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Deutschland als Altbauwohnung (und Zahnradindustrie als Risiko)

25.01.2013, 09:00 Uhr

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In dieser zweiten Januarhälfte habe ich die Ehre (und das Wort ist ganz ohne Ironie oder Selbstironie geschrieben), ein Kompakt-Seminar für Doktoranden und Magisterstudenten an der Universität Lissabon zu halten. Dazu gehoert, dass mich meine guten Freunde Ana und Miguel nun schon zweimal in ihre neue Wohnung zum Abendessen eingeladen haben. Die Wohnung hat sehenswerte Holzböden, auf der linken Seiten des Gangs, der zu allen Zimmern führt, gibt es beleuchtete Nischen, die sich mittlerweile gefüllt haben mit Verwandten-Photographien aus dem gesamten vergangenen Jahrhundert, die Räume sind hoch, die Griffe, mit denen man die Fenster oeffnet, wirken fast barock, und die Badezimmer sehen überraschend klein aus. Meine Freunde sind zurecht stolz auf all diese Details, und ich weiss, dass das Haus, deren Teil die neue Wohnung ist, stilgeschichtlich zur Epoche des “Estado Novo” gehoert, zu den Jahrzehnten zwischen 1933 und etwa 1960, als António de Oliveira Salazar das Land als Diktator regierte. Doch erst als ich einem gemeinsamen Kollegen in Muenchen von all diesen Einzelheiten erzaehlte, fiel mir auf, dass es im Portugiesischen kein Wort gibt, welches genau die Bedeutung des deutschen Kompositums „Altbauwohnung” hat. Natürlich lässt sich auch in anderen Sprachen beschreiben, dass man (zum Beispiel) in einer Wohnung aus den dreißiger Jahren wohnt, die kürzlich renoviert wurde; und natürlich ist gerade im Blick auf Nationen wie Portugal, Spanien oder Italien zu erwarten, dass sie – ähnlich wie Deutschland – eine außergewöhnlich komplexe Beziehung zu ihrer Vergangenheit haben. Aber den entsprechenden Formulierungen in ihren Sprachen gehen zwei Assoziationen ab, die zum deutschen Begriff von der „Altbauwohnung” gehören: die Assoziation mit einem absolut höheren Wert, was Bausubstanz und stilistischen Anspruch angeht, und die noch viel stärkere Assoziation mit so etwas wie einer „kosmologischen Richtigkeit” (als ob jemand sagte: “man kann gar nicht besser bedient sein — als eben mit einer Altbauwohnung”).

Erst jetzt, wo mir klargeworden ist, wie spezifisch die Bedeutung und das Phänomen sind, auf die man sich mit dem Wort „Altbauwohnung” bezieht, beginne ich zu verstehen, warum mein Freund Jan Soeffner aus Köln von seinem Land als einer „kernsanierten Nation” spricht. Er bezieht sich wohl auf ein besonderes Verhältnis zur Vergangenheit, das in Deutschland vor allem typisch ist für meine Generation, das heisst für die Generation der unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg Geborenen. Als ich Jan bat, für diesen Blog aufzuschreiben, wie genau er die Beziehung einer „kernsanierten” Nation zu ihrer Vergangenheit versteht, erfuhr ich, dass auch er — vor einigen Tagen erst — an seine Beobachtung und ihren Gegenstand erinnert worden war:

*

„Vor ein paar Tagen war ich auf einer Party, wo ein paar wirklich sympathische Leute aus der Hannes-Wader-Generation vom Bier und auch von der Stimmung, die eine kleine Jazz-Band hinterlassen hatte, hingerissen wurden, alte Volkslieder zu singen. Im Gegensatz zu Hannes Waders eigener Musik mag ich manche dieser Lieder ganz gerne, aber weil ich prinzipiell doch  eher ein Volkslied-Muffel bin, habe ich sie auch eine Ewigkeit nicht mehr gehört, so dass sich ein ganz angenehmer Wiedererkennungseffekt hätte einstellen können. Stattdessen spürte ich neben einer gewissen Lust auf Mitsingen vor allem einen Drang, den Gesang umzuleiten auf den typischen Fundus englischer Lieder, die man auf der Spanischen Treppe in Rom oder der Admiralsbrücke in Berlin rauf- und runterspielt (und die mir deshalb eigentlich viel mehr auf die Nerven gehen als deutsche Volkslieder). Obwohl ihre Texte und Melodien alle fast rührend unschuldig waren, schienen die Singenden selbst einen ähnlichen Konflikt zu spüren. Jemand redete wie zur Rechtfertigung von einer angeblichen Renaissance der deutschen Volkslieder, obwohl niemand etwas eingewandt hatte; jemand anders sagte: „wenn uns jetzt einer von draußen zuhört, muss der ja denken, wir sind bekloppt.” Erlösend war der Vorschlag, Mozarts schön vulgäres „Bona Nox” zu singen. Dann ging es früh zu Bett, und im Raum blieb eine viel weniger ausgelassene Stimmung zurück als nach der Jazzband.

