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Jürgen Klopp, oder: der Trainer als Führungsspieler?

05.04.2013, 10:00 Uhr  ·  Es ist Jürgen Klopp als Anzeichen von Arroganz vorgehalten worden, dass sein Gesicht bekannter ist als das Gesicht irgendeines Spielers seiner Mannschaft. Aber könnte darin ein Symptom für eine neue Rolle des Trainers liegen ?

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Das Gesicht von Borussia Dortmund, dem beliebtesten und am meisten faszinierenden Namen im deutschen Fußball heute, ist das Gesicht des Trainers Jürgen Klopp – und dies in einem doppelten Sinn. Einmal weil man davon ausgehen kann, dass Jürgen Klopp von mehr Fans und Fußball-Laien erkannt wird als irgendeiner seiner Spieler, die uns Zuschauer in diesem Frühling öfter als einmal pro Woche begeistern, ob sie nun Götze, Reus, Lewandowski oder Hummels heißen (und selbst wenn ihr Spiel einmal 0:0 endet). Zugleich ist Klopp aber auch das Gesicht des BVB, weil der gutaussehende Mittvierziger mit dem Dreitage-Bart und dem gelbschwarzen Schal zum Emblem für all das geworden ist, was seine Mannschaft so erfolgreich und sympathisch gemacht hat: für Intensität und Willen zum Erfolg, die auch dann und gerade mitreißend sind, wenn sie einmal über die Stränge schlagen; für eine immer neu überraschende Intelligenz und Schönheit des Spiels; und für ein Selbstbewusstsein, das sich bisher noch nie zur selbstzufriedenen Arroganz verhärtet hat. Die Photographen-Rudel, von denen Klopp an der Seitenlinie verfolgt wird, wollen Bilder von ihm als “Borussia Dortmund kompakt” schießen, einer Marke, deren Charme sich allenfalls eingefleischte Schalke-Anhänger entziehen konnen.

Was die Intensität angeht und den Grad der Berühmtheit, ließe sich – eine Etage höher und globaler in der Fußball-Welt – Jürgen Klopp mit José Mourinho vergleichen, dem portugiesischen Trainer von Real Madrid, der mit dem FC Porto und mit Inter Mailand die Champions League gewonnen hat und bisher auf allen Stationen seiner Karriere spektakulär erfolgreich war. Aus dem Star-Ensemble seiner Spieler erreicht nur Cristiano Ronaldo die Popularität von Mourinho; wie Klopp identifiziert sich Mourinho bedingingslos mit seinen Mannschaften, auch und vor allem in Momenten der Niederlage. Allerdings ist er soviel häufiger schon mit seinem (tatsächlich kaum überhörbaren) Selbstbewusstsein angeeckt, dass Mourinho inzwischen für manche Zartbesaitete zu einem Symbol der Arroganz geworden ist. Offensichtlich aber gibt es einen wechselseitigen Respekt oder gar eine Empathie zwischen Klopp und Mourinho, was damit zu tun haben mag, dass beide – mit Stolz und manchmal etwas adoleszenter Freude – diesen neuen Star-Status angenommen und weitergespielt haben, wie es ihn früher für Trainer im Fußball (und in irgendeinem anderen Sport) wohl einfach nicht gegeben hat.

Solche Konvergenz, die möglicherweise eine Schwelle in der Geschichte des Sports markiert, bedeutet aber keinesfalls, dass José Mourinho und Jürgen Klopp als Trainer-Typen zu verwechseln sind. Mourinhos Stärke ist es bisher vor allem gewesen, Gruppen von herausragenden, entsprechend egozentrischen und sportlich nicht unbedingt komplementären Spielern zu erfolgreichen Mannschaften zu machen – wobei ihm alle, auch die ästhetisch am wenigsten ansprechenden Mittel zur Erfüllung seiner jeweiligen Strategien und Ziele recht waren. Klopp hingegen hat junge Spieler mit einer wirklich neuen, atemberaubend schnellen und außergewöhnlich schönen Konzeption des Fußballs zu Siegern und Stars gemacht und vielen von ihnen so zu einem Glanz verholfen, der vor allem an die Möglichkeit gebunden ist, sich einander zu begeistern. Doch es geht mir nicht darum, Klopp als einen potentiellen Trainer-Idealtyp gegen Mourinho auszuspielen – mit der überalterten Mannschaft von Inter Mailand etwa die Champions League gegen Barcelona und die Bayern gewonnen zu haben, war gewiss eine singuläre Leistung. Was vielmehr deutlich wird an diesem Vergleich, ist die Komplexität und Variabilität der Trainer-Rolle im gegenwärtigen Fußball, welche wohl der Hauptgrund für ihre neue Attraktivität ist. Vielleicht lässt sie sich am besten mit einer elementaren Typologie begreifen.

