Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren
 

Was Eleganz heute kostet

04.05.2012, 08:00 Uhr

Von

 

Etwas altmodisch wirkt es ja schon, wenn einer von “Eleganz” redet. So als käme das gut gemeinte Wort aus den fünfziger Jahren, wo O.W.Fischer auf dem Zenith seiner Leinwand-Karriere wandelte, Heinz Rühmann mit verschmitzter Melancholie Lilo Pulver anhimmelte — und noch keine Traurigkeit auf das schönen Gesicht von Romy Schneider gefallen war. Wie O..W.Fischer war auch mein Vater als junger Chirurg mit Charisma und ohne einen Hauch von bürgerlicher Bildung [in seinem Fall: sehr früh, zu früh vielleicht?] auf einer Anhöhe der Wirtschaftswunder-Welt angelangt, so dass meine Mutter, die sonntags “Film und Frau” las und ab Montag immer Bilder von Traum-Häusern ausschnitt, fast nach Belieben “Mode” [sagte sie] für ihren Mann kaufen konnte. “Ton-in-Ton” fiel diese Mode aus, Krawatte und ein Tüchlein aus Kunstseide, wo möglich sogar mit “farblich passenden” Socken, teuer eher [niemand sollte übersehen, dass man sichs leisten konnte] und doch höchstens solide. Manchmal wagte mein Vater [hatte er eine Freundin?], selbst bei “Ditzel Mode” vorbeizugehen, sich von Herrn Eckert beraten zu lassen, der etwas lispelte, einen österreichischen Akzent hatte und guten Geschmack. Das “saß” dann immer, so sehr sich meine Mutter  – sie verwaltete “die Finanzen,” während mein Vater vier- bis fünfmal pro Werktag operierte und Rechnungen schreiben ließ — so sehr such meine Mutter über die “verrückten Preise” aufregte; es saß, selbst wenn er einen Trachtenjanker mit Hirschhornknöpfen kaufte und umso mehr bei Anzügen aus England. Was er trug, wurde mein Begriff von Eleganz. Ich wollte und dachte, dass er wie Gunter Sachs aussah [was ihm nicht gefallen hätte], und wenn ich heute alte Photos anschaue [mein Vater ist vor sieben Jahren gestorben], dann revidiere ich nicht die Begeisterung von damals. Mit seinem Geschmack [und dem von Herrn Eckert] lag mein Vater nie daneben, wenn man einmal von seiner über Jahre anhaltenden Begeisterung für “praktische” Herren-Handtaschen absehen will.

 

Aber warum dachte und sagte ich “elegant,” und wie kommt es, dass mir das Wort heute derart altmodisch vorkommt? Die Wortgeschichte hilft da nicht auf die Sprünge, weil sie einmal mehr nur bestätigt, was man sich ohnehin vorstellt: aus der [natürlich italienischen und französischen] Renaissance kommt der Begriff, er bezieht sich auf die “Feinheit der Auswahl” [von Lateinisch "eligere": "auswählen"], genauer auf die Ergebnisse der feinen Auswahl. Um 1800 gibt dann ein Wörterbuch an: “nach letzter Mode gekleidet” [ich frage mich, ob das schon "Mode" in unserem Sinn war], und ab der folgenden Jahrhundertwende [um 1900] werden die einschlägigen Lexikon-Einträge schnell kürzer, was eher interessant ist, aber doch bloß den ersten Eindruck bestätigt, dass das Wort “Eleganz” halt altmodisch ist, auf dem Rückzug sozusagen. Nur warum ist das so?

 

Manchmal wird Eleganz mit “Anmut” assoziiert, und das paßt [mir] gut. Die beste [und schönste] Reflexion über “Anmut” ist Heinrich von Kleists Essay über das “Marionettentheater,” wo man liest, dass die Bewegungen von Marionetten anmutig wirken, weil niemand auf den Gedanken kommen könnte, dass sie einer Absicht [und schon gar nicht einer beflissenen Absicht] entspringen. Anmutig sei deshalb auch die antike Statue vom “Dornauszieher,” die Statue von einem Jungen, dem man nicht zutraut, dass er posiert oder sich anstrengt. Eleganz, denke ich, hat etwas von dieser anmutigen Unangestrengtheit, und deshalb ist sie gerade der Gegenpol zur “feinen Auswahl”: fein ausgewählt war die Mode, die meine Mutter kaufte, nach stundenlangem Abwägen, während die Besuche meines Vaters bei Herrn Eckert immer “auf dem Sprung” waren [er liebte es, sich in der -- damals weißen -- Klinkkleidung zu zeigen, mit dekorativen Blutspritzern, was die Betrachterinnen und Betrachter in Würzburg nicht unelegant fanden].