Das Bedürfnis, eine irgendwie innige Vergangenheit zu haben, die mehr als sechzig Jahre zurückreicht, ist in Deutschland natürlich heikel. Aber der  Volkslied-Moment war mir vor allem deshalb aufgefallen, weil ich seine besondere Mulmigkeit und Beklemmung schon lange nicht mehr gespürt hatte. Denn aufs grosse Ganze gesehen scheinen sich nationalspezifischen Mulmigkeiten ja nun allmählich zu legen. Die seit einigen Jahren so beliebten „Kaiserzeitnamen” geben Akademiker ihren Kindern zum Beispiel ganz ohne Beklemmung. Und auch manche Kleider- oder  Hutmoden zitieren mühelos eine weiterzurueck liegende und eine deutschere Vergangenheit, als bis vor kurzen der Fall war. Mich erinnern solche Phänomene an die Firma „Manufaktum” und ihren Wahlspruch, dass es sie noch gebe, die guten Dinge — was ja irgendwie unterstellt, dass nur das Bewährte das Gute sein kann. Die Haltung ist nicht neu – aber ich glaube, dass sie sich seit einigen Jahren immer weniger an der beschriebenen Beklemmung bricht. Je nach politischer Ausrichtung mal ökologisch mal ökonomisch verstanden, prägt eine besondere Wertschaetzung des Nachhaltigen, eine Wertschaetzung all dessen, was zurückgekommen ist und sich wieder etabliert hat,  das deutsche Selbstbewusstsein. Zugleich ist eine deutsche Mehrheit anscheinend entweder  globalisierungskritisch oder leitkulturbewusst und hält die globalisierte Welt für ein flatterhaftes, irgendwie unheimliches Wesen, mit dem man zwar flirten kann auf das man sich aber nicht wirklich einlassen sollte.

So kommt es mir zumindest jedesmal vor, wenn ich von einer Reise zurückkomme und deutlicher als sonst spüre, dass die institutionellen Spuren des Globalen hier kaum je zu selbstverständlichen Versatzstücken der eigenen Lebensform werden, wie etwa ein Starbucks-Café in London, der Gucci-Store in einer Shopping-Mall von San Diego oder ein Audi Q7 in Shanghai. In Deutschland scheint das Globale immer in dem Nirgendwo stehen zu bleiben, aus dem es gekommen ist. Eine Stretch-Limousine auf den Kölner Ringen, Armani im Bahnhofs-Douglas, der McDonald’s beim Autohof Bruchsal oder die Trucker-Folklore der deutschen LKW-Fahrer – die globalen Phänomene sind durchaus da, aber man spürt auch, dass sie „eigentlich” woanders hingehören. Beides, die Scheu vor der Bewohnbarmachung des Globalen und die Sehnsucht nach dem „aus Erfahrung Guten” scheint mir in Spannung zur Identität eines Landes zu stehen, das als langjähriger Export-Champion einer der großen Globalisierungsgewinner ist, und dem außerdem – mit erstaunlichem Erfolg bis vor kurzem — fast alles daran gelegen war, einen signifikanten Teil seiner Vergangenheit hinter sich zu lassen und zugleich aufgeladen zu werden von der Energie des Neuen. Doch Symptome für die umgekehrte Haltung haben dem globalen Erfolg Deutschlands nach 1945 nie geschadet. Sie haben im Gegenteil sogar das deutsche Image marktgerecht geprägt. Denn Produkte, die bis heute einen großen Teil der deutschen Spitzenbranchen kennzeichnen und oft eine vom Verbrechen überschattene Vergangenheit haben (etwa in der Motorentechnik oder in der Chemie), konnten ihr Image international so erfolgreich etablieren, weil — und nicht obwohl — sie so deutlich auf das Altbewährte setzten. Ohne eine solche Verbindung zur Vergangenheit tut sich die Halbleitertechnik als Technik ohne nationale Vorgeschichte mit ihrem Image vergleichsweise schwer.

