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Heinrich von Kleists großer Tag, oder: warum feiert die Nation einen Selbstmord?

05.11.2011, 09:00 Uhr

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Dass die Nation ein Kleist-Jahr feiert, kann eigentlich niemand übersehen haben, der seit letztem Januar — auch nur für kurze Zeit – nach Deutschland gekommen ist. Der 21. November nun wird der große Kleist-Tag im Kleist-Jahr sein, denn am 21. November 2011 ist es genau zwei Jahrhunderte her, dass der Schriftsteller seine einundreißigjährige Freundin (aber wahrscheinlich nicht Geliebte) Henriette Vogel und sich selbst im Alter von vierunddreißig Jahren am Kleinen Wannsee bei Berlin erschossen hat. Von „Mord und Selbstmord” ist eindeutig und trocken in einem Kirchenbuch die Rede, und der Tagelöhner Riebisch beschrieb als Augenzeuge die beiden Leichen: „in einer kleinen Grube, welche ungefähr 1 Fuß tief ist und 3 Fuß im Durchmesser hat, mit dem Gesicht gegeneinander über, Fuß zwischen Fuß sitzend, ihre Oberkörper jedoch rückwärts über gelegt, die Mannsperson mit einem braun tuchenen Überrock, weißer Battist-Musselin-Weste, grauen, tuchenen Hosen, und runden Schlappstiefeln, bekleidet, das Gesicht um den Mund herum, jedoch nur wenig, mit Blut beschmutzt; die Frauensperson aber in einem weißen Batist-Kleide, blau tuchenen feinen Überrock, und weißen glassé Handschuhen bekleidet, und mit einem blutigen Fleck von der Größe eines Thalers unter der linken Brust auf dem Kleide, welches an dieser Stelle auch verbrannt zu seyn schien.” Am Todesort lagen drei Pistolen. Kleist hatte mit einer von ihnen zuerst Henriette Vogel getötet und danach sich selbst in den Mund geschossen. Aber er ist wahrscheinlich nicht an der ins Gehirn eingedrungenen Kugel gestorben, sondern am Pulverdampf erstickt.

 

Jahrelang hatte Heinrich von Kleist nach einer Frau gesucht, die bereit wäre, sich mit ihm das Leben zu nehmen — bis er in Berlin Henriette Vogel vorgestellt wurde. Motive zum Freitod gab es für beide mehr als genug. Henriette Vogel, die ihr Kind liebte und wohl glücklich verheiratet war, soll an Gebärmutterkrebs gelitten haben. Kleist sah sich als Schriftsteller gescheitert, von seiner adligen Familie ausgeschlossen und kam nie mit den Finanzen zurande. Soweit sind „Mord und Selbstmord” – das läßt sich bei aller uns auferlegten Pietät sagen – durchaus plausibel. Aber warum war es für die beiden derart  wichtig, nicht alleine zu sterben? Wie kann man die Euphorie, ja den Zustand anscheinend unbegrenzten Glücks erklären, in dem sie ihren letzten Tag wohl durchlebt haben — und der uns in wenige Stunden vor dem Tod eilig entstandenen Briefen gegenwärtig wird? „Mein Jettchen, mein Herzchen, m Liebes, mein Täubchen, m Leben, m liebes süßes Leben, m Lebenslicht, m Alles, m Hab u Gut, meine Schlösser, Äcker, Wiesen und Weinberge, o Sonne meines Lebens,” heißt es bei Kleist. „M Stimme, m Richter, m Heiliger, m lieblicher Träumer,” schrieb Henriette Vogel. Vor allem aber: warum gehören diese zum Teil grausigen und in jeder Hinsicht befremdlichen Todesumstände so wesentlich, ja fast zentral zu unserem Bild des Klassikers Kleist?

 

Auf die ersten beiden Fragen gibt die eben erschienene, historisch detailliert dokumentierende und schon allein deshalb sehr lesenswerte Biographie des Germanisten Günter Blamberger eine komplexe Antwort. Seit der Jugend war es Kleist nie gelungen, die Erwartungen seiner Umwelt, aber vor allem die Erwartungen an sich selbst auch nur annährend zu erfüllen. Im „Mannesalter,” wie man damals sagte, war ihm dann  offenbar die letzte Hoffnung verloren gegangen, dass dies je noch der Fall sein könnte. So muß Kleist der Entschluß, ein Leben zu beenden, das ausschließlich zum Leiden geworden war, und die Gewißheit, daß er an diesem Entschluß festhalten würde, eine Freude der Selbst-Erlösung, ja eine Erfahrung am Ende entscheidender Freiheit gegeben haben. Freude aber, davon hatte wenige Jahrzehnte früher Lessing geschrieben, ist ein Gefühl, das sich nur dann erfahren und gleichsam feiernd genießen läßt, wenn man es mit anderen Menschen teilt und an ihnen erfahren kann. Dies (und nicht, was man sonst „Liebe” nennt) muß, glaube ich, der Grund gewesen sein, warum Heinrich von Kleist und Henriette Vogel mit-einander, das heißt: mit einem anderen Menschen, sterben wollten, warum sie sich in ihrer Todes-Euphorie Briefe schrieben und warum sie diese Euphorie und sogar ihren Tod sichtbar machen wollten für die Angestellten der kleinen Pension, wo sie ihre letzte Nacht verbrachten.