 

Trotz der nach Bildungs-Kriterien ja überaus ehrenvollen Herleitung des Wortes aus der Renaissance hat “Eleganz” nichts zu tun mit einem anderen Renaissance-Lieblingswort der echt Gebildeten, nämlich mit “sprezzatura.” “Sprezzatura,” haben Sie schon im Einführungskurs “Kulturwissenschaften” gehört oder vom Reiseleiter einer Mittelmeer-Kreuzfahrt, “sprezzatura” ist “kunstvolle Nonchalance” ["artful artlessness"], also Stunden vor dem Spiegel zubringen, damit die charmante Verwirrung der Haare besonders natürlich wirkt. Nichts ist ästhetisch riskanter als “sprezzatura,”, denn sobald sie durchschaut wird, implodiert ihre scheinbare Anmut in eine Straf- und Bauchlandung für Angestrengte. Eleganz wäre dann authentische Anmut [wenn man so überhaupt reden kann], Anmut für Erwachsene auch, statt Anmut von Marionetten oder unschuldigen Knaben und Mädchen. Kann das schon alles sein? Warum sagt man dann nicht einfach “guter Geschmack”? Weil “guter Geschmack,” glaube ich, einfach nicht bedeutungsgleich ist mit “Eleganz”: nur wer “elegant” genannt wird, bekommt ein wirklich großes Kompliment.

 

Man darf also “guten Geschmack” ist nicht [ganz] mit “Eleganz” gleichsetzen, weil sich Eleganz in Verkörperungen zu erweisen hat [es kann nicht bei einem bloßen Anspruch von Urteils-Kompetenz bleiben], sie wird konkret in Momenten und in Ereignissen der gelungenen Verkörperung, aus denen dann stabile Erwartungen entstehen und mithin Eigenschaften derer, die guten Geschmack zeigen. Eleganz ist Anmut für Erwachsene — auf Dauer gestellt. Und gewiß gehört zur Eleganz auch Ökonomie. Deswegen, vermute ich, sprechen Mathematiker gerne von “eleganten” Gleichungen oder “eleganten” Lösungen [und nur in diesem Kontext scheint das Wort keinen Alters-Stich abbekommen zu haben]. Elegante Lösungen sind Lösungen mit shortcuts, Lösungen, die Zeit und logische Schritte eingespart haben gegenüber jenen Wegen, die nach den geltenden Konventionen zu erwarten wären. Solche Abkürzungen auf dem Weg zu Lösungen gefallen uns, sie haben sozusagen einen “ästhetischen Wert,” und deshalb vor allem nennt man sie “elegant.” Wegen der Ökononie-Implikation zögern wir andererseits, von der Eleganz großer, komplexer Werke zu reden. Es wäre natürlich nicht geradezu falsch, Beethovens Neunte Symphonie eine “elegante Komposition” zu nennen — aber auf mich wirkte der Wortgebrauch angestrengt und unelegant.

 

Hatte die Eleganz meines Vaters damit zu tun, dass er sich für kaum etwas außer Operationen und Geldverdienen Zeit nahm. Könnte es übrigens sein — um einen [fast riskanten] Schritt weiter zu gehen — könnte es sein, dass wir, wenn es um Mode geht, “elegant” häufiger im Blick auf Männer sagen als im Blick auf Frauen, weil sich die meisten Männer für Mode weniger Zeit nehmen? Das ist nun wirklich nicht sehr wichtig — und keinesfalls will ich behaupten, dass Frauen nicht elegant “sein” können. Nur investieren sie — im Durchschnitt — mehr Zeit, um gut auszusehen, und wo man dies unterstellen kann, schwächt es den Eleganz-Eindruck. Bleibt weiter die Frage, was das Wort “Eleganz” denn so eigenartig altmodisch macht — “halb altmodisch,” nicht altmodisch im Sinn von “unmöglich.” Kann man behaupten, dass uns heute immer mehr an Kompetenz und immer weniger an ihren Verkörperungen liegt? Nicht wirklich, diese These hat etwas sehr angestrengt “Kulturkritisches.” Oder trauen wir nicht der Struktur eines Geschmacksurteils, dessen Qualität sich allein an seinen Leistungen zeigt, ohne dass man es je in Regeln übersetzen könnte? Trifft auch nicht, denn wer wiese nicht sofort und sehr weit den Verdacht von sich, nach Regeln zu urteilen? Vielleicht liegt uns einfach nicht mehr soviel an den — eleganten — Abkürzungen und ihrer Ökonomie. Denn es ist ja eher unser Problem geworden, all die Zeit auszufüllen, die uns das Leben gibt.

 

 

 

 

 

  Weitersagen Kommentieren Empfehlen Drucken
 
Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

Themen dieses Blogs