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Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Hartz IV-Provinz, Niedergang und stumpfe Melancholie

Wie die Sprache von Idar-Oberstein klingt und sich anfühlt, das weiß eigentlich jeder, der nur eine der zweiundfünfzig Stunden aus der Film-Trilogie "Heimat"...

Wie die Sprache von Idar-Oberstein klingt und sich anfühlt, das weiß eigentlich jeder, der nur eine der zweiundfünfzig Stunden aus der Film-Trilogie “Heimat” von Edgar Reitz gesehen hat. Es ist der Hunsrück-Dialekt [keine von den zwei benachbarten, freundlicheren Varianten des Deutschen, weder das Pfälzische noch das Saarländische]: die Leute in Idar-Oberstein sprechen mit “dat” und “wat,” grammatikalisches Geschlecht für Frauen ist das Neutrum [“dat Ulrike”], das “r” wird so kräftig gerollt wie Geröll auf einem Kipp-Anhänger, und vor allem wählt man für jeden Gegenstand und jeden Sachverhalt immer das am eindeutigsten drastische [freundlicher gesagt: das direkteste] Wort: “Krummbiere” für Kartoffeln; “Unnerbux” für Unterhose [aber auch für den “anspruchsvolleren” Slip]; “hejle” für weinen. Begriffe wie “Gefühl” oder gar “Liebe” scheint man in Idar-Oberstein für überflüssig [“unneedisch”] zu halten, und ebenso implizit wie flächendeckend beherrscht ein Ethos von Helmut Kohl-Rhetorik alle Beziehungen: wer mit Leichtigkeit spricht und gerne, der macht sich verdächtig, besonders oberflächlich, unzuverlässig und schon gar nicht wählbar zu sein, während Einsilbigkeit als unbestrittener moralischer Wert gilt.

Die beiden Ortsteil Bild zu: Hartz IV-Provinz, Niedergang und stumpfe Melancholiee von Idar-Oberstein haben jetzt zusammen um die dreißigtausend Einwohner. In ihrer Glanzzeit, die, das verrät schon ein oberflächlich archäologisierender Blick, bis in die sechziger Jahre gereicht haben muß, verstand sich die zehntausend Einwohner größere Stadt vor allem als “Edelsteinmetropole.” Halbedelsteine, die schön anzusehen, aber zu billig geworden sind, um heute noch als “Wertanlage” zu gelten, finden sich dort allenthalben, aber längst ist die Verarbeitungsindustrie zum finanziellen Ramschniveau geschrumpft und verkommen; in der späteren Glanzzeit, wo Bruce Willis — das ist ein neuer Blick auf die lokale Geschichte, der sich noch nicht durchgesetzt hat — als Sohn eines in der Nähe stationierten amerikanischen Soldaten in Idar-Oberstein zur Welt kam — in der späten Glanzzeit wurde das Nahe-Flüßchen, das durch die Stadt lief, mit einer autobahnartigen “Hochstraße” überbaut und wegzementiert [neulich habe ich eine alte Postkarte mit “Blick auf das imposante Bauwerk der Nahehochstraße” gefunden]. Trotz der romantischen Landschaft also, mit ihrer in den steilen Felsen gemeißelten Kapelle, für die man keinen phantasiereicheren Namen gefunden hat, Gott bewahre, als “de Felsekersch,” machen es Idar-Oberstein und sein überbauter Fluß einem Fremden schwer, sich in den Ort zu verlieben — selbst wenn er dort die Liebe seines Lebens gefunden hat [und die Menschen, denen er am meisten vertraute]. Aber die Schwierigkeit enthält ja auch Zuneigung für jene Stimmung von Provinz, die den Charme einer ungeküßten Jungfer hat — und solchen Charme gibt es wirklich. Deshalb wohl habe mir immer vorgestellt [aber noch nie bewiesen], dass man in Idar-Oberstein vielleicht besonders gut denken oder schreiben kann, wie es sich Philosophen seit Madame de Staël über Heidegger bis zu Jean-François Lyotard von deutschen Provinzstädten ja immer erhofften.

Wenn mein Freund Robbie, der ein großer Dante-Kenner und ein ebenso großer Philosoph ist, an den manchmal wahren Mythos der Provinz denkt, dann sagt er, dass in der Provinz die Steine am Weg, wenn man sie umdreht, auf der Unterseite feucht sind. In Idar-Oberstein aber [oder in Pirmasens, Kitzingen, Meschede] liegen die Steine jetzt ganz trocken. Auf einem jener Briefkästen, die dich zweifeln lassen, ob sie je noch geleert werden, fand ich einen Aufkleber mit den Worten: “Ida Opastein — Metropole des Niedergangs.”

