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Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Welt ohne Brustwarzen?

  Ein sperrigeres Wort als "Brustwarze,", ein Wort, das man weniger gern in den Mund nimmt, kann ich mir nicht vorstellen. Im deutschen Normalfall stehen...

 

Ein sperrigeres Wort als “Brustwarze,”, ein Wort, das man weniger gern in den Mund nimmt, kann ich mir nicht vorstellen. Im deutschen Normalfall stehen uns ja zwei Repertoires zur Verfügung, um sprachlich mit Geschlechtsorganen umzugehen. Neben einem vorzugsweise lateinischen Wort aus der Anatomie gibt es da ein meist metaphorisches Wort mit mehr oder weniger obszöner Suggestivkraft, dessen Gebrauch spezifischen Situationen der Privatheit vorbehalten ist: “Penis” und “Schwanz” zum Beispiel, “Vagina” und “Möse.” Daneben entstehen — in jeder Sprache wohl — zahllose Bezeichnungen, die nur in Familien oder eng umschriebenen Gruppen verstanden werden und oft nicht von einer zur nächsten Generation überleben [meine Eltern waren als Urologen auf die eigenartige Bedeutungsverschiebung verfallen, vom Penis als meinem “Bläsle” zu reden — was ich meinen Söhnen erspart habe]. Manchmal stößt man aber auch auf die seltene und sehr angenehme Ausnahme eines medizinischen Wortes mit erotischer Suggestion: wer “Schamlippen” sagt, der redet genau und muß doch erotische Konnotationen nicht ganz neutralisieren.

 

Ohne Peinlichkeit geht es allerdings selbst innerhalb des gängigen Doppel-Repertoires nicht ab. Wenn Eltern ihre Töchter auffordern, die “Vagina” gut abzutrocken, dann klingt das unerträglich aufgeklärt und Welt-distanziert, aber wenn sie von der “Möse” reden, wirken sie übereifrig auf Tabubruch fixiert. Nichts würde ich jedenfalls so gerne vermeiden können wie das Wort “Brustwarze,” das leider alternativenlos ist — und viel schlimmer als peinlich. Dass es zu der ursprünglich metaphorischen Übertragung von “Warze” auf die Spitze der weiblichen [und gegebenenfalls der männlichen] Brust kommen konnte, erklärt sich aus einer Reihe von Wahrnehmungs-Ähnlichkeiten: wie die Hautoberfläche einer Brustspitze hebt sich auch eine Warze durch dunklere Farbtönung gegenüber der sie umgebenden Haut ab; beide lassen sich taktil als leicht konvex identifizieren; schließlich sind Warzen wie Brustspitzen unregelmäßige, sozusagen “grobkörnige” Gebilde. Doch was die “Brustwarze” zu einer solchen verbalen Zumutung macht — und die Synonyma in anderen Sprachen sind an dieser Stelle eher unverfänglich: von den englischen “nipples,” über die französischen “mamelons” und die spanischen “pezones” bis zu den italienischen “capezzoli” — warum “Brustwarze” ein so unerträgliches Wort ist [abgesehen einmal von dem Klang, über den man sich natürlich in jedem Fall streiten kann], das hat zu tun mit der jederzeit leicht zu vergegenwärtigenden Spannung zwischen “Warze” auf der einen Seite als einem Gewebegebilde, das man nicht berühren möchte, nicht berühren soll und von dem früher gesagt wurde, es könne nur durch “Hexenfett” zum Verschwinden gebracht werden, und auf der anderen Seite der Spitze der Brust, die uns so oft zum Objekt intensivister erotischer Begierde wird. Und sie ist potentielles Objekt der Begierde in einer doppelten — ja vielleicht einzigartigen — Weise. Denn die Spitze der Brust fungiert nicht allein als Teil eines Körpers, auf den sich Begierde von außen, Begierde aus einem anderen Körper richtet, sondern auch, da sie ein erektiles Organ ist, als Indikator der inneren Begierde jener Person, auf die sich die Begierde von außen richtet, was zur Steigerung der Außenbegierde und prinzipiell zu einer unendlichen Spirale des Begehren führen kann. All dies ließe sich natürlich auch von Penis und Klitoris als erektilen Organen sagen, doch beide liegen — neben allen Kleidungskonventionen und Verhüllungsstrategien — nicht so primär, so selbstverständlich, unvermeidlich und manchmal aufdringlich in unserem alltäglichen Blick wie die Spitzen der Brust.

