Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren
 

Die Welt in den Augen eines Zweijährigen

01.06.2012, 08:00 Uhr

Von

Ende Juli hat mein Enkel Diego seinen zweiten Geburtstag. Er ist ein besonders freundlicher kleiner Junge, und ich denke, dass dieser Eindruck nicht nur eine Projektion meines Großvater-Stolzes ist. Auch die Kindergärtnerinnen freuen sich sehr, wenn er morgens kommt. Zugleich ist Diego, das gefällt mir nicht weniger, ein ganz normales Kind seines Alters. Zum Beispiel beginnt er jetzt zu bemerken, so sehen es wenigstens wir Erwachsenen, dass er sich dem, was seine Eltern wollen, verweigern und mit bestimmten Reaktionen das eine oder andere erreichen kann. Wie mit knapp zwei Jahren zu erwarten, fügt er Wörter in Ketten von Lauten zusammen, die an Sätze erinnern. Aber es sind noch nicht viele Wörter [und ich versuche erst gar nicht, sie so aufzuschreiben, wie er sie ausspricht]: Traktor [immer wieder und vor allem], Bagger, Krahn und Anhänger [für "Anhänger" benutzt Diego, der zweisprachig aufwächst, das spanische Wort "remolque"]. Traktor, Bagger, Kran, remolque

Wenn Diego morgens oder vom Mittagsschlaf aufwacht, nimmt er sich gleich seine eigenen Bücher, die Bücher seiner zwei Jahre älteren Schwester und manchmal auch die Bücher seiner Eltern eins nach dem anderen vor, und sucht nach Traktoren, Baggern, Kränen und Anhängern.  Er blättert geduldig Seite für Seite, selbst durch die Bücher ohne Bilder, und wenn er, vor allem bei den Wimmel-Büchern natürlich, Anhänger, Kräne, Bagger oder Traktoren entdeckt, dann zeigt er mit dem Finger darauf, sagt das entsprechende Wort und sieht fröhlich aus, so fröhlich, dass er manchmal mit einem seiner Wörtern begrüßt, wer ihm beim Lesen zuschauen will. Ein paar Mal jeden Nachmittag möchte er spazieren gehen und nach Traktoren, Baggern, Kränen oder Anhängern suchen, was nicht sehr schwer ist, weil die Familie in einer Gegend mit vielen Neubauten lebt.

Als ich ihn das letzte Mal begleitet habe [ich bin sehr gerne mit meinen Kindern Hand-in-Hand gegangen und gehe jetzt gerne Hand-in-Hand mit den Enkeln] war Diego von einem perspektivischen Wechselspiel fasziniert. Aus der Nähe identifizierte er einen Kran, genauer, den untersten Teil eines Krans, als “Bagger” und war dann ganz besessen von der Möglichkeit, einige Schritte weiter entfernt [und also aus anderer Perspektive] den Bagger immer wieder als Kran zu entdecken. Was mir Freude macht bei unseren vielen kurzen Spaziergängen, sind Bilder, die von der Frage kommen, wie Diego die Welt wohl sehen mag. Nicht im strikt visuellen Sinn, da nimmt ein Zweijähriger die Welt wohl nicht anders als ein Erwachsener wahr, sondern im Hinblick darauf, wie Diego sich selbst im Verhältnis zu den Dingen erlebt, die ihn umgeben. Das ist es, die Beziehung zwischen Diego und den Dingen um ihn, was ich seine “Welt” nenne — und natürlich werden wir nie mit Sicherheit wissen, auch die besten Entwicklungspsychologen nicht, was denn — “von innen heraus” — die Welt von Diego ist.

Langeweile gibt es dort anscheinend nicht. Wenn Diego alle Bücher durchgeblättert hat, dann fängt er wieder von vorne an. Und eigentlich muß man ihn immer überreden, zum Schlafen oder Essen oder Spielen zurückzukommen von seiner Beobachtungsschiene vor dem Kran. Einen Traktor, einen Bagger, einen Kran oder einen Anhänger zu sehen, das sind die guten Momente in Diegos kleinem Leben. “Bagger” sagt er, berührt mit dem Finger das Bild auf der Seite, und es klingt, als meinte er “schau mal, wie schön.” Ich frage mich auch, ob die Wörter, die Diego spricht [und nicht sprechen würde, wären die Dinge nicht nah bei ihm], sich an seine Eltern oder an mich vielleicht wenden — oder ob er nicht eher zu den Dingen selbst spricht, wie im Vokaktiv: “oh, Du Traktor,” “Du schöner Traktor!” Aber es sind ja nicht nur Traktoren, sondern eben auch Bagger, Kräne und Anhänger, die Diego zu einer [für uns Erwachsene jedenfalls] sehr kohärenten Welt aus vier Gegenständen zusammenbringt.

