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“Konservativ” ist “links” geworden

22.03.2013, 10:00 Uhr  ·  Wenn es den Linken heute um die Bewahrung eines sozialen Besitzstands geht und den Rechten um dessen Aufhebung, wer ist dann wirklich "konservativ"? Und was liegt daran?

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Es gibt eine Trägheit von institutionellen Strukturen und Verhaltensformen, die nicht verschwinden wollen, obwohl sie längst ihre Funktionen verloren haben und das kulturelle Umfeld verschwunden ist, in dem sie eine Rolle spielten (und nicht weiter auffielen). Daran dachte ich jedesmal, wenn ich im vergangenen Dezember zu dem protzigen neuen Hotel zurückkam, wo in Charkiw, der ostukrainischen Millionenstadt, freundlicherweise ein Zimmer für mich reserviert worden war. Wie bei allen protzigen Hotels der Gegenwart bestand sein Haupteingang aus einer Serie von Glastüren, die sich bei Annäherung einer Person von außen oder von innen automatisch öffnen und hinter ihr wieder schließen konnten. Doch von den vier Doppel-Glastüren des Palace-Hotels von Charkiw funktionierten drei nicht, wovon Gäste und Besucher durch einen beachtlichen Parcours aus Warnungs- und Hinweisschildern in Kenntnis gesetzt wurden. Bei der Ankunft mit meinem schweren Koffer stellte ich mir etwas verärgert vor, dass die Schikane vorübergehende Konsequenz eines technischen Defekts sein musste. Am nächsten Morgen aber bewegte sich wieder nur eine der vier Türen, und ich war fasziniert von der Vermutung, dass der jetzt funktionierende Eingang am Vortag noch zu den blockierten gehört hatte. Schließlich fragte ich an der Rezeption — ohne eine Antwort zu bekommen. Das sei schon immer so gewesen, eine Entscheidung der Geschäftsführung wohl – und niemand gab mir das in einem Hotel zu erwartende Versprechen auf spätere Auskunft und Abhilfe. Beides, verstand ich da plötzlich, das aggressive Positions-Halten ebenso wie die Begrenzung des Eingangsraums, waren Muster aus der Sowjetkultur, die mittlerweile fast ein Vierteljahrhundert überlebt hatten. Den Roten Platz in Moskau durften Passanten ja auch nur entlang von Bahnen abschreiten, die in den Boden gezeichnet waren, zulässige Alternativen gab es nicht, selbst für die kleinsten Touristen-Gruppen. Und die komplementäre Anonymität war jedem Angestellten als das drohende Gesicht des Staats ins individuelle Gesicht geschrieben.

Weil die Sowjetkultur aber derart durchherrscht war von der institutionellen Furcht vor Wahlmöglichkeiten, Veränderungen und Ereignissen, wirkte sie am Ende wohl wie die groteske Umkehrung der Ursprungs-Identität von Sozialismus, Kommunismus und allen Bewegungen, die sich für “links” hielten. “Links sein,” das hatte seit der Zeit der Jakobiner in der französischen Revolution geheißen, auf Veränderung und Fortschritt zu setzen, mit dem spezifischen Ziel, in einer alle Hierarchien aufgebenden Gesellchaft der Zukunft zu leben. Erst als diese vorwärtsgerichtete Dynamik existierte und man ihr also widerstehen konnte, wurde es überhaupt möglich, (“auf der anderen Seite” sozusagen) “konservativ” und also “rechts” zu sein, das heißt: gerade auf die Beibehaltung ererbter gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Unterschiede zu setzen. Die sozialistischen Staaten des zwanzigsten Jahrhunderts – nicht nur in Osteuropa – mögen dann an der Angst gescheitert sein, das auf dem Weg zur Gleichheit jeweils Erreichte schon zu verlieren, bevor sie bei dem als Ende der Geschichte imaginierten Zustand von Gleichheit angekommen waren.

Aus dem Staatsozialismus entstandene und nun übriggebliebene Verhaltensmuster der nicht eingestandenen Furcht (dysfunktionale Einschränkungen des Bewegungsraums zum Beispiel) könnten von der (politisch gesehen) “neokonservativen” Umwelt der heutigen Ukraine aktiviert werden, wo – nooh stärker und sichtbarer als in Russland – jede individuelle Inititiative zur Profitmaximierung und mithin zur Aufhebung eines einst erreichten Grads an Gleichheit brachialste Ermutigung findet. Anders formuliert: es sind die um einige Oligarchen gescharten (“rechten”) Neokonservativen, die radikale Offenheit für Veränderung oft um den Preis der Zerstörung des Bestehenden durchsetzen und so möglicherweise (“linke”) – und wie gesagt: sicher vorbewusste — Reaktionen institutioneller Trägheit auslösen.

