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Lebensabschnittspartner Lieben?

01.02.2013, 09:00 Uhr

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Etwas sperrig fällt einem das ins Ohr, “Lebensabschnittspartner,” wohl auch, weil zusammengesetzte Wörter aus drei Teilen sich selbst im Deutschen nicht wirklich gut machen, in der einen Sprache, die Spiele mit Komposita sonst nach Lust und Liebe erlaubt. Aber vor allem ist da gleich ein Eindruck von exzessiver Vernünftigkeit, mit dem der Begriff unbequeme Reaktionen auslöst. Dagegen lässt sich allerdings auch sofort das Argument kehren, dass das Wort vom “Lebensabschnittspartner” nur nüchtern konstatiert und beschreibt, was der ja keineswegs skandalöse Normalfall im Beziehungsleben ist. Wer großjährig wird, ohne die Erfahrung in Wissen umgesetzt zu haben, dass sich Liebesbeziehungen und auch Freundschaften kaum je über Jahrzehnte oder gar ein ganzes Leben halten, dass solche Bindungen also – früher oder später, mit intensiveren oder milderen Schmerzen – immer wieder auseinander und ineinander übergehen, der gilt zurecht als naiv oder als allzu blauäugig.

Dass jede Liebe und jede Freundschaft ihre Zeit haben, mag im Blick auf die Gefühle schon immer eine Ahnung oder sogar eine Gewissheit gewesen sein, doch erst im vergangenen halben Jahrhundert schmolz das soziale Tabu, welches öffentliche Trennungen zwischen Partnern peinlich und in vielen Fällen sogar unmöglich aussehen ließ. Mittlerweile aber ist es längst zu einer unproblematischen Option geworden, gerade jene Rituale zu vermeiden, welche Treueversprechen aufs Leben implizieren und fordern. Wer eine langfristige Beziehung nicht durch Verheiratung besiegelt und öffentlich macht (wie etwa der deutsche Bundespräsident), der antizipiert und setzt – ob er das nun beabsichtigt oder nicht – auf die vernünftige Position des Lebensabschnittspartnertums, für die prinzipiell kein Liebesverhältnis als definitiv gelten kann. Wir wissen, dass wir uns verändern und dass wir uns fast unvermeidlich “auseinanderentwickeln” in den Verhältnissen mit Partnern, die wir zu einer früheren Zeit des Lebens so eng als möglich an uns binden wollten. Was könnte also vernünftiger sein — und zugleich eine effizientere potentielle Schadensprävention — als der Gedanke an ein nach Abschnittspartnern strukturiertes Leben? Er gehört zu jener Konzeption der Existenz in unserer Gegenwart, die sich über immer neue Anläufen vollzieht und nie zu ihrer Bestimmung gelangt –  weil es Erfüllung einfach für sie nicht gibt (“Du musst Dein Leben ändern” ist das Rilke-Zitat im Titel von Peter Sloterdijks Buch über dieses lebenslange – existentielle – Lernen).

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Der französisch-schweizerische Philosoph Denis de Rougemont hat vor fast fünfundsiebzig Jahren ein damals schnell berühmt gewordenes Buch über “Die Liebe im Abendland” (“L’amour en Occident”) veröffentlicht, dessen Ziel es war, genau jene Konfiguration von Bedingungen und Gefühlen zu identifizieren, welche – in der europäischen Tradition – Liebesbeziehungen grundsätzlich prekär und instabil gemacht haben soll. Vor allem strich er die interne Spannung, zumindest die begriffliche Spannung, zwischen der zugleich aus wechselseitiger Leidenschaft  entstehenden und auf Treue als Dauer setzenden Beziehung heraus, die wir “Liebe” nennen. Ihre Entstehung aus der frühen Troubadourlyrik des zwölften Jahrhunderts erklärte er – nicht unbedingt in allen Details überzeugend – mit der historischen Gleichzeitigkeit verschiedener theologischer und ideologischer Positionen. Neben einem Horiziont des Hedonismus soll dabei der Moral der Katharer, einer christlichen Sekte jener Zeit, eine zentrale Stellung zugekommen zu sein, weil die Katharer all ihre existentielle Hoffnung auf Bestrafung des Fleisches setzten – und weil de Rougement einen Reflex dieses Affekts in einer seit den Troubadours gängigen Assoziation zwischen leidenschaftlicher Liebe und dem Tod entdeckt. Die Leidenschaft der großen Liebespaare soll immer Leidenschaft zum Tode gewesen sein.

