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Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Männlichkeit.

"Sorge" ist ein Begriff, der in den Diskussionen der vergangenen Jahrzehnte über Geschlechterdifferenzen immer wieder und bald immer selbstverständlicher mit...

“Sorge” ist ein Begriff, der in den Diskussionen der vergangenen Jahrzehnte über Geschlechterdifferenzen immer wieder und bald immer selbstverständlicher mit einem Wunschbild und einem positiven Selbstbild von Frauen verbunden worden ist (und um Wünsche eher als um Normen sollte es gehen, wenn man über dieses Thema spricht). Gemeint ist “Sorge” dann nicht primär im Sinn von “sich Sorgen machen”, sondern als beständige Zuwendung, die am Leben hält und wachsen läßt, als die Sorge für einen Garten zum Beispiel oder für ein Kind (um Mißverständnissen vorzubeugen, füge ich gleich wieder hinzu, dass mit dieser Assoziation weder Frauen auf “Sorge” festgelegt noch Männer von der Tugend des “Sorgens” ausgeschlossen sein sollen). Sorge gilt dem Leben in seinen Verkörperungen, sie hat deshalb – im konkreten Sinn – stets einen Raum, und sie ist eingeschrieben in eine Zeitlichkeit der langsamen, oft sogar der sich wiederholenden Rhythmen. So konvergiert Sorge mit der zentralen Funktion, welche den weiblichen Körpern in unübersehbarer Asymmetrie zu den männlichen Körpern bei der Reproduktion der Menschen zukommt, und Sorge konvergiert wohl auch mit jener Tonalität praktischer Intelligenz, welche Leben ermöglicht und ihm einen Teil seiner Schönheit gibt.

In der Philosophiegeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts hat Martin Heideggers 1927 erschienenes Buch “Sein und Zeit”, diese Bedeutung des Begriffs “Sorge” zuerst auf die intellektuelle Tagesordnung gebracht. Es wäre allerdings fast anachronistisch (und aus vielen Gründen biographisch inadäquat), Heidegger so etwas wie ein “proto-feministisches Engagement” zu unterstellen – obwohl ich andererseits annehme, dass er gegen die heute gängig gewordene Verbindung von “Sorge” und “Weiblichkeit” nichts eingewandt hätte. So wie Heidegger wohl auch einverstanden gewesen wäre, jenen anderen Begriff mit “Männlichkeit” zu assoziieren, von dem er “Sorge” vor allem absetzen wollte – und das war der Begriff des “Handelns”. “Handeln” heißt, sein Verhalten an der Vision von einer zukünftigen Situation ausrichten, zu deren Verwirklichung man – durch sein Verhalten eben – beitragen möchte. “Handeln” heißt deshalb unvermeidlich, die Welt verändern wollen; und “Handeln” impliziert und projiziert eine andere Zeitlichkeit als die langsame, zyklische Zeitlichkeit der Sorge. Ohne Handeln werden weder Träume wahr noch Pläne wirklich, aber Handeln als Welt-Veränderung hinterläßt auch immer Spuren, die zu Narben im Körper der Natur werden können. Anders gesagt: ohne ihr Handeln wären die Menschen nie zu einer Bedrohung der Natur geworden. Handeln bezieht sich auf die Welt und setzt zugleich eine Halb-Distanz zur Welt voraus, Handeln ist eine Angelegenheit der Gedanken, die zu Absichten werden, aber insbesondere ist Handeln die Sache einer Verkörperung, welche nie ganz aufgehen kann. Aus all diesen Gründen gibt es eine strukturelle Affinität zwischen Handeln als Dimension menschlicher Existenz und der Funktion männlicher Körper in der menschlichen Reproduktion.

Als Mann fühle ich mich angezogen von dem Raum, den Frauen für sich und oft auch für ihre Kinder bereiten, aber ich bin äußerlich im Verhältnis zu ihm. Ich möchte zu diesem Raum gehören, ihn beschützen und behüten – und deswegen wohl war ich so berührt von der Erinnerung einer afroamerikanischen Tochter aus Alabama an ihren Vater, der während der rassistischen Bedrohungen in den sechziger Jahren jede Nacht mit einem Gewehr bewaffnet vor der Tür des Hauses über den Schlaf seiner Frau und seiner Tochter wachte. Von außen auch möchte ich – und nur von außen kann ich – meiner Frau zeigen, wie sehr ich sie begehre. Beschützen-Wollen ist nichts anderes als die männliche Kehrseite des Begehrens.

