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Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Der Heilige Geist der Demenz

Antje Lewitz-Danguillier ist Pfarrerin im Ruhrgebiet, protestantische Pfarrerin versteht sich, und ich kenne weder ihre Stimme noch ihr Gesicht. Vor einigen...

Antje Lewitz-Danguillier ist Pfarrerin im Ruhrgebiet, protestantische Pfarrerin versteht sich, und ich kenne weder ihre Stimme noch ihr Gesicht. Vor einigen Wochen schrieb sie mir, in Reaktion auf einen Blog-Text vom späten Juni, so meine Erinnerung, wo ich erklärt hatte, wie unmöglich es für mir war, Gefühle der Trauer über den Tod meiner dementen Mutter zu spüren oder wenigstens zu wecken. Der Grund für diese emotionale Taubheit, glaubte (und glaube) ich (immer noch), war einfach das lebenslang sehr distanzierte Verhältnis zwischen meiner Mutter und mir, das dann am Ende durch die Demenz auch noch unumkehrbar wurde. In meiner Familie, wo sonst nur selten jemand den einen oder anderen Blog liest, waren die Reaktionen auf den Text ausnahmslos negativ – bis hin zur Empörung darüber, dass ich eine private, inner-familiäre Beziehung in einem öffentlichen Medium preisgegeben hatte.

Dies war der Hintergrund, vor dem ich sehr dankbar war für die Mail von Pfarrerin Antje, die mich weder kritisierte noch lobte, sondern einfach weiter-assoziierend davon erzählte, wie sie, an Werktagen meistens, in einem Heim Gottesdienste für eine Gruppe von dementen alten Leuten hält. Einige der von ihr erwähnten Einzelheiten berührten mich, wahrscheinlich weil sie eine „andere Nähe” vorstellbar machten  – eine andere Nähe, die es zwischen meiner Mutter und mir eben so wenig gegeben hatte, wie die in einer so engen Familienbeziehung zu erwartende „normale Nähe.” Ich habe Antje dann um einen ausführlicheren Text für den Blog über ihre besondere Form der Erfahrung mit Dementen gebeten, und sie war dazu sofort bereit — hat sich aber einige Wochen Zeit genommen. Von dem, was sie endlich geschrieben hat, bin ich sehr beeindruckt, auch wenn meine eigene Reaktion auf einige der Erlebnisse, von denen sie erzählt, natürlich viel weniger seelsorgerisch wäre.

Das beginnt mit der Frage, ob und warum überhaupt man Menschen, die einen Gottesdienst eigentlich gar nicht mehr wollen können, einen Gottesdienst anbietet – oder zumutet. Ich kann mir auch gar nicht wirklich vorstellen, wie in Demenz vermummte alte Menschen aus den „Heilstaten Gottes Kraft und Mut für ihr Leben schöpfen” sollen, um Antje vorab zu zitieren. Gewiss, andererseits werde ich, so wie Demenz sich eben auswirkt, nie zu beweisen imstande sein, dass ihren „Gläubigen”  nicht an einem Gottesdienst liegt und dass existentielle Ermutigung als seine  Folge sich bei ihnen keinesfalls einstellen kann. Hier ist jedenfalls Antjes Text ohne Kürzungen oder irgendwelche andere Modifikationen, wie ich sie bisher immer anbrachte, wenn Gäste für diesen Blog geschrieben haben. Diesmal habe ich einen Gast, deren Sicht der Welt so deutlich von meiner eigenen verschieden ist, dass ich diese Differenz respektieren muss, möchte – und auch dokumentieren will -

*

 

„Gleich ist es 11.00 Uhr. Eine gute Zeit zwischen Pflege, Frühstück und Mittagessen. Die Zeit für den Gottesdienst auf dem Wohnbereich für Menschen mit einer Demenz. Aufsuchende Seelsorge. Die Kirche kommt zu den Menschen. Den fahrbaren Altar mit dem eingebauten Kreuz habe ich dabei. Auch genügend Liedblätter, die Kerze und die Streichhölzer, das genähte Baumwolltuch in der entsprechenden Farbe – heute ist es grün – den CD-Spieler sowie das je besondere Utensil für den Gottesdienst. Auch den 23. Psalm und das Vaterunser.

In meinem liturgischen Kleid, dem schwarzen Talar mit dem weißen Beffchen, den Altar vor mir, begebe ich mich zum Fahrstuhl und lasse mich in die 1. Etage bringen.

Ich öffne die Tür zum Wohnbereich und schiebe den Altar herein. Die Menschen erkennen mich. Ich werde wahrgenommen. Manche erinnern sich. „Gleich feiern wir Gottesdienst.” Ich schaue nicht mehr auf die Uhr.

