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Die Unsichtbarkeit der Penisse

27.07.2012, 08:00 Uhr

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Der vom Duden autorisierte deutsche Plural (“Penisse”) macht es möglich, eine Logik der Peinlichkeit wenigstens ansatzweise zu durchbrechen, die anscheinend alle europäischen Sprachen über ihre Wörter für menschliche Genitalien verhängt haben. Es gibt nebeneinander und wohl immer erstens einen lateinischen Terminus aus dem Diskurs der Anatomie (und die entsprechende lateinische Pluralform, hier: “Penes”), der den Bezugsgegenstand in wissenschaftlich neutralisierender Distanz hält, und daneben existiert zweitens ein meist metaphorisches Wort (“Schwanz”), das in die vom Alltag ausgegrenzte Welt der genussreichen Obszönitäten führt. Deshalb eben entkommt ein deutscher Plural für das lateinisch-anatomische Wort (so wie die deutsche Pluralform: “Phallen” und sogar die lateinische Form: “Phalli” für griechisch “Phalloi”) dem binären Mechanismus eines nahtlosen Auschlusses jeglicher Referenz über die Alltagssprache. Im Gegensatz zu den weiblichen Genitalien, wo deutschen Sprechern auf der Seite der Obszönität wohl viel weniger Möglichkeiten zur Verfügung stehen als etwa in den romanischen Sprachen oder auch im Englischen, scheint die einfache Dualität (wie “Penis” und “Schwanz,” “Vulva” und “Möse”) der für die meisten Einzelsprachen geltende Normalfall zu sein. Über die Sprache kommt man also einer möglichen Besonderheit des männlichen Genitals als kulturellem Phänomen kaum bei.

Und das ist nicht entscheidend anders für die geschichtliche Dimension. Im Alltag tendieren die meisten Gesellschaften dazu, die primären Geschlechtsteile unsichtbar zu halten — alles andere gilt als eine Verletzung mehr oder weniger stabiler Konventionen, selbst wenn solche Abweichungen nicht beabsichtigt sind. Ich kann mich auch nicht an irgendeine relativ kurzfristige Veränderung eben dieser Regel erinnern, so wie sie etwa den Status der weiblichen Brüste und Brustwarzen im vergangenen Jahrzehnt modifiziert hat. Brustwarzen werden heute deutlich seltener unter der Kleidung von Frauen sichtbar als noch um 2000, aber sie sind deshalb noch längst nicht durch ein so konsequentes Tabu wie die absolute alltaegliche Unsichtbarkeit von Penis und Vulva betroffen. Das mag, optimistisch gesehen — wie auch die deutlich gesunkene Schwelle für die Veröffentlichung von Photos nackter weiblicher Oberkörper – damit zu tun haben, dass viele Frauen heute eine klarere Unterscheidung als früher machen zwischen Situationen, in denen sie einfach gut aussehen wollen, und anderen Situationen, wo es ihnen darum geht, unter anderem durch das Sichtbarmachen von Brustwarzen ein potentielles Objekt erotischer Begierde zu sein. Was hingegen die allgemeine Unsichtbarkeit des Penis angeht, so scheint bis heute kaum mehr eine Veränderung stattgefunden zu haben — seit der institutionalisierten, durchaus erotisch gemeinten männlichen Nacktheit in Szenarien des griechisch-antiken Sports (die einen kompakten Penis wohl für attraktiver hielten als einen besonders langen oder großen Penis). In Briefwechseln zwischen heterosexuell Liebenden aus der Zeit um 1800 ist mir darüberhinaus eine Tendenz der Frauen aufgefallen, den Penis des Freundes wie eine Person anzureden – Konstanze Mozart und Christiane Vulpius zum Beispiel haben dieser Möglichkeit eine provokant-verbale Form des erotischen Spiels abgewonnen.

