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Menschheit als kosmologischer Zufall

30.11.2012, 09:00 Uhr

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Letzten Donnerstag, beim Lesen des neuesten Dissertations-Kapitels einer Doktorandin, hatte ich ein spezifisches Gefühl, das nicht selten den ersten Augenblick besonders produktiver Einsichten wie eine Aura umgibt: kann es denn sein, dachte ich, dass sich mir selbst ein Sachverhalt, der so evident ist, vorher nie erschlossen hatte? Tatsächlich sind ja, darum geht es in dieser Doktorarbeit, in der jüngsten Vergangenheit vielgestaltige Befürchtungen aus der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, dass sich nämlich die Zukunftshoffnungen einer fortschrittsgläubigen Menschheit vielleicht nicht ganz erfüllen könnten, in die generelle (und nun viel pessimistischere) Prämisse eines sich fortsetzenden Überlebens der Menscheit umgeschlagen. Denn wir erleben mittlerweile allenthalben die Zukunft als erfüllt von Bedrohungen, denen wir langfristig nicht werden ausweichen können, so dass das bloße Überleben, von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr, zur letzten positiven Modalität der individuellen und der kollektiven Existenz geworden ist. Ob die wahrgenommenen Bedrohungen “wirklich real” sind und warum wir sie überhaupt als “real” erfahren, steht dabei zunächst gar nicht in Frage. Nur auf den neuen kollektiven und indivudellen Sachverhalt einer Existenz im Modus des Überlebens möchte ich mich konzentrieren.

Denn dieser Existenz-Modus des Überlebens wirft “große” Gedanken auf, nicht notwendig und immer die subtilsten Gedanken wohl, aber Gedanken “am Rande des Denkbaren” sozusagen. Zum Beispiel wird deutlich, dass “wir,” ich meine: die vor allem durch elektronische Kommunikation “global” (und beinahe, aber nicht vollkommen “universal”) gewordenen Menscheit unserer Zeit, zum ersten Mal seit Jahrtausenden die Wirkungen und Spuren des Vergehens der Zeit nicht mehr als ausschließlich auf die Menschen konzentriert vorstellen – was allein schon erklären könnte, warum wir mit einem Mal die Zukunft als von Bedrohungen erfüllt erleben, das heißt, erfüllt von Möglichkeiten die nicht von uns selbst zu kontrollieren sind. Jene Geschichten des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert vor allem, die dem “geschichtlichen Weltbild” sein Prestige und seine Autorität erworben hatten, waren Geschichten, in denen stets entweder “Fortschritt” oder “Niedergang” vorzustellen waren, jeweils (und meist ausschließlich) in Abhängigkeit von menschlichen Handlungen. Und selbst im Genesis-Teil des Alten Testaments findet der Prozess der Welt-Erschaffung in der Erschaffung der Menschen seinen Höhepunkt und Abschluss. Mit anderen Worten: auch eine selbst nicht als vom Menschen – sondern von Gott–  gestaltet erlebte Zeit war in ihrer Verlaufstruktur auf den Menschen bezogen.

Seit die Veränderungen in der Natur aber nicht mehr als notwendig als von den Menschen abhängig oder als auf die Menschen bezogen erlebt werden, ist auch eine grundlegende Symmetrie-Annahme problematisch geworden, welche für lange Zeit als so fraglos gegeben gegolten hatte, dass wir auf ihr Bestehen gar nicht aufmerksam wurden. Dies war die Annahme, nach der die kognitiven Fähigkeiten des Menschen (in ihrer Totalität zumindest) die Möglichkeit seines kollektiven und individuellen Überlebens garantieren sollten (sie sollten dieser Aufgabe “angemessen” sein). Menschheits-Krisen waren vor diesem Horizont dann immer zurückzubeziehen auf die Annahme eines inadäquaten oder suboptimalen Gebrauchs jener kognitiven Fähigkeiten. In seinem “Humanismusbrief” aus dem Jahr 1947, dem ersten Text, den er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nach dem Untergang des von ihm unterstützten Nationalsozialismus schrieb, war Martin Heidegger wohl einer der ersten Philosophen unserer jüngeren Vergangenheit, der jene Annahme einer Symmetrie zwischen den intellektuellen Herausforderungen der doppelten Überlebens-Sicherung und unseren Homo sapiens-Fähigkeiten in Frage stellte. Damit markierte er einen weiteren Grenzwert des Denkens, jenseits dessen sich die von uns nicht strukturierbare Dimension des “Schicksals” ausbreitet, die Dimension des weder Kontrollierbaren noch in qualifizierter Weise Vorstellbaren.