 

Aber damit ist noch nicht die andere Frage beantwortet, die Frage, warum Heinrich von Kleists Selbstmord so eigenartig und eben wesentlich nicht nur zu seinem Bild als Autor, sondern tatsächlich zum Horizont der Lektüre seiner Texte gehört — um die es am Ende ja gehen soll bei einem klassischen Autor. Natürlich könnte man in seinen Texten nach Anzeichen, Tönen und Stimmungen jener Freiheit suchen, zu der Kleist sich mit dem Entschluß zum Freitod verhalf. Aber an Freiheit erinnern wir uns eigentlich nur selten, wenn wir Kleist lesen. Eher sind es Momente von dramatischer, unglücklicher und oft obsessiver Leidenschaft, die uns bei diesem Klassiker beeindrucken. Nichts geht auf in Kleists literarischer Welt. Die moralischen und rechtlichen Strafen für Vergehen sind immer zu groß – oder zu klein. Mit einer Gelassenheit, die fast an Kleists eigene Todes-Euphorie erinnert, akzeptiert Michael Kohlhaas das über ihn verhängte Todesurteil, weil er glaubt, so dem Ausgleich für das Unrecht, welches ihm widerfahren ist, wenigstens näher gekommen zu sein. In der kurzen Erzählung über das „Bettelweib von Locarno” geht das Schloß eines Adligen in Flammen auf – nur weil er einer Bettlerin befohlen hatte, „sich hinter den Ofen zu verfügen.” Und besonders eigenartig und beinahe unangenehm ist eine Lektüre-Möglichkeit der „Marquise O,” nach der die Titel-Protagonistin einen Mann mit der Ehe belohnt, der sie vergewaltigt hat.

 

Nichts geht wirklich auf in Kleists Welt und ihren Geschichten, und fast nie ist man deshalb als Leser zufrieden mit den Situationen, in denen sie enden. Die Existenz seiner Protagonisten ist immer in der Schwebe, wie die Marionetten, von denen er schreibt, um zu vergegenwärtigen, was Anmut sei; wie die Montgolfière, die sich Kleist vorstellt, um seine Hoffnung auf den Moment nach dem Tod zu beschreiben: „Der Himmel weiß, meine liebe treffliche Freundin, was für sonderbare Gefühle halb wehmütig, halb ausgelassen, uns bewegen, in dieser Stunde, da unsere Seelen sich, wie zwei fröhlige Luftschiffer, über die Welt erheben.” Nichts geht auf in Kleists Welt, allein die Schwebe ist eine prekäre Möglichkeit gelingender Existenz, es gibt kein endgültiges, dauerndes Glück. Was bleibt, sind allein jene Momente, die zum „sonderbaren Quell der Begeisterung” werden, weil man „in eines elektrisierten Körpers Atmosphäre kommt, wo plötzlich die entgegengesetzte Elektrizität erweckt wird,” heißt es im Fragment über die „Allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden.”

 

Momente der Schwebe allein, erfahren wir bei Kleist, sind jene Momente, wo unsere Existenz mehr als nur Leiden ist, sie allein geben auch Anlaß zu jenen sprachlichen Gesten, in denen sich die manchmal unwiderstehliche Schönheit seiner Texte versammelt. Wenn wir auf Momente der Schwebe achten und uns entschließen, bei Kleist eben nicht nach Ausgleich, Trost, Gerechtigkeit und permanenter Erfüllung zu suchen, dann kann uns die gewonnene Freiheit der Lektüre Momente des Glücks geben. So wie eben ihr Entschluß zum „Mord und Selbstmord” auch Heinrich von Kleist und Henriette Vogel noch einmal glücklich machte, für den letzten Tag und die eine durchwachte Nacht, in der sie sich einander und in der sie ihren Freunden und Verwandten  Briefe schrieben.

 

 

 

 

 

 

 

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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