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Begegnungen aus dem zweihundertfünfzig-Kilo Rollstuhl

11.05.2012, 08:00 Uhr

Von

Gestern (am Mittwoch der Woche, die jetzt zuende geht) habe ich meinen Freund Klaus (Klaus Birnstiel ist sein ganzer Name) in Zürich getroffen. Seit Beginn des laufenden Studienjahrs arbeitet er als Assistent an der Universität Basel, und ich hatte am Mittwochabend einen Vortrag an der ETH (auf der ersten Silbe, dem ersten Buchstaben tatsächlich, zu betonen: an der Eidgenössischen Technischen Hochschule). Klaus hat sich die Zeit für Zürich genommen, obwohl er nur mit seinem „Panzer” oder „Kettenfahrzeug,” so nennt er es, leben kann und reisen natürlich, mit den gut zweihundertfünfzig Kilo, die viele der von seinem schwer behinderten Körper nicht abgedeckten Funktionen übernehmen: die Atembewegungen zum Beispiel, jede Art von Fort-Bewegung im Raum vor allem, oder auch die Notwendigkeit eines Schreib- und Ess-Tisches.

Am Tages-End Bild zu: Begegnungen aus dem zweihundertfünfzig-Kilo Rollstuhle, das oft zum Ende seiner langen Nacht wird, ist Klaus dann fast immer eilig und beinahe zu spät: er mußte vom Restaurant zum (vorläufig letzten) Zug nach Basel, erreichte gerade noch die Straßenbahn (es gibt kaum Taxis, in die sein Rollstuhl paßt), überredete den Schaffner, etwas länger an der Haltestelle zu warten, damit er über seine kleine faltbare Rampe zusteigen konnte (mein Zuercher Kollege Philip, Kunsthistoriker und trotzdem so elegant, half mit dem Schaffner und auch mit der Rampe), bis dann  wieder einmal alles gerade noch gut gegangen war. Seit vier Jahren ungefähr kennen wir uns, an das Kettenfahrzeug habe ich mich längst gewöhnt, an die immer etwas prekäre Zeitplanung von Klaus genauso (so nervös sie mich oft macht), auch daran, dass er immer (nicht zu wenig) Alkohol trinkt und ab und zu eine Zigarette raucht. So vertraut sind mir die verzweigten Logistiken seines Lebensstils mittlerweile, dass ich sie nur dann noch registriere, wenn ich  sie – wie gerade jetzt – beschreiben will.

Letzten Dezember war Klaus Autor in diesem Blog, über Sex in und mit einem behinderten Körper ging es, sein sehr detaillierter Text scheint viel häufiger gelesen worden zu sein als die allermeisten Texte, die ich sonst selbst wöchentlich poste. Deswegen auch haben ich ihn gebeten, mir diese Woche wieder als Gast-Blogger auszuhelfen, aber vor allem weil ich auf einer Vortragsreise von Berlin über Mannheim, München, Zürich und Budapest noch nicht mal richtig zum Denken (geschweige denn zum Schreiben) komme. Sein Blog-Text von heute (in drei Teilen und Szenen) liest sich wie eine Fortsetzung des Dezember-Texts. Begegnungen aus der Perspektive des Panzer-Rollstuhls, welcher sein Körper ist, werden präsent gemacht in  vielen Details, die zuerst oft eine Zumutung sind — und dann zu soviel Zärtlichkeit gegenüber der Welt werden können und zu solcher Begeisterung über das Leben, dass die auf den ersten Blick unerträglich politisch-korrekte Perspektive plausibel wird, für eine Sekunde vielleicht, ein Leben wie das von Klaus, ein Leben aus dem 250-Kilo Rollstuhl, sei nur „anders,” nicht etwa schlechter als oder reduziert gegenüber unser aller Normal-Leben.

Keinen Freund liebe ich mehr als Klaus, und sein Kettenfahrzeug gehört zu dieser Liebe, weil es keine Liebe geben kann, die den Körper des Geliebten ausklammert. Doch andererseits weckt der Rollstuhl keine ethischen Reaktionen oder moralistischen Tiraden. Klaus ist vor allem ein Freund, dass ich mich auf ihn verlassen kann wie auf niemanden sonst; er ist großzügiger ist als irgendein anderer, und seinen Atemschlauch werde ich nie mehr überhören können, weil ich ihn schon längst nicht mehr überhören will. Lesen Sie selbst: nicht wie ich meinen Freund Klaus sehe und erlebe, sondern wie er der Welt aus diesem sehr schweren Rollstuhl begegnet – in drei verschiedenen Szenen.

