Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren
 

Die Schweiz: konkrete Utopie des konservativen Lebens?

08.02.2013, 09:00 Uhr

Von

 

In der Schweiz war ich während der letzten beiden Wochen, nicht wirklich auf Kultururlaub oder zum jahreszeitlich angezeigten Skifahren (das ich nie richtig gelernt habe), sondern tatsächlich zum Arbeiten, und meine Arbeit brachte das Privileg mit sich, einen ganzen Nachmittag dem Nationalteam und dem Juniorenteam der schweizer Kunstturner beim Training zuschauen zu dürfen. Dass einige der “Junioren” noch in der Pubertät waren, mit den unvermeidlich komischen Stimmbruch-Effekten dieses Alters, überraschte mich weniger als der Stil des Trainings. Ich hatte, in der von Turnvater Jahn begründeten Tradition sozusagen und in Erinnerung an durchgedrückte Kniee unter weißen langen Hosen mit  Bügelfalte, die Steigerung jeglicher vorher im Sport erlebten Disziplin und Systematizität erwartet. Stattdessen schien es den Athleten freigestellt, an welchen der aufgestellten Geräte sie welche Übungsteile turnen wollten – aber wenn einer von ihnen mit Ernst und Konzentration turnte, dann war sofort ein Trainer zur Stelle, um zu beobachten, zu kommentieren und zu korrigieren. Spektakulär fand ich vor allem die Freunde und die bewusst grotesken Gesten, mit denen sich diese großen Kinder und jungen Männer vom Reck, Barren oder Seitpferd in die dicken weichen Matten fallen ließen, sobald ihnen ein Übungsteil  misslang. Ein Junge, der viel sprach, mit tiefem Zürcher Akzent und vorpubertär hoher Stimme, bewegte sich besonders anmutig, wenn er sich ab und an auf eines der Geräte konzentrierte, mit einer Anmut und mit einem Hauch von Kraft, die, dachte ich, gut zu seiner dunklen Haut passten – und solange er nicht das tat, was ihn anscheinend viel mehr faszinierte, nämlich sich eine dichte Schicht von Magnesium über die Hände zu streichen.

 

Dann nahm sich der Nationaltrainer sogar etwas Zeit für den Gast. Er brachte mir einen doppelten Espresso vom Automaten, erzählte, dass “der Dunkle” (was er ohne Verrenkung oder Peinlichkeit zu sagen schien) der Sohn  einer kongolesischen Mutter und eines Schweizer Vaters sei und natürlich enorm talentiert, und stellte fest, dass es derzeit keinen Schweizer Kunstturner “von annähernd Weltklasse gebe.” Aber vielleicht könnte man “mit dieser jungen Equipe” bei der brasilianischen Olympiade im Mannschaftskampf “eine Placierung erreichen.” Der Schweizer “Kunstturn-Nationaltrainer / Männer” heißt Beni Fluck, muss zwischen fünfzig und sechzig sein, wirkt ziemlich groß mit seinem glattrasierten Kopf, und während ich keinerlei Kompetenz habe, um zu beurteilen, ob seine Methoden erfolgversprechend sind, war ich beeindruckt von dem Ton, in dem er von seiner Ausbildung sprach. Er sei nie ein besonders guter Turner gewesen, aber als Maurer und dann Klempner hätte er genug Zeit gehabt, an seinen Übungen zu feilen und später immer wieder Kurse zur Trainer-Ausbildung zu „durchlaufen” (dieses Verb und seine Aussprache sind mir im Gedächtnis geblieben), bis ihm der Verband dann vor einigen Jahren die jetzige Stelle angeboten haben, einfach „weil man ihm das zutraue.” Unbegrenzt sei sein Kredit natürlich nicht, wenn sich „kein Erfolg einstelle.” In den Sätzen von Beni Fluck hörte ich weder die Koketterie eines sozialen Aufsteigers noch irgendein angestrengtes Understatement — so wie auch der Ton in den Worten von der „kongolesischen Mutter” nicht anders war wie der Ton bei der Erwähnung schweizerischer Geburtsorte: Winterthur, Bern, Neuchatel oder Locarno. Beni Fluck, dachte ich, verkörpert etwas Demokratisches, das nicht leicht zu fassen und zu beschreiben ist, aber mit all dem zu tun hat, was ich von der Schweiz erwarte und an ihr bewundere.

