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Wer braucht einen Doktortitel und wofür?

07.12.2012, 09:00 Uhr

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Der Fall (und ein “Fall” im doppelten Sinn des Wortes war es ja wirklich), der Fall des ehemaligen Bundesverteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg, hat in Deutschland, das kann ich aus empirisch gesicherter Perspektive bestätigen, bis heute anhaltende Wellen von Konfessionen ausgelöst, von Konfessionen über problematische Hilfeleistungen oder über Abkürzungen auf dem Weg zum Doktortitel, wohl saturierte moralische Entrüstung und natürlich auch Ressentiment-getriebene Häme. Doch all die heftigen Reaktionen sind nie zu jener Frage gelangt, deren Diskussion und Beantwortung allein eine langfristige Veränderung der Lage hätte auslösen können, nämlich zur Frage nach der Funktion (oder den Funktionen) von Doktorarbeiten, Doktorprüfungen und Doktortiteln.

 

Über die Voraussetzungen des Doktortitels hingegen besteht Klarheit seit jenen strukturellen Reformen, welche in den Jahrzehnten um 1800 zur Emergenz der (im kulturellen Sinn) bürgerlichen Universität geführt haben. “Doktor” (“Gelehrter” im Lateinischen) darf sich öffentlich nennen, wer ein Manuskript verfasst hat, in dem ein aus eigener Arbeit des Autors entstandenes Element neuen Wissens entfaltet wird. Bei aller möglichen Variation im Grad der Innovation, im Umfang des Manuskripts und in der Ergänzung durch weitere Anforderungen (zum Beispiel verschieden ausgeformte Zusatzprüfungen) wird auf die beiden zentralen Komponenten – Neuheitsanspruch und Schriftlichkeit – nie verzichtet. Daneben gibt es mindestens eine Funktion der Doktor-Leistung, welche außer Frage steht. Sie markiert entweder die letzte oder die vorletzte Schwelle, entweder das Gesellenstück oder das Meisterstück innerhalb einer akademischen Karriere, das heißt: innerhalb einer Karriere, die zur Professur, der höchsten Rollen-Ebene auf dem höchsten Niveau von Lehre, Kontemplation und Forschung führen soll. Ohne den (dreidimensionalen) Erweis der Fähigkeit zum ebenso unabhängigen wie komplexen Denken und seiner Artikulation, kann diese Art von Karriere nicht weitergeführt werden, selbst wenn der spezielle Fähigkeits-Erweis mit der von einem Hochschullehrer (neben der Fähigkeit zur Forschung) geforderten pädagogischen Kompetenz eigentlich wenig zu tun hat. –

 

Alle alle anderen, die nicht-akademischen Motivationen zum Abfassen einer Doktoarbeit sehe ich tatsächlich mit Skpesis, wenn auch mit verschiedenen Graden von Skepsis. Denn allein im akademischen Kontext kommt es notwendig zu einer Qualitäts-Bestätigung der Doktor-Leistung, weil nur dort ihr Inhalt (und nicht das bloße Faktum des Titels) Voraussetzung zur Beförderung (“Promotion”) auf eine nächst höhere Ebene ist. Unter allen anderen institutionellen Bedingungen schwindet mit der Verleihung des Doktortitels jede Motivation, die inhaltliche Qualität jener Leistung zu überprüfen, für die er verliehen wurde. Trotzdem und erstaunlicherweise hat sich die Funktion des bloßen Titels als Intelligenz-Beweis, Kompetenz-Symptom und Prestige-Vermehrer bis heute so hartnäckig gehalten, dass er in vielerlei sozialen Räumen als — sozusagen “bilde” — Zulassungsbedingung für bestimmte Stellen fungiert. Vor allem deshalb existiert die Versuchung, sich einen Doktortitel unter minimaler Erfüllung der einschlägigen Anforderungen zu erwerben — oder tatsächlich unter ihrer Umgehung.

 

Unter elektronischen Voraussetzungen aber ist das damit verbundene Risiko aus zwei Gründen und in zwei Dimensionen entscheidend gewachsen. Vermutungen des Plagiierens (der nicht markierten Übernahme von Formulierungen und Forschungsleistungen anderer) und des Forschen- oder Schreiben-Lassens anderer (meistens gegen Bezahlung) lassen sich elektronisch so definitiv zurückweisen oder bestätigen, dass alle Verdeckungs- und Rückzugsgefechte, wie man im Fall von Guttenberg gesehen hat, überflüssig geworden sind. Auf der anderen Seite und vor allem eigentlich wird unter elektronischen Bedingungen aber der Anspruch der Wissens-Innovation leicht brüchig. Denn idealerweise sollte die Doktorandin ja aus Innovations-Gründen nachweisen könnten, alle zuvor über ihr Thema geschriebenen Publikationen mit dem Ergebnis zur Kenntnis genommen zu haben, dass sie ihren eigenen Innovations-Anspruch nicht in Frage stellen oder vorwegnehmen. Diese Forderung lässt sich aber – aus quantitativen Gründen – immer weniger erfüllen, je mehr die Totalität der einschlägigen Texte elektronisch zugänglich gemacht sind.