***

I.

In unserem akademischen Beruf, gerade in den Geisteswissenschaften, ist die Lehre substantieller Bestandteil des intellektuellen Profils: Lesen ist eine zutiefst a-soziale Tätigkeit, die wir unseren Studentinnen und Studenten kaum abnehmen können. Erst im Reden-über aber entfaltet sich geisteswissenschaftliche Intellektualität, und so erscheint die Tätigkeit des Literaturwissenschaftlers, wenn er nicht gerade über Geschriebenes schreibt, sondern im Seminarraum steht, als eine intellektuelle Performancekunst, welche darauf abzielt, den toten Buchstaben der Literatur aktiv zu verlebendigen. Geisteswissenschaftlicher „Unterricht” ist demgemäß weniger Wissensvermittlung als vielmehr der Versuch, die Dinge, intellektuellen Kräftefelder, Probleme des Textes und die Menschen im Raum miteinander in Kontakt zu bringen, intellektuell Aufregendes zu ermöglichen, Spannung zu erzeugen und geistiges Momentum. Im Rollstuhl und aus dem Rollstuhl heraus ergeben sich in meiner wissenschaftlichen Welt dabei Präsenzeffekte ganz eigener Art: schon in der Schule war es mir kaum möglich, meine nicht gemachten Hausaufgaben hinter einem gesenkten Blick und ostentativem Gekrame im Schulranzen zu verbergen. Viele Menschen mit körperlichen Defiziten, die ich kenne, erheben oftmals die Unauffälligkeit, das So-wie-die-anderen-sein und damit das gesellschaftliche Nicht-Sein zum zentralen Wert – den sie dann, ganz wie die hölzerne Puppe Pinocchio mit ihrem Traum, ein Mensch aus Fleisch und Blut zu sein, beständig verfehlen müssen. An solche Maskierungen des Normalen habe ich nie geglaubt, und werde ich wohl niemals glauben (können – und auch nicht wollen): meine Devise war schon fast immer die performative Vorwärtsverteidiung, das körperliche ganz-oder-gar-nicht. „Meine” Studenten an unserer kleinen, sehr respektablen Uni in der Schweiz, sie scheinen sich nicht mehr schwerzutun nach einem guten halben Jahr mit mir, wenn ich den Raum betrete, angefahren komme mit fliegenden Blätterstapeln auf meinem Tisch und der schrecklichen Angewohnheit, an irgendwelchen Möbelstücken hängenzubleiben. Wenn ich über Texte spreche, über Kleist dieses Semester, dann muß ich mich bewegen im Raum, von Ecke zu Ecke. Inzwischen räumen sie die Tische weg in der ersten Reihe, damit ich Platz habe, ganz fraglos und unaufgeregt, und nur manchmal denke ich noch, daß ich für meine Seminarteilnehmer aussehen muß wie eine Mischung aus Käfer und Roboter, der langsame Kreise beschreibt, ein Cyborg mit Atemschlauch und blinkenden Lämpchen. Meine Studenten jedenfalls (Studentinnen überwiegend, wie üblich in der Literatur), sie sind vielleicht manchmal schüchtern, doch ich weiß gar nicht mehr, ob das wirklich am Rollstuhl liegt. Ich glaube es weniger, und ich freue mich, daß meine Studenten sich kichern trauen, wenn schon wieder hinter mir die Leinwand in turbulente Schwingungen gerät oder der altmodische Tageslichtprojektor eine weitere Schramme abbekommt (ich habe keinen Rückspiegel, und mein Rollstuhl ist über einen Meter lang – während es mir so vorkommt, als wäre nichts hinter mir, genausowenig wie es mir auffällt, wie selbstverständlich ich „gehen” statt „fahren” sage, wie wenig schief mir meine Schultern vorkommen, und all diese Dinge). Also bilde ich mir ein, im Seminar Präsenz zu entfalten, und vielleicht bin ich gar nicht so schlecht darin. Vorwärtsverteidigung jedenfalls ist die Devise, vorwärts und in den Raum: kein Verstecken hinter Pulten, kein Klammern an die Notizen, kein Herunterleiern zu oft erprobter Formulierungen – in den Raum, an den Text, an die Gruppe, in voller, klinischer Sichtbarkeit.

II.

