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Europas (doppelte) Müdigkeit

10.08.2012, 08:00 Uhr

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Sehr hell hat der Begriff “Europa” eigentlich nie geschienen – bei allem guten Willen, der ihn im letzten halben Jahrhundert beständig umgab. Um 1965, in meiner vorletzten Gymnasial-Klasse (sie hieß damals “Unterprima”), schrieb ich in sehr rudimentärem Französisch ein fünfzigseitiges, mit vielen ausgeschnittenen Photos illustriertes Konvolut über “Jean-Paul Sartre und den Marxismus,” um den “Prix de Strasbourg” zu gewinnen — aber meine Hoffnungen blieben bei einem hektographierten freundlichen Brief stecken und bei einem Trostpreis (es war surrealerweise der zweite Band einer Sammlung von Sartres Dramen, den ich mir ohnehin schon vom Taschengeld gekauft hatte). Straßburg jedenfalls, das klang unüberbietbar europäisch, aber obwohl wir alle im Halbschlaf noch die sechs Mitgliedsstaaten der damaligen “Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft” (der “EWG”) hätten aufsagen können, war Europa zu jener Zeit nicht viel mehr als das, was man noch beinahe vorsichtig und überrascht die “deutsch-französische Freundschaft” nannte, nämlich eine ehemalige Feindschaft und wechselseitige Fixiertheit, die nach vier erbitterten Kriegen in weniger als hundertfünzig Jahren nun in Solidarität und positive Faszination umschlagen sollte – für mich zum Beispiel in die Fazination eines Landes, wo das Wort “Intellektueller” kein Schimpfwort war und eine kommunistische Partei zu den ernstzunehmenden Größen des politischen Alltags gehörte. Gewiß, die Benelux-Staaten auf der einen und das ehemals faschistische Italien auf der anderen Seite ergänzten dieses großherzige Projekt der Überwindung von Repression und Ressentiment. Doch mit der “Europa”-Idee ging es wie mit der vielleicht allzu oft als zentralem Symbol bemühten Gestalt von Karl dem Großen: sie wirkte eigenartig vage, allzu evident vielleicht, und am Ende schien sie, statt den Horizont zu öffnen, nur die wirtschaftliche, kulturelle, politische und natürlich auch die geographische Zentralstellung von Frankreich und Deutschland noch mehr zu betonen.

Mittlerweile, so hat Peter Sloterdijk nüchtern und scharfsinnig diagnostiziert, ist aus einer historisch gesehen kurzen Übergangshase positiver Faszination ein beiderseits friedvolles Desinteresse zwischen Frankreich und Deutschland geworden, und in einer solchen Phase der Müdigkeit bleibt den zwei Nationen als Aktivposten allein ihre komplexe und für beide profitable Wirtschaftsbeziehung.  Diesen seit den späten achtziger Jahren gegebenen Stand haben dann “visionäre” europäische Politiker ganz verschiedener ideologischer Herkunft — wie zum Beispiel Helmut Kohl oder Joschka Fischer — mit ihren optimistischen Projektionen in riskanter Weise überzogen, und wenn ich “überzogen” sage, dann meine ich, dass ihre Vorwärtsbewegungen in der Verwirklichung maximaler Visionen längst nicht mehr durch die Begeisterung oder auch nur das Einverständnis von Wählermehrheiten gedeckt waren. Denn nach der Implosion des osteuropäischen Staatssozialismus erschien es zwar zunächst plausibel, ja geradezu “logisch zwingend” (aber eben nicht mehr als plausibel und logisch zwingend), einer Entwicklung ihren Lauf zu lassen, an deren schnell erreichtem Endpunkt Europa als wirtschaftlich-politische Föderation mit dem geographischen Europa deckungsgleich sein sollte; doch dabei übersah man, dass als Preis für solch übergreifende Anpassung eine Erosion In Gang kam, welche Europas wichtigste Stärke bald reduzieren sollte – und diese Stärke ist über Jahrhunderte seine unvergleichliche kulturelle Differenzierung innerhalb kompakter räumlicher Grenzen gewesen. Ein deutlicher ins Auge springender Kontrast ist ja kaum denkbar als etwa der zwischen Portugal und Spanien, den beiden iberischen Nationen, während Ungarn und Rumänien ihre je spezifische Identität gegeneinander und gegen ihre slawische Umwelt ausgeprägt haben.

