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Balotelli — Gesicht einer mythischen Niederlage?

28.09.2012, 08:00 Uhr

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Auf Deutsch hat keiner davon gesprochen oder geschrieben, vor lauter fleißig-analytischem Gerede über Stellungs- und Abstimmungsfehler der eigenen Abwehrspieler, niemand hat wirklich gesagt, dass die beiden Tore, mit denen Mario Balotelli am 28. Juni 2012, vor genau drei Monaten, Deutschland bei der Europameisterschaft abgeschossen hat, das zweite vor allem, mythische Tore waren, Keiner hat davon geredet, weil manche Niederlagen so weh tun, dass man ihnen nicht ins Gesicht schauen will. An anderen Niederlagen kann eine Mannschaft, wie man gut pädagogisch sagt, “wachsen,” sie werden zu Standortbestimmungen innerhalb einer Entwicklung, und machen dann Mut auf das nächste Spiel gegen denselben Gegner. So war es beim Null-zu-Eins gegen  Spanien im Halbfinale der südafrikanischen Weltmeisterschaft. “Wir” seien schon beinahe gleichwertig, hieß es damals, aber viel jünger, und das allzu herbeigezwungene Kopfballtor von Carles Pujol ließ sich plötzlich verkraften, mit der kommenden Europameisterschaft im Visier.

Ähnlich wie 2010 gegen Spanien, war die Nationalmannschaft dann doch vor drei Monaten gegen Italien einfach nicht stark genug, um sich durchzusetzen, aber das allein hätte viel weniger geschmerzt und keine Hoffnungen liquidiert. Für meinen Teil habe ich noch nie eine deutsche Mannschaft so gerne gesehen und gehabt, sie hielt ja zwei Jahre lang die Hoffnung in der Luft, wieder so inspiriert, mit Leichtigkeit und unvorhersehbar schön wie in Südafrika zu spielen, wie gegen England, vor allem gegen Argentinien und auch noch gegen Uruguay, die neue deutsche Multikulturalität (und “Integrationskraft”) ist mir dabei egal, ich wünschte mir nur aus Gründen der Ästhetik und zu meiner eigenen Überraschung, ich wünsche mir immer noch, dass diese Mannschaft gewinnt, obwohl ich schon lange keinen deutschen Pass mehr habe, mich mehr für American Football und Eishockey interessiere, und eine etwas kindisch-hämische Haltung entwickelt habe gegenüber den in letzter Zeit ja massiven Sport-Enttäuschungen der deutschen Volksseele.

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Aber dann kamen diese mythischen, im wörtlichen Sinn unbeschreiblichen Balotelli-Tore. Schon das erste, das Kopfballtor in der zwanzigsten Minute, war so gewaltig, so gut plaziert und absolut unhaltbar wie das Kopfballtor, mit dem Didier Drogba wenige Wochen vorher Chelsea im Champions League-Finale am Leben gehalten und Bayern München, die Heimmannschaft, paralysiert und auf die Straße der Niederlage gebracht hatte. Drogbas spätes erstes Tor und Balotellis frühes erstes Tor waren Wendepunkte, von denen sich die beiden deutschen Mannschaften nie mehr erholten, sie waren der Schock von Tor-Ereignissen im ungünstigsten Moment, sie waren die nie ganz zu vermeidende Verletzlichkeit derer, die überlegen spielen, gegen die unwiderstehliche Kraft und Präzision eines Sekundenbruchteils, wie der Schuss aus einem Gewehrlauf wirklich. Davon erholt sich kaum eine Mannschaft innerhalb eines Spiels, es sei denn, ihr gelingt als Reaktion selbst ein Sprung in die Sphäre des Mythischen.

Balotellis zweites Tor jedoch, sechzehn Minuten später, schlug uns in die Augen, zum Beispiel den zwanziggtausend Fans bei einem Public Viewing in Berlin und mit ihnen der ganzen Fußball-Nation (einschließlich ihrer ausländischen Sympathisanten), und damit traf uns auch sofort die Angst, dass es eine oder mehrere Generationen im deutschen Fußball zerbrochen haben könnte, so wie der Fußball in Ungarn sich nie mehr erholt hat, bis heute nicht, von jenem dritten Tor, mit dem der unbekümmerte Fast-Amateur Helmut Rahn am 4. Juli 1954 Ferenc Puskas und die anderen eleganten Honved-Majore um die Weltmeisterschaft brachte, an die sie nach vier Jahren ohne Niederlage glauben mussten.  Wir hatten alle jenes zweite italienische Tor um einen Herzschlag vorweggenommen, wie ein sich logisch vollziehendes Schicksal, als der entscheidende Pass wie ein Florettstoß im Mittelfeld Mario Baloptelli erreichte, der sich um Lahm gar nicht kümmerte, “contemptuous” hätte man auf Englisch seinen Antritt nennen können (gab es dagegen überhaupt ein “richtiges Abwehrverhalten” aus dem Trainingshandbuch?). Und dann der Schuss mit dem rechten Bein, tödlich scharf, kein Torwart hätte reagieren können, zu schnell war der Ball, um ihn auch nur zu sehen, der einzige Schuss, von dem ich je im Ernst gedacht habe, er könnte das Tornetz zerissen haben. “Das hätte nie passieren dürfen,” las ich am nächsten Tag in einer deutsche Fach-Zeitung, dabei ist gar nicht klar, ob ein Abwehrfehler im Spiel war, auf jeden Fall gab es ein drastisches Missverhältnis zwischen Balotellis Gewalt und den Reaktions-Möglichkeiten, die unseren Abwehrspielern gegeben waren, Philipp Lahm und dem großgewachsenen blonde Manuel Neuer, die  aussahen wie Nintendo-Statisten.