Ein Chiasmus hat sich also vollzogen. Verhaltensweisen und mit ihnen Prädikate, die über eineinhalb Jahrhunderte auf dem Schachbrett des politischen Lebens stabil an sich gegenüberstehende und einander ausschließende Positionen gebunden waren, haben nun die Seiten gewechselt. Die für soziale Gleichheit und deshalb ursprünglich für Veränderung engagierte Linke war (viel früher wohl, als die Zeitgenossen es wirklich verstanden hatten) von der Position der Veränderung zur Position der Bewahrung und Selbstbewahrung (“konservativ”) gezogen; während die für soziale und wirtschaftliche Hierarchien stehenden (und deshalb zunächst konservativen) Protagonisten als “Neokonservative” unserer Zeit auf unbegrenzte Offenheit zur Veränderung und sogar zur Zerstörung des Bestehenden drängen. Eben diese Bewegung war im Carkiwer Hoteleingang zu einer grotesken Verdichtung gelangt. Wo die neokonservativen Milliardäre absteigen, die ihr Land umstülpen wollen, da kam die vergangene Zukunft des Sozialismus als anale Geste zum Vorschein.

Eine Variante dieses Chiasmus zeichnet sich unter etwas anderen Voraussetzungen auch im ehemaligen Westen ab, im “kapitalistischen Westen” des kalten Krieges. Zur Trägheitssymptomatologie gehört es dort, dass die eher “linken,” sozialdemokratischen (früher sozialistischen) Parteien weiter von Veränderung reden, vor allem wenn sie sich von ihren öffenntlich “konservativ” genannten Antagonisten absetzen wollen. An den leidenschaftlichen Diskussionen und Initiativen zur Beschränkung von Höchstgehältern etwa und zur Beibehaltung quantitaiv progressiver Besteuerungsysteme wird jedoch deutlich, dass der heute wohl breiteste, ja massivste Konsens innerhalb der Europäischen Union die Beistimmung zu einem erreichten sozialdemokratischen Grad gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Gleichheit ist, den man nicht “radikal” nennen will, der jedoch – weit mehr als um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts – zu einer bemerkenswerten Meßigung von Einkommensunterschieden geführt hat. Aus dieser Perspektive gesehen ist ganz Europa im internationalen Vergleich – eigentlich unanabhängig von den jeweils regierenden Parteien – eine homogen sozialdemokratische Zone. Jener erreichte Grad an Gleichheit (oder Ent-Hierarchisierung) wird zwar nie, wie das in der kommunistischen Ideologie für die “klassenlose Gesellschaft” vorgesehen gewesen war, als “Ende der Geschichte” gefeiert; doch die gegenwärtige Erwachsenengeneration verhält sich ihm gegenüber in einer Weise, die man ohne weiteres mit dem Begriff und dem Pathos eines “Ende der Geschichte” assoziieren kann. Nichts Prinzipielles soll mehr verändert werden, und andere Strukturen der Verteilung (wie die in den Vereinigten Staaten oder in China dominierenden) gelten als exzentrisch oder gar illegitim in Europa. Die europäische Linke, die sozialdemokratisch gewordene Linke ist im prägnanten Sinn des Wortes konservativ geworden, weil sie mehr als oberflächliche Veränderungen grundsätzlich ausschließen will – und höchstens noch kleine Schritte (sozusagen) zur Vervollkommnung des erreichten Gleichheitsgrades zulässt. So ist sie hinsichtlich sozialer und wirtschaftlicher Strukturen bei eine Einstellung angekommen, in der sie an das Verhältnis der Grünen zur “Natur” kopiert – und hat wohl deshalb die Grünen zum permanenten Koalitionspartner erkoren, statt sie – wie zunächst – als “Neokonservative” stigmatisieren zu wollen.

Vielleicht liegt in dieser Situation dann aber doch eine Verwirklichung des seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert versprochenen “Endes von Geschichte,” eine Verwirklichung, die sich gegenüber den starken, Kontrasten, den scharfen Konturen und dem Pathos ihres am Anfang existierenden Bildes in angenehmer Weise gewandelt hat. Schwer vorstellbar und kaum akzeptabel ist – wie gesagt — in Mittel- und Westeuropa der Gedanke geworden, dass sich die Grundstrukturen dieses Zustands je wieder verändern könnten oder sollten. Dies genau wagen eigentlich nicht einmal mehr die traditionellen, weiter “konservativ” genannten Parteien und Positionen zu fordern, die sich als Komponenten einer politischen “Mitte” verstehen. Von der Eröffnung der Möglichkeit deutlicher struktureller Veränderungen – einschließlich der Möglichkeit von mehr Hierarchie, von einer Rückkehr zu mehr Hierarchie – sprechen allein die Neokonservativen der Gegenwart, denen in Europa allgemein ein Minderheitenstatus zukommt. So wie links konservativ ist, ist rechts jetzt veränderungsorientiert geworden. Darin liegt aber kein Verrat jeweils tradtioneller Grundwerte und Grundpositionen – sondern einfach nur eine historische Verschiebung.

Im interesse der soliden sozialdemokratischen Mehrheit läge es dann aber, den Diskurs der Polarisierungen von ”links” und “rechts,” von “progressiv” und “konservativ” aufzugeben. Das wäre ein Schritt, mit dem sie – im Sinn des Endes von Geschichte – alternativenlos werden könnte (oder wenigstens alternativenlos aussähe).

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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