Eine umfassende und deshalb erfolgreiche Trennung des Altbewährten von historischer Schuld war den Grundstein für dieses Image. Sie wurde zu einer der entscheidenden deutschen Erfolgsbedingungen in der Zeit nach 1945. Anstatt sich neu  zu erfinden – was die Rede von einer „Stunde Null” ja vorgab und nahelegte – wählte man vor allem die Flucht nach hinten und erfand sich altbewährt. Für dieses Verhaltensmuster im Umgang mit der eigenen Vergangenheit verwende ich gerne die Metapher von der Sanierung eines Altbaus. Sie hat einen nicht-metaphorischen Kern im Bezug auf während des Krieges teilweise zerstörte Häuser und Wohnungen, die eine neue, regional oft sehr verschieden gestaltete Fassade bekamen (in Köln zum Beispiel meistens gekachelt, was sie aussehen lässt wie ein umgekrempeltes Schwimmbecken). Zugleich wurden die gediegenen alten Möbel ersetzt von vorsichtig modernen Formen in dezenten Pastelltönen, wie sie in den fünfziger Jahren für gehobene Ansprüche die Zeitschrift „Film und Frau” verbindlich machte. Dieselbe Stimmung lässt sich erahnen, wenn wir noch einmal „Vom Winde verweht” sehen und uns dabei vorzustellen versuchen, was diesen 1939 gedrehten Film im Deutschland nach 1945 so erfolgreich machte. Es lag wohl daran, dass man die eigene unerzählbar gewordene Geschichte in einer importierten Form wiederfinden konnte und so im Grundbestand erhalten durfte. Ähnliches gilt für die Moden der Namensgebung. Zuerst wurden die Nibelungennamen ausgemustert. Ende der sechziger Jahre hielten dann die in Deutschland weltoffen und sozialdemokratisch-modern wirkendenden skandinavischen Namen Einzug, die in vollständiger Astrid-Lindgren-Unschuld nordisch sein und an strohblonde Kinder erinnern konnten.

In unmittelbarer chronologischer Nähe zum Kriegsende bedurften die sichtbaren und wirtschaftlich folgenreichen  Ersetzungs-Prozesse dieser Art noch oft der Billigung und Ermutigung durch die Besatzungsmächte. Ohne eine britische Initiative in diesem Sinn wäre der Kraft-durch-Freude-Wagen nie zum Volkswagen des deutschen Wirtschaftswunders und dann sogar zum „Herbie” der Hippies geworden. Das Image wurde saniert — und die Kraft-durch-Freizeit-Freude in eine neue Welt gerettet und übertragen. Jene deutsche Generation, die 1968 noch den Muff von tausend Jahren aus den Talaren schlagen wollte, setzte dann erstaunlicherweise das gleiche Verfahren in vollständiger nationaler Unabhängigkeit bis über die Wiedervereinigung hinaus fort. Gerade die Wiedervereinigung wurde zum Alltag erst mit der Instandbesetzung oder Sanierung von Altbauten, selbst wenn sie dann leer stehen blieben oder Mieten derart in die Hoehe trieben, dass die angestammten Bewohner nach und nach ausziehen mussten. Die Unverdächtigkeit der Sanierung des Bewährten war inzwischen so weit fortgeschritten, dass es nicht einmal mehr Schwierigkeiten machte, nationalsozialistische Ministerien, die zu DDR-Ministerien geworden waren, als Gebäude der Berliner Republik  weiterzuverwenden oder das Olympiastadion von 1936 – trotz seiner fußballuntauglichen Oval-Form – zum Austragungsort für das Finale der Weltmeisterschaft von 2006 zu bestimmen.