Dazu schlage ich eine Unterscheidung von drei Rollenkomponenten vor. Einmal gibt es die Temperamentslage der Trainer (welche vor allem Mourinho und Klopp verbindet): extreme Intensität auf der einen und auf der anderen Seite Gelassenheit, die vermeiden muss, von Spielern und Fans als Distanz oder gar Apathie aufgefasst zu werden. Aus dem jeweiligen Temperament ergeben sich dann ganz verschiedene Modalitäten des Motivierens einer Mannschaft, wie sie jedem Fußball-Fan vertraut sind. Zum zweiten lassen sich Stilarten der strategischen Kompetenz unterscheiden: es gibt – heute vielleicht mehr denn je — Trainer, die zu ästhetisch erregender Innovation fähig sind (Klopp zum Beispiel) und andere, die sich durch die Fähigkeit auszeichnen, für bestimmte Spiele und Situationen jeweils eine singuläre Lösungen oder sogar eine List zu finden (das genau ist eine Stärke von Mourinho). Schließlich scheint die Vor-Geschichte der Trainer als Fußball-Spieler von Bedeutung zu sein: sowohl Mourinho als auch Klopp haben solche Erfahrung erworben, ohne je – wie manche ihrer Kollegen — Weltstars gewesen zu sein.

Stabile Konfigurationen zwischen jeweils besonderen Eigenschaften aus diesen drei Dimensionen zu entdecken, Konfigurationen, die möglicherweise in bestimmten historischen Phasen des Fußballs dominant gewesen sein könnten, ist erstaunlich schwer. Man mag den Eindruck haben, dass Trainer mit der Fähigkeit, die Ästhetik des Spiels zu verändern, als aktive Spieler eher unscheinbar waren: das galt immerhin für den Holländer Rinus Michels (“Fußball total”) und den Argentinier Helenio Herrera (“catenaccio”), die Väter des modernen Fußballs, und es gilt heute für Jürgen Klopp oder Joachim Löw. Doch der als genialisch-skurril erinnerte Wiener Ernst Happen jedoch und Pep Guardiola als Maß aller Trainer-Erwartungen unserer Gegenwart widerlegen diese These zunächst. Ebensowenig kann man einen bestimmten Intensitätsgrad mit Stilkreativität assoziieren: was Klopp über die Stränge schlagen lässt, mag Löw als sichtbares Engagement an der Seitenlinie fehlen. Aber vielleicht trifft es wenigstens zu, dass listige Strategien (Sepp Herberger und Otto Rehagel) einerseits und andererseits das autoritätsstiftende Charisma vormaliger Weltstars (Franz Beckenbauer, Johan Cruijff oder Diego Maradona) für die ganz großen Erfolge heute nicht mehr ausreichen. Der Glaube an kurzfristige Motivationsschübe (das Vertrauen auf den Trainer als “Notnagel”) ist im Schwinden begriffen, während langfristig ausgelegte, ja geradezu nachhaltige Grundkonzeptionen wie die von Arsène Wenger, Sir Alex Ferguson und natürlich auch Pep Guardiola und Jürgen Klopp mehr gefragt sind als je zuvor – und dies nicht nur, weil die genannten Trainer erstaunlicherweise alle auf Angriffsfußball setzen.