Trotz solch faszinierender  (aber im größeren Kontext kaum relevanter) historischer Sonderformen dominiert weitgehend und langfristig die kulturelle Regel der alltäglichen Unsichtbarkeit und Unnennbarkeit von Penis und Vulva (für die — vielleicht ja bezeichnenderweise — meist das Wort “Vagina” verwendet wird, das eigentlich die gänzlich unsichtbare Innendimension des weiblichen Genitals bezeichnet). Darwin und Freud haben für diese Unsichtbarkeit eine (mich jedenfalls) überzeugende Erklärung gefunden. Im Gegensatz zu den Primaten, deren Genitalien als nackte Genitalien an ihrem behaarten Körper besonders deutlich sichtbar werden (was sich im Blick auf die Fortpflanzung funktional erklären läßt), sind menschliche Genitalien auf einer prinzipiell nackten Körperoberfläche durch Scham-Haare verdeckt. Dieses Unsichtbar-Machen wird in fast allen Kulturen noch durch Kleidung verstärkt und führt nach Freud zu einer sexuellen Praxis, in deren Zentrum “zielgehemmte Regungen” stehen, das heißt: eine sequentielle Steigerung der Begierde, welche zunächst gezwungen ist, sich ihre Gegenstände bloss vorzustellen, statt sie zu berühren – und ohne Tabubruch oder Gewalt normalerweise auch nicht direkt zur Möglichkeit des Berührens gelangen kann.

Ich habe bis zu dieser Stelle nicht allein mit eigenartig trockener Sachlichkeit über Penisse als kulturelles Phänomen geschrieben, sondern auch mit der Unterstellung einer prinzipiellen Geschlechts-Neutralität im Hinblick auf die Unsichtbarkeit der Genitalien. Feministisch-intellektuelle Kritik stellt diese Neutralitäts-Annahme natürlich in Frage. Sie behauptet erstens, dass der Penis als erigierter Penis (“Phallus”) nicht allein in ausgegrenzten Situationen der Obszönität als ein machtvolles Symbol männlicher Überlegenheitsträume wirksam wird, sondern ungenannt als eine halbbewußte Dynamik auch den Alltag unserer Kulturen durchdringt. Zweitens bin ich immer wieder auf die (allerdings nie empirisch untermauerte) Beobachtung gestoßen, dass der Penis noch strikter als die Vagina von der generellen Unsichtbarkeitsregel gedeckt sei (und auch diese Asymmetrie soll natürlich der Untermauerung männlicher Macht-Träume und Macht-Realitäten dienen).

Grundsätzlich kann man wohl davon ausgehen, dass solche Beobachtungen in dem Maß zutreffen zutreffen, wie die männliche Dominanz eine gesellschaftliche (wenn auch moralisch und seit dem achtzehnten Jahrhundert sogar juristisch problematische) Realität ist. Doch offenbar hat die intellektuelle Konzentration auf Differenzen in der Verfugtheit von Sexualitaet mit Machtstrukturen dazu geführt, dass anderen Unterschiede – anatomische Unterschiede und Unterschiede geschlechtsspezifischer Sexualität vor allem – kaum beschrieben und analysiert worden sind. Man kann sich etwa fragen, welche Folgen es hat, dass die männlichen Genitalien (im wörtlich anatomischen Sinn) am Körper deutlicher sichtbar und auch greifbar sind als die weiblichen. Für heterosexuelle Beziehungen, vermute ich allerdings, sind die daraus erwachsenden Unterschiede weitgehend neutralisiert. Denn im Gegensatz zur männlichen Vorstellung von der weiblichen Brust, die primär eine Vorstellung des (aktiven) Berührens ist, scheint sowohl in der weiblich wie in der männlich heterogenen Imagination von Penis und Vagina – trotz aller feministischen Rede von der Phallokratie — eine Begierde des passiven Berührt-Werdens (des Erfüllt-Werdens und des Umgeben-Werdens) statt des aktiven Berührens im Vordergrund zu stehen (und es muß wohl kaum erwähnt werden, dass eine vollständige Beschreibung typisch heterosexueller Situationen weit vielgestaltiger und mithin komplexer ausfallen müßte). Das Versprechen und die Imagination dieses Berührt-Werdens durch Penis und Vagina, meine ich jedenfalls, scheint weniger von den individuell sichtbaren Formen einzelner Penisse und von den kaum sichtbaren Formen individueller Vulvae abhängig, als dies bei der weiblichen Brust als Gegenstand eines aktiven Berührens der Fall ist. Mit anderen Worten: die meisten Männer  könnten wohl beschreiben, welche Form der weiblichen Brust sie besonders fasziniert, hätten aber keine entsprechende Antwort für die Besonderheit der Vulva parat (und dies gilt tendenziell wohl auch für die Vorstellung verschiedener Formen des Penis in der Imagination von Frauen). Doch selbst wenn ich ganz und gar Unrecht hätte mit dieser These, glaube ich ich, dass die Fragen, welche zu ihr geführt haben, relevante, aber zu selten gestellte Fragen fuer das Verständnis geschlechtsspezifischer Sexualitaeten sind.

