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Bestattung als Stil-Ausdruck?

21.09.2012, 08:00 Uhr

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Zwischen 1998 und 2010 ist in Deutschland das Verhältnis zwischen  Feuerbestattungen und allen Todesfällen von achtunddreißig auf sechsundvierzig Prozent gestiegen, was Aufmerksamkeit verdient, weil es ja bedeutet, dass Erdbestattung nicht mehr der kulturelle und existentielle Normalfall ist. Mit dieser Statistik steht die Berliner Republik im soliden Mittelfeld eines globalen Trends, der enorme, meist leicht zu erklärende interne Differenzen aufweist. Er wird angeführt vom Vereinigten Königreich, wo die Feuerbestattungen schon in den sechziger Jahren von fünfunddreißig auf fünfundfünfzig Prozent angewachsen waren und mittlerweile drei Viertel aller Bestattungen ausmachen. Auf der anderen Seite stehen – trotz deutlicher  Säkularisierungseffekte — ehemals katholische Länder wie Italien mit vier oder Irland mit viereinhalb Prozent, die freilich von den südamerikanischen Gesellschaften noch bei weitem unterboten werden. In Deutschland wiederum gibt es einen Kontrast zwischen achtundreißig und fünfundsiebzig Prozent Feuerbestattungen in den alten und den neuen Bundesländern, was etwa dem Unterschied zwischen den nordwestlichen (Washington, Oregon, Alaska) und den meisten südöstlichen Bundesstaaten (Alabama, Louisiana, Tennessee) in den U.S.A. entspricht. Japan schließlich scheint die Feuerbestattung zum fast alternativenlosen Normalfall gemacht zu haben, während in Israel wie in den islamischen Ländern, deren Monotheismen in je verschiedener Weise unabtrennbar von ihren Alltagskulturen sind, die Erdbestattung weiter dominiert.

 

Eindimensional sieht diese Entwicklung gewiss nicht aus. Neben der in fast allen Industrienationen nun schon seit zweihundert Jahren fortschreitenden Säkularisierung spielen zum Beispiel auch die wachsenden Kosten für Gräber eine zur Feuerbestattung motivierende Rolle, was erklärt, warum dicht besiedelte Länder besonders deutlich zu dieser Option neigen. Auf der anderen Seite ist eine monotheistische Vergangenheit oder Gegenwart der am stärksten zugunsten der Erdbestattung wirkende Faktor — im Islam und im Judentum viel sichtbarer als im Christentum (und in katholisch geprägten Regionen weit stärker als in protestantischen). Interessanter noch als diese in ihrer internen Verteilung eigentlich allzu plausiblen Statistiken ist die Beobachtung, dass die theologischen Begründungen für Erdbestattung erstaunlich vage bleiben und in dieser Vagheit kaum konvergieren. Als Folge des “anti-moderninistisch” gegen alle Säkularisierungs-Symptome gerichteten ersten Vatikanischen Konzils untersagte die katholische Kongregation für Glaubenslehre 1886 die Feuerbestattung als “barbarische Sitte” mit einem Verweis auf die leibliche Auferstehung der Toten — um dieses Verbot dann erst 1963 (nun im Geist des liberalisierenden zweiten Vatikanischen Konzils) aufzuheben.

 

Da die leibliche Auferstehung der Toten aber nicht zu den institutionell vorgegebenen Erwartungen des Judentums und des Islam gehört, ist dort das Kremationsverbot zugleich opaker und konsequenter geblieben. Man könnte spekulieren, dass die im Islam und im Judentum viel deutlicher als in der christlichen Theologie gezogene Grenze zwischen göttlicher Transzendenz und menschlicher Immanenz eine Notwendigkeit vorgibt, den ontologischen Unterschied zwischen dem geistigen Ein-Gott und den leiblich-organischen Menschen über deren Tod hinaus beizubehalten. Im Gegensatz dazu kommt die Reduzierung einer Leiche zu Asche ja unvermeidlich immer schon einer beinahe kompletten Vergeistigung (und mithin ontologisch gesehen: einer Vergöttlichung) des Verstorbenen nahe.

 

Wenn diese Möglichkeit der Ent-Materialisierung aber nicht gegeben ist, dann werden Gräber-Flächen zu eigenartig säkularen Zwischenreichen. Das ist mir vor allem auf den riesigen, oft im Zentrum der Metropolen liegenden Friedhöfen in Südamerika deutlich geworden, wo Familien-Gräber und Familien-Gruften mit ihren Särgen und Urnen wie Wohnstätten für die Toten (vor allem natürlich für die Toten aus den wohlhabenden Schichten) ausgebaut sind. Nicht mehr unbedingt aufgrund einer Erwartung von der Wiederaufstehung der Körper, sondern eher, weil man zögert und aufschiebt, in Abwesenheit einer spezifischen Vision von der Endzeit – und sich doch der Möglichkeit nicht begeben will, einen Bezugspunkt für potentielle Sinngebung zu haben, sollte sich je noch ein Ende der Welt abzeichnen und vollziehen.

