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Public Viewing — besser als live?

22.06.2012, 08:00 Uhr

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In den frühen siebziger Jahren, als zum letzten Mal vor der Weltmeisterschaft 2010 eine deutsche Nationalmannschaft für ihren schönen — nicht nur für ihren erfolgreichen — Fußball international berühmt war, wurde über die Beziehung zwischen Sport und Medien [vor allem zwischen Fußball und Fernsehen] unter ganz anderen Prämissen geredet als heute. Es galt als ausgemacht, dass [langfristig wenigstens] Fernsehübertragungen, vor allem Fernseh-Direktübertragungen, die Zahl der Zuschauer im Stadion reduzieren müßten — und genau im Sinn dieser einfachen Logik fanden alle Verhandlungen zwischen Sportverbänden und Sendeanstalten statt [ganz ist dieser Rahmen bis heute nicht geschwunden].

 

Inzwischen sind freilich viele Anlässe und Gründe für eine Revision des traditionellen Denkmodells zusammengekommen. Statt davon auszugehen, dass ein live-Erlebnis im Stadion und eine Bildschirmübertragung weitgehend funktionsgleich seien, unterstellen die Verhandlungsführer und Entscheidungsträger mittlerweile eine fortschreitende Differenzierung: gewiss sieht ein Zuschauer genauer und mehr am Fernsehen, aber andererseits können Kommentar und Kameraführung nie den Unmittelbarkeitseffekt von zwei Stunden im Stadion kompensieren, der durch vielfache neue Inszenierungstechniken während der vergangenen zwei Jahrzehnte nur weiter gesteigert wurde. Ist man sich aber erst einmal einer solchen Differenzierung bewußt, dann wird auch plausibel, dass die beiden verschiedenen medialen Formungen von identischen Ereignissen die Attraktivität beider Produkte duchaus steigern können. Nie waren die Stadien der Mannschaftssportarten so permanent gefüllt wie heute, doch nie zuvor auch haben der Fußball und andere Sportarten die Bildschirme mit solch häufigen und langen Übertragungen besetzt. Nicht “Konkurrenz” sondern “funktionale Differenzierung” ist der Begriff, welcher das Verhältnis zwischen  Stadion und Fernsehübertragung erfaßt.

 

Zunächst strikt innerhalb der traditionellen Logik von Funktionsäquivalenz und Konkurrenz hat dann während der Fußballweltmeisterschaft von 2006 die Ausbildung einer dritten Form der Zuschauer-Teilnahme eingesetzt, die Ausbildung des Public Viewing, dessen weitere Entwicklung und dessen Grenzen gegenwärtig wohl noch nicht abzusehen sind. Die FIFA genehmigte damals — zu aus heutiger Sicht erstaunlich milden Finanz-Bedingungen — die Übertragung von Spielen auf Großbildschirmen und im Freien, weil die Disproportion zwischen Kartennachfrage und zur Verfügung stehenden Plätzen in den Stadien besonders eklatant war. Sofort erreichten die Zuschauerzahlen des Public Viewing eine Ebene, wie sie sich durch den Ausgleich für Stadion-Karten allein nicht erklären ließ. Um die 750,000 Menschen sollen damals auf der Straße des 17. Juni in Berlin vor dem Brandenburger Tor das Halbfinale zwischen Italien und Deutschand gesehen haben, und auch bei der laufenden Europoameisterschaft der Nationen ist die Zahl bis zu knapp unter einen halben Million emporgeschossen — nun innerhalb einer Gesamt-Berliner Situation, in der sich die Zahl der zum Public Viewing eingerichteten Orte gegenüber 2006 vervielfacht hat.

 

Man kann also gar nicht umhin anzunehmen, dass es eine — weitgehend vorbewußte — spezifische Faszination dieser Teilnahmeform geben muß. Denn sie gewährt ja einerseits nicht wie der Stadionbesuch einen live-Effekt im Verhältnis zum Spiel, während andererseits die Möglichkeiten von Kommentar und Analyse vor dem privaten Bildschirm zuhause viel besser genutzt werden als auf der Fanmeile. Was macht aber dann das Public Viewing so attraktiv, warum strömt demnächst vielleicht eine Million von Berlinern, die live-Tickets nicht bekommen, in die Straße des 17. Juni, obwohl sie doch alle vor einem Fernsehapparat zuhause das jeweiige Spiel verfolgen könnten? Ich habe den Vorrundensieg Deutschlands über Dänemark bei einem kleinen Public Viewing in Tempelhof verfolgt — und war besonders beeindruckt zu sehen, dass sich eigentlich gar nichts besonders Eindrucksvolles entdecken ließ. Einige hundert Männer, Frauen und Kinder saßen etwas weniger als zwei Stunden vor dem Großbildschirm auf einer Wiese und freuten sich vor allem über die beiden deutsche Tore, ohne dass ihre Gespräche oder ihr Jubel je auffällig intensiv wurden. Für die üblichen Interviews und Kommentare nach dem Spiel hatte kaum noch jemand Geduld. Warum waren diese Leute zum Public Viewing gekommen, statt die Übertragung zuhause zu sehen?

