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Ästhetik Amerikas!

05.10.2012, 08:00 Uhr

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Schon dieser Titel könnte zum Eigentor werden für einen, der aus den Vereinigten Staaten schreibt, als Bürger jenes Landes und als sein spätberufener Patriot mit einem deutschen Akzent: ist “Amerika” nicht der Name eines Kontinents, und sollten “wir Amerikaner” nicht endlich mit der arroganten Gewohnheit Schluss machen, uns an die Stelle des ganzen Erdteils zu setzen? Natürlich, ja, nur wäre das ganz unamerikanisch, es wäre nicht un-bekümmert (im wörtlichen Sinn) genug, um amerikanisch zu sein in der einen Bedeutung, an der mir liegt, es wäre so, wie Intellektuelle heute in den an ihrer Wirtschaft und ihrer Außenpolitk verzweifelnden Vereinigten Staaten reden und schreiben, eben unamerikanisch (nur sicher nicht im Sinn der “unamerikanischen Umtriebe” aus der MacCarthy-Zeit). Deswegen habe ich nicht nur die un-bekümmerte Formulierung stehen lassen, sondern auch noch ein Ausrufungszeichen dahinter plaziert: “Ästhetik Amerikas!”

 

Worum es mir geht, ist einfach eine sehr schwierige Frage, die ich schon seit dreiundzwanzig Jahren höre (auch von mir selbst), mit steigender Tendenz, die Frage, was mich an diesem Land so fasziniert und was mich in ihm hält, keine leicht zu beantwortende Frage, wenn man sich ans Argumentieren macht, zumal mit Europäern, aber doch auf der anderen, subjektiven Seite ganz evident, ohne dass ich die eigene Evidenz verstünde: ich will hier sein, möchte ich sagen, und muss hier sein, weil dies die wirkliche Welt ist. “Wirklich” nicht nach Art einer “tiefen” philosophischen Einsicht, sondern “wirklich” in einem ästhetischen Sinn, wo Ansätze von Verstehen, die mir ins Bewusstsein kommen, um dann immer unabgeschlossen zu bleiben, sich mit einem körperlichen Gefühl verbinden, dem starken Gefühl, dass mir (wieder beinahe wörtlich) etwas unter die Haut geht, ohne dass ich das, was unter die Haut geht, einklammern könnte – oder einklammern  will.

 

Bis jetzt kamen die Wörter ziemlich leicht, und das wusste ich schon, bevor ich mit dem Schreiben anfing. Tausendmal habe ich das gesagt bis heute, wie gerne ich gefangen bin von der Gewissheit, dass meine amerikanische Welt die wirkliche Welt ist. Aber wie kann ich das konkreter machen – oder gar begründen? Das Gefühl stellt sich nicht ein in Momenten von national glory, im Gegenteil, es ist am deutlichsten, wenn ich erschrocken oder enttäuscht bin, wenn es mir peinlich wäre, was ich gerade sehe, jemandem zu zeigen, der das Land kennenlernen möchte. Wie vor zwei Wochen, als wir neun Stunden lang, immer mit sechzig Meilen auf dem Freeway nahe bei der Pazifikküste von Eugene in Oregon bis zur Bay von San Francisco fuhren. Sechs oder sieben Stunden davon sind die absolute Langeweile einer geraden breiten Straße, ab und an bei Kleinstädten vorbei, die nur billig suburban aussehen und ohne ein Zentrum. Gleich nach Eugene aber, einer typischen College-Stadt ziemlich weit im pazifischen Norden, geht es durch Nadelwälder, alle zehn Meilen kommt eine Ausfahrt, immer mit einer oder zwei Tankstellen, einem heruntergekommenen Motel, dem rund um die Uhr geöffneten Restaurant, von dem man nicht weiß, ob es noch funktioniert, mit Autofriedhöfen und, ziemlich überraschend in der amerikanischen Provinz, immer auch mit einem Adult Store für weich-pornographische Magazine. Jedesmal frage ich mich, warum der regelmäßig im Kopf wiederholte Satz, “diese Ausfahrt hat bessere Tage gesehen,” so wenig überzeugend ist. Wann sollte es bessere Tage gegeben haben und wer, überhaupt, wer käme auf den Gedanken, hier zu übernachten, zu essen, ein Buch zu kaufen – nicht einmal zum Tanken lädt das ein, was ich sehe. Wer kann sich je vorgestellt haben, dass man jemanden vom Freeway herunterlocken könnte, kurz vor Eugene und wer soll wirklich die Ausfahrt nehmen? Dann erst kommt aber die wirklich schockierende Vorstellung, dass dies alles, jedesmal und an jeder Ausfahrt die große weite Welt sein könnte für Farmer-Familien, die zehn Meilen entfernt oder mehr vom Freeway leben, um am Sonntag zehn Yards von den Tanksäulen entfernt und nach dem Gottesdienst einen fettig-trockenen Hamburger zu essen. Das muss ihre Sonntags-Welt sein, auch der Magazine wegen, und ich kann mir nicht vorstellen, wie so ein Leben zu überleben ist.