 

 

*

 

Den Schweizern unserer Gegenwart einen konkreten Hang zur Demokratie zuzutrauen, statt einfach Schiller und den Mythos von Wilhelm Tell zu zitieren, das wirkt im Europa der Union etwa so exzentrisch wie eine positive Bemerkung zum amerikanischen Rechtanspruch des unangefochtenen privaten Waffenbesitzes. Und ausgerechnet in der Schweiz gibt es ja tatsächlich eine Rechtspraxis, die – aus ganz ähnlichen historischen Gründen – der einschlägigen amerikanischen Auffassung ähnelt. Ist die Schweiz also nicht,  wird oft gefolgert, ein Land, dessen Reichtum  und dessen verschwindend geringe Arbeitslosenquote sich vor allem aus einer international exzentrischen Handhabung des Bankgeheimnisses erklärt, mit anderen Worten: aus den berühmt-berüchtigten „Nummernkonten,” aus systematischer Unterbezahlung von ausländischen Arbeitsnehmern und aus einer aggressiv xenophischen Einstellung? Hat man nicht schon zu oft gelesen vom Schweizer Widerstand gegen nicht-christliche religiöse Embleme im öffentlichen Raum?

 

*

 

Später spreche ich mit einem Sohn zweier Chirurgen, der zuerst Förster wurde, um heute eine erziehungswissenschaftliche Doktorarbeit zu schreiben. Ich lerne einen Hochschulrektor kennen, der bis vor kurzen am Gymnasium unterrichtet hat, und höre von der Tendenz des Schweizer Bundesrats, den Zugang zum Gymnasium durch scharfe Aufnahmeprüfungen zu limitieren, so als hätte man in der Schweiz noch nie gelesen, dass der Weg in die Zukunft über die „Bildungsgesellschaft” zu führen hat. Ich finde den Eindruck statistisch bestätigt, dass überraschend viele Uniformierte auf der Bahn und auch in den Innenstädten zu sehen sind; ich entdecke, dass für viele Schweizer „Landesverteidigung” und „Wehrhaftigkeit” nicht einfach leere Wörter mit Vergangenheits-Patina sind; ich lerne, dass die Struktur der Regierung und ihre Konsens-Verpflichtung keiner anderen Regierungsstruktur ähneln und dass sich in einem Kanton zumindest noch das Wahlvolk in körperlicher Präsenz – à la Jean-Jacques Rousseau — versammelt, wenn politische Entscheidungen anstehen. Vor allem aber fällt mir auf, wie oft mit nüchterner Leidenschaft von sehr vernünftig wirkenden Vorschlägen und Ideen die Rede ist, die sich in der Schweiz nie realisieren lassen, weil sie keine demokratische Zustimmung finden — so wie es möglicherweise dem Vorschlag einer Kandidatur zu Olympischen Winterspielen in Davos und Sankt Moritz gehen wird.

 

Mit der Zeit kommt also die Frage auf (fast wie ein Verdacht), ob all diese Idiosynkrasien sich zu einem politisch irrelevanten demokratiegeschichtlichen Kuriositätenkabinett akkumulieren, zu gesammeltem Klimbim aus der Vergangenheit mit unübersehbarem Wert für die Tourismusindustrie  eines beispiellos wohlhabenden Landes, das überteuerte Uhren produziert und sonst anscheinend von der Kapitalflucht aus anderen Ländern lebt – oder ob die Quantität von Strukturen, die aus der Vergangenheit bewahrt sind, ob einfach die konservative Lebensform der Schweizer der wichtigste Grund für Vollbeschäftigung, unerreicht hohe Einkommen und die Qualität ihrer Institutionen sein könnte. Und läge dann nicht eine Schweizer Steigerung des europäischen Prinzips von hoher kultureller Begrenzung auf begrenztem Raum gerade in dem Wunsch der Bewohner jedes Kantons, jeder Region und jeden Gebirgstals, sich sprachlich und in fast jeder anderen Hinsicht von allen anderen Schweizern zu unterscheiden?