Zugleich aber ist nichts falsch daran, Räume des Rückzugs, der Getragenheit und des Umfangen-Seins aufzusuchen, in denen die Prägnanz, die Schärfe und das Stechende des gesellschaftlichen Blicks zumindest für Momente suspendiert sein kann. Für mich finden sich solche Schutzräume in der Familie, in meinen Betreuungs-Teams (die wir „Assistenzen” nennen) und, keinesfalls zuletzt, unter meinen Freunden. Ich genieße die Ruhe unserer herrlich unspektakulären Stammkneipe („Hubertus”, Landsberger Straße 331, 80687 München), ich schätze den unaufdringlichen Service, wenn ich zu meinem Bier ein leeres Weinglas bestelle (Gläser mit Stiel sind für mich leichter zu heben als die typisch Münchner Halbe, an deren Weiterbesteben als identitärem Kulturgut mir soviel liegt), und ich mag es, wenn mir jemand meine Nudeln schneidet, ohne eigens darum gebeten worden zu sein. Ich mag es, wenn Freunde mir die Gabel rechts hinlegen (essen unter Blicken, kein so einfaches Thema!), ich mag es, wenn mein Bruder kleine Biere für mich auftreibt, in 0,33-Flaschen (die er selber natürlich lächerlich findet), ich mag es, wenn Freundinnen mir meine Jacke umlegen, ohne Angst vor der Irritation von Berührung zu haben, und ich mag es, wenn meine Mitarbeiterinnen mir auch im Sommer selbstgestrickte Wollsocken anziehen (wirklich: ich friere ständig). Schutzräume, Orte des suspendierten Blicks zu suchen, in denen die Dinge fraglos vonstatten gehen können und ohne Diskurs, darin liegt kein Hang zum Versteckspiel und keine Disposition zu allumfassender Schüchternheit (auch wenn ich, an dunkleren Tagen, solche Ideen durchaus kenne, zugegeben, ja). Vielmehr geht es darum, achtsam zu sein mit sich und den anderen – nicht nur mir eine Auszeit zu gönnen vom Spiel der Blicke, sondern auch den Blicken eine Auszeit von mir. Den Blick auf sich zu spüren, vielleicht ist das eine Erfahrung, die Frauen viel näher steht als Männern, denke ich manchmal, und dann würde ich gerne wissen, wie es Frauen im Rollstuhl damit geht: Spüren sie den Blick? Oder vermissen sie es gerade, auf eine vielleicht schmerzhafte, wehmütige Weise, angeblickt zu werden? Ich kenne keine Frauen im Rollstuhl (wie ich überhaupt wenig Menschen im Rollstuhl kenne), und was das über den Blick sagt, über den Blick der anderen, den männlichen Blick und den weiblichen Blick, aber auch über meinen Blick, darüber nachzudenken ist eine andere, möglicherweise nicht recht schmeichelhafte Frage. 

III.