 

Ich glaube, man muss den Umweg über die dominate Alltagssituation des heutigen Berufslebens und eines großen Teil  der Privatsphäre gehen, um wenigstens den Ansatzpunkt für eine Antwort auf diese Frage zu finden. Nicht nur primär intellektuelle, vor Jahrzehnten noch “liberal” genannte Berufsarbeit, sondern auch früher primär durch Körpereinsatz bestrittene “proletarische” Arbeit vollzieht sich heute typischerweise vor einem Computer-Bildschirm — und das heißt in einer Verfugung von Software und individuellem Bewußtsein. Körper sind in solchen Situationen nicht mehr als die — notwendige — individuelle Voraussetzung für — ebenfalls individuelle — Bewußtseinsleistungen. Längst ist bemerkt worden, dass unter dieser Bedingung vielfache Verhaltensformen entstehen — vom Freizeitsport über Wellness bis hin zu neuen Ritualen der Gastronomie, in denen man sich seines Körpers [um es so zu formulieren] in neuer Weise existentiell versichern kann. Public Viewing gehört zu solchen Ritualen der Soziabilität, die es nicht nur — über die individuelle Ebene hinaus — ermöglichen, den eigenen Körper als Teil eines “kollektiven Körpers” zu erleben. Doch worin liegt der Unterschied zwischen diesem “kollektiven Körper” und einer Ansammlung von vielen individuellen Körpern?

 

In einer ihrer frühesten Selbst-Definitionen hat sich die Gemeinschaft der Christen, die vorreformatorische Kirche, als “corpus Christi mysticum” beschrieben, als “mystischer Körper Christi.” Dies setzte zunächst voraus, dass die individuelle menschliche Existenz — als Teil der göttlichen Schöpfung — auch und wesentlich als eine körperliche Existenz verstanden wurde. Diese individuelle körperliche Existenz sollte zu einer kollektiven, zu einer “mystischen” Existenz werden durch die gemeinsame Ausrichtung auf einen Bezugspunkt der individuell-emotionalen Erregung und Partizipation [auf die emotionale Erregung verweist wohl das Wort "mystisch"]. Bezugspunkt war [und ist] in der Kirche Gottes leibgewordener Sohn und sein Opferleiden — während für das Public Viewing [so gewagt meine Analogie auch wirken mag] das auf dem Bildschirm gezeigte Spiel zweier Mannschaften diese Funktionsstelle üebernimmt. Obwohl ich kein spezielles Interesse daran habe, die hier einfach als Schritt zur Entwicklung einer These eingeführte Konvergenz zwischen einem religiösen Begriff und einem zur Welt des Sports gehörenden Phänomen zu verallgemenern oder weiterzuentwickeln, läßt sich eine Nähe zwischen Public Viewing und bestimmten neuen Formen religiös motivierter  Großveranstaltungen nicht von der Hand  weisen. Wir wissen, daß bestimmte Rituale — Messen unter freiem Himmel bei Papstbesuchen oder auch Kirchentage — Hundertausende von Teilnehmern in Gegenwärtigkeit zusammenbringen, zu deren Leben keinesfalls ein regelmäßiger Kirchenbesuch am Sonntag gehört.  

 

Dieses Erleben der sich auf eine Gemeinschaft öffnenden individuellen Körperlichkeit kann das Fernsehen zuhause natürlich nicht bieten. Ungelöst bleibt vorerst die Frage, ob Public Viewing nur durch die positiven Augenblicke des Erfolgs befördert wird [der gemeinsame Jubel und das gemeinsame Anfeuern sind ohne Zweifel Momente kollektiver Körperlichkeit] oder ob sich dafür auch Situationen der Enttäuschung und Trauer eignen. Ein erster Anhaltspunkt zur Beantwortung könnte darin liegen, dass — eben seit der Weltmeisterschaft 2006, anläßlich derer das Public Viewing begann — die Beziehung zwischen den Anhängern verschiedener Mannschaften deutlich entspannter geworden ist. Was ich damals in Leipzig sah, Fans der portugiesischen, der englischen und der deutschen Nationalmannschaften, die Arm in Arm singend durch die Innenstadt zogen, wäre [für mich wenigstens] nur ein Jahrzehnt vorher ganz unvorstellbar gewesen. Voraussetzung einer solchen nationenübergeifenden Kollektivkörpers müßte es — wenigstens auf der logischen Ebene — sein, dass auch die von den Anhängern der Verlierer-Mannschaft ausgehende Trauer und Enttäuschung in den kollektiven Körper des Public Viewing aufgenommen wird .

 

Folgt aus meiner meine These, dass es eigentlich keinen Mehrwert des Stadion-Besuchs gegenüber der Präsenz auf der Fan-Meile gibt? Auch hier zeichnet sich kaum eine leichte, offensichtliche, einfach plausible Antwort ab. Was mich an Stadien fasziniert, ist die Tatsache, dass sie abgegrenzte Räume in oft besonders belebten urbanen Gegenden sind, Räume, die — innerhalb solcher Lebhaftigkeit — nicht selten über eine oder zwei Wochen leer stehen. Plötzlich füllen sich dann die Stadien — innerhalb von weniger als zwei Stunden und für etwas mehr als zwei Stunden — mit Zehntausenden von Zuschauern, die gemeinsam auf ein Spiel konzentriert sind. Der Kontrast zwischen einer sich von ihrer Umwelt abhebenden Leere der Stadien und den intensiven Stunden des Spiels beeindruckt mich immer besonders; er ist eine Materialisierung der grundsätzlichsten aller philosophischen Fragen, der Frage nämlich, ob man erklären kann, dass es etwas gibt — und nicht nichts. Wenn die Mannschaften aufs Feld kommen, dann artikuliert sich [dann "gibt es"] etwas ["nicht nichts"], dessen Teil wir — eben im Stadion — sein können.

 

Der Ort des größten Public Viewing im Land, nämlich die Straße des 17. Juni,  ist — anders als die allermeisten Stadien — auch an Werktagen vom Verkehr erfüllt. Deshalb vielleicht, weil es den Kontrasthintergrund einer absoluten Leere dort nicht geben kann, werden im Public Viewing zwar Gemeinschaften, werden mystische Körper geformt — aber nie eine Ahnung vom Nichts. Dies bleibt das Priivleg der Stadien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 
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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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