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Was verheißt “Franziskus”?

01.04.2013, 10:00 Uhr  ·  Als Emblem der Demut und des sozialen Engagements hat man die Namenswahl des neues Papstes gedeutet. In der historischen Gestalt des Heiligen Franziskus aber steckt ein interessanteres Potential.

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Einem im historischen Sinn “aufgeklärten,” aber intellektuell und existentiell heute eher müde wirkenden Verständnis zufolge erinnern wir uns zum Osterfest an einen charismatischen Menschen namens Jesus, der von sich als “Sohn Gottes” sprach und dessen Lehren die grausamen Umstände seines Kreuzestodes nun schon fast zweitausend Jahre überlebt haben. Im orthodoxen – und provokanteren — Blick der katholischen Theologie hingegen wird Jahr für Jahr zum Osterfest das Ereignis der Fleischwerdung Gottes neu gegenwärtig — und dadurch die vergangene Präsenz Gottes unter den Menschen, mit ihrer ganzen Herausforderung für ihren Alltag.

Dass nun heuer die Rituale dieses Höhepunkts im Kirchenjahr von Franziskus, dem eben gewählten neuen Papst aus Argentinien, verkörpert werden, macht im Rückblick den Moment des Zurücktretens von Benedikt XVI. zu einer bewussten Entscheidung und strategischen Wahl. Denn die öffentlichen Gesten von Ostern, welche der Papst ausfüllen muss, lassen unvermeidliich sein Naturell und sein Programm sichtbar werden – so dass er der Welt schnell vertraut werden muss. Im Fall von Jorge Mario Bergoglio, dem ehemaligen Kardinal von Buenos Aires, scheinen dies vor allem, wie inzwischen bis zur Banalität oft betont worden ist, seine Solidarität mit den Armen der Welt und seine natürlich aussehende Bescheidenheit zu sein (wobei bemerkenswert ist, wie während der letzten Jahre – nicht allein im Bezug auf den Papst sondern selbst hinsichtich der deutschen Nationalspieler – “Bescheidenheit” durch den ethisch anspruchsvolleren Begriff der “Demut” ersetzt worden ist). Ein Kardinal, der zum Chemie-Techniker ausgebildet war, bevor er aufs Priesterseminar ging, der zuhause mit der U-Bahn fuhr, sich meistens sein Essen selbst kochte und Anhänger einer Fußball-Mannschaft mit proletarischer Tradition ist, ein solcher Kardinal musste wohl erst einmal zu einem Papst werden, der nicht in dem für ihn ausgestatteten Palast wohnen will und der sehr direkt, ja einfach volksnah wirkt.

All diese Anzeichen wollen die nun schon so lange von ihrer Kirche frustrierten politisch Linken unter den Katholiken und die internationalen Medien als “Kehrtwende zur Weltoffenheit” und als Programm eines “sozialen Engagements” deuten, und fast sind sie bereit, dem neuen Papst angesichts solcher heute besonders hoch im Kurs stehender Tugenden seine Feindschaft gegenüber der Homosexuellen-Ehe, sein Festhalten am Zölibat und noch einige andere Sünden gegen den Geist von Weltlichkeit und Liberalität nachzusehen. Die entschlossene Weltoffenheit des Papstes, kommentiert man, werde garantiert durch seine Zugehörigkeit zum Jesuitenorden, von dessen Mitgliedern ja auch das Tragen weltlicher Kleidung und die Ausübung eines nicht seelsorgerischen Berufs erwartet wird; und seinen Willen zum Sozialprogramm bestätige die Wahl des Namens “Franziskus,” nach jenem Heiligen, mit dem die Sorge um die Armen erst zu einer Dimension kirchlicher Wirklichkeit geworden war.

Aber vielleicht unterbietet eine solche – zunächst einfach plausible und sicher auch zutreffende — Deutung das Potential des Namens “Franziskus” und auch das Persönlichkeits-Potential von Jorge Mario Bergoglio aus Buenos Aires, so sehr auch er selbst sich zuerst als Mann der Demut und als Fürsprecher der Armen verstehen will. Gerade in unserer unmittelbaren Vergangenheit sind Papstnamen über die sehr allgemeinen ersten Erwartungen hinaus zu erstaunlich präzisen Verheißungen geworden. Zunächst ging es Papst Franziskus allerdings um Diskontinuität und Innovation, ja tatsächlich um eine Kehrtwende, denn noch nie hatte es einen Papst mit diesem Namen gegeben — und da der neue Papst sogar den Zusatz “der Erste” zurückwies, wurde klar, dass diese Wahl nicht einmal reihenöffnend und also möglicherweise traditionsbildend vestanden werden sollte. Darin lag ein programmatischer Unterschied zu seinem Vorgänger, der sich mit dem Namen Benedikt XVI. gerade in eine ehrwürdige (und chronologisch für lange Zeit unterbrochene) Reihe von Vorgängern eingeschrieben hatte. Der heilige Benedikt von Nursia sollte, das war nach der Wahl des deutschen Papstes sofort deutlich geworden, für Gelehrsamkeit stehen und für eine im Bezug auf auf ihn, als Begründer der christlichen Form des Mönchtums, aufscheinende institutionelle Kontinuität. Da der heilige Benedikt im fünften und sechsten Jahrhundert gelebt hatte, in der historischen Übergangszeit der Auflösung der römischen Reiches, gilt er darüberhinaus als der “letzte Römer” und als “Vater des Abendlandes” (welchen Paul VI. Im Jahr 1964 offiziell zum Patrion Europas erhob). Deshalb liegt die Vermutung auf der Hand, dass im zentralen Anliegen des Pontifikats von Benedikt XVI., nämlich in der Re-Missionierung des dechristianisierten Europa, ein Potential seines Papstnamens Wirklichkeit wurde, welches viel allgemeinere und viel vagere erste Erwartungen überbot.

