenden Prognosen und ihr eigenes Urteil zu ersetzen durch Computer-produzierte Hochrechnungen, ausgehend von Kurven (fast immer von Wachtumskurven) über die jüngsten Wirtschaftsentwicklungen. Und dies könnte schließlich der Moment gewesen sein, wo das nun an solchen Hochrechnungen orientierte wirtschaftliche Handeln abhob von den Realitäten des menschlichen Verhaltens, den demographischen Entwicklungen zum Beispiel und sogar von den aktuellen Reaktionen der Märkte; der Moment einer flagranten weltweiten Überschuldung der Zukunft, aus der sich der Kapitalismus – aufgrund der ihm eigenen Funktionsmechanismen – vielleicht nie mehr befreien und erlösen wird. Die Zukunft der nächsten Generationen, soviel scheint festzustehen, ist dazu verdammt, eine Gegenwart zu werden, die sich von ihrer Vergangenheit nicht wird distanzieren können – und die Vergangenheit dieser Zukunft ist natürlich unsere Gegenwart mit ihrer flagranten, nachhaltig wirksamen Verschuldung. 

Die Frage, wie und warum es zu einer solchen Umformung der Zeitkonfiguration gekommen sein könnte, unter der wir leben, will ich nicht stellen – denn ich habe den Eindruck, daß sie uns vor Komplexitäten führte, die nur banale Antworten zulassen. Noch weniger – aber das habe ich ja schon gesagt —  traue ich mir zu, die andere, viel dringendere Fragen zu diskutieren, die Frage nämlich, wie die Zukunft zu bewältigen wäre, falls sich unsere Gegenwart tatsächlich als der Anfang vom Ende des Kapitalismus herausstellen sollte. Vielleicht wird diese Zukunft überhaupt nicht zu bewältigen sein, so daß die Gegenwart nicht nur zum Anfang vom Ende des Kapitalismus, sondern auch zum Anfang vom Ende der Menschheit würde. Doch besser breche ich mein Gedankenspiel an dieser eher deprimierenden Stelle ab. Lang lebe der (angeschlagene) Kapitalismus! Wobei „leben“ in diesem Ausruf offensichtlich nicht viel mehr bedeuten kann als „über-leben.“