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Gibt es noch „Heimat“?

28.02.2013, 15:19 Uhr  ·  Unter den technischen Bedingungen der Gegenwart beginnt unsere individuelle und kollektive Existenz die letzten Beschränkungen durch Bindung an Orte zu verlieren. Zeichnet sich darin eine Befreiung vom Schicksal (und Zauber) der "Heimat" ab?

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Vor mehr als fünfzig Jahren klang ein Wort wie “Heimatkunde” (das für die erste Stufe des Geographie- und Geschichtsunterrichts stand) wohl nicht nur den Grundschülern ganz unverdächtig in einer Welt, die uns ja auch “Volks-Schüler” nannte. Inzwischen sind all die Fächernamen mit “-Kunde, ” “Volkskunde” zum Beispiel, so säuberlich aussortiert worden, dass das verbleibende Rest-Wort jüngere Sprecher höchstens noch an das Weihnachtsevangelium erinnert (“ich bring’ Euch frohe Kunde”). Hingegen fühlt es sich eng, verschwitzt und altmodisch an – im besten Fall trotzig, wenn jemand von “Heimat” redet, und im vielsprachigen Alltag der Gegenwart fällt dann auch schnell auf, dass es genaue Übersetzungen in andere Sprachen nicht gibt. Die Hauptgründe für diesen lexikalischen Kursverfall sind offensichtlich und erscheinen deshalb banal: ihr gemeinsamer Nenner sind vielfache technische Fortschritte in der Effizienz von Verkehrsmitteln und Kommunikationsmedien. Nicht an dem Ort zu arbeiten, wo man wohnt, wird wohl bald schon zum statistischen Normalfall werden; all die fernen Welten hat schon unendlich oft auf dem Bildschirm gesehen und in elektronischer Kommunikation erreicht, wer dort am Ende zwei Ferienwochen verbringt. “Kosmopolit” sein, im vollen räumlichen Sinn des Worts, das ist längst kein Privileg der Reichen oder Gebildeten mehr.

Doch es entwickeln sich verschiedene Gegenbewegungen zur immer weiter ansteigenden Mobilität und zu jenen Modalitäten der Kommunikation, welche als Fusion von Software und Bewusstsein nicht begrenzt und sozusagen “geerdet” sind durch die physikalische Trägheit der menschlichen Körper. Zum einen sind gerade in der intern entgrenzten Europäischen Union, deren Bürger von Mobilität fasziniert sind und sich in ihrer Mehrheit Mobilität leisten können, während der vergangenen Jahrzehnte kulturelle, ideologische und politische Bewegungen eines reaktiven – und oft radikalen — Regionalismus entstanden, zu denen ganz zentral die im Begriff “Heimat” vollzogene Positivierung jeder Art von Nähe und Herkunft gehört. Längst klingt es auf der anderen Seite des Spektrums von Reaktionen gar nicht mehr so außergewöhnlich oder gar paradoxal wie früher, wenn jemand sagt, er habe sich seine Heimat gewählt. Am deutlichsten – und vielleicht auch am groteskesten – kommen schliesslich die Dynamik der Mobilität und das Bedürfnis nach Nähe des immer Gleichen zusammen in den vor allem bei uns Amerikanern so beliebten “Recreation Vehicles,” Lastwagen-großen Fahrzeugen, mit denen wer nur über hinreichend Zeit verfügt, bequem einen Kontinent erforschen kann und doch jeden Abend auf dem eigenen Herd kocht, auf dem eigenen Bildschirm die Nachrichten sieht und im eigenen Bett schläft (vielleicht sind RV’s ja nicht mehr als die technische Vervollkommnung jenes besonderen amerikanischen Traums von “stabiler Mobilität,” der sich seit der frühen Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in “trailor homes” manifestiert hatte, in Wohnungen auf Anhänger-Rädern, die bis heute in eigenen Wohnungsanhänger-Parks zusammenstehen und seit jeher seltener in Bewegung gesetzt werden, als Hausbesitzer ihre Immobilie verkaufen).

Offenbar gehören die beiden Impulse der Ferne und der Nähe untrennbar zusammen (in den längst vergangenen Zeiten eines links-romantischen Intellektuellen-Blicks auf Hegels Philosophie hätte man von einer “dialektischen Beziehung” geredet). “Heimat” wird zu einem Wert erst dann, wenn Ferne als ein drohendes Schicksal oder als ein realisierbarer Traum aufscheint (dies genau, kann man behaupten, war das Leitmotiv der großartigen Filmserie “Heimat” von Edgar Reitz). Die Frage ist, ob wahre Heimat (es bleibt schwer zu entscheiden, ob man die beiden Wörter mit Anführungszeichen umgeben will oder nicht), ob “wahre Heimat” immer eine Heimat der Geburt, der Wurzeln oder des Ursprungs sein muss oder ob auch eine Wahl-Heimat authentische Heimat sein kann. “Sie werden immer Deutscher bleiben,” höre ich – nur in Deutschland – beständig, seit ich vor dreizehn Jahren (und zweiundfünfzig Jahre alt) die amerikanische Staatsangehörigkeit angenommen und (das ist als Konsequenz der gesetzliche Normalfall) die deutsche verloren habe – “Sie werden immer Deutscher bleiben,” so als müsse der Heimat Deutschland daran liegen, mich nicht zu entlassen. Natürlich trifft dieser Satz in vieler Hinsicht zu: im Blick auf meine Kindheitserinnerungen, meine sprachlichen Fähigkeiten und Defizienzen, auf meine intellektuelle, berufliche und wahrscheinlich sogar affektive Prägung. Dennoch hat die deutsche Heimat keinerlei Verfügungsgewalt über mich – und wird auch nie Anstalten machen, eine solche in Anspruch zu nehmen.