Doch wofür könnte nun — neben Demut, sozialem Engagement und dem Ereignis einer Umkehr — der Name “Franziskus” stehen? Wie Benedikt von Nursia gehörte Franziskus von Assisi, der im späten zwölften und frühen dreizehnten Jahrhundert lebte, einer Zeit profunder historischer Veränderung an, nämlich dem zuerst in Italien einsetzenden Übergang vom Mittelalter zur frühen Neuzeit, zur Entstehung der Städte und zu einer vorher unbekannten Form der auf persönlichen Gewinn konzentrierten ökonomischen Rationalität, aus der eine neue, sozialstrukturelle, und sich schnell radikalisierende Form von Armut als Opfer hervorging. Es war die Erfahrung dieser neuen Modalität von Elend, welche Franziskus, den Sohn wohlhabender frühbürgelicher Eltern, bewog, ein Luxus-Leben und hochfliegende Träume von ritterlichem Heldentum aufzugeben, um mit seinem Vermögen den Armen zu helfen, Leprakranke zu pflegen — und immer mehr wie eine ihrer Ursprungs-Welt entfremdete Gestalt zu wirken (in seiner Heimatstadt wird eine mit Flicken bedeckte Kutte aufbewahrt, die der – einst wohlhabende – junge Mann getragen haben soll). All diese in der Legenden-Tradition vielfach belegten und variierten Motive lassen sich wie selbstverständlich der Gestalt des heiligen Franziskus als Patron des sozialen Engagements zuordnen.

Doch es gibt einige andere Episoden, welche über die Symmetrie dieser allegorischen Beziehung hinausgehen. 1207 zum Beispiel soll der fünfundzwanzigjährige Franziskus mehrere Tuchballen aus dem Besitz seiner Vaters zur Restauration einer Kirche verkauft haben und dafür von ihm öffentlich zur Rede gestellt worden sein. Da entledigte sich Franziskus vor den Augen der Umstehenden all seiner Kleider, sagte “von jetzt an nenne ich nur noch einen Vater, den im Himmel” — und rannte nackt aus der Stadt. Diese Nackheit aber war nicht allein – gesellschaftlich – skandalös; sie erneuerte und vergegenwärtigte zugleich – theologisch – die Nacktkeit der göttlichen Schöpfung, die Nacktheit von Adam und Eva im Paradies, in dem als Bezugsrahmen alle Menschen, alle Tiere, alle Gegenstände und alle Phänomene als von Gott Geschaffene zu “Schwestern” und zu “Brüdern” wurden.

So gestimmt sang und (lesen wir) tanzte der heilige Franziskus in seinem “Lied vom Bruder Sonne” (auf deutsch meist “Sonnengesang” genannt) das leidenschaftlich liebende Lob Gottes — nicht mehr, wie es bis dahin alle theologisch Gebildeten und religiös Berufenen getan hatten, im gelehrten Latein, sondern im Italienisch seiner Zeit, in jener Sprache, welche den einfachen Menschen zugänglich war und, so glaubte Franziskus wohl, selbst den Tieren und Dingen:

Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne;
er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz,
dein Sinnbild, o Höchster […]

Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde,
Die uns ernähret und trägt
Und vielfältige Furechte hervorbringt
und bunte Blumen und Kräuter.

Mit dem Akt der Schöpfung und der Welt als seinem Ergebnis soll der Wille des geistigen Gottes zu einer irdisch materiellen Konkretheit geworden sein, in deren Existenz das Lob Gottes schon Gestalt hat, bevor es in Worte gerinnt. Dieses Motiv konvergiert mit der Fleischwerdung Gottes als einem zugleich erschreckenden und wunderbaren Hereinbrechen in die Welt und mit seiner Aufhebung durch Kreuzestod, österliche Auferstehung, Himmelfahrt und Pfingsten. Das Leben und das Vermächtnis von Franziskus ist eine Konkretisierung Gottes durch die irdische Welt und umgekehrt eine ekstatische Durchdringung der irdischen Welt mit Gottes Kraft.

In dieser Sicht werden die Gesten des sozialen Engagements im Leben des heiligen Franziskus noch gesteigert und vielleicht überboten durch den Gestus irdischer Konkretheit, der durch sie zieht. Heute wirkt dieser Gestus der Konkretheit wie ein existentielles Gegen-Programm zu einer – zu unserer — Welt, wo Gespräche zum elektronisch-körperlosen “Austausch von Informationen” verkommen sind, Liebe zum “Ausdruck von Wertschätzung,” Fortpflanzung zur “Fusion von genetischem Material,” Reisen zum “Surfen auf dem Web,” Essen zur “Kalorienaufnahme,” gemeinsames Arbeiten und Spielen zur “wechselseitigen Serviceleistung” und die Sorge um andere zum “Versicherungsvertrag.” In dieser unserer Welt könnten die Gesten des neuen Papstes aus Anzeichen für das Aufheben sozialer Hierarchien zu Kondensationspunkten wiedergewonnener irdischer Konkretheit und Nähe werden. Dann scheinen sie Gott gegenwärtig zu machen, statt bloß auf ihn zu verweisen oder an ihn zu erinnern – gegenwärtig für jene Menschen jedenfalls, die (wie der neue und der alte Franziskus) an seine Existenz glauben wollen.

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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