Inmitten der frühen Zeit jenes Existentialismus, der de Rougements philosophische Gegenwart war und für den die absolute Freiheit des Individuums als zentrale Prämisse galt (das heißt inmitten des Existentialismus eines Jean-Paul Sartre oder Albert Camus), war es sein Anliegen, davon schreibt de Rougement im Vorwort zu einer späteren Auflage des Buchs, die Leser davor zu warnen, sich auf leidenschaftliche Liebe einzulassen. Nicht nur auf die Instabilität solcher Liebesbeziehungen verwies er im Kontext seiner Warnung, sondern auch auf eine angebliche Affinität der Liebe zu jeglicher Form aggressiver Beziehungen mit den Mitmenschen, vor allem auf eine angeblichen Affinität zwischen der abendländischen Liebe und dem Krieg.

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Es könnte also gar nicht schlechter aussehen für die abendländische Form reiner Liebe, wenn man drei Viertel von de Rougments Buch gelesen hat — denn kaum ein potentieller Gegenstand der Furcht wird von ihm nicht mit der Liebe der Troubadours (und ihrer Nachfolger in der von ihnen begründeten Tradition) assoziiert. Doch dann taucht plötzlich eine Intuition auf und schwillt zur Autor-Gewissheit an, die schon auf den ersten Seiten des Buches angelegt war. Über jene anscheinend unvermeidlich mit Todessehnsucht verbundene Leidenschaft, vor der de Rougement seine Leser warnen wollte, schreibt er nun mit wachsender Bewunderung und Sehnsucht. Tristan und Isolde, das zusammen mit Lancelot und Guinièvre, Romeo und Julia charismatische Paar der höfischen Liebe, von der die Troubadours sangen, erscheinen nicht nur als jene Protagonisten, deren Leben an der Leidenschaft zerschellte — zugleich sind sie es nun, allein sie, denen ihre Existenz in bedingungsloser wechselseitiger Zuwendung gelingt. So werden alle gegen leidenschaftliche Liebe gewandten Argumente nur zu Symptomen für eine existentielle Überlegenheit der liebenden Leidenschaft im Vergleich zu einem Leben in Vernunft und Mäßigung.

Zu zeigen, wie sich über die Wiederentdeckung höfischer Liebe im Mittelalter-Enthusiasmus der Romantiker Leidenschaft, Ekstase und mithin das Prinzip einer prekären Existenz als gefährlicher Interferenz in die Institution der bürgerlichen Ehe verirrt hatte, das war de Rougment Pointe gewesen. Doch in der gutgemeinten Warnung vor den Konsequenzen dieses Syndroms wird dem Leser – und wurde wohl auch dem Autor — deutlich, dass eine Liebe, die von Absolutheit, Besessenheit und Dauer ablässt, zur Freundschaft wird – ja so gesehen zu Freundschaft degeneriert. Das Motiv von den “Freunden aufs Leben” ist zwar ein hohes und in vielen Gedichten besungenes Ideal, doch es gehört wohl zur milden Schönheit der Freundschaft, dass ein Nachlassen ihrer Intensität, ein Übergang zu anderen Freunden weder als Verrat gedeutet noch zur Enttäuschung werden muss. Liebe hingegen verliert ihr Potential am existentiellen Horizont, wenn sie in irgendeinem Moment ihrer Gegenwart auf den Traum von Dauer und Ausschließlichkeit verzichtet. Gewiss, es ist unwahrscheinlich, unwahrscheinlich für jede einzelne Liebesgeschichte, dass sie über das hinausgelangt, was man heute “Lebensabschnittspartnerschaft” nennt. Doch wer dieses ebenso empirische wie vernünftige Wissen eindringen lässt in die Intensität und Intimität seiner Liebesbeziehung, der schützt sich gegen Enttäuschung – und zahlt dafür den Preis des Verzichts auf eine Erfüllung (die vielleicht nie mehr sein kann als ein Augenblick, vielleicht sogar nur die Illusion von Erfüllung). Ob solche Ausschließlichkeit und Dauer der großen Liebe an sich – und auch einer einzelnen großen Liebe — tatsächlich gelingt, das ist gar nicht die erste Frage. Wer nicht an diese Möglichkeit glaubt, für den wird jedenfalls der Verzicht zu einer Prophezeihung, die ihre eigene Bestätigung ist.

Außerdem ist Erfüllung ja nicht etwa unmöglich, sondern bloß unwahrscheinlich. Sie aber als Möglichkeit aufzugeben in der Rede von den “Lebensabschnittspartern,” das heißt ein Leben zur Atrophie seines eigenen Potentials werden zu lassen; vielleicht heisst es sogar, die Liebe zu töten aus Angst vor ihrem ganzen Gelingen.

 

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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