 

Während also Rituale der Erdbestattung und Friedhöfe Orte des bis auf weiteres aufgeschobenen Weltendes (christlich) und Orte des bis auf weiteres aufgeschobenen kollektiven Sinns (allgemein monotheistisch) bleiben, öffnen sich auf der anderen Seite der individuelle Entschluss und die kollektive Tendenz zur Feuerbestattung auf einen Horizont jeweils definitiver Sinngebungen, dessen Entdeckung und Erfüllung wohl erst in den jüngsten Vergangenheit eingesetzt hat. Das beginnt mit dem elementaren Schritt, aus finanziellen oder ökologischen Gründen die Feuerbestattung der immer noch von der Tradition primär nahegelegten Erdbestattung vorzuziehen. Emblematisch (und vielleicht auch im Sinne einer historischen Entwicklung chronologisch signifikant) war in dieser Hinsicht der mit Clint Eastwood und Meryl Streep 1995 erfolgreich verfilmte Roman “The Bridges of Madison County,” wo zwei Liebende, die nach der Erfüllung weniger Stunden einem gemeinsamen Leben zugunsten der Treue gegenüber einer Familie entsagen, den Entschluss fassen, sich symbolisch über das Ende des Lebens dadurch zu vereinen, dass ihre Asche an derselben Stelle (nahe einer Brücke, wo die Liebe begann) verstreut werden soll.

 

Weil die Ausgestaltungs-Möglichkeiten solcher Verfügungen über die eigene Asche aus materiellen Gründen unendlich vielfältiger sind als die Möglichkeiten der Verfügung über eine Leiche, eröffnen sich hier vielfältige Formen jeweils prägnanter Sinngebung: man kann die Asche zum Beispiel auf verschiedene Orte des vergangenen Lebens aufteilen; in Frankreich und in der Tschechei bietet sich die sogenannte “Ballonbestattung” an, wo die Asche von einem Heißluftballon über einem Wiesen- oder Waldgebiet verstreut wird; und prinzipiell kann die Asche sogar durch Hinzufügung weiterer organischer Materialien zu einem Diamanten kristallisiert werden.

 

Eher mit Lächeln würde man heute wohl noch auf die Beschreibung der dadurch gegebenen Chance reagieren, den verstorbenen Geliebten “am Finger zu tragen” – aber warum nicht? Prinzipiell hängt die Nutzung der Bestattung als individueller Sinngebung und mithin als Ausdruck individuellen Stils auch gar nicht von der Form der Einäscherung ab, sondern von jenem eine säkulare Mentalität konsequent vollendenden Schritt, der auch die allerletzten Erwartungen auf ein transzendentes Geschehen und auf sein möglichen Eingreifen in die Immanenz streicht. Diese Position maximal vollzogener Säkularisierung hat mittlerweile wiederum zu einer neuen Interpretation der Erdbestattung geführt, welche einen maximal natürlichen Prozess der Verwesung ermöglichen will – und deren Sinngebung also darin liegt, die Überreste des durch den Tod beendeten individuellen Lebens bewusst in den komplexeren Lebensprozess der Natur zu integrieren.

 

Eine so bewusst ökologisch gestaltete Erdbestattung, das kann man ohne großes Risiko voraussagen, wird bald schon in der Gesellschaft als anspruchsvoll gelten, während das letzte urteilende Wort über die Diamanten-Synthese wohl noch nicht gesprochen ist. Das Urteil der Geschmacklosigkeit nicht vermeiden wird andererseits eine weitere Individualisierungs-Modalität der Erdbestattung, die ich bisher noch gar nicht erwähnt habe: das ist die Auswahl von Särgen, deren Formen sie zu Allegorien von Leidenschaften oder unerfüllten Wünschen des Verstorbenen machen – zum Beispiel dem Mini-Ferrari Sarg für den Formel-1-Fan oder den überdimensionalen Fußball Sarg in den (tatsächlich) jeweils zutreffenden Vereinsfarben.

 

Wer könnte sich das Recht herausnehmen, im einen oder anderen Fall gegen solche individuellen Stil-Entscheidungen anzureden? Die Frage ist weniger rhetorisch, als sie zunächst klingen mag. Denn mit den Konsequenzen solcher Entscheidungen “leben” können und müssen (im doppelt wörtlichsten Sinn) ja nur die Über-Lebenden. Was, wenn einer Gattin der vom verstorbenen Gatten ausgesuchte Ferrari-Sarg peinlich ist? Was, wenn der Geliebte allergisch auf den Diamant-Ring aus den Überresten des Liebenden reagiert? Oder, etwas realistischer: soll der Entschluß ökologisch gesinnter Eltern zugunsten einer Feuerbestatung über den Wunsch ihrer Kinder dominieren, den Ort eines Grabs und nicht bloß eine Urne als Bezugspunkt für ihre Trauer und für ihr Gedenken zu haben? Das maximale Ausleben individueller Freiheit und individueller Stilpräferenzen bis über das Ende des Lebens hinaus ist gewiss nicht in jeder Hinsicht ein höherer Wert als das Festhalten an traditionellen Ritualen – welches Verhalten auch immer solche Rituale konkret und allgemein festlegen mögen.

 

 

 

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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