 

*

 

Die Frage lässt sich kaum aufschieben, ob es einen gemeinsamen Nenner für all diese bewahrten, gehegten und oft zentrifugal wirkenden Einzel- oder Besonderheiten gibt, einen gemeinsamen Nenner, der sie zu einer Erfolgsformel macht. So wenig das meinem intellektuellen Geschmack passt, der einzige Begriff, der mir als Antwort einfällt, ist der Begriff einer durchgehenden Beschränkung. Beschränkung der demokratischen Institutionen und Formen auf durchaus lokale Probleme und Entscheidungen; Beschränkung (und Konzentration) auf kulturelle Traditionen, die den Willen haben, gerade nicht national zu werden; Beschränkung des individuellen Ausbildungsstrebens; Beschränkung potentieller Einwanderungsströme; die berühmte und viel beneidete Beschränkung der Steuersätze; Beschränkung von Zielsetzungen für die nationale Kunstturn-Equipe; Beschränkung des Hangs zur Totalrenovierung, Rundum-Erneuerung und fortschrittlichen Reform, das heisst Beschränkung der meisten Erneuerungs-Impulse.

 

Die Wechselwirkung und die Konvergenz dieser einzelnen Verhaltensweisen haben der Schweiz als Nation, Gesellschaft und Kultur unverwechselbar starke externe wie interne Konturen gegeben und einen unverwechselbaren Stil. Sie ist das Land, wo auch Milliardäre (sagt man von den Kapitänen der Baseler Pharma-Industrie) mit dem „Vélo” zur Arbeit fahren und zuverlässig gepflegte Rolls Royce-Limousinen in Garagen parken, deren Verputz seit Jahrzehnten gehalten hat. Natürlich gibt es auch in der Schweiz nachhaltige Bauschäden, Wirtschaftsverbrechen, Strukturen der Korruption und Fälle von Zahlungsunfähigkeit. Aber der Ton der Medien und alltäglichen Gespräche verschafft mir den Eindruck, dass solche Situationen nicht als notwendiges Übel hingenommen werden (noch heute verfolgt der Kollaps „ihrer” Swissair die Schweizer als ein nationales Trauma), so wie auch der radelnde Aufsichtsrat mehr als bloß die Verkörperung einer persönlichen Marotte ist, sondern gelebtes Symptom einer fundamentalen Gleichheits-Prämisse, von der es keine Ausnahmen geben soll.

 

*

 

Individuell gesehen erwächst diese Erfolgsformel der Beschränkung aus einer Einstellung existentieller Gelassenheit. Verändert wird allein, was sich nicht bewährt hat – und das gilt bis auf weiteres für die jeweilige Kontur wirtschaftlicher, militärischer und politischer Unabhängigkeit des im Inneren heterogenen Bundesstaat gegenüber den externen Gleichheitspostulaten der Europäischen Union, zu denen eine stabile Mehrheit der Schweizer bisher Distanz gehalten hat. Ihr Land ist eine konservative Utopie geblieben – und das heißt: eine Utopie im Status der Paradoxie. Denn wir verwenden den Begriff der Utopie ja sonst allein für Ideale und Leitvorstellungen, die als Motivationen ihrer eigenen Verwirklichung in die Zukunft projiziert sind. Die Schweiz aber mag von außen wie eine Utopie wirken, obwohl – und weil – sie intern mit großer Gelassenheit auf vieles setzt, das sich seit Jahrhunderten bewährt hat. Deshalb ist die Schweiz in ihren Konturen nicht nur unverwechselbar – sondern auch kaum nachzuahmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

  Weitersagen Kommentieren Empfehlen (3) Drucken
 
Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

Themen dieses Blogs