 

Trotz des also deutlich gewachsenen Risikos (und der ja keinesfalls zurückgegangenen Groß-Investition an Zeit) laufen je spezifische Versionen des Doktorats-Rituals bis heute weiter, die unter funktionalen Gesichtspunkten schon immer hochgradig absurd gewesen sind. Guttenberg wäre doch ohne seinen juristischen Doktortitel nicht ein weniger brillanter Verteidigungsminister gewesen, und selbst für Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan ergeben sich keine nachsweisbaren Kompetenz-Vorteile aus ihrem theologischen Doktortitel – während andererseits der Doktortitel zum Auslöser von Guttenbergs Karriere-Abbruch wurde und im Fall von Schavan eine langfristige Krise mit deutlichem Prestigeverlust auslöste. Individuelle Fälle von Risiko und Absurdität werden freilich massiv überboten von der Dissertations- und Doktortitel-Produktionsmaschine als Teil der Arzt-Ausbildung, einem deutschen Sonderfall. Nirgends sonst hat die auch in manchen anderen Sprachen übliche Anrede von Ärzten als “Doktor” zu der Obsession geführt, den Wortgebrauch durch eine insitutionelle Realität zu legitimieren.

 

Die Zahl der deshalb freiwllig übernommenen Doktorarbeiten und ihrer Themen scheint das Volumen von auf dieser Ebene möglicher relevanter Forschung in bei weitem zu überschreiten, so dass dysfunktionale und manchmal sogar groteske Themen schon seit jeher ein Teil der Norm waren. Als ich vor vielen Jahren, selbst frisch promoviert, meiner Mutter die Freude machen wollte, ihre angeblich verloren gegangene medizinische Doktorarbeit zu finden und zu kopieren, entdeckte ich, dass sie ihren lebenslang mit viel Stolz geführten “Dr. med.” für achtzehn im doppelten Zeilenabstand gefüllte Schreibmaschinenseiten bekommen hatte, auf denen sie – ohne irgendwelche Schlussfolgerungen zu ziehen – sehr schematisch dreizehn Fälle von Frauen beschrieb, die während einer Schwangerschaft an Blinddarmreizung erkrankt und operiert worden waren.

 

Während also unter deutschen Bedingungen ein medizinischer Doktortitel kein Zusatz-Prestige und keine Zusatz-Autorität abwirft (sondern allein die Befürchtung eines Prestige-Nachteils bei denen, die von ihrem Recht Gebrauch machen, ohne ihn auszukommen und zu praktizieren), kann er dort als Instrument der Distanzsetzung und als Grund für psychische Spannungen wirksam werden, wo er weder (wie in akademischen Karrieren) vorgeschrieben noch (wie in der deutschen Medizin) Normalerwartung ist. Ich erinnere mich lebhaft an die Überlegenheitsgesten jeder Studienräte an meinem Gymnasium, die das Recht hatten und ausspielten, sich von den Schülern wie von ihren Kollegen als “Herr Doktor” anreden zu lassen – und ich glaube nicht wirklich, dass solche Gesten der Hierarchisierung mittlerweile vollkommen von einer deutlicher betonten Egalitäts-Einstellung absorbiert worden sind. Und natürlich hat es auf der anderen Seite auch immer schon jene Einzelfälle gegeben, wo eine Doktorin, welche zunächst auf die akademische Karriere gesetzt und ihre einschlägige Qualifukation glänzend unter Beweis gestellt hatte, eine sie noch stärker faszinierende Berufs-Chance sieht und ergreift.

 

Doch die seltenen positiven Ausnahmen, jene Fälle, wo sich das Schreiben einer Dissertation retrospektiv als Stufe intellektueller “Bildung” im klassischen Sinn identifizieren lässt, kompensieren unter keinen Umständen die skandalöse Quantität der von der Doktor-Faszination provozierten Fehlinvestitionenen an Zeit, intellektueller Kozentration und oft auch von Geld. Darüberhinaus möchte ich am Ende noch ein spezielles existentielles Risko erwähnen, von dem kaum je die Rede ist, und ich tue das vor dem Hintergrund von vierzig Jahren Erfahrung mit dem Betreuen von Doktoranden. Der Beschluss, eine begonnene Dissertation abzubrechen, ist, darum geht es mir, existentiell nur schwer auszubalancieren. Ich hatte – über dreiundzwanzig Jahre – mit einen Doktoranden meines Alters gearbeitet, der offenbar in Doktoranden-typischer Zeit, das heisst: in der zweiten Hälfte seines dritten Lebensjahrzehnts, ein Trauma erlitten hatte, welches das Schreiben für ihn langfristig unmöglich machte (aber darüber haben wir explizit nie geredet). Fast vier Jahrzehnte lang lebte er von schlecht bezahlten Hilfdiensten in unserer Universitätsbibliothek und versuchte, sich weiter auf sein Doktor-Thema, das Lebenswerk eines eminenten amerikanischen Literaturkritikers zu konzentrieren. Dabei erwarb er eine bewunderswerte Fülle geistesgeschichtichen Wissens. Vor wenigen Monaten ist meinem Freund K. dann der “Dr. phil.” für ein schließlich fertiggestelltes,  durchaus respektables Dissertations-Manuskript verliehen worden. Selbstredend hat er, trotz des gesetzlichen Verbots, das Alter eines Bewerbers auf dem Arbeitsmarkt als Ausschlußkriterium zu benutzen, keine reale Chance mehr auf eine der jährlichen ausgeschriebenen Assistenzprofessuren. Aber sein Leben erreichte mit dem Doktortitel eine existentielle Schließung und mithin eine Form.

 

Gestern schrieb mir K. von einer eben diagnostizierten Lebererkrankung, die dasselbe Leben nun wohl innerhalb weniger Monate zum Ende bringen wird. Ihm widme ich diese Sätze, deren argumentativen Fluchtpunkt sein Doktor-Fall in tragischer und zugleich schöner Weise bestätigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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