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Darf man sich über den Tod seiner Mutter freuen?

29.06.2012, 09:34 Uhr

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Am vergangenen Sonntag, kurz nach fünfzehn Uhr, ist meine Mutter im einundneunzigsten Lebensjahr gestorben. Ihre Existenz war am Ende in eine sich immer mehr verdichtende Wolke von Demenz eingehüllt gewesen. Seither ergeben sich für mich natürlich zahlreiche, meist banale Anlässe, diesen Tod zu erwähnen: ich mußte Termine absagen, mit einem Bestattungsunternehmer und leider auch mit dem Finanzberater meiner Eltern reden und dann einen Erbschein beantragen. Dabei sind Beileidsbekundungen nicht zu unterbinden, obwohl ich inzwischen bei jeder dieser Kontaktaufnahmen explizit sage und vorausschicke, dass sie in meinem Fall unangemessen sind. Denn ich fühle mich wie ein Lügner (oder mindestens doch wie ein Heuchler), wenn die Gesichter meiner Gesprächspartner auf existentiellen Ernst umschalten, mir Händedrücke oder gar Umarmungen der Wesentlichkeit angeboten werden und Worte wie “herzlichstes Beileid.”

Den Tod eines anderen Menschen erfahren und den eigenen Tod vorwegnehmend als Teil der je gegenwärtigen Existenz zu erleben, das sind zwei grundverschiedenene Dimensionen, zwischen denen es keine Analogien und auch keinen allgemeinen Schlüssel der Umrechnung geben kann. Für meine acht Jahre jüngere Schwester und mich, die einzigen Kinder unserer Mutter, war ihr Tod eigentlich ein unter mehreren Aspekten positives, schlimmstenfalls (im Hinblick auf seine Folgen) neutrales Ereignis. Aus je verschiedenen Gründen und in verschiedenen Dimensionen hatten wir beide ein distanziertes Verhältnis zu ihr. Für meinen Teil hatte ich allerdings befürchtet, dass meine beiden Töchter, die ihre Großmutter liebten, sehr traurig sein würden  — aber nicht einmal dies war der Fall, wenigstens wird keine von ihnen bei der Beerdigung sein. Meine Schwester, deren Lebenshorizont durch eine Existenz im Rollstuhl geprägt und die permanent auf Hilfe angewiesen ist, hatte über Jahrzehnte (und seit dem Tod unseres Vaters im Jahr 2005: allein) mit meiner Mutter in einem geräumigen Haus aus den frühen sechziger Jahren einen Alltag a la Beckett gelebt und wird nun erst einmal dieses Haus besser an die Bedürfnisse ihres Alltags anpassen können. Das von meinem Vater in einem erfolgreichen Chirurgenleben erarbeitete Vermögen meiner Eltern wird nicht noch weiter durch Versorgungsausgaben vermindert — und Ähnliches gilt ja (mit geradezu paradigmatischer Signifikanz in einer Gesellschaft von der Demographie Deutschlands) auch für den so oft evozierten “Steuerzahler.” Niemand, setze ich voraus, mit Sachlichkeit sozusagen, wird meine Mutter für mehr als ein paar Tage vermissen. Es fühlt sich natürlich schlecht an, solche Sätze zu schreiben, obwohl alles, was sie zur Sprache bringen, plausibel und folgenlos ist, und obwohl ich mir keiner Häme bewußt bin. Aber wer wollte schon “kaltherzig” wirken? Verläßt nicht alle Konventionen von “Menschlichkeit” (was immer das sein mag), wer angesichts des Todes seiner Mutter gelassen bleibt oder (Gott bewahre!) sich freut? Andererseits, wäre es denn besser, affektive Wärme an den Tag zu legen, die man nicht fühlt?

Und was könnte meine Mutter selbst durch ihren Tod und seine besonderen Umstände verloren haben? Niemand weiß oder wird je wissen können, ob man sich an einem Leben in Demenz erfreuen kann. Jedenfalls ist es unwahrscheinlich, dass ein solches Leben von der dementen Person als positiver Besitz erfahren wird. Über sechs von den achteinhalb Jahrzehnten ihrer prä-dementen Existenz hatte meine Mutter im großen Ganzen all das gehabt, was ihr wichtig zu sein schien: eine finanziell stabile Grundlage, die ihrem eher konventionellen Horizont von Wünschen kaum Grenzen setzte; gesellschaftliches Ansehen in einer Provinzstadt; einen sehr gut aussehenden, charismatischen, um ihre Anerkennung und vielleicht sogar ihre Liebe bemühten Mann; und dank dieses Mannes auch die Freiheit, den erlernten Beruf als Ärztin nie wirklich ausüben zu müssen. Selbst die Demenz wurde zu einem problemlösenden Zustand in diesem Leben. Denn seit der Jugend wohl, darin folgte sie ihrem Vater, wurde für meine Mutter der Gedanke an den eigenen Tod im wörtlichen Sinn unerträglich. Friedhöfe waren mit ihrem Lebensgefühl so unvereinbar, dass sie mich vor sieben Jahren, bei der Beerdigung ihres Mannes und meines Vaters, tatsächlich fragte, ob sie eher nachhause gehen könnte. Nun versichert mir die Pflegerin, es habe keinerlei Anzeichen dafür gegeben, dass meiner Mutter eine Ahnung von der unmittelbar bevorstehenden Wirklichkeit des eigenen Todes ins Bewußtsein gekommen sei. Die Demenz hatte ihre große Lebensangst in schmerzlos-dumpfer Weise neutralisiert.