Schließlich habe ich meinen Freund Matthew gefragt, wie sich der Status des Penis in den institutionalisierten Dimensionen schwuler Sexualität beschreiben läßt – und was er zu diesem Thema zu sagen hatte (mit allen intellekuell pflichtgemäßen Relativierungen natürlich) war für mich vor dem Hintergrund meiner eigenen Thesen zur Heterosexualitaet durchaus plausibel. In der schwulen Pornographie steht selbstverständlich der erigierte Penis im Vordergrund. Hingegen glaubt Matthew, dass in der Erotik des schwulen Alltags — zuminderst institutionell gesehen — die Konzentration auf spezifische Körperteile variabler ist als in der heterosexuellen Welt. Zentral sei dort das Gefühl einer – allgemeinen – erotischen Erregung des anderen, welche der eigenen Erregung entsprechen und von ihr ausgelöst werden soll. Dies könnte mit der Tatsache zu tun haben, stelle ich mir vor, dass sich homosexuelle Paare weniger in stabil asymmetrischen Rollen lieben, als es heterosexuelle Vorstellung voraussetzen möchte. Vielleicht auch – wenn man an Darwins von Freund weiterentwickelte Thesen zur Unsichtbarkeit der menschlichen Genitalien denkt – mit der Tatsache, dass schwule im Gegensatz zur heterosexuellen Erotik nicht auf Fortpflanzung ausgerichtet sein kann.

Und was folgt aus solchen Überlegungen? Was müßte sich ändern in der erotischen Kultur der Gegenwart? Sollten Penisse öffentlich sichtbarer werden? War es ein Symptom verhuschter Schamhaftigkeit, dass sich zum Beispiel die Freikörperkultur-Initiative des frühen zwanzigsten Jahhrunderts nie wirklich durchgesetzt hat? Für meinen Teil (und natürlich aus meiner subjektiven Perspektive, welche die Perspektive eines heterosexuellen Vierundsechzigjährigen ist), denke ich eigentlich und ausnahmsweise einmal, dass alles in Ordnung ist – so wie die Dinge liegen. Gewiss, es gibt – neben einem unendlich differenzierten Spektrum des “Normalen” – Exzesse in der einen oder anderen Richtung. Aber prinzipiell ist es eine Bedingung, vielleicht keine logisch notwendige Bedingung, aber doch eine intensiv fördernde Bedingung für die verschiedensten Formen von erotischer Praxis, dass Penisse (ebenso wie Schamlippen und Klitoris) innerhalb historisch jeweils spezifischer Dispositive öffentlich weitgehend — und weiterhin — unsichtbar bleiben. Mehr Sichtbarkeit hieße weniger Erotik.

 

 

 

 
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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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