 

Fünf Stunden und gut dreihundert Meilen weiter, in Kalifornien schon, folgt die Strecke der liegengelassenen Projekte. Tankstellen, die aussehen, als hätten ihre Besitzer sie vor fünfzehn Jahren plötzlich verlassen, aber was könnte so eilig gewesen sein, um Plötzlichkeit auszulösen? Riesige Parkplätze für einteilige Wohnwagen, recreation vehicles, die hier ausgerechnet über die Nacht oder die Woche stehenbleiben wollen, Beton-Toiletten für Fahrer, die nicht mehr anhalten hier, dann ein Haus mit erloschener Neonwerbung für Facharztpraxen in the middle of nowhere und mit eingebrochenen Fenstern, darüber fliegt heroisch ein Falke, mit minimal zitternden Kurskorrekturen, wie  in der Schlussszene eines Westerns. Outlet malls, gestreckt entlang dem geraden Freeway, die einmal am Leben waren, bis sie irgendwann keinen Profit mehr machten, nichts, überhaupt nichts ist entsorgt oder aufgeräumt, einfach stehengelassen sieht alles aus, auch die fünf wie Speichen eines Rades für immer geparkten Sattelschlepper. Verlassen und wirklich ist alles. Und wo kommt der aufdringliche Eindruck von Wirklichkeit her? Er hat damit zu tun, dass niemand je versucht hat, etwas zu verschönen oder zu verstecken. Nicht wie Christo, der Verhüllungskünstler so gerne erzählte, dass die Studenten der bulgarischen Kunstakademie am Wochenede aufs Land veschickt wurden, um verfallene Dörfer entlang den Schienen des Orientexpresses zu verhüllen vor dem Blick der reichen Pssagiere, solche staatlich verordnete Rück- oder Vorsichten gibt es nicht in unserem Land, wo Lions Clubs aus Gemeinden von dreizehnhundert Leuten stolz fünf Meilen Freeway “betreuen,” um die Oberfläche der Straße und die Böschungen sauber zu halten, aber der Staat immer nur durch Abwesenheit glänzt, wirklich glänzt.

 

Schrecklich un-bekümmert ist dieses Land, wo sich niemand für alle, für “die Gesellschaft” verantwortlich fühlt, und die Nation zu the military oder zum Supreme Court aufschaut, ihr Alltag ist nicht eine Existenz des des Schreckens, das wäre zu dicht, sondern ein Leben, das nicht einmal spießig ist, ein flaches Leben, um das sich niemand kümmert, nicht einmal die Polizei-Streifen im Ernst. Es ist das Land des Beerdigungsunternehmern Bonasera aus der ersten Szene im Godfather-Film, der “an Amerika glaubt,” weil er weiß, dass er Gerechtigkeit nur von Don Corleone, dem Paten, bekommen kann. Es ist das Land von Don Corleone natürlich, der für Geld und gegen Treue eine Gerechtigkeit schafft, um die sich der Staat nicht kümmert, und der aus diesem respektablen Grund beständig das Gesetz brechen muss.

 

Nichts wird aufgeräumt, niemand sagt den Besitzern von trailor homes, dass es nicht passend ist, lebenslang in einem Anhänger zu wohnen oder einem recreational vehicle, niemand macht Vorschriften, außer moralischen, man darf so reich werden, wie es nur geht. Unser Land ist das Land der Mondlandung, die man jetzt liegengelassen hat, das Land, wo niemand vorschreibt, in welche Richtung die Elektronik wachsen soll, das Land von Steve Jobs, als und nachdem er gefeuert wurde, das Land von Jackson Pollock, der sich verausgabte, mitten in seiner Landwand und im Vollrausch, um den Rhythmus des dripping bis in die Ekstase und zurück gleiten zu lassen. Nichts ist wirklicher als Pollocks Bilder, mit der Ausnahme vielleicht jener Randzonen von New York, wo man denkt, dass die seit hundert Jahren verlassenen Gebäude langsam wieder Natur werden — und ausser den in ihre Kleinbürgerlichkeit verliebten Genreszenen von Norman Rockwell.

 

Alles wächst zum monströsen Moment in unserem Land, das sich den Namen seines Kontinents anmaßt: der Penner mit dem langen weißen Bart, den ich seit dreizwanzig Jahren sehe, wie er mit aristokratischer Eleganz tatsächlich und einer Würde, die Ministern abgeht, Mülltonnen durchsucht nach Brot und nach Bierflaschen; die siebzehnjährigen freshmen von Stanford, die vom Nobelpreis träumen, von Milliarden oder von Weltrekorden. Nichts wird egalisiert, die Welt ist voller Möglichkeiten, vor allem im Scheitern, das Land der überbelegten Gefängnisse sind wir und der überhaupt nicht aufgehobenen Todesstrafe. Fast ein Labor dessen, was sonst noch passieren könnte im Leben — und in Hollywood, wo das, was das un-bekümmerte  Labor ohne Fürsorge hervorbringt, so farbgefiltert wird, dass Mythen daraus werden, die Mythen unserer Zeit seit hundert Jahren tatsächlich und immer noch, in den Farben und Szenen der Filme von Hollywood, immer noch. So wie Silicon Valley das Leben im Raum ausgehoehlt hat und doch taeglich alle Geister der Elektronik versammelt in seinen flachen  Betongebaeuden entlang der Freeways 101 und 280, immer noch.

 

Das Lied auf meiner Lieblings-CD dieser Tage hat ein metallene Stimme und schwärmt von Fingernägeln that shine like justice. Das wäre es, Richter des Supreme Court, mit violettem Nagellack, warum nicht, wo es doch doch schon Christian Science gibt, und niemand auf die Idee käme, Parlamentsdiskussionen über ein Verbot zu verlangen. Die Ästhetik Amerikas! steigert alles ins Maximum, um es dann liegenzulassen bei der Freeway-Ausfahrt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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