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Hypercommunication Blues

14.09.2012, 08:00 Uhr

Von

 

Es ist zwanzig nach drei am Mittwoch-Nachmittag, ich war sehr früh aufgestanden heute und habe seitdem fast ohne Unterbrechung in Keyboards vor dem einen oder anderen Computer hineingetippt, um jetzt endlich, nach zehn Stunden ziemlich hektischer, fast pausenloser Bewegung von Fingern und Bewusstsein zu wissen, dass ich mich an diesen Tag nie mehr erinnern werde (oder erinnern will): keinen einzigen neuen Gedanken hat er gebracht, nicht einmal das “gute Gefühl,” wenigstens irgendetwas abgeschlossen und also hinter mich gebracht zu haben. Um Kommunikationsstaus zu vermeiden, empfiehlt es sich ja, gleich nach dem Aufstehen, alle e-Mails zu sondieren und wenigstens in Ansätzen zu bearbeiten, die während des Schlafs eingegangen sind, weil unser pazifischer Morgen neun Stunden später anfängt als der in Mitteleuropa – mit dem üblichen Sisyphos-Effekt natürlich, dass beantwortete Mails nur neue Mails provozieren (über die entsprechende Wirkung der Mails aus Asien, die soviele Stunden voraus sind, dass ich sie kaum in ein Maß zeitlicher Distanz einordnen kann, rede ich nicht, weil von ihnen an einem normalen Tag nur um die zwanzig kommen). Einige der Botschaften, die man von mir erwartet, nehmen ziemlich Zeit in Anspruch, zum Beispiel ein Rund-Brief (hätte man früher gesagt), in dem ich den fünfzehn Autoren eines nächstes Jahr erscheinenden literaturhistorischen Sammelbands Perspektiven möglicher thematischer Konvergenz vorzuschlagen und plausibel zu machen versuche. Dazwischen funkt über die e-mail Adresse einer deutschen Kollegen-Sekretärin mein bester Freund aus London, der sich zwar sonst konsequent von der elektronischen Kommunikation fernhält, aber nun sehr früh am Tag eine Ausnahme gemacht hat, weil er dringend angerufen werden will. Irgendwann gönne ich mir, ziemlich lustlos schon und wie außer Atem, den Bonus, auf die Homepage meiner liebsten Tageszeitung zu gehen, was zuerst wie ein verdienter Ausgleich wirkt – sich aber schon bald rächt, Sie kennen das, wenn ich zur Prosa des elektronischen Alltags zurückkehre, weil dann die zehn Minuten vorher geleistete Eliminierungsarbeit längst durch neu eingegangene Mails neutralisiert ist. Jeder erreicht mich, nicht selten mit einem Unterton des Vorwurfs, weil ich noch nicht auf allen Kanälen und in allen Dimensionen der elektronischen Kommunikation verfügbar (“available”) bin, oder oft auch mit dem Vorschlag, ein nicht-elektronisches Treffen in einem Café gleich am nächsten Tag zu arrangieren. Vielleicht ist das mein Problem, fährt es mir manchmal durch den Kopf, dass ich immer noch viel zu wenig, jedenfalls nicht umfassend genug elektronisch lebe, weil ich weiter die Zeit der elektronischen Gespräche für marginal und der “wirklichen” Kommunikation in körperlicher Kopräsenz untergeordnet ansehe. Ich versuche also weiter, seit langem schon eher gegen besseres Wissen, durch elektronische Arrangements und Vorbereitungen Zeit zu sparen für unvermitteltes Denken und Lesen, nach dem ich mich sehne, ohne die Gewissheit, dass es noch existieren kann, weil die scheinbar untergeordneten Formen der sich als zeitgewinnend präsentierenden Kommunikation wachsende Zeit in Anspruch nehmen, ohne darum zu bitten natürlich, und sich zugleich immer weiter in immer neuen technischen Möglichkeiten multiplizieren (“Facebook,” “Twitter,” “texten” – und so weiter), bis auch die letzten freien Momente, in denen ich nicht an die Elektronik gekoppelt bin, vereinnahmt werden von dieser jeden Tag mindestens einmal ins Unumkehrbare umschlagenden Stimmung der diffusen Offenheit für alles und nichts. Man investiert so lange Zeit in das elektronische Sparen von Zeit, bis am Ende der Unterschied zwischen intellektuell produktiven und bloß mechanischen Momenten verschwunden ist

 

An zwei oder drei Tagen der Woche fühle ich mich genau so: aufgelöst in eine beständig wachsende Zahl flacher Kommunikationsereignisse, die sich nicht zu irgendeiner spezifischen Form und Wirkung akkumulieren und vor allem nicht die in senilem Starrsinn beibehaltene Hoffnung einlösen, endlich doch etwas nicht elektronisch vermittelte Zeit freizukämpfen. Natürlich ist das eine generationenspezifische Niedergeschlagenheit, genauer gesagt: es ist die fast von jedem Tag ausgelöste Art einer Depression bei denen, die wie ich weder in die elektronische Welt geboren waren noch sich je in sie verliebt haben. Hyperkommunikation, das Wort klingt anspruchsvoller, als die Situation, die ich mit ihm beschreiben will, Hyperkommunikation ist einfach die enorme (vielleicht tatsächlich exponentielle) Zunahme der Kommunikationsereignisse pro Stunde und Tag, auf die wir uns einlassen und die wir am Ende sogar selbst initiieren, ohne es zu wollen. Da wir den Strom dieser Ereignisse nur in den wenigen Momenten wirklich ganz kontrollieren, wo wir uns zum erstenmal an andere wenden, und da es keine vorgegebene Hierarchie oder Sequenz der verschiedenen kommunikativen Kanäle oder Modi gibt, fühlen wir uns – die elektronisch zu früh Geborenen – ständig überfordert, als ob wir immer weiter verflachten und unsere Konzentration in zuviele auseinanderstrebende Richtungen verstreuten. Das Hauptproblem und der Grund für diese Melancholie, in der man sich nie wohl fühlt (wie in manchen anderen Melancholien), ist wohl die Illusion, dass wir für uns – mit der zähen und manchmal schon verzweifelten Anstrengung des Bergsteigers, der sich an einer Steilwand nach oben zieht – Minuten und sogar Stunden außerhalb der elektronischen Reichweite erkämpfen können und sollen.

