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Was am "Kuratieren" nervt

03.08.2012, 08:00 Uhr

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Die Duden-Ausgabe von 1986 verzeichnet das Verb “kuratieren” nicht, und die dort angegebene Bedeutung des Substantivs “Kurator” ist als “Verwalter einer Stiftung, Vertreter des Staates in der Universitätsverwaltung” deutlich verschieden von seinem heute primären Sinn. Im gegenwärtigen Online-Duden wird das Substantiv ausschließlich durch den Satz illustriert: “ich kuratiere eine Ausstellung” — und das in dieser Formulierung benutzte Verb erscheint dann noch einmal als eigener Eintrag, ebenfalls im Zusammenhang mit Ausstellungen. Doch nicht allein diese Wörter, sondern auch die Tätigkeiten, auf die sie sich beziehen, haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine steile Karriere durchlaufen.

 

Wer von “Kuratoren” und vor allem vom “Kuratieren” redet, gibt sich als Mitglied der hoch-, wenn nicht der höchst-gebildeten Schichten zu erkennen, und ich habe den Eindruck, dass diese Absicht eigentlich nie vollkommen eingeklammert oder unbewußt bleibt. Umgekehrt formuliert: man verwendet die Wörter nicht, ohne vom eigenen Bildungsanspruch beeindruckt zu sein und mit ihm andere beeindrucken zu wollen. Aber worum geht es genau beim “kuratieren” von Ausstellungen? Einmal darum, das ist die eher technisch-administrative Seite, ihre Gegenstände aus vielen verschiedenen, manchmal entlegenen Orten zusammenzubringen und in einem begrenzten Raum zu konzentrieren. Daneben — und wohl vor allem — bezieht sich das Verb “kuratieren” auf die Entfaltung eines Themas oder eines Phänomens in all seinen Dimensionen und auf verschiedenen organisatorischen Ebenen: durch die Auswahl, das grundlegende Verständnis und die spezifische Auslegung dieses Themas; durch die kurzen Texte, mit denen die Gegenstände der Ausstellung für ihre Besucher identifiziert und in den weiteren Kontext einer Konzeption eingeordnet werden; aber auch durch die Art und Weise, wie der Kurator die Ausstellungsgegenstände im zur Verfügung stehenden Raum verteilt und zueinander in Beziehung setzt.

 

All dies sind Leistungen und Kompetenzen, ohne die Ausstellungen nicht zustande kommen, und die man deshalb gewiss schätzen kann – und auch schätzen soll. Das Nerven hat eher mit dem Eindruck zu tun, dass bei der so plötzlich über uns gekommenen Kuratier-Faszination die auszustellenden Gegenstände oft aus dem Blick geraten. Zu den beinahe bedingungslosen Verpflichtungen eines Gesprächs unter kulturell Eingeweihten heute gehören Kommentare zum “Tate Modern” in London, und sie beziehen sich immer auf den unkonventionellen Stil (nicht chronologisch und überraschend eng), in dem die Bilder dort gehängt sind, nie eigentlich auf die Bilder selbst. Daraus genau, dass die kanonisierten Bilder, Künstler und Stilepochen unter wahrhaft Gebildeten eigentlich nicht mehr der Rede wert sind (jedenfalls nicht mehr erwähnt werden müssen), ergibt sich zunächst die soziale Distinktionswirkung des Kuratier-Diskurses. Wer “kuratieren” sagt, der signalisiert immer auch, dass er “seine Kulturgeschichte” gelernt und sehr wohl verinnerlicht hat — dass er vertraut ist mit einem Diskurs der abstrakten interpretatorischen Begriffe wie der unerträglich erhöhten pädagogischen Intentionen, einem Diskurs darüberhinaus und vor allem, der ästhetische Erfahrung und die Erfahrung geschichtlicher Unmittelbarkeit, um die es doch bei Ausstellungen gehen sollte, nachhaltig blockiert.