Bild zu: Hartz IV-Provinz, Niedergang und stumpfe Melancholie

 

Die Worte haben mir so weh getan, dass ich ganz überrascht von dem Schmerz war, aber sie hatten auch die Wirkung einer Fata Morgana, sie waren eine lebendige Spur von Analyse, Protest, Jugend, von einem letzten Aufbäumen vielleicht. Und das eben vermisse ich, wenn ich die eine Hauptstraße von Idar-Oberstein entlang gehe, durch die sich vor dem Bau der “Nahehochstraße” der ganze Verkehr gewälzt haben muß, die eine Hauptstraße, die mit einer unerklärbar eleganten italienischen Eisdiele  beginnt, während sonst längst eines von zwei Geschäften leer zu stehen scheint und die noch unterhaltenen Geschäfte Billigstware anbieten [Bundesliga-Trikots zum Beispiel mit den Namen von Sponsoren, die sich vor fünf Jahren aus dem Geschäft zurückgezogen haben]; man geht dann weiter und erreicht am Ende ein etwas erhöhtes Plateau, wo einmal der im Volksmund mit rührendem Stolz “die Kar-Stadt” genannte Supermarkt war — und den Idar-Obersteinern ihr eigenes Gefühl einer Metropole gab. Vor fünf Jahren ungefähr wurde die Kar-Stadt von Hertie übernommen und auf Hertie-Niveau herabgestuft, und selbst davon ist bloß eine Ruine geblieben mit eingeschlagenen Schaufensterscheiben, umgeben von einem Zaun, der das Ende der Stadt aussehen läßt wie ein Konzentrationslager, dem die Häftlinge entkommen sind.

Dies genau ist ein Gefühl, wie es die Unterseite der Steine austrocknen läßt: wer Idar-Oberstein [oder Pirmasens oder Kitzingen] entkommen kann, der entkommt, nach Mainz oder Saarbrücken zuerst, am Ende aber, wenn möglich, immer nach Berlin oder München [eher als nach Hamburg oder Köln, glaube ich]; wer bleibt, das sind Hartz-IV-Existenzen, die sich mit viel Bier abfüllen und füttern und auf Kinder aufpassen, deren Bundesliga-Trikots verwaschen und hinter der Zeit zurück sind. Man kann die Hauptstraße von Idar-Oberstein sehr langsam auf- und abgehen, nichts und niemand drängt da wirklich, immer wartet die Hartz IV-Welt auf den Spielplätzen, wenn man von der Hertie-Kar-Stadt zurückkommt [sogar eine Kneipe mit dem Namen “Hartz IV” gibt es], und am nächsten Tag dasselbe wieder, es spielt keine Rolle, wo genau die Kinder und ihre Aufseher sind, nichts bewegt sich mehr in dieser Stadt, die ihre Kar-Stadt verloren hat, und warum sollen diese Kinder, die Kinder, auf die junge Opas aufpassen, wie sie ohne Lust kicken, ohne den Glauben, Messi oder Özil zu sein oder werden, warum sollen diese traurigsten Kinder, die ich gesehen habe, noch an ein Gymnasium denken? Eher werden sie als eine neue Hartz IV-Generation aufbereitet, nachhaltigst  aufbereitet für einen langsamen, aber nicht schleichenden Tod in den Armen jenes fürsorglichen Staats, der keinem erlaubt zu verkommen und auch keinen mehr aufweckt.

Niemand redet davon, aber sieht es denn niemand? Zwischen München und Berlin, die wie die Ostküste und die Westküste der Vereinigten Staaten sind [Berlin gerade eher wie die Westküste, München wie die Hauptstadt einer mittleren südosteuropäischen Nation], zwischen München und Berlin, wo alle hinwollen, die Beine und ein Abitur haben, eher als nach Hamburg und in die Hauptstädte der Bundesländer, ohne genau zu wissen warum, zwischen München und Berlin wird Deutschland im Europa des unrettbaren Euro gerade zu einer kompakten und Taschen-Version von Arkansas, West Virginia und South Dakota, zu einer hoffnungsfreien Provinz der trockenen Steine, wo die medizinische Versorgung immer einwandfreier wird und die Friedhöfe wachsen, während alle neuen Autos auswärtige Nummerschilder haben. Eine stumpfe Provinz breitet sich aus um Meschede, Kitzingen und Idar-Oberstein, in schwabbliger Zeit und mit Erinnerungen an Fritz oder Ottmar Walter, dort wo selbst “Ausländer” verschwinden wollen, die einmal glückliche Zuflucht fanden, zu nah an den vage beliebten Metropolen des deutschen einundzwanzigsten Jahrhunderts, dort, wo alle verschwinden wollen, um noch Feuchtigkeit für einen eigenen Mythos zu finden. Es ist eine gnadenlose Provinz der staatlichen Bier-Fürsorge, in der allein die Trockenheit der Melancholie geblieben ist, bis auch sie stirbt eines Tages.

 

 

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