Nirgendwo allerdings scheint die Irritation, die Verstörung, die behinderte Körperlichkeit auslöst, größer als im Halbdunkel urbaner Nacht: im Clubbing, in Bars, Discos und anderen Epizentren der Party-Ekstase wirken behinderte Körper gesteigert exzentrisch. Das Nachtleben als Ort körperlicher Präsenz (Tanzen, Alkohol, Sex) kann kaum rechnen mit Formen deformierter Körperlichkeit, die so offensichtlich auf Körperlichkeit verweisen und doch so vehement aus dem Raum des Körperlichen ausgewiesen werden. Zugleich ermöglicht die Anonymität der Nacht allerdings Erfahrungen, die im diskursiven Kommunikationszusammenhang der Gesellschaft tagsüber schwer oder gar nicht zu haben sind, und möglicherweise werden gerade hier auch nationale oder kulturelle Differenzen im „Umgang mit”, das heißt im Sein von Behinderung deutlich: erst spät habe ich das Weggehen, das Feiern, Tanzen und Trinken in den Clubs für mich entdeckt – und schnell gemerkt, daß ich’s leichter fand drüben, als hüben: Ein knappes Jahr habe ich in Kaifornien gelebt, und erst nach Monaten zog mich ein Freund (selbst im Rollstuhl und ein Männervorbild in jeder Hinsicht) in seine Nachtwelt: es war im „Cat Club”, (1190 Folsom Street, San Franciso/CA 94103), einer der angenehm uncoolsten Clubs des Planeten, daß mir gelang, das gelingen konnte, was in Deutschland nie so recht gelingen wollte: Verschmelzen mit dem Beat, Verschmelzen mit den Körpern, Verschmelzen mit dem Raum, Verschmelzen mit den Tanzenden um mich herum, Verschmelzen mit den Tänzerinnen, Verschmelzen mit der klebrigen Luft, Verschmelzen mit „Corona”, diesem mexikanisch-amerikanischen Partybier (eher eine Limonade, aus bayerischer Sicht), ohne das Feiern nicht möglich ist in den USA. Ich weiß nicht mehr alles aus dieser Nacht im Februar 2011, ich weiß, daß Patrick um mich war und Lucy, und vielleicht auch Lars und Anke, ich weiß, daß wir tranken und tanzten zu den 80er-Jahre-Hits von vorvorgestern, ich weiß, daß mich immer wieder (schwule?) Männer ansprachen auf meine graue Straßenmusiker-Kappe, „I like your hat!” und kräftiges Schultergeklopfe, ich weiß, daß Frauen in Käfigen tanzten und an Stangen (keine Angst: ohne Handschellen, Stiefel und Peitsche), und dann weiß ich, daß ihr Name Stephanie war – zumindest sagte sie so, und daß wir tanzten und tranken, und daß ich rausging (hinausfuhr, natürlich, im Rollstuhl – bloß keine Mißverständnissse) um Luft zu schnappen und cool zu rauchen, und schnell wieder reinging, um Stephanie wiederzufinden. Wie Stephanie ausgesehen hat, das weiß ich nicht mehr so genau, und alles, was ich über sie sagen könnte, oszilliert zwischen Erinnerungsbruchstück und retrospektiver Männerphantasie. Relativ groß war sie, für meine Begriffe (natürlich leide ich am Napoleon-Syndrom, und große Frauen machen mir Angst, wirklich), ihr Haar war rötlich, vielleicht kupferfarben, und daß sie volle Lippen hatte, möchte ich mir einbilden oder weiß ich vielleicht doch mit einiger Sicherheit, und daß sie ein weißes, einigermaßen enges Top trug, das mir, for obvious reasons, gut gefiel. Geredet wurde wenig bis nichts in dieser Nacht, wie auch, im Gewitter der Bässe, wir näherten uns und wir entfernten uns, Abstand schmolz, wuchs wieder und schmolz noch einmal, an ihre Hände erinnere ich mich (Hände fallen mir auf und Hände bleiben mir lange im Gedächtnis, insbesondere Hände, die mich berühren), und dann so etwas wie einen Kuß, flüchtig und nur beinahe, an ein Lächeln und an Tränen, einen Moment noch vor der Türe des Clubs mit ihrem boyfriend, der tatsächlich ihr Verlobter war. Wieder dieses irgendwie solidarische Schulterklopfen von Mann zu Mann, von ganzer Portion zu halber, eine Zigarette und kein letzter Blick, ins Auto und nach Hause durch die Nacht auf dem Highway Two-Eighty, southbound zurück auf den Campus von Stanford.   

Über ein Jahr ist das jetzt her, über ein Jahr, in dem ich viel nachgedacht habe über Begegnungen, über Körperlichkeit, über Behinderung und über Sex, über Judith Butler und Martin Heidegger, über Hans Ulrich Gumbrecht und über mich. Von Begegnungen und Körpern im Raum wollte ich schreiben und bin bei Stephanie gelandet, in Kalifornien, in diesem Traumland, in dieser Heimat. Mit welcher These? Vielleicht mit der, daß körperliche Präsenz ein Thema ist, ein Thema wird, mein Thema sein muß, sein kann, daß darüber wesentlich mehr zu schreiben sein wird als das, was hier nur angedeutet ist. Stephanie jedenfalls habe ich nicht wiedergesehen. Seit Herbst, seit ich wieder in Europa bin, geht eine gute Freundin regelmäßig mit mir aus, zieht mich mit auf ihren Kapernfahrten in den Wogen der Nacht. Ihr Haar ist nicht kupferfarben sondern blond, und sie ist nicht groß sondern eher zierlich (hübsch ist sie, oh ja), und das alles tut auch gar nichts zur Sache. Mit einem Rollstuhlfahrer geht sie tanzen, das ist es. Warum sie das tut, das weiß ich nicht, und ich werde sie auch nicht danach fragen. Die Straßenmusiker-Kappe aus Kalifornien, die jedenfalls habe ich noch, und wenn ich weggehe, wenn ich die Nacht suchen gehe und ihr schimmerndes Halbdunkel, dann nicht ohne diese Kappe. (bei Berkeley Hat Company gekauft, 2150 Telegraph Avenue, Berkeley/CA 94707).

 

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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