So gesehen erscheint jene uns heute nicht mehr überzeugende Symmetrie-Annahme als ein säkularisierter und seine Säkularisierung erstaunlich lange überlebt habender Rest eines Bilds von der Welt als einer im Menschen gipfelnder und auf den Menschen bezogener göttlichen Schöpfung. Wo dieser Rahmen implodiert, öffnet sich die Versuchung, den Menschen, das Bewusstsein und die Menschheit als Anomalien innerhalb des Universums zu sehen, als einen exzentrischen kosmologischen Zufall, als eine Aberration in der Entfaltung und Transformation der Materie, zu deren Zerstörung oder Eliminierung es mit hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später kommen wird. Doch nicht einmal diese sich als “realistisch” gebende Vison kann durch das menschliche Denken gesichert werden, denn letztlich ist ja – jenseits der Reichweite unseres Denkens – nicht einmal die Existenz eines “die Menschen liebenden Gottes” absolut auszuschließen (eigentlich genauso wenig wie sie zu bestätigen ist).

“Groß,” beginnen wir nun zu verstehen, sind solche Gedanken vor allem wegen ihrer potentiellen Wirkungen auf die menschliche Psyche zu nennen, weniger wegen ihrer Komplexität oder wegen ihrer besonderen inhaltlichen Schwierigkeit. Im Gegenteil, die Möglichkeit, uns, die Menschheit, als vorübergehenden kosmologischen Zufall vorzustellen, gehört zu den Implikationen auch der banalsten Lebensformen des Agnostizismus heute (und nicht nur heute). Tatsächlich eindrucksvoller, oft im Sinn einer physischen Reaktion, ist ein begrenzter Horizont von Gedanken, der sich seit dem frühen Existentialismus der 1920er-Jahre immer wieder neu etabliert hat. Es ist erstens der Gedanke, dass “man selbst” eine Tages nicht mehr existieren wird (Heidegger nennt ihn den Gedanken von der “Jemeinigkeit des Todes”) und dann kein Wissen oder Gefühl von diesem “Nicht-mehr” haben wird. Er lässt sich zweitens ausdehnend anwenden auf die Ebene der Menscheit, von deren möglichem und sogar wahrscheinlichem Ende auszugehen ist – zumal wenn sie als kosmologischer Zufall gesehen wird. Noch radikaler und herausfordernder wirkt schließlich und drittens die Vorstellung, es hätte – evolutionär gesehen jedenfalls – nie zur Emergenz des Menschen und seines Bewußtseins kommen können und mithin zum Erleben oder gar zur Erfahrung “unses” Planeten, “unseres” Sonnensystems und vieleicht “unseres” Universums.

Aus der Selbst-Beoabachtung und aus der Beoachtung meiner Studenten leite ich ab, dass diese Art von philosophischen Grenzgedanken über die Möglichkeit der individuellen und vor allem der kollektiven Nicht-Existenz entweder als allzu abstrakte und von unserem Alltag entfernte Gedanken an uns vorbeiziehen — oder uns (um es drastisch zu formulieren) “in die Magengrube fahren,” ohne dass sich die Richtung unserer Reaktion in die eine oder andere Seite steuern ließe. Die nächste Frage, noch eine Frage, die unbeantwortet bleiben muss, heißt, ob die für unsere Gedanken nicht lösbare Frage nach den Gründen für unsere (primär physische) Existenz, eben deshalb, weil sie vom Bewußtsein als unbeantwortbar abgewiesen wird, unser physisches Dasein so spezifisch betreffen und berühren (“in die Magengrube fahren”) kann. In dieser Hinsicht – und im Blick auf solche Wirkungen – ist die Frage nach den Bedingungen für die Existenz der Menschheit wohl nur noch um eine weitere Grenzwert-Dimension zu steigern. Sie kann gesteigert werden durch die Frage, wie zu erklären ist, dass es (überhaupt) etwas gibt – und nicht nichts. Diese Frage liegt um Lichtjahre (sozusagen) außerhalb der Reichweite des menschlichen Geistes, doch zugleich konfrontiert sie unseren Geist und unsere Vorstellungskraft mit der Herausforderung, alles Existierende (einschließlich unserer selbst und unseres Bewusstseins natürlich) zu nichten.

Es mag diese spezifische Schleife der Selbstreflexivität sein, auf die wir – gelegentlich zumindest – körperlich reagieren, weil es hier um die Vorstellung geht, all das zu nichten, was (selbst) den Gedanken des Nichtens erst ermöglicht.

 

 

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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