Nicht wenige der solcher Differenziertheit gegenläufigen Integrationsbemühungen führten zu teuren und manchmal sogar absurden Ergebnissen. Zu ihnen gehört die fast grenzenlose Vielsprachigkeit in den Institutionen der Europäischen Union, die trotz des Englischen (oder genauer: gegen das Englische) als allgemein zugänglichem Medium durchgesetzt wurde. Die Angleichung der nationalen akademischen Studiengänge hat wohl in keinem einzigen Fall greifbare Verbesserungen hervorgebracht, aber deutliche Beschädigungen gewachsener lokaler Traditionen bewirkt. Gegen alle Grundintentionen und in geradezu paradoxaler Weise bestärkte der neue, vielfältig erweiterte europäische Rahmen seit langem existierende Sezessionstendenzen in einzelnen Regionen, was nirgends dramatischere Konsequenzen hatte als in der spanischen Innenpolitik. Andererseits ist es der Europäischen Union nicht gelungen, bestimmte Klammern und Konsens-Zonen entstehen zu lassen und zu fördern, wie sie seit zweieinhalb Jahrhunderten Voraussetzung und Bedingung für die Existenz der Vereinigten Staaten gewesen sind, für einen Bundestaat, dessen Heterogenität als Grund-Voraussetzung und Bedingung der Europäische Union weit ähnlicher ist als etwa der Bundesrepublik Deutschland. So ist eine europäische militärische Allianz keinesfalls denkbar – nicht nur wegen der technologischen Überlegegenheit der Vereinigten Staaten, sondern vor allem angesichts eines in den europäischen Mittelschichten heute tatsächlich dominierenden Pazifismus. Und es mag dann nicht zuletzt an dieser chronischen Unterschätzung des Militärs als politischem Instrument liegen, dass Europa keine gemeinsame außenpolitsche Konzeption und Strategie entwickelt hat, die mehr als bloss von Situation zu Situation reaktiv wären. Wenn es der Europa-Idee also zunächst an vorwärtstreibendem Enthusiasmus mangelte, so haben sich inzwischen als Folge ihrer systematischen politischen Entfaltung immer mehr Vorbehalte akkumuliert.

Am Ende drängt sich die Feststellung auf, dass die Vision der europäischen Integration in allen außerhalb der Wirtschaft liegenden Dimensionen entweder schon früh gescheitert war oder enorme Kosten verschiedenster Art verursacht hatte. Die daraus als ein Konvergenz-Effekt enstandene Europa-Müdigkeit blieb allerdings so lange latent, wie sich die kontinentale Wirtschaft auf Expansionskurs befand. Nun, da die Erfahrung der vergangenen beiden Jahre gezeigt hat, dass sich die wirtschaftliche Einheit Europas keinesfalls als Immunitätsgarantie gegen Krisensituationen bewährt, steht die immer wieder ins Spiel gebrachte Möglichkeit der Verschiebung hin zu anderen Dimensionen von Einigung und Einheit eigentlich gar nicht mehr offen. Denn sie ist vorab schon immer blockiert durch die eine mittlerweile zur kontinentalen Tradition gewordene Europa-Müdigkeit, mit anderen Worten: durch einen umfassenden und vielgestaltigen Mangel an positiver Motivation.

Mit diesem Mangel könnte eine zweite Europa-Müdigkeit konvergieren, die — sollte sie denn existieren – einen weiter zurückliegenden und gewiß schwerer zu greifenden Ursprung hat. Die Tendenz zu ethnischer Homogenität gehörte zu den nur selten gesetzlich festgeschriebenen, aber doch in ihren Auswirkungen bis heute sichtbaren Prinzipien europäischer Nationenbildung  — beinahe ungebrochen hat sie sich vor allem in jenen Kulturen erhalten, die — anders als vor allem Großbritannien und Frankreich, Spanien und Portugal — nicht Teil des westlichen Kolonialismus waren. Viele europäische Gesellschaften – und Deutschland ist vielleicht der am deutlichsten sichtbare Fall – tun sich schwer mit der Integration von ethnisch “anderen” Einwohnern und Bürgern. Dabei unterstelle ich natürlich, dass erfolgreiche Integration über blosse Toleranz hinausgehen muss: sie ist eine Offenheit, welche die Simultanität von Differenzen zu einem Prinzip intellektueller und ästhetischer Produktivität macht.

Das gelingt bisher am sichtbarsten wohl im Sport. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte kultiviert die deutsche Fußball-Nationalmannschaft einen schönen (bei der Weltmeisterschaft 2006 manchmal sogar einen berauschenden) Stil, seit eine Reihe — und mittlerweile eine stabile Mehrzahl — ihrer  Spieler nicht mehr aus ethnisch deutschen Familien kommen. In dieser Hinsicht homogene deutsche Mannschaften hingegen waren dafür berühmt gewesen, dass sie gerade in mäßigen Begegnungen einen erstaunlichen “Siegeswillen” entwickelten. Denkbar ist – aber noch (und vielleicht für immer) weit entfernt von der Möglichkeit eines empirischen Beweises – dass in dieser Hinsicht homogene Gesellschaften unter den generell multikulturellen Umweltbedingungen unserer Gegenwart in eine Phase der Stagnation eingetreten sind. Das wäre eine zweite Modalität von Müdigkeit, deren Gefahr durch das Scheitern und Ende des europäischen Integrationsprojekts nur ansteigen müsste, weil ein solches Scheitern ja die Zahl jener Situationen verminderte, wo die Simultaneitaet von Differenzen als produktives Pontenzial zutage tritt. Hieße das am Ende, dass ästhetische Qualität und Zielorientiertheit zusammen gar nicht zu haben sind?

 

 

 

 

 

 

 

 
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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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