Um noch eine philosophische Unterscheidung zu benutzen (diese stammt von Helmut Plessner): Frau sein wollen, kann heißen, Körper sein wollen (körperlich eingeschrieben-Sein in die Natur), und Mann sein wollen, kann heißen, seinen Körper haben zu wollen (nie ganz identisch sein können mit seinem Körper und mit der Natur). Zum Kontrast zwischen “Sorge” und “Handeln” gehört, dass wir es als “typisch weiblich” ansehen, wenn sie sich in ihrem Körper wohl fühlt, während Körper-Beherrschung (das bedeutet: seinen Körper als Instrument benutzen können) vor allem für eine männliche Tugend gehalten wird. Natürlich gibt es Frauen als body builders (und es soll sie jedenfalls geben, wo immer der Wunsch existiert) — doch als mainstream Mann finde ich sie etwa so exzentrisch wie die Körper von jungen Männern, die sich lasziv auf einem Sofa räkeln (und denen ich natürlich auch alle Blicke der Begierde aus vollstem Herzen gönne). Es wäre aber ein Mißverständnis, aus Plessners Unterscheidung den Schluß zu ziehen, dass das, was wir “Sport” nennen, ausschließlich Körper-Haben sei – also etwas primär oder gar prinzipiell Männliches. Eher meine ich, dass sich in den meisten – wenn nicht in allen – Sportarten die beiden Modalitäten von Körper-Sein und Körper-Haben verfugen müssen. Eine Tennisspielerin braucht zum Erfolg den Rhythmus der Grundlinienschläge nicht weniger als den Handlungsimpuls zur Netzattacke; ein guter Boxer kann weder auf Strategie noch auf instinktive Reaktionen verzichten.

Körper-Haben als Existenzform wird die wechselseitige Exzentrizität zwischen Geist und Körper nie in ein stabiles Gleichgewicht oder gar zum (potentiell erlösenden) Extrem ihrer Identität bringen, und insofern gehört zum Körper-Haben als Männlichkeitsbild die Bereitschaft, sich dieser Instabilität auszusetzen, um sie produktiv zu machen (zum Beispiel, indem man ihr Konturen abzugewinnen versucht). Das ist der Pläne-schmiedende, Utopien-halluzinierende Mann, den unsere Welt ja vielleicht ebenso braucht wie die Zuwendung in Sorge als erfüllten Wunsch von Weiblichkeit. Und zur Exzentrizität dieses Bilds vom Mann-Sein gehört schließlich auch Gelassenheit – als jene Stärke, die Impulsen des Reagierens und des Handelns widerstehen kann.

Wenn Mystikerinnen die Verköperung und das Emblem einer weiblichen Existenform sind, dann läßt sich als männliche Komplementärgestalt der Geschichtsphilosoph postulieren, wie er aus Erfahrungen der Vergangenheit mögliche Zukunftshorizonte hochrechnet, die dann nicht selten den Möglichkeiten seiner Physis voraus sind. Der ältere – und zugleich der jüngere – Bruder des Geschichtsphilosophen ist natürlich der Prediger von der Kirchenkanzel ebenso wie der politische Redner auf der Wahlversammlung. Vielleicht ging dem Apostel Paulus eben deswegen die Vorstellung gegen den Strich, dass Frauen im Gottesdienst reden könnten – denn dieser Ort verweist ja auf die immer etwas exzentrische Ideal-Position der Männer, während allein Frauen jenen innersten Raum besetzen können, wo ihre Körper zum Ort der mystischen Erfahrung Gottes werden.

Aus strikt anthropozentrischer Perspektive schließlich (aus einer Perspektive auch, die jeder theologischen Orthodoxie immer schon Häresie-verdächtig sein muß) könnte man folgern, dass die körperlosen Götter des Himmels und der Transzendenz wie aus einem prekären Gleichgewicht gebrachte Männer sind, die der Verkörperung bedürfen, um wieder lebendig und leidensfähig zu werden und um wieder Boden unter den Füßes zu gewinnen. In vielen Religionen jedenfalls – in der christlichen zum Beispiel und in der vorkolonial-aztekischen – müssen die männlichen Götter in einer Frau Fleisch werden, müssen sie von einer Frau geboren werden, wenn sie sich den Menschen zuwenden (oder auch: wenn sie die Menschen zerstören) wollen. Das schließt das Risiko ein, dass sie stattdessen am Ende von Menschen gekreuzigt werden, worauf sie dann zum Beispiel mit einer Wiederauferstehung und dem Entkommen in die Transzendenz (unter Androhung ihrer Wiederkehr) reagieren können. Man sieht: wo Männlichkeit walten soll, ist für Unruhe immer schon gesorgt.

 

Natürlich können Sie “konservativ” nennen und als “konservativ” verurteilen eine Überlegung zur Geschlechterdifferenz, die von der Asymmetrie zwischen dem weiblichen und dem männlichen Körper in Bezug auf die menschliche Reproduktion ihren Ausgang nimmt. Wenn ich mich entschuldigen oder gar verteidigen müßte, dann ließe sich darin erinnern, dass es mir (zwei blogs lang) nicht um Normen oder Gebote sondern um Fremdbilder und Selbstbilder als Wünsche gegangen ist. Aber warum soll ich nicht konservativ sein wollen oder dürfen (zumal als ein Dreiundsechzigjähriger, dem am Überleben der so verstandenen Geschlechterdifferenz liegt)?

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