 

Die Spezifik ästhetischer Erfahrung unter allen anderen Formen der Erfahrung (genau genommen müsste man hier von “ästhetischem Erleben” sprechen, aber darin liegt ein terminologisches Problem, auf das ein Blog nur in Klammern und Kürze einzugehen braucht), ergibt sich daraus, dass sie die beiden grundlegenden Modi unseres Verhältnisses zur Welt in Simultanität zusammenbringt, ohne sie in eine stabile Beziehung zu überführen: Weltaneignung durch Begriffe (“Erfahrung”) und Weltaneignung durch die Sinne (“Wahrnehmung”). Das Erleben eines Gemäldes oder eines Gedichts wird sich nie ganz im Verstehen, in der Erfahrung ihres Themas erfüllen; mit dem Verstehen zugleich vollzieht sich immer und unvermeidlich eine Wahrnehmung von Farben und von (gehörten oder vorgestellten) Klang-Effekten, und es mag die nicht abzustellende Oszillation zwischen diesen beiden Ebenen sein, welche die ebenso offene wie konzentrierte Intensität ästhetischer Erfahrung ausmacht. Einem Ausstellungsbesucher aber, dem vor allem an Strategien und Konzepten des  Kuratierens liegt, muss die Dimension der Wahrnehmung entgehen — und mit ihr auch ihre Wirkung konzentrierter Intensität.

 

Kuratieren und das Reden darüber bezieht sich fast ausschließlich — und notwendig — auf kanonisierte Themen und Gegenstände der historischen oder ästhetischen Erfahrung. Nur im Blick auf sie gibt es schon immer Begriffe und Vororientierungen, die wir “mitbringen” können. Die akkumulierte Wirkung verschiedener Akte und Texte des Kuratierens könnte deshalb langfristig, was spezifische Themen und klassische Gegenstände der ästhetischen Erfahrung angeht, zu einem Austrocknen ihres Sinnlichkeits-Potentials eben durch dessen Transsubstantiation in Bedeutung führen (als absoluter musikalischer Laie, zugegeben, habe ich nicht selten den Eindruck, dass sich genau diese Wirkung während des späteren zwanzigsten Jahrhunderts im Hinblick auf atonale Musik oder auf Jazz vollzogen hat).

 

Seit einem knappen halben Jahrhundert allerdings ist die hierarchische Beziehung und die hermetische Undurchlässigkeit zwischen kanonisierter “Hoch”-Kultur und den vielfachen Formen “populärer” Kultur zunehmend fragil geworden. Rockmusik war ein frühes Medium dieses institutionellen Einbruchs, und mittlerweile ist es kaum mehr eine Provokation, von Mode und Sport zum Beispiel oder von Wein und Essen als Gegenständen ästhetischer Erfahrung zu sprechen. Sehr schnell bilden sich dabei aber auch neue und lästig barocke Äquivalente der Kuratier-Funktion heraus. Die Kommentare von Sommeliers etwa oder humanistisch geschulten Kellnern können so komplex und ausführlich werden, dass unter ihrem Einfluß Wein wie Wasser und Kaviar wie schwarzer Fischpudding schmeckt. Verbalisierung und Kommunikation tun ästhetischer Erfahrung nicht immer gut – und wenn dies überhaupt je der Fall ist, dann höchstens zu einem gewissen Grad. Dabei steht mit der ästhetischen Erfahrung heute nicht weniger auf dem Spiel als der letzte Archipel unseres Lebens, den sich die digitale Kommunikations-Welt noch nicht vollends unterworfen hat. Genießen Sie den Wein, löffeln Sie das bisschen Kaviar, das Sie sich leisten konnen, lassen Sie sich von den Toren Ihrer Lieblingsmannschaft berauschen – und schweigen Sie dabei, so gut es geht. Andernfalls wird ihre Welt ähnlich steril wie das Jazzfestival vom Sonntagmorgen im Feuilleton der Montagszeitung. Nur wortloses Kuratieren geht nicht auf die Nerven.

 

 

 

 

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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