 

Manchmal wundere ich mich, wie unendlich der Blues dieser Klage für mich geworden ist, jeden Tag, ich könnte einfach viele Seiten so weiterschreiben, aber für wen wohl, die Melodie gehört zum Repertoire der inzwischen über-sechzigjährigen Nachkriegsgeneration, für die das meiste im Leben schief gegangen ist, seit sie im falschen Moment auf die Welt kam, etwas zu früh jeweils, um dem zu entkommen, was die Väter und Mütter verbockt und verbrochen hatten, nicht nur in Deutschland. Nun hat uns also die Elektronik auch noch das Gottesprädikat der Allgegenwart zu einer allgemeinen Wirklichkeit werden lassen (wurde mir gerade gestern klar, als ich eine Nummer in Europa wählte und mein Diensttelephon zum erstenmal nicht nach dem “authorization code” fragte, weil die Gebühr inzwischen banal geworden ist), wir können kostenlos überall sein, selbst mit unseren Stimmen, doch daraus entsteht nicht einer Fülle intensiver Gegenwarten, sondern die diffuse Überlast zuvieler Kontakte. “Anregungen,” nach denen wir uns noch vor weniger als zwei Jahrzehnten so gesehnt haben, sind das, was wir jetzt überhaupt nicht mehr brauchen können, was uns irritiert als unabstellbares Hintergrundgeräusch. Auf dem Web zu surfen, mich wie ein Surfer am Ozean einzulassen auf die nicht vorhersehbaren Bewegungen der Wellen, das ist nicht meine Sache, ich wäre gerne am Ufer gelieben, aber die Gegenwarten suchen sich ihre Dispositve der Technik ja nicht wirklich aus, die kommen als Schicksal über uns, vielleicht diesmal sogar, habe ich bei meinem verstorbenen Freund Friedrich Kittler gelesen, als das Schicksal eines Wahrheitsereignisses, in dem uns die Nanowelt der Chips wie mühelos der vollen räumlichen Weite jener globalen Horizonte aussetzt, um die schon die mächtigen Fregatten der frühen Neuzeit und noch die Überschallflugzeuge des vergangenen Jahrhunderts vergebens gekämpft hatten. Jetzt halten wir all das in der gebündelten Simultaneität unserer Laptops und IPhones, und es ist immer vielzuviel Welt, wir müssten richtige Götter sein, um damit zurechtzukommen, und sind stattdessen nur kleine Tipp-Kick Figuren im one-touch Spiel der elektronischen Welt, wo uns Informationen als “hits” berühren, die wir schnell weiterleiten, ohne sie zu verformen.

 

Wie die hilfloseste Randfigur fühle ich mich an diesem Mittwoch, auch jetzt, ein paar Stunden später noch, in einem Spiel, das ich mir nicht ausgesucht habe und das ich auch nicht verlassen kann. Ich stünde gerne außerhalb des Spielfelds, um immer wieder zu denselben Gedanken zurückzukommen, die nicht wie kompakte Informations-Pralinen schimmern, sondern den Sog von schwarzen Löchern aus Fragen haben, welche immer komplexere Antworten provozieren, um sie auch immer wieder zu verschlucken. Es wäre schön, stelle ich mir vor, sich wieder konzentrieren zu können, in der Rückkehr zu immer denselben alten Problemen, allein oder mit anderen, deren Stimmen wir hören, deren Augen wir sehen und deren Körper wir riechen könnten, ausführlich und ohne Grenzen. Meditation hat man das früher genannt, auch in der westlichen Tradition, und Meditation muss nicht religiös sein. Wir säßen einfach wieder um einen Tisch und stützten die Ellenbogen auf sein Holz, um uns nicht in die globalen Netzwerke des Elektronischen zu verflüchtigen, als Nachfolger jener Mönche von vor fünfhunderfünzig Jahren vielleicht, die gedruckte Bücher für Teufelswerk hielten. Oder als störrische Überreste (weniger als Auslaufmodelle) aus der Zeit der Intellektuellen, die so sehr begeistert waren von ihrer Autonomie – auch wenn die damals schon genauso dysfunktional gewesen sein sollte wie jetzt.

 

(Meine Freunde kennen alle die Erinnerung an zwei alte schwarze Männer, die ich zweimal, im Abstand von sieben Jahren, an einem Bayoo in Louisiana getroffen habe, und die mir zweimal ebenso unaufgefordert wie freundlich erklärten, dass  es zwei Arten von Alligatoren (“gators”) gebe: die vier Fuß langen, deren Fleisch zu hart zum Kauen sei, und die drei Fuß langen, mit ihrem sehr zarten, köstlichen Fleisch. Obwohl ich den alternativenfreien Konzentrationsgrad solcher Ontologie wohl kaum überleben könnte, sehne ich mich nach ihr und beneide die beiden noch viel älteren Männer).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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