Zunächst einmal muss ich mich zu recht  finden. Mal schauen, wo genau heute der Gottesdienst stattfinden kann. Wo sitzen die meisten derer, die teilnehmen wollen? Im Gemeinschaftsraum zwischen Küche und Flur. Ich fahre den Altar in den Raum hinein und stelle ihn vor den Fernseher. Dort beginnt gleich ein interessantes Programm: Ich öffne den Altar, lege das Tuch auf, leihe mir, nachdem ich mir das Einverständnis derer geholt habe, die am Tisch sitzen, die Vase mit den Plastikblumen aus und stelle die Kerze auf, die ich noch nicht anzünde.

In den CD-Spieler lege ich schon einmal die erste CD ein. Jetzt begrüße ich jeden Bewohner und jede Bewohnerin mit Namen und gebe ihnen die Hand. Dabei spreche ich persönliche Worte und verteile das Liedblatt, das in vielfacher Weise untersucht und behandelt wird. Einige wollen direkt mit dem Singen beginnen, werden aber von der Gemeinschaft daran gehindert: “Der Gottesdienst hat noch nicht angefangen.”

Einzelne Bewohnerinnen und Bewohner kommen noch dazu.

Nun zünde ich die Kerze an und heiße in der Gemeinschaft alle noch einmal herzlich willkommen zum Gottesdienst. Eine Bewohnerin: „Wie ist das heute so feierlich!”

Dann lasse ich die Glocken auf der CD läuten. Eine eigenartige Ruhe erfüllt den sonst so geschäftigen Ort auf dem Wohnbereich. Heute werden die Glocken zu den Glocken von Rom – manchmal sind es die Glocken von Köln.

Spätestens mit der liturgischen Eröffnung im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes ist klar: Wir feiern Gottesdienst.

Alles ist anders in diesem Moment der Gegenwart. Die Erkrankung „Demenz” verliert ihren Schrecken, so scheint es mir. Nicht wenige derer, die am Gottesdienst teilnehmen, lassen ihre Weltverlassenheit zurück und treten ein in eine Stimmung der Geborgenheit, machen mit und genießen ihre eigene Präsenz. Hören ihre Stimmen bei Gesang und Gebet. Nehmen die Atmosphäre wahr.

Für mich ist das immer eine wunderbare Erfahrung. So nehme ich die Freude dankbar auf und spiegele sie in den Raum hinein.

Dann ist da nicht mehr Vergangenheit noch Zukunft. Die Relevanz der Zeitkategorien ist aufgehoben. In der Pause lebt die Gegenwart.

Das ist eine besondere Herausforderung für mich. Diese radikale Präsenz von Menschen mit einer „Demenz” aushalten. Ertragen. In der Situation sein und bleiben. Im Wissen um meine eigenen Kategorien von Zeit, in denen ich lebe, mich befinde, von denen ich weiß.

Auch theologisch: Da ist die Erinnerung und das Vergewissern der biblischen Heilstaten Gottes in der Geschichte als auch das Leben im Lichte Seiner Verheißungen in Jesus Christus. Daraus schöpfen Menschen Kraft und Mut für ihr Leben. Doch wie wird die je eigene Lebenssituation erfasst ohne das aktuelle Erinnern der Vergangenheit und die antizipierte Zukunft?

Die Bitte um Gottes Gegenwart jetzt. Nicht erst in der fernen “ewigen” Zeit.

Wie präsent bin ich als Pastorin, als Liturgin?

„Das Reich Gottes kommt nicht, so dass man’s beobachten kann. Man wird nicht sagen: Siehe, hier ist es! oder: da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch (Lukas 17, 20 + 21).”

Der liturgische Rahmen des gemeinsamen Gottesdienstes öffnet den Raum für Berührung und Begegnung in der Zeit. Die Bewohnerinnen und Bewohner reagieren mit ihren je individuellen Möglichkeiten auf das Geschehen und spüren ihre eigene Präsenz.

Menschen, die den Alltag mittlerweile eher sprach-los verbringen, beginnen zu singen und hören beim Gesang und beim Sprechen der vertrauten Gebete sich selbst. Ihre Stimmen werden kräftiger und sie singen die vertrauten Worte und Melodien laut mit, oftmals drei- oder viermal die erste Strophe, nicht selten auf  kreative Weise künstlerisch verändert.

Im Predigt- bzw. Verkündigungsteil rege ich die Sinne an, denn unser Gedächtnis erinnert sich vorrangig über Emotionen, nicht über den Verstand.

