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Geschenke sind besser als ihr Ruf

24.12.2012, 07:00 Uhr

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Längst ist das allweihnachtliche Moral-Gerede von den Geschenken, die man besser nicht machen soll, genauso banal und erwartbar geworden wie das jahreszeitliche Power-Shopping, nicht zuletzt, weil ja niemand weiß, wofür die dann ausbleibenden Geschenke Platz halten sollten. Für “besinnliche Weihnachten etwa,” wie man immer noch auf vielen Glückwunschkarten liest? “Besinnen” worauf? Sehen wir einmal ab von jener europäischen Minderheit, die sich Jahr für Jahr darauf besinnt, eine neue oder auch die alte Bedeutung aus dem Weihnachtsevangelium zu saugen (welche übrigens?), ist es ja vielleicht ein Segen, gerade nicht zur weihnachtlichen Besinnung zu kommen, weil für die allermeisten doch nur zu entdecken wäre, dass gar nichts da ist zum Besinnen. Worüber sollte jemand eigentlich nachdenken, der sehr viel Zeit dazu hätte? Wie gut also, wenn ein Fluss von jahreszeitlichen Geschenken Festtagsleere nicht aufkommen lässt, und gäbe es nur noch mehr Geschenke, dann hülfe das nicht allein der Wirtschaft — sondern könnte vielleicht sogar den alten Erfahrungswert verändern, nach dem zur Weihnachtszeit immer wieder die psychiatrischen Notarzteinlieferungen ihren Höhepunkt erreichen.

 

Geschenke sind jedenfalls so viel besser als ihr moralisch-kulturkritischer Ruf, nach dem sie, wie gerade noch einmal gesagt, vom Wesentlich-Besinnlichen ablenken sollen und die Beschenkten, vornehmlich Jugendliche oder Kinder, zu einer Verbraucher-Mentalität verführen, die nicht mehr dazu kommt, sich auf einzelne Geschenke zu konzentrieren (von “Besinnlichkeit” gar nicht zu reden).  Einmal (und vielleicht vor allem) soll man beim Schenken bleiben, weil es uns eben vor den potentiellen Depressionen “tiefer” angelegter Existenzmomente bewahrt. Außerdem ist die Sicht von der Eindimensionalität der Geschenke, welche nur Passivität seitens der Beschenkten fördern soll, keinesfalls zutreffend. Gewiss, im Gegensatz zu einer Belohnung oder einer Bezahlung, kann man ein Geschenk nicht im formalen Sinn verdienen, so wie andererseits niemand – das gehört zur Definition des Begriffs – jemandem ein Geschenk schuldet. Doch dies bedeutet keinesfalls, dass Geschenke nicht begleitet sein können (und meistens begleitet sind) von Erwartungen des Schenkenden und Gefühlen der Verpflichtung (zumindest Gefühlen der Verpflichtung zu einer Reaktion) bei den Beschenkten. Gerade dass solche Erwartungen nicht zu standartisieren sind (bezeichnenderweise finden sie nur selten Erwähnung in Rechtssystemen), schafft den Grund für die soziale Dynamik, welche von Geschenken ausgeht. Niemand macht sich viele Gedanken über die Motive eines Verkäufers und eines Käufers, die eine Ware zum festgelegten Preis austauschen. Hingegen gehört zum Schenken eine komplexe, prinzipiell unabschließbare und immer produktive Unruhe wechselseitiger Vorstellungen über Motive und Reaktionen.

 

Es könnte in diesem Sinn ein nationalkulturelles Symptom sein, dass die Faszination der dynamischen Wechselseitigkeit des Geschenks in der frühen Entwicklung der französischen Soziologie genau jene zentrale Rolle spielte (als emblematisch und klassisch gilt der “Essay über das Geschenk,” den Marcel Mauss 1923 veröffentlichte, und in jüngerer Zeit sind Emmanuel Lévinas und Jacques Derrida ausführlich auf diese Tradition zurückgekommen) – es könnte bezeichnend sein, dass das Geschenk als Thema in der frühen Tradition der französischen Soziologie genau jene Rolle spielte, welche in Deutschland dem viel eindeutiger umschreibbaren Begriff des Handelns zukam (als “an Motiven orientiertem menschlichen Verhalten”). Durch Handeln versuchen wir die Welt ausgerichtet an einer expliziten Vorstellung von der Zukunft zu verändern, Handeln kann zwar scheitern, aber hat immer eine Geradlinigkeit, die selbst im Scheitern – als gebrochene oder verhinderte — erfahrbar wird. Geschenke hingegen sind ambivalent, indem sie einerseits meist bestehende soziale Strukturen und Verhältnisse bestätigen (Geschenke sind generell erwartbar), sie aber zugleich immer wieder prekär werden lassen, weil sie – angesichts mangelnder expliziter Motivationen — stets und unvermeidlich die zwei Fragen eröffnen, wie es zu ihnen kam und wie auf sie zu reagieren ist. Wieso schenkt ein Freund meiner Frau weiße Blumen? Und wie habe ich darauf zu reagieren, dass sie nicht darauf reagiert?