 

Nebenbei gesagt: ich merke — bei den vorausgehenden Sätzen vor allem — wie ich wohl jenen aufgeklärten Eltern ähneln muß, die ihre Kinder auf Wörter wie “Penis” oder “Vagina” verpflichten, weil ich ja nun für das öffentliche Medium des Blogs mit letztlich forcierter Distanz von Dingen und Situationen rede, die schon in der bloßen Imagination den Körper affizieren und einbeziehen. Lieber als über die “Brustwarze” als Wort und als Phänomen nachzudenken, sähe ich in diesem Moment — unter einem feuchten T-Shirt zum Beispiel — eine Brustwarze sich vor mir abzeichnen. Aber auch so ein Satz hilft nicht weiter, nichts kann mich jetzt — beim Schreiben eben — aus der theoretischen Einstellung befreien, aus der Einstellung des von außen Beobachtenden, und deshalb bleibe ich wohl besser beim Kommentieren und Nachdenken. Zum Beispiel über den bis vor wenigen Tagen noch vagen Eindruck, dass meine alltägliche Aufmerksamkeit in letzter Zeit seltener von Brustwarzen [scbon wieder dieses unangenehme Wort!] in Beschlag genommen wird, als ich es über viele Jahre gewohnt war. Fast hatte ich mich schon damit abgefunden, dass dies wohl ein Effekt des eigenen Alterns sein mußte, als vor wenigen Tagen eine deutsche Sonntagszeitung von “Nipple-Pasties” berichtete [oder auch “Show-Stoppers,” ein Zufall ist es wohl nicht, dass kein deutsches Wort zur Verfügung steht], mit denen als Büstenhalter-Einlage die “Frau von heute” ihre Brustwarzen im Alltag unsichtbar mache. Sie seien Teil einer sich derzeit noch verstärkenden Tendenz, “Brüste anziehend, aber züchtig wirken” zu lassen, anziehend und besser geformt vielleicht als je zuvor, aber geformt — ohne das kamouflieren zu wollen — in perfekten Wonder-bras oder Büstiers.

 

Angesichts eines solchen Verlusts [und als Verlust erlebe ich diese Veränderung allemal, auch im fortgeschrittenen Alter] läge es ja nahe, einmal mehr über die Ent-Erotisierung oder die Ent-Sexualisierung der Gegenwartskultur zu klagen. Aber ist es das wirklich? Vielleicht verdichtet sich in den Nipple-Pasties [die Bezeichnung ist neutraler als “Show-Stoppers”] als Symptom ja eher eine sehr komplexe Verschiebung des sozialen Orts von Sexualität. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass der Akt der [vornehmend weiblichen] Körperenthüllung jenen kulturellen Stellenwert verloren hat, der ihm zukam, als Roland Barthes in den fünfziger Jahren Striptease unter den “Mythen des Alltags” beschrieb. Wenn man einmal von den Vereinigten Staaten absieht, wo Striptease wohl immer ein anrüchiges Halbwelt-Ritual geblieben war, dann gehört zur Dekadenz des Striptease in der globalen Kultur des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts ein deutliches Anwachsen jener Gelegenheiten, wo nackte Körper in den Medien oder in Alltagssituationen gezeigt werden, ohne dass dieser Situation ein Prozeß der Enthüllung vorausgegangen ist.

 

Abgenommen haben also anscheinend Gelegenheiten des “teasing,” des Spiels mit dem Wecken von Begierde — ohne ein Versprechen oder auch nur eine Umschreibung ihrer Erfüllung [und dazu gehören die Situationen, wo Brustwarzen durch transparente Blusen hindurch sichtbar werden]. Eine Frau hingegen, die ein Aktphoto von sich verkauft, so könnte man — etwas idealisierend — sagen, hat sich entschlossen, begrenzte, rein visuelle Erfüllung zu gewähren. Sie ist dann Teil einer — im Vergleich zum Spiel mit der Begierde in Ritualen der Enthüllung — entdynamisierten Situation, über die sie weitgehend verfügt, ohne sich der Gefahr eines Umschlagens der bei  Anderen geweckten Begierde in Gewalt auszusetzen. In diesem Sinn bleibt gut auszusehen zwar auch heute ein Ziel, an dem Frauen mehr liegt als Männern, aber es ist zugleich deutlicher als im zwanzigsten Jahrhundert differenziert gegenüber der Selbst-Inszenierung als Objekt erotischer Begierde. Noch einmal etwas optimistisch [oder einen Hauch “politisch korrekt] gestimmt, gewinnt man den Eindruck, dass sich Frauen mittlerweile ganz — ohne es individuell immer zu wissen — die Entscheidung vorbehalten wollen, wann sie von einem “gut aussehenden” zu einem für individuelle Andere “erotisch anziehenden” Gegenüber werden wollen. Sanfte Männer, deren Hemden so eng tailliert sind, wie frueher einmal die Ausschnitte tief waren, uebernehmen inzwischen das Spiel des Begierde-Rituals und verkoerpern so, wieviel sich getan hat “zwischen den Geschlechtern.” Der Schritt der neuen Frauen zur Verführung aber, denke ich, vollzieht sich fast immer in privaten Situationen, die erst durch einen solchen Entschluß zu intimen Situationen werden. Was erklären mag, warum die Welt unserer Öffentlichkeit eine Welt ohne Brustwarzen geworden ist.

 

 

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