Vielleicht ist inzwischen eine weiter fortgeschrittene Phase erreicht, die Phase der rekonstruierenden Sanierung. Sie mag vor einigen Jahren begonnen haben mit dem Sammeln künstlerischer, kurioser oder exotischer Objekte für die Inneräume, wie es schon zur Kultur der Kaiserzeit gehört hatte. Heute vollzieht sich dasselbe Verhalten unter ästhetisch-avantgardistischen Vorzeichen oder den Vorzeichen einer neuen verhaltenen Eleganz. Niemand fühlt sich mehr an  eine auf Distanz zu setzende Vergangenheit erinnert, wenn Fremdwörter eingedeutscht werden und ein Pasta-Restaurant den Namen „Teigwaren” bekommt. Analog ist entschieden worden, den Palast der Republik aus der ehemaligen DDR durch einen rekonstruierten Neubau im histoirsch-preußischen Stil zu ersetzen. Solche Rekonstruktionen gelten dem unverdächtig gewordenen Altbewährten. Fast spielerisch verdrängt dabei die Altvertrautheit der scheinbar guten Dinge aus der Vergangenheit  ihre in den Jahren des Nachkriegs oft schmerzlich spürbare Ambivalenz. Ob eine solche rekonstruierende Sanierung die Sehnsucht stillen kann, aus der sie entspringt, ist nicht klar. Wer eine abgerissene Tradition aus der Diskontinuität wieder aufleben lassen will, der kann in ihr wohl nicht jene Orientierung und jene Vergangenheitsgeborgenheit erleben, welche in Deutschland für mehrere Jahrzehnte die Großeltern, Urgroßeltern und selbst die Erinnerung an sie nicht bieten konnten. Die Beklemmung beim Singen von Volksliedern verweist auf genau diese Grenze – und vielleicht gilt Ähnliches  ja für all die gutgemeinten Bemühungen, Deutschland als ein Reiseland fuer Deutsche wiederzuentdecken.”

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An einem schlecht gelaunten Tag kommentiert mein Freund Jan dieses Bild und diese Farben mit der Bemerkung, dass er mit seiner Familie längst schon nach Florenz oder an die amerikanische Westküste hätte umziehen sollen. Doch um eine Kritik kann es letztlich nicht gehen, weil es für sie – will ich als seit vierundzwanzig Jahren Außennstehender (weil außen Lebender) hinzufügen — ja nicht einmal einen Adressaten gäbe. Niemand hat die Kernsanierung Deutschlands beschlossen, keiner profitiert in irgendeinem konkreten Sinn von ihr.  Eher geht es um die Erfahrung, dass ein aus den Fugen selbstverständlicher Kontinuität geratenes Verhältnis zur nationalen Vergangenheit nicht plötzlich wieder in Entspanntheit zurückschnappen kann (solche Hoffnungen gab es in den Jahren nach der Wiedervereinigung) — und auch in der zweiten Generation nach dem Bruch nicht ohne weiteres zu vergessen ist. Eher geht es wie mit Wellen in einem Becken, die in dem Moment, wo sie gebrochen werden, lange (aber natürlich nicht für immer) neue Wellen auslösen. Nach mehreren Jahrzehnten ohne alt-deutsche Vornamen muss die Begeisterung für Henrietten, Charlotten und Friedriche wohl besonders frenetisch ausfallen; nach einem kurzen halben Jahrhundert amerikanischer Besatzung fällt es nicht so leicht, den McDonalds um die Ecke als einfach als das zu sehen, was er sein will: ein Laden, wo man billig und schnell essen kann.

Ernsthafte, langfristige und leicht zu unterschätzende Folgen könnten sich aber für die Wirtschaft einstellen. Ein deutscher Unternehmer, dessen Name zu bekannt ist, als dass man ihn ohne zu fragen verwenden könnte, äußerte kürzlich die Befürchtung, dass sich sein Land im Zeitalter und im Status der „Zahnrad-Industrie” verheddern könnte. Für bedenklich hält er die Tatsache, dass Industrie-Vorsprünge vor allem auf Gebieten erarbeitet worden seien, die an glorreiche nationale Traditionen mit begrenztem Zukunftspotential anschließen, während global wichtige Innovationen in der Computer- oder Software-Industrie noch nie aus Deutschland gekommen seien. Wenn ich in zwei Stunden im EU-Partnerland Portugal die Metro zur Universität nehme, werde ich mich einmal auf deutsche Produkte konzentrieren, nach Abzug einer Straßen-Mehrheit von Volkswagen, BMWs, Audis und Mercedes – die eigentlich zu teuer sind für ein Land in langfristigerer Finanzkrise. Ich werde nach deutschen Export-Produkten Ausschau halten — falls mich nicht das Gefühl überkommt, es sei wichtiger, die Notizen für mein Seminar noch einmal durchzulesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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