Noch einmal, wie erlebt er selbst seine Welt aus immer wieder vier Gegenständen, wie sieht diese Welt von innen aus? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Diego zwischen echten Traktoren und ihren Darstellungen [in Büchern zum Beispiel] unterscheidet. Der Traktor im Buch ist so gut wie der echte Traktor für ihn, er freut ihn keinen Deut weniger. Jedes Mal entdeckt er etwas wieder, aber vielleicht ist das wiedererkennende Benennen zugleich ein Heraufbeschwören, wie bei einem Zauberspruch, der abwesende Dinge gegenwärtig machen soll. Anders als ein Zauberer allerdings kann sich Diego wohl keinen Bagger vorstellen, den er nicht — so oder so – vor Augen hat oder hört, und der Traktor oder Bagger oder Kran oder Anhänger, welche er sieht, die begrüßt er als Teile seiner Welt, als Teile einer Welt, in der auch er sich selbst anwesend fühlt, ohne davon zu wissen. Ist es also wie eine Bestätigung und eine kleine Feier des in-der-Welt-Seins, wenn Diego durch seine Bücher blättert und dann zum Kran hin [und wieder vom Kran weg] gehen will? Vielleicht, denke ich, ist seine Freude des Entdeckens und Wiederentdeckens nur ein Kompliment an die Eltern, die ihm Sicherheit geben und bisher noch alle Unruhe und Angst von ihm ferngehalten haben, die jede Welt schließlich auslösen muß.

Sich nur zu den Dingen verhalten zu können, die er gerade wahrnimmt, ist eine Lebensbedingung, die Diego mit Primaten gemeinsam hat, wie sie in der Forschung seit Jahrzehnten immer wieder mit Kindern verglichen werden. Man soll sich ihre Welt, habe ich neulich gelesen, ihr Bewußtsein wie die Welt und das Bewußtsein vierjähriger Kinder vorstellen. Diego wird bald zwei Jahre alt sein, und es stimmt: Primaten können sich auf differenziertere Weise als er zu der Welt verhalten, die sie umgibt, sie lernen sehr viel schneller, als Diego jetzt noch lernen kann. Auf der anderen Seite werden sie nie solche Wörter haben wie Diego sie schon hat, Wörter, mit denen sie sich auf einzelne Dinge beziehen könnten und auf Arten von Dingen. Von den Wörtern mag eine Welt aufsteigen, die aus einzelnen Dingen besteht, nicht eine Welt, die ein Hintergrund im Singular ist. Bald wird sich Diegos in-der-Welt-Sein von der Welt der Dinge abgelöst haben, sein Bewußtsein wird außerhalb der Welt der Dinge stehen und den Dingen Sinn zuschreiben.

Auf jener “anderen Seite” lebt seine beinahe vierjährige Schwester Clara schon längst. Für sie sind Darstellungen und Repräsentation sicher zu unterschieden von den Gegenständen selbst, und anders als Diego kann sie sich Dinge vorstellen, die sie nicht gerade wahrnimmt. Deshalb ahmt Clara so gerne Gegenstände zeichnend nach und hat auf dem Papier einen “weinenden Fisch” erfunden, wie ihn noch nie ein Mensch gesehen hat; deshalb will Clara auch ihren Namen schreiben lernen und mir selbstgemachte Bücher schenken und mich überhaupt mit Büchern in Verbindung bringen. Denn Clara steht schon außerhalb der Welt ihrer Dinge, und deshalb verfügt sie über Begriffe, aus denen ja das Denken besteht und mit deren Hilfe man sich von den Dingen absetzen kann. Eigentlich ist Clara wie eine Erwachsene, die noch eineinhalb Jahrzehnte erwachsener werden muß. Diego hingegen, so wie er `”Traktoren,” “Bagger,” “Kräne” und “remolques” sagt, steht gerade erst am Beginn desselben Prozesses, er ist fast selbst noch ein Ding, ein Teil der Welt der Dinge, die allein die seine ist.

Sehnen wir uns nicht manchmal oder sogar oft danach, wieder Dinge zu sein, davon, in eine Welt einzugehen, deren Teil wir dann wären, eine Welt, die einfach ist und klar und immer Substanz hat, eine dumpfe Welt ohne Leiden. Diego weiß noch nicht, wie gut er es [wahrscheinlich] jetzt hat, aber er schaut mich freundlich an — nicht nur wenn er wieder einmal seine Traktoren, Bagger, Krähne und Anhänger registriert.

 

 
Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

Themen dieses Blogs