Wenn ich im Sommer Erdbeeren mitbringe, gibt es viel sichtbaren Genuss am Tisch, rot verschmierte Münder und Blusen. Viele erinnern sich an den Schrebergarten zuhause, an das Gefühl des Sommers, an eine gute Zeit.

Die duftende Rose schenkt den Gesichtern ein Lächeln – „wie schön …” höre ich viele sagen – und wer weiß, welche Erinnerungen an besondere Stunden noch geweckt werden, wenn  man das eine oder andere Schmunzeln so deuten möchte.

 

Die Intensität dieser Gegenwart ist in unseren herkömmlichen und vertrauten Zeitkategorien nicht messbar und so nicht wiederholbar, aber sie ist real und konkret spürbar. Hier ist Verheißung. Hier weht heiliger Geist.

Und das alles, wo Grenzen an Grenzen stoßen. Meine Grenzen: Wie weit bin ich entfernt von den Menschen, wie sehr kann ich mich heute auf die Gegenwart einlassen, wie viel Vertrauen und Zuversicht bringe ich mit in die Situation und wie weit kann ich mich öffnen für die zu erwartenden Überraschungen?

Die Grenzen der anderen: Die neuen und anderen Grenzen, die mit der Erkrankung einhergehen.

Verbindende Grenzen: Wir sind Menschen. Ob mit oder ohne Erkrankung, immer mit einem Lebensbeginn und einem Lebensende. Wir haben Gefühle. Wir freuen uns und sind traurig. Wir kennen Ängste. Unsere existentiellen Bedürfnisse sind gleich. Wir leben unter den äußeren Bedingungen der Zeit und erleben die Welt mit unseren Sinnen.

Grenzen werden durchlässiger und verlieren an Bedrohung. Einerseits. Andererseits und im selben Augenblick das Erleben des Lebens als totale Grenzerfahrung in und mit der Erkrankung in simultaner Koexistenz.

Als Pastorin bin ich an dem gottesdienstlichen Geschehen leibhaftig beteiligt. Ich reiche die Erdbeeren an, führe sie teilweise bis zum Mund. Die Rose halte ich vor das Gesicht, vorsichtig bis an die Nase. Wenn ich spüre, es könnte ihnen gut tun und die sinnliche Wahrnehmung verstärken, berühre ich die Bewohner und Bewohnerinnen achtsam, am Arm, an der Schulter, am Rücken.

Eine mittlerweile verstorbene Bewohnerin hat immer erst dann begonnen zu singen, wenn ich sie an einer bestimmten Stelle ihrer Schulter berührt hatte. Dann ging es los mit ihrem Gesang.

Berührung wirkt auf vielfältige Art und Weise. In dieser Situation spürt sich der Mensch nicht mehr haltlos. Die Berührung gibt mir Orientierung am Ort: Ich bin – hier. Jemand geht mit mir in Kontakt. Ich bin nicht allein, bin Teil einer Gemeinschaft und schwebe nicht im grenzenlosen Raum.

Das Berühren schafft Nähe und strahlt auf mich zurück. Dadurch wird das innere Berührtsein intensiviert. Der Körperausdruck verändert sich. Das seelische und geistige Erleben werden angeregt und bewegt. Innen und  Außen treten in einen Dialog. Die Berührungsdichte in diesem Gottesdienst ist hoch. 

Liturgisch nimmt sie noch weiter zu: Nach dem Vaterunser folgt der Segen. In diesem Geschehen berührt uns Gott in Liebe.

Als Liturgin bitte ich um Gottes Segen. Ich öffne mich für die liebende Berührung Gottes und wende mich den Bewohnerinnen und Bewohnern mit all meiner Präsenz zu. Ich vertraue darauf, dass                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           Gott mich in dem Moment mit Liebe erfüllt und ich diese Liebe als berührende Segenskraft unmittelbar weiter geben kann und Gottes Gegenwart spürbar wird.

Der Segen geschieht jetzt.

Oftmals heben Bewohnerinnen und Bewohner ihre Hände mit mir und wir bitten um den Segen gemeinsam.

Eine Bewohnerin neben mir greift meine rechte Hand, hält sich an mir fest und lacht. Ich segne mit links und zeichne das Kreuz in die Welt. Das Vertrauen auf die unverfügbare Kraft der Präsenz Gottes schafft Nähe, Nähe zu Gott und den Menschen.

Ich lasse noch einmal die Glocken läuten – vielleicht werden sie  wieder zu den Glocken von Rom – verabschiede mich von allen Bewohnerinnen und Bewohnern mit persönlichen Worten, manchmal auch mit einer Berührung – und spüre Dank.

Ein Bewohner bläst die Kerze aus.

Ich stelle die Blumenvase auf den Tisch zurück und lege das Tuch zusammen. Dann schließe ich die Türen des Altars, nehme den CD-Spieler in die Hand und sage „Auf Wiedersehen”.

Da ist ja meine Uhr. Bald gibt es Mittagessen.

Beim Verlassen des Wohnbereichs höre ich in der Ferne eine Bewohnerin ein Weihnachtslied singen, im Sommer. Ich bin glücklich. Vielleicht ist sie es auch.

Ich suche noch immer nach einer angemessenen und würdevollen Bezeichnung für die verschiedenen Ausprägungen dieser Erkrankung, die medizinisch und gesellschaftlich meistens mit Demenz bezeichnet wird. Demenz ist eine verletzende Vokabel. De-menz  bedeutet  „ohne Geist”.

Welche Menschenbilder sehen und verbreiten wir in der Welt und für welche Farben und Farbnuancen entscheiden wir uns? Finden wir eine passende Sprachlichkeit für diese Formen der Erkrankung?

Demenz ist nicht ohne Geist.

Pfarrerin Antje Lewitz-Danguillier, 3. Oktober 2012.”

*

Die Vorstellung hat mich sehr beeindruckt, wie prekär das Zusammenkommen dieser Gottesdienste sein muss, und wie die Kommunikation zwischen den Teilnehmern und der Pfarrerin auf technisch reproduzierte Klänge, auf die Stimmen der Anwesenden vor allem auf Momente der körperlichen Berührung angewiesen ist. Aber warum, da regte sich erneut mein Widerstand gegen all die theologischen Voraussetzungen und Rücksichten, warum soll man das Wort „De-menz” vermeiden, ist es nicht genau das Schicksal der De-menten, eben „ohne Geist” zu sein?

Über dieser Frage, die mir immer mehr von einer rhetorischen zur echten Frage wurde, habe ich zum ersten Mal verstanden, dass „ohne Geist” sein im Fall der Dementen vor allem bedeutet, ohne Vergangenheit zu leben, ohne Erinnerung an das Vergangene und auch wohl ohne das Vorwegnehmen möglicher Zukünfte. Dementes Leben muss ein Leben in einer ewiger Gegenwart sein, die sich zwischen verschiedenen Inhalten verschiebt, aber doch nie Konturen hat. Und diese besondere Gegenwart enthält vielleicht tatsächlich die Chance — nicht schon gleich ein Versprechen – gesteigerter Intensität, beim Singen zum Beispiel, beim Empfinden von Feierlichkeit, vielleicht sogar bei dem Kinder-gleichen Essen von Erdbeeren.

Dann habe ich mich – einen Gedanken-Schritt weiter — an den Bericht der Apostelgeschichte von Pfingsten erinnert, vierzig Tage nach Christi Tod, an jenen biblischen Moment, der schon für uns Erstkommunikanten der Moment des Heiligen Geistes war. Christus wird als leiblicher Sohn Gottes nicht mehr in die Welt zurückkehren, das bedeutet Pfingsten ja, nicht bis zum Tag des Jüngsten Gerichts, und es ist der Heilige Geist mit dem Zeichen der Feuerzungen, der Christi nun vergangene körperliche Gegenwart in der Welt zu einer Gegenwart der Klarheit Gottes und der von ihm geschenkten Stärke machen soll, zu einer Gegenwart, die auf sich selbst konzentriert ist. Das vielleicht ist eine Stärke von Gegenwärtigkeit und Konzentration, wie sie den De-menten, den Menschen ohne Vergangenheit und Zukunft, aus ihrer Beschränkung schon immer gegeben sein könnte. Das Ausbleiben von Zukunft und Vergangenheit wirkte dann wie eine Präsenz des Heiligen Geistes, sie wäre der Heilige Geist der Dementen.

Erst war ich einigermaßen überrascht, mich, den Agnostiker, solche Sätze denken und schreiben zu sehen. Natürlich könnte ich sie gleich zurücknehmen und betonen, dass all dies in einem strikt säkularisierten Sinn zu verstehen ist. Aber muss ich mich wirklich darauf verpflichten? Oder kann ich für eine kurze Zeit, für den Blog einer Woche nur, dem Heiligen Geist der Dementen vertrauen oder mindestens auf ihn hoffen? Nicht so sehr, weil ich freundlich erscheinen will gegenüber [Mit-]Menschen denen Vergangenheit und Zukunft verloren gegangen sind, sondern weil ich tatsächlich nicht weiß (und nie wissen werde), wie lebenswert sich ihr Leben von innen anfühlt.

 

 

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