Die Frage ist allein, ob es umgekehrt — aus individueller und aus kollektiver Perspektive — so etwas wie ein moralisches Anrecht auf den Ort seiner Geburt und Herkunft geben kann. Genau dies galt in meiner Kindheit als ausgemacht, wenn etwa das “Unrecht” evoziert wurde, das den deutschen “Heimatvetriebenen” als Kollektiv zugestoßen sei; und auf dasselbe – moralische Recht – nehmen heute noch all jene Bezug, die zugunsten der Palästinenser von einer Illegitimität des Staates Israel als Territorium reden.  Ich denke, dass solche “Besitz-Ansprüche” nie über die Sphäre privat-materiellen Besitzes hinaus erhoben werden sollten, mit anderen Worten: es sollte keine territorialen Besitzansprüche aus moralischer Legitimation geben können. Vielleicht kann man so weit gehen zu sagen, dass jegliche Identifikation des Anspruchs auf maximale Nähe mit bestimmten Orten ein Irrtum ist, eine Kontamination der von Jean-Jacques Rousseau als gesellschaftlichem Grundübel kritisierten Gier nach Landbesitz mit dem Bedürfnis nach affektiver Nähe. Dass menschliche Existenz ohne permanente räumliche Wurzeln sehr wohl — nicht nur in einzelnen individuellen Fällen — als kollektive Lebensform möglich ist, beweisen die Geschichten der Sinti, Roma und anderer nomadischer Nationen.

Heimat wäre in den ungefähr zweihundert Jahren, seit die kulturellen und technischen Voraussetzungen für die Entstehung dieses Gefühls überhaupt existieren, besser nie mehr gewesen als das Bedürfnis nach und das Anrecht auf eine permanente Nähe — auf permanente Nähe zu einer begrenzten Zahl von je verschieden geliebten oder geschätzten Mitmenschen. Heimat ist – vor dem Hintergrund lockender und drohender Ferne — nicht mehr (und nicht weniger) als der Wunsch, sich anzuschmiegen, primär immer an andere Menschen sich anzuschmiegen, psychisch und auch physisch. Sie mag sehr wohl aus jenem Impuls hervorgehen, der Tiere – und Menschen – in wechselseitiger Nähe schlafen lässt. Diese Nähe bestimmter anderer Menschen mögen wir assoziieren mit bestimmten Räumen und Orten, während ich es fuer unwahrscheinlich halte, dass wir umgekehrt ein Bedürfnis nach der Nähe bestimmter Orte auf bestimmte Menschen übertragen. Zur “Wahlheimat” kann ein Ort wohl erst dann werden, wenn wir dort Menschen gefunden haben, deren Nähe wir brauchen.

In den letzten Jahrzehnten seines philosophischen Denkens hat Martin Heidegger – in einer scheinbar paradoxalen Wendung — immer wieder davon gesprochen, dass das Wohnen dem Bauen vorausgehe. Dabei beschrieb er “Wohnen” als eine Modalität der Zuhandenheit der Welt, als eine Modalität der menschlichen Fähigkeit, Verhältnisse zu den Dingen zu finden, unter denen diese jeweils gegebenen Dinge existentiellen Grundbedürfnissen entgegenkommen und sie befriedigen. Erst durch “Wohnen” in diesem Sinn wird eine gegebene physische Umgebung zur “Landschaft” – aber ich frage mich, ob wir irgendeiner Landschaft je mit der Intensität zugewandt sein können, die in dem altmodischen Wort “Heimat” anklingt, ohne dass sie uns an bestimmte Menschen erinnert. Kalifornien ist meine Wahl-Heimat, weil dort die Frau lebt, in deren Nähe ich sein und zu der ich immer wieder zurückkehren möchte und darf, die Frau, mit deren Asche meine Asche eines Tages eins sein soll.

Um die Mitte meines Lebens sah man häufiger als heute aus Satelliten-Distanz geschossene Photographien, die den Planeten Erde als “Heimatplaneten” präsentierten. Darin lag eine Vorwegnahme der damals als realistisch geltenden Möglichkeit, menschliches Leben auf andere Planeten zu verlegen und dort fortzusetzen. Weil wir mittlerweile wissen, dass diese antizipierte Möglichkeit nie zu einer institutionellen Wirklichkeit werden wird, sehen wir solche Bilder heute anders. Sie erinnern uns daran, dass das Leben mit anderen Menschen immer ein Leben unter den physikalischen Bedingungen dieses Planeten sein wird. Es ist nie ausschließlich ein Zusammenleben des einen mit dem anderen Bewusstsein; unter den Schwerkraft-Bedingungen unseres Planeten wird Zusammenleben immer zum Wohnen, zum sich Aneinander-Schmiegen und Zusammen-Schlafen.  Heimat ist immer noch (und einfach) der Ort, wo die Menschen schlafen und aufwachen, die wir lieben.

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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