Ob die Erfolgsspanne dieser langfristig innovativen Konzeptionen ein empirisches Maximum hat oder sich im Prinzip auf unendlich stellen lässt, ist nur eine von vielen Fragen und impliziten Hypothesen, die eine vom neuen Status der Trainerrolle angeregte Typologie produzieren kann. Aber auch die Vergangenheit bietet kaum viele Gewissheiten — mit anderen Worten: die Geschichte des Trainers (nicht allein im Fußball) ist wohl noch zu schreiben. Uruguay war die Mannschaft, welche – als Sieger bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris, 1928 in Amsterdam und dann bei der ersten Weltmeisterschaft 1930 in Montevideo – den Fußball zu einer internationalen Attraktion machte, und der lokalen Mythologie zufolge war es damals noch ihr Kapitän José Nasazzi, der für Motivation und auf spezifische Gegner eingestellte Strategien sorgte, während der Trainer Alberto Suppici vor allem dadurch berühmt wurde, dass er gnadenlos Spieler aus der Auftstellung strich, die sich nicht an den “Zapfenstreich” hielten (wie man damals – und auch 1954 noch – in Deutschland sagte). Als erste wirklich herausragende Trainergestalt ist dann Vittoria Pozzo in die Fußball-Geschichte eingegangen, der die italienische Mannschaft zu den Weltmeisterschaften 1934 und 1938 führte. Er verfolgte offenbar seit dem Ende seiner bei Grasshoppers Zürich begonnenen Spielerkarriere die Vision von einer neuen, komplexen Führungsaufgabe, welche in der faschistischen Kultur des Duce Mussolini massive offizielle Sympathie fand, obwohl sich Pozzo nie ganz von der nationalistischen Politik seines Landes und seiner Zeit vereinnahmen ließ. Zu dieser Vision gehörte die wohl erste nicht ausschließlich auf Abwehr oder Angriff bezogene Spielkonzeption (genannt “Il Metodo”), in der man unschwer einen Vorform des um die Mitte des zwanzigsten Jahrhundert weltweit dominierenden WM-Systems entdecken kann.

Aber was hat sich im Vergleich zu solch charismatischen Trainern aus der Geschichte des Fußballs in der jüngsten Vergangenheit verändert, warum kann man behaupten, dass Gestalten wie Ferguson und Wenger, Mourinho und Klopp eine Schwelle markieren? Negativ formuliert, heißt die Antwort, dass das Spiel seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts und dann beschleunigt seit der Jahrtausendwende ein Niveau an athletischer Leistung, Schnelligkeit und strategischer Komplexität erreicht hat, welches ausschließt, dass ein einzelner Spieler – ein “Führungsspieler” wie Ferencs Puskás, Alberto di Stefano, Franz Beckenbauer und vor allem Pelé – seine Mannschaft prägt und Spiele durch individuellen Willen und individuelle Intuitionen entscheidet. Die talentiertesten Fußballer der Gegenwart können nur dann glänzen, wenn die für sie je angemessene hochdifferenzierte Funktion in einem System erfunden, markiert und freigehalten wird. Lionel Messi und Andrés Iniesta sind Weltstars geworden, weil Guardiola und seine Nachfolger dem Stil des FC Barcelona solche angemessenen Systemstellen eingeschrieben haben; und genau dies scheint Mourinho für Cristiano Ronaldo und Mesut Özil bei Real Madrid nicht zu gelingen.

Die Verantwortung und das Potential des “Führungsspielers” ist also auf den Trainer übergegangen. Seine – neue – Herausforderung (sagt mein Freund Jan Söffner) rückt ihn als den einen Protagonisten, welcher den den funktionierenden Zusammenhang einer Mannschaft stiftet, mindestens ebenso deutlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit wie seine Spieler, die ihn verkörpern. Eine ganze, noch im Beruf stehende Trainer-Generation mag von dieser Aufgabe überfordert sein. Wo sie aber als Chance eingelöst wird, scheint nicht bloß eine nie dagewesene Aura der Trainer auf. Mit ihr entsteht auch eine transformierte Ästhetik des Fußballs, der eine andere, vielleicht intellektuellere, aber nicht nicht weniger intensive Faszination unter den Zuschauern entspricht.

 

 
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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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