Doch obwohl ich also weder in der vergangenen Existenz meiner Mutter noch in ihrer ehemaligen Umwelt (deren Teil ich bin) irgendeinen Anlass entdecken kann, über ihren Tod traurig zu sein, gelingt es mir nicht, Beileidsbekundungen höflich zu unterbinden. Vielmehr bestätigt sich jeden Tag aufs Neue, wie die über den Tod hinaus anhaltende Distanz zu ihr trotz allem mein Gewissen beschwert. Übersehe ich (oder unterdrücke ich gar) einen Grund für Schmerz und Trauer? “Was immer Ihr Verhältnis zur Mutter gewesen sein mag, der Tod der Mutter ist eine Schwelle, hinter der ein Zurück unmöglich wird,” gibt mir ein Kollege zu bedenken, der Philosophie lehrt. Sein Gedanke hat den Gestus des Tiefen, erweist sich aber eher als intellektuelle Niete. Genau, jetzt bin ich das älteste Mitglied in einer Familientradition, welche die Vergangenheit von Toten mit der Zukunft meiner Enkelkinder verbindet, und eines Tages wird dieser Status auf meinen erstgeborenen Sohn übergehen. Meine ehemalige Frau, eine kompetente Psychiaterin, auf deren fachlichen Rat ich etwas gebe, empfiehlt, ich solle mich jetzt, bevor es zu spät wird und traumatische Folgen drohen, ganz bewußt der Aufgabe von Trauerarbeit stellen. Also vereinbare ich mit den Verwaltern der örtlichen Leichenhalle, dass ich noch einmal etwas Zeit in der Gegenwart des toten Körpers meiner Mutter verbringen kann. Auch Heideggers berühmte Erinnerung aus “Sein und Zeit” kommt mir in den Sinn, dass man die Tode der anderen zum Anlass nehmen soll, sich der unvermeidlich Angst aufrufenden Situation zu stellen, in der man dem eigenen Tod “offenen Auges” entgegensieht. Doch dieser sich zuverlässig einstellende Schock ist mir so vertraut wie die Angst, derzuliebe ich mir immer noch ab und an eine Fahrt auf der Achterbahn zumute. Nichts wirklich ist anscheinend imstande, mich in eine Stimmung zu bringen, welche angemessen ist für die nicht endenwollenden Beileidsbekundungen. Sie wirken als Teil eines Übergangsrituals, sage ich mir, das Todesfälle nutzt, um dem Leben Struktur und Ordnung zu geben. Vielleicht sollte ich mich einfach nicht so verpflichtet fühlen, die Unterstellungen tiefer existentieller Betroffenheit ernst zu nehmen, und das Schütteln der Beileidshände in aller Form als Markierung einer zeitlichen Grenze vollziehen.

Und wie hätte meine Mutter wohl reagiert, wenn sie je diesen zum Anlass ihres Todes geschriebenen Blog gelesen hätte? Möglicherweise hätte sie sich bei ihren (wenigen) “Freundinnen” und den “Hausangestellten” über die Kaltherzigkeit (noch einmal dieses Un-Wort!) ihres Sohns beklagt. Wahrscheinlicher ist es, dass sie geschwiegen hätte, weil ihr viel daran lag, die Wirklichkeit so zurechtzubiegen, dass sie auf ihren Lieblingssatz paßte: “ist doch alles so ideal bei uns.” Vielleicht aber, das wäre ja beinahe charmant gewesen, hätte sie in mir und meiner Reaktion eine Chance des Fortlebens ihrer selbst erkennen können, weil ich ja eigentlich bloß versuche, zu jener Distanz zu stehen, auf die sie mich zuerst setzte (und bis zum Ende hielt) – und über die ich mich bis zu ihrem Tod immer wieder gerne in waidwunden Tönen beklagt habe (ganz abgesehen von den unzähligen Malen, wo ich das Trauma der distanten Mutter als Entschuldigung für eigene Fehler nutzte). Thea (so hieß sie) und ich hätten darauf zusammen einen Kaffee mit Sahne (den mochte die Westfälin in ihr) trinken können und ihren immer etwas zu warmen, aber angenehm süßen “Asti Spumante.” Dann wäre es mir zugefallen, sie davon zu überzeugen, dass solche Konvergenz-in-der-Distanz unsere ganz besondere Version von Liebe sei und meine Neu-Interpretation von “ist doch alles so ideal bei uns” — ein Grund zur Freude fast.

Dies alles und noch mehr ging mir durch den Kopf, als ich (Trauma-vermeidend) am Morgen des 28. Juni in der Leichenhalle des Würzburger Friedhofs für ein paar Minuten neben dem aufgebahrten (und bis zur Unerkennbarkeit geface-lifteten) Körper meiner Mutter stand und versuchte, endlich “tiefere” Gefühle oder Gedanken heraufzubeschwören. Sie stellten sich immer noch nicht ein, und auch das leicht pikareske Bild mit dem “Asti Spumante” hat mehr damit zu tun, dass ich Literaturwissenschaftler bin — als dass ich ein Sohn war. Oder doch eher ein kaltherziges Monster, süchtig nach  existentiellen Risiken?

 

 

 

 

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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