 

Indem Geschenke, auch Weihnachts-Geschenke solche Gedanken ganz unvermeidlich anstoßen, helfen sie uns, über Depressions-affine Besinnlichkeit hinwegzukommen. Und daruberhinaus, meine ich, steckt in manchen Geschenken durchaus ein Potential von Glück. Das Glück, von dem ich sprechen will, ist allerdings an eine sozialgeschichtliche Voraussetzung gebunden, die man nur selten erwähnt. Vor fünfzig Jahren, in der Nachkriegszeit und Zeit meiner Kindheit, waren Geschenke, auch Weihnachts-Geschenke, oft alltagsnotwendige Gegenstände, die der Beschenkte schon seit einiger Zeit brauchte, sich aber nicht leisten konnte oder wollte. Dann kam die Zeit, in der es für den – immer breiter werdenden – Mittelstand normal wurde, alle alltags-notwendigen Käufe ohne Aufschub zu machen, während Geschenke synonym wurden mit jenen Gegenständen der Wünsche und Begierden, in deren Besitz keine Notwendigkeit lag. Längst haben wir uns aber daran gewöhnt, auch solche Wünsche und Begierden zu befriedigen, sobald sie aufkommen. Wer kauft sich nicht sofort das Buch, die Schallplatte oder das Parfum, nachdem es sie gelüstet? Was also übriggeblieben ist für Geschenke, gehört zur Dimension des absolut nicht-Erwartbaren, idealerweise zur Dimension dessen, was ich als Gegenstand meiner Begierde erst in dem Moment entdecke, wo es zu meinem Geschenk wird.

 

Ich kann mich an ein solches Geschenk aus dem Weihnachtsjahr erinnern, als ich sechzehn war – was impliziert (wie man sehen wird, aber es tut wenig zur Sache), dass mein Vater die Jahre des “Wirtschaftswunders” genutzt hatte, um sich (zumindest vorübergehend) in eine Situation zu katapultieren, die mit der Situation wohlhabender Zeitgenossen heute (nicht mit meiner eigenen) vergleichbar ist. Buchwünsche, Fahrradwünsche, Radiowünsche, Kleidungswünsche konnten damals, zumal wenn ich meinen Vater fragte und die Noten im Gymnasium seinen sehr hohen Erwartungen entsprachen (so “brutal” war das damals!), immer gleich erfüllt werden. Seit zwei Jahren aber, seit ich vierzehn war, hatte er mich jeden Sommer mit einem Geschenk konfrontiert, das nie zuvor mein Wunsch gewesen war. Im Sommer bekam ich eine erstaunliche Geldsumme verbunden mit der Verpfichtung, die schulfreien Wochen allein in einem “überseeischen Land meiner Wahl” zu verbringen. Es dauerte einige Zeit, bis aus dem Geschenk ein Wunsch für mich wurde, aber am Ende reiste ich nach Kanada und in die Vereinigten Staaten im ersten Jahr, nach Ghana, Togo und Nigeria im zweiten Jahr, ausgestattet mit einem einfachen Photoapparat und fünf (oder mehr) Filmen für sechsundreißig Diapositivaufnahmen. Mein Vater nahm sich dann irgendwann im September, nach meiner Rückkehr, einen kurzen Abend Zeit, um sich die Diapositive vorführen zu lassen.

 

Zu Weihnachten nach dem zweiten Reise-Sommer bekam ich eine Leicaflex-Kamera. Später habe ich erfahren, dass sie offenbar gerade in jenem Jahr auf den Markt gekommen war – und als das technologische und preisliche Non-plus-Ultra galt. Davon hatte ich bestenfalls eine sehr vage Ahnung — und so war die Leicaflex überhaupt nicht mein Weihnachtswunsch gewesen. Aber ich erinnere mich, deutlich und fast fünfzig Jahre später immer noch mit Peinlichkeit, dass ein schüttelnder Weinkrampf über mich kam, ein Weinkrampf des Glücks wohl, als ich die Kamera sah. Eigentlich wollte ich mir mit Macho-sechzehn eine solche Blöße überhaupt nicht geben — und so besonders gefühlsbetont waren die Beziehungen in meiner Familie auch gar nicht. Was war geschehen? Warum war diese Kamera (die ich immer noch aufbewahre, obwohl ic h mit ihr seit fast zwanzig Jahren kein Photo mehr gemacht habe) das beste Weihnachtsgeschenk meines Lebens – bisher jedenfalls?

 

Eigentlich bin ich erst heute morgen (am 24. Dezember 2012) dazu gekommen, mir diese Frage zu stellen. Eine mögliche Antwort lässt sich mit Friedrich Nietzsche formulieren. Die besten Geschenke heute, die Geschenke, welche etwas anderes sind als die Erfüllung alter Wünsche, ermutigen uns, das zu werden, was wir immer schon sind – und ich füge hinzu: was wir immer schon sind, ohne es zu wissen. Vielleicht hatte mein Vater in den Dias aus Nordamerika und Afrika, ohne es genau und wie in Begriffen zu wissen, etwas gesehen, eine Sehnsucht nach der Welt jenseits jener Welt, die man damals noch “Heimat” nannte, eine Sehnsucht nach anderen Landschaften, anderen Zeiten, anderen Bildern und anderen Gedanken, vielleicht hatte er etwas gesehen und gespürt, das ich begann zu sein, ohne es selbst zu spüren – und das jene schöne schwarze Kamera greifbar machte, zusammen mit einem Vertrauen, das in ihr lag, einem Vertrauen auf meine Sehnsucht und meine Imagination.

 

Vor sieben Jahren ist mein Vater gestorben, und auch wenn er noch lebte, würde ich wohl nicht mehr erfahren, was ihn bewegt hat zu jenem Weihnachts-Geschenk. Ich versuche jedenfalls immer noch, dem Geschenk gerecht zu werden, das ich gar nicht mehr benutze.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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