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Und dann stand Mario Balotelli, der sehr schwarze Italiener aus Ghana mit den jüdischen Eltern aus Brescia, im geschleiften deutschen Strafraum, zog langsam das blaue Trikot aus, so dass alle Zuschauer und Spieler die Muskeln unter seiner schwarzen Haut sahen und die drei türkisfarbenen Klebestreifen auf dem unteren Rücken, um für lange Sekunden verstehen und auskosten zu müssen, wie es jetzt zu spät war für jedes “Abwehrverhalten,” und wie deshalb der deutsche Traum von der Europameisterschaft gestorben war, ganz egal, ob sie sich darüber freuten oder weinten. So wie Balotelli mag Achilles ausgesehen haben, als er die Leiche des besiegten Hektor mit den Füßen an seinen Streitwagen band, weil jede Bewegung, ja schon das bloße Stehen monumental werden, wenn aller Widerstand gebrochen ist. Da stand weiter Mario Balotelli, der alles ist, was Marco Reus, Mesut Özil und selbst Lukas Podolski nie sein können, so sehr wir sie lieben und an ihren guten Tagen bewundern: Mario Balotelli, der exzentrische, unberechenbare, formschwankende Kettenraucher, an seinen besten Tagen der grausaum-kaltblütige Schütze, unwiderstehlich wie die Macht des Schicksals.

Als vernichtend können sich langfristig nur solche Niederlagen herausstellen, die mit Szenen wie der von Mario Balotelli im nicht mehr verteidigten deutschen Strafraum ein Gesicht und eigenes Emblem gewinnen. Sie sind zu Monumenten der Dauer gewordene Momente von Ungleichheit: Lahm, Hummels und Neuer hatten keine Chance gegen Balotelli in jenem Moment, darüber halfen all die shake-hands am Ende des Spiels nicht hinweg, denn sie machen ja ein Ritual unter Gleichen aus, die nur vorübergehend zu Siegern und Verlierern geworden sind und dann zur Gleichheit zurückkehren. An jenem Abend aber konnte es keinen Rückweg aus einer Ungleichheit geben, die mehr war als die Ungleichheit von Siegern und Verlierern. Solch unumkehrbare Situationen der Ungleichheit sind für die Besiegten Szenen der Schande, von denen man sich nicht schnell erholt.

“Mythisch” schließlich kann man diese Momente und Szenen im Sinn einer klassischen Definition nennen: André Jolles, einer der großen Literaturwissenschaftler aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, schrieb einmal, dass Mythen Antworten auf Fragen in der Form von Erzählungen und Bildern seien, deren besondere Kraft die ursprünglichen Fragen zum Erlöschen bringt. Die Frage, ob die deutsche Fußball-Nationalmannschaft schon stark genug sei, um den Europa- oder Welttitel zu gewinnen, war mit Balotellis zweitem Tor so machtvoll negativ beantwortet, dass sie seitdem aus unserem Horizont verschwunden ist, dass wir nicht mehr wagen, sie zu stellen. Jetzt trauern wir bis auf weiteres einer Mannschaft nach, die möglicherweise starb, bevor sie ihren athletischen Alters-Zenith erreicht hatte.

Gewiss, keine Niederlage, auch die schändlichste und am deutlichsten mythische nicht, kann der Abend aller Tage sein, Italien hat das Endspiel der Europameisterschaft in Kiew mit sage und schreibe Vier-zu-Null gegen Spanien verloren, und irgendwann werden diese phantastischen Spieler aus Barcelona ja doch noch alt werden, eher als die deutschen jedenfalls. Dann mag die Mannschaft aus jener besonders talentierten deutschen Fusballer-Generation endlich einen großen Titel gewinnen – immer vorausgesetzt, der Balotelli-Moment hat sich nicht in ihrer Erinnerung festgefressen. Beim American Football, wo der Gebrauch von Gewalt durch die Spielregeln erlaubt, ja gefordert wird, gibt es immer Quarterbacks und Receivers (sie sollen die Pässe der Quarterbacks aufnahmen und in touch-downs verwandeln), die einmal so hart getroffen worden sind von einem Abwehrspieler, dass sie diesen einen Moment nie mehr vergessen können — und als Alptraum eines prinzipiell unvermeidlichen Verliererpotentials beständig in die Zukunft projizieren. Ich hoffe sehr, dass nicht auf ähnliche Weise die Geschichte meiner liebsten deutschen Nationalmannschaft schon jetzt ihr Ende erreicht hat. Das wäre eine Tragödie für uns, die Fans von Mesut Özil – aber im Stadion und im Theater können Tragödien und die Erschütterung, die sie auslösen, auch unvergesslich werden.

Bild zu: Balotelli -- Gesicht einer mythischen Niederlage?